Ökonomik des Dopings

Projektziel

Bisherige Erklärungsansätze zum Doping im Spitzensport können Hinweise darauf geben, warum Athleten dopen, aber keine gesicherten Hinweise darauf, warum sie sich dagegen entscheiden. Ziel des Projektes ist deshalb die Entwicklung und Überprüfung eines Entscheidungsmodells zur Erklärung von Dopingaktivitäten, basierend auf Ansätzen aus der Ökonomik der Versuchung. Es soll Aufschluss darüber gewonnen werden, welchen Einfluss unterschiedliche Faktoren auf die Entscheidung von Athleten haben, nicht zu dopen. Das Entscheidungsmodell wird mit den Daten aus einer national vergleichenden Befragung (online und schriftlich) unter Verwendung der wesentlich weiter entwickelten Randomized-Response Technique (RRT) und des Cheater Detection Modells in den zentralen Variablen parametrisiert. Anhand dieser Parameterschätzung soll das Modell überprüft und ggf. revidiert werden. Mittels der empirischen Analyse der Wirkungen von Restriktionen kann eine Einschätzung bzw. Evaluation der Wirksamkeit der im Antidopingkampf eingesetzten Präventions- und Sanktionsmaßnahmen erfolgen.

 

Zwischenergebnis

Wie viele Hochleistungssportler dopen? Bisher sind kaum ernsthafte empirische Untersuchungen durchgeführt worden. Die WADA-Statistik suggeriert eine Quote von 2% dopender Athleten. Bisherige Ansätze vor allem systemtheoretischer Provenienz betrachten Doping als zwangsläufige Folge systemischer Bedingungen, betrachten Doping somit als eher zwangsläufige Folge der Handlungslogiken und Konstellationsstrukturen im Sportsystem. Tatsächlich aber dopen viele Athleten nicht. Hier interessiert die Frage: warum dopt ein nicht unerheblicher Anteil nicht und durch welche Restriktionen wird dieses Verhalten begünstigt. Methode: Zur Beantwortung der Frage nach der Häufigkeit des Dopings wurden Leistungssportler in Deutschland wiederholt mithilfe der Randomized Response Technique befragt. Parallel wird auf Basis des rational Choice-Ansatzes der Athlet auf der Basis der subjektiven Wert-Erwartungstheorie einschließlich ihrer Weiterentwicklungen (RREEMM-Modell) modelliert und danach dieses Modell empirisch überprüft. Ergebnisse: In der ersten Studie (2002) wurde ein Intervall von 26-48 % Dopender ermittelt. Hierbei wurden Sportler durch Sportler per Schneeballsystem auf die Onlineerhebung aufmerksam gemacht. In der aktuellen Studie wurde eine Vollerhebung [Kaderliste (2006): 5.400 Adressen, Rücklaufquote >30%] deutscher Athleten durchgeführt. Die Sportler wurden diesmal direkt angeschrieben und anteilig mittels schriftlicher und WWW-Fragebögen befragt. Für die Postbefragung wurde ein Intervall von 14–28% und für die WWW-Befragung aber nur ein Intervall von 0–14% Dopender ermittelt. Parallel wurde der Athlet auf der Grundlage des Rational Choice Ansatzes modelliert und seine Entscheidungen mit der Anbieterseite im illegalen Dopingmarkt verknüpft, insbesondere wurde der Einfluss erhöhter Strafen in gesetzlicher Form einschließlich seiner nicht intendierten Effekte sowie unterschiedliche Einkommensanreize modelliert. Dazu wurde dieses Modell mit der Wirkung der Überwachungsbehörden verknüpft. Diskussion: Diese Ergebnisse stellen zur Diskussion, mit welcher Methode man sich der Ermittlung des wahren Ausmaßes des Dopings nähern kann. Zumindest bestätigen die Ergebnisse, dass sich mehr als die Hälfte der Athleten gegen Doping entscheidet. Weitere Zweifel an der Hypothese der weitgehenden Zwangsläufigkeit von Doping im Sportsystem ergeben sich aus der Einschätzung der Athleten, dass -nur- durchschnittlich 8% der Konkurrenz gedopt sei und fast niemand der Befragten durch sein Trainings- oder Privatumfeld zum Doping animiert worden ist. Die Ergebnisse lassen vielmehr vermuten, dass der dopende Athlet eher Täter als Opfer ist. Bisherige theoretische Erklärungsversuche des Phänomens Doping wären somit nach empirischer Prüfung weitgehend hinfällig.