Wednesday, 04. April 2018

Europäisches Kulturerbe im Saarland ist Thema einer neuen Ringvorlesung

„Erinnerung und Aufbruch. Das europäische Kulturerbe im Saarland nach 1945“ lautet der Titel einer öffentlichen Vortragsreihe, die das Kunsthistorische Institut der Universität des Saarlandes im kommenden Sommersemester gemeinsam mit dem Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes, dem Frankreichzentrum und dem Kino achteinhalb anbietet. Aktueller Anlass ist das Europäische Jahr des Kulturerbes 2018. Die Vorträge, die ein breites kulturhistorisches Panorama der Wiederaufbaujahre entwerfen, finden an acht Mittwochsterminen um 18 Uhr im Pingusson-Bau in Saarbrücken statt. Die Reihe startet am 18. April mit einem Vortrag von Lil Helle Thomas über „Erinnern an die Aufbruchsjahre. Der gebaute Europagedanke der Universität des Saarlandes“. Der Eintritt zu allen Vorträgen ist frei.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde im Saarland unter der französischen Militärregierung ein Masterplan für den Wiederaufbau erarbeitet. Kern des Projektes war der Neubau der kriegszerstörten Städte Saarbrücken, Saarlouis und Neunkirchen nach Entwürfen von französischen Architekten. In Überwindung von Ressentiments arbeitete die französische Besatzung auf die Versöhnung beider Nationen und den Aufbruch in ein neues Europa hin. Gleichwohl erregten die funktionalistischen Stadtbauentwürfe den Unmut der lokalen Behörden; zum einen, weil sie nicht auf die unmittelbare Notlage der Bevölkerung reagierten, zum anderen, weil ihrer einseitig zukunftsgerichteten Modernität keine Erinnerung eingeschrieben war.

Über die Stadtbauprojekte hinausgehend, wird die Ringvorlesung ein breites kulturhistorisches Panorama der Wiederaufbaujahre entwerfen. Dabei bezieht sie die Rolle der kulturtragenden lokalen Institutionen mit ein: beispielsweise das Centre des Métiers d'Art, das später in die Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) überging, die Moderne Galerie des Saarlandmuseums, deren Sammlungsschwerpunkt klassische Moderne und Neo-Avantgarde verband, sowie die deutsch-französische Universitätsgründung im Saarbrücker Stadtwald, deren nach wie vor aktuellem Europa-Gedanken sich die Ringvorlesung verpflichtet fühlt.

Die Vorlesungsreihe will deutlich machen, dass sich der Umgang mit Kulturerbe stets an der prekären Schnittstelle von Erinnern und Vergessen bewegt: Einerseits bedarf es der Kraft des Vergessens, um Platz für einen Neuanfang zu schaffen. Andererseits heißt Erinnern Auswählen, Unterscheiden, Sich-in-Beziehung-setzen und Sinn stiften. Das Kulturerbe des 20. Jahrhunderts erinnert in Europa nicht zuletzt an verheerende Kriege und Katastrophen. Es kann die Gegenwart lehren, dass sie die Bindung an die Vergangenheit immer wieder aufnehmen wie zugleich von sich abstreifen muss. Die Beschäftigung mit dem Kulturerbe ist deshalb weit mehr als eine Beschäftigung mit ästhetischen Fragen. Sie rührt am politischen Fundament Europas, an dessen inneren Grenzlinien und -öffnungen sich Geschichte und Gegenwart des Saarlandes entlang bewegen.

Bereits am 9. April werden bei einer Pressekonferenz des Kultusministeriums zum Europäischen Kulturerbejahr unter anderem die Ringvorlesung sowie weitere Aktivitäten der Universität des Saarlandes im Rahmen der europaweiten Initiative vorgestellt.

 

Vortrags-Programm:

18. April: Erinnern an die Aufbruchsjahre. Der gebaute Europagedanke der Universität des Saarlandes
Dr. Lil Helle Thomas, Universität des Saarlandes, Kunstgeschichte

2. Mai: Vom Centre des Métiers d'Art zur HBKsaar. Unterricht in Kunst und Design an der Saar
Prof. Rolf Sachsse, Hochschule der Bildenden Künste Saar

16. Mai: Fußballarenen als Emotionsräume. Das Saarbrücker Ludwigsparkstadion in den 1950er Jahren
Prof. Dietmar Hüser, Universität des Saarlandes, Europäische Zeitgeschichte

23. Mai, 19.30 Uhr (Achtung – abweichende Uhrzeit und Veranstaltungsort): Dokumentarfilm „Der eiserne Schatz – Eine Geschichte der Völklinger Hütte“
(2017, Regie Sven Rech). Veranstaltungsort: Kino achteinhalb.
Einleitung und Moderation Prof. Gabriele Clemens, Universität des Saarlandes, Landesgeschichte

30. Mai: Die Kettlersiedlung. Katholische Sozialpolitik und ihre städtebaulichen Auswirkungen im Saarland nach 1945
Dr. Ingeborg Besch, Universität des Saarlandes, Kunstgeschichte

13. Juni: Saarbrücken und Mainz, Stadtutopien der Besatzungszeit
Prof. Volker Ziegler, École d’architecture Straßburg, Architektur und Urbanismus

27. Juni: Aufbruch in die Gegenwart. Erinnerung an die Moderne. Gründung und Aufbau der Modernen Galerie
Dr. Roland Mönig, Direktor Stiftung Saarländischer Kulturbesitz

11. Juli: Aufbruch in die Mobilität? Entstehung und Wahrnehmung der Saarbrücker Stadtautobahn
Prof. Barbara Krug-Richter, Universität des Saarlandes, Historische Anthropologie

 

Veranstaltungsort:

Pingusson-Bau (Gebäude der ehemaligen Französischen Botschaft in Saarbrücken), Hohenzollernstraße 60/Keplerstraße 21, 66117 Saarbrücken.

Konzeption: PD Dr. Salvatore Pisani (Kunstgeschichte) und Prof. Dr. Barbara Krug-Richter (Historische Anthropologie). Mitveranstalter Saarländischer Werkbund.

 

Kontakt:

Salvatore Pisani
Vertretungsprofessur und Institutsleitung
Institut für Kunstgeschichte Universität des Saarlandes
Tel. 0681 302-3317
E-Mail: s.pisani(at)mx.uni-saarland.de

 

Hinweis für Hörfunk-Journalisten: Sie können Telefoninterviews in Studioqualität mit Wissenschaftlern der Universität des Saarlandes führen, über Rundfunk-Codec (IP-Verbindung mit Direktanwahl oder über ARD-Sternpunkt 106813020001). Interviewwünsche bitte an die Pressestelle (0681 302-2601) richten.