Alltag. Gesellschaft. Utopie. (Projektseminar 2)

Projektseminar 2: Alltag. Gesellschaft. Utopie. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf eine Landwirtschaft im Wandel

Agrargifte und Massentierhaltung, Milchpreisverfall und Artensterben, Ernährungssicherheit und Discount-Fleisch: Im frühen 21. Jahrhundert verdichten sich Aushandlungsprozesse um eine tragfähige bzw. „richtige“ Produktion, Verteilung und Konsumption von Lebensmitteln – und damit im Kern eben auch um die Gegenwart und Zukunft von Landwirtschaft. Insbesondere agro-industrielle und dynamisch-ökologische Konzepte stehen sich diametral entgegen, werfen mediale (Des-)Informationsschatten voraus und prägen so nicht zuletzt auch populäre Narrative sowie individuelle und kollektive Handlungsmuster.

Im Projekt- bzw. Lehrforschungsseminar „Alltag. Gesellschaft. Utopie“ entwickeln die Studierenden genuin kulturwissenschaftliche Perspektiven auf eine Landwirtschaft im Wandel. Dabei stehen eigene Forschungsprojekte, also der Forschungsprozess und somit das Einüben wissenschaftlicher Arbeitsweisen im Fokus. Gemeinsam werden wir uns historischen und gegenwärtigen Transformationen von Landwirtschaft annähern. So erweisen sich heute dominante Formen von Agrarkultur bei genauerer Betrachtung als relativ junges Phänomen. Erst mit der industriellen Revolution setze ein umfassender Wandel ein, der vormoderne Agrar- zunächst in moderne Industriegesellschaften umgestaltete und diese inzwischen wiederum postmodern restrukturiert.

Unser Interesse gilt jenen kulturellen Bedeutungsgeweben, die in der Aushandlung von Landwirtschaft durch Bauern(-verbände) und Verbraucher(-schützer), Wissenschaft, Politik und Wirtschaft (Handelsverbände, multinationale Konzerne, etc.) entfaltet werden. Diese gilt es im Rahmen einer thematischen Engführung an ausgewählten Fallbeispielen sichtbar zu machen. Eine ethnografische Schwerpunktlegung auf Formen und Praktiken „solidarischen Landwirtschaftens“ wird daher angestrebt. So lässt sich das Ringen um Deutungshoheiten, um politische Vorgaben, wirtschaftliche Gewinne und landwirtschaftliche Erträge, um Konsum- und Lebensstile sowie Utopien von einem „besseren Leben“ exemplarisch analysieren – und thematisch vielleicht sogar wissenschaftliches Neuland betreten.

Diese Veranstaltung ist der zweite Teil eines zweisemestrigen Projektseminars. Die Teilnahme an Teil I, also der Vorveranstaltung im Sommersemester 2017 war obligatorisch. Neuaufnahmen sind nicht möglich.

Während ein Zwischenbericht (ca. 20 Seiten) am Ende des Sommersemesters den individuellen Forschungsprozess reflektiert und erste Ergebnisse dokumentiert, zielt die insgesamt einjährige Lehrveranstaltung auf ein „praktisches“ Projektergebnis, hier voraussichtlich eine wiss. Fachtagung (ggf. mit anschließender Publikation).

 

Literatur (Auswahl):

Brakensiek, Stefan/Kießling, Rolf/Troßbach, Werner/Zimmermann, Clemens (Hg.): Grundzüge der Agrargeschichte (Band 1–3), Wien 2016.

Ermann, Ulrich/Langthaler, Ernst/Penker, Marianne/Schermer, Markus: Agro-Food Studies. Eine EInführung, Köln/Weimar/Wien 2018.

Dietzig-Schicht, Sabine: Biobauern heute. Landwirtschaft im Schwarzwald zwischen Tradition und Moderne, Münster u.a. 2016.

 

Quellen (Auswahl):

Cine Rebelde: Die Strategie der krummen Gurken (Film), 2013. Siehe www.cinerebelde.org die-strategie-der-krummen-gurken-p-121.html?language=de (Stand 8.2.2017).

Wild, Stephanie (Hg): Sich die Ernte teilen ... Einführung in die Solidarische Landwirtschaft, Heimsheim 2012.