Freitag, 20. November 2015

Saarbrücker IT-Sicherheitsforscher erhalten 8,4 Millionen Euro für Sonderforschungsbereich


Mit heutigen Technologien ist es kaum möglich, die eigene Privatsphäre im Internet zu schützen. Als Nutzer kann man nicht überschauen, welche Konsequenzen das eigene Handeln im weltweiten Netz hat. Das wollen Saarbrücker IT-Sicherheitsforscher um Professor Michael Backes ändern. In einem Sonderforschungsbereich, der jetzt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligt wurde, wollen die Wissenschaftler die Mechanismen im weltweiten Datendschungel besser verstehen lernen. Sie wollen außerdem Methoden dafür entwickeln, dass jeder seine Privatsphäre auch ohne technisches Knowhow besser schützen kann. Für die ersten vier Jahre fließen dafür voraussichtlich rund 8,4 Millionen Euro in die Saarbrücker Informatik.


„Heute ist es selbst für Profis fast unmöglich, den Überblick darüber zu behalten, an wen welche persönlichen Daten fließen, wenn man sich durch das Netz bewegt. Die hohen Rechnerleistungen machen es zudem immer einfacher, riesige Datenbestände nach Detailinformationen zu durchforsten und persönliche Daten aus ganz unterschiedlichen Quellen miteinander zu verknüpfen“, sagt Michael Backes, Professor für IT-Sicherheit und Kryptografie der Universität des Saarlandes. Für Unternehmen sei es daher ein leichtes Spiel, die Interessen und Wünsche der Kundschaft herausfinden. Aber auch Geheimdienste und kriminelle Banden spionierten mit. „Unser erstes Ziel ist es daher sichtbar zu machen, wie es um die Privatsphäre des einzelnen Nutzers bestellt ist. Was weiß zum Beispiel das Internet gerade über mich? Kann es genau bestimmen, wo ich mich aufhalte, weiß es, welchen Arzt ich aufgesucht habe oder wie meine Reisepläne aussehen“, nennt Backes als Beispiel.

Auch gehe es um die Frage, was Unternehmen über Personen erfahren können, indem sie zum Beispiel die Benutzerkonten auf mehreren Plattformen miteinander verknüpfen. „Die Kombination ganz unterschiedlicher Datensätze stellt eines der größten Probleme unserer Zeit für unsere digitale Privatsphäre dar. Solche Kombinationen ermöglichen Profilbildungen, die den einzelnen Nutzer schnell zum gläsernen Kunden werden lassen, dessen Lebensgewohnheiten und Vorlieben bis ins Detail durchleuchtet werden“, erläutert Backes. Auch die Apps für Smartphones seien fleißige Datensammler, die meist ungehindert auf alle persönlichen Kontakte des Besitzers zugriffen. Das biete auch böswilligen Angreifern ein leichtes Einfallstor. „In dem neuen Sonderforschungsbereich wollen wir daher analysieren, auf welchen Wegen heute private Daten abgegriffen, verbreitet und legal oder auch illegal verwertet werden. Dabei spielen auch die sozialen Netzwerke eine zentrale Rolle“, so Michael Backes. Dort würden täglich Millionen von Bildern und Videos ausgetauscht, die einzelnen Personen direkt zugeordnet werden könnten. „Wir wollen untersuchen, welche kritischen Informationen sich aus diesen multimedialen Daten ableiten lassen. Zum Beispiel, ob man Menschen auf Videos allein über ihre Gangart oder typischen Handbewegungen erkennen kann. Oder ob man automatisiert die sozialen Beziehungen von Menschen innerhalb einer Gruppe bestimmen kann“, erläutert der Forscher, der auch das Kompetenzzentrum für IT-Sicherheit CISPA leitet.

Die Saarbrücker Wissenschaftler wollen aber nicht nur analysieren, wodurch die Privatsphäre heute im Internet stark gefährdet wird. Sie wollen auch Mechanismen entwickeln, die dem einzelnen Nutzer helfen, ohne technische Vorkenntnisse die eigenen Daten zu schützen. „Bei einem Selfie kommen etwa viele Menschen ungefragt mit aufs Bild und finden sich dann in den sozialen Netzwerken wieder. Hier wäre eine Technik sinnvoll, die diese Personen mit Unterstützung des Handys schon zum Zeitpunkt der Aufnahme direkt unkenntlich macht“, nennt Backes als Beispiel. Auch müsse es für alle Nutzer möglich werden, genauer bestimmen zu können, welche Daten von mobilen Anwendungen zu welchem Zweck genutzt werden können. „Momentan ist es meist noch so, dass man viel zu viele Daten preisgeben muss, um eine Software überhaupt nutzen zu können“, sagt Michael Backes.

DFG-Sonderforschungsbereich zur IT-Sicherheit

An dem neuen Saarbrücker Sonderforschungsbereich zum Thema „Methods and Tools for Understanding and Controlling Privacy“ sind mehrere Professoren der Universität des Saarlandes sowie Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Informatik, des Max-Planck-Instituts für Softwaresysteme sowie des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) beteiligt. Außerdem wirken zwei Wissenschaftler der Université du Luxembourg und des Forschungsinstituts LORIA in Nancy mit. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft wird für die erste Förderperiode von vier Jahren voraussichtlich 8,4 Millionen Euro zur Verfügung stellen.


Weitere Informationen:


Pressemitteilung der Deutschen Forschungsgemeinschaft:
www.dfg.de/service/presse/pressemitteilungen/2015/pressemitteilung_nr_55/index.html


Webseite des Kompetenzzentrums für IT-Sicherheit CISPA:
cispa.saarland


Pressefotos unter: www.uni-saarland.de/pressefotos


Fragen beantwortet:

Prof. Michael Backes
Universität des Saarlandes
Lehrstuhl für Informationssicherheit und Kryptographie
Tel.: +49 (0)681/302 3249
Mail: backes(at)cs.uni-saarland.de


Hinweis für Hörfunk-Journalisten: Sie können Telefoninterviews in Studioqualität mit Wissenschaftlern der Universität des Saarlandes führen, über Rundfunk-Codec (IP-Verbindung mit Direktanwahl oder über ARD-Sternpunkt 106813020001). Interviewwünsche bitte an die Pressestelle (0681/302-3610).