Dissertationsprojekt

 

Filme(n) für eine „bessere Welt“ – Filmkritik und Gesellschaftskritik im Westeuropa der Nachkriegszeit in Vergleich, Transfer und Verflechtung

 

Das Projekt untersucht die von Siegfried Kracauer schon 1932 geforderte Verbindung von Filmkritik und Gesellschaftskritik auf der Folie massiv beschleunigter sozio-ökonomischer und sozio-kultureller Veränderungen im Westeuropa der 1950er und 1960er Jahre. Im Zentrum steht eine vergleichs-, transfer- und verflechtungsgeschichtlich angelegte Analyse linksgerichteter Filmzeitschriften, allen voran der Cinema Nuovo aus Italien, begründet 1952 durch Redakteure, die andere Magazine aus politischen Gründen verlassen mussten, sowie der französischen Positif von 1952 und der bundesdeutschen Filmkritik von 1957, entstanden jeweils in Kreisen studentischer Cinéasten. Im Abgleich mit weiteren Organen aus diesen Ländern, mit britischen und amerikanischen Zeitschriften sowie mit den Feuilletons der überregionalen Tagespresse sollen Cinema Nuovo, Positif und Filmkritik jeweils im ersten Bestandsjahrzehnt erschöpfend betrachtet und einander gegenübergestellt werden: was die respektiven Maßstäbe der Filmkritik angeht, das Verständnis von Film und Filmpolitik, den Umgang mit dem filmischen „Mainstream“, die Diagnose der gesellschaftlichen Verhältnisse und die Verbindungen der Kritikergruppen zu den aufkommenden Protestbewegungen und Alternativkulturen der Zeit. Darüber hinaus zielt das Projekt unter transfer- und verflechtungshistorischen Prämissen auf die wechselseitigen Einflüsse und transnationalen Kritikerkontakte, auf filmische Netzwerkbildung in Europa und die Festivals als Kommunikationsräume, auch auf die Rezeption internationaler Trends in nationalen Kontexten. Gerade transatlantische Kulturströme – die Aufnahme von Hollywood-Produktionen durch die Filmkritik in der „Alten Welt“ – sind dabei zu berücksichtigen und mit innereuropäischen Austauschprozessen in Bezug zu setzen.