Montag, 15. April 2019

Vortrag: "Der Schelmenstreich als fundamentale Gesellschaftskritik. Eulenspiegel in der deutschsprachigen Literatur"

Literaturwissenschaftliche Ringvorlesung "Narren, Clowns, Spaßmacher", um 19 Uhr im Rathausfestsaal

Die Saarbrücker literaturwissenschaftliche Ringvorlesung „Narren, Clowns, Spaßmacher“ lädt Besucherinnen und Besucher in diesem Sommersemester dazu ein, den Darstellungen und Wandlungen des Närrischen und Clownesken in der Literatur vom Mittelalter bis in die Gegenwart zu folgen. Die öffentlichen Vorträge finden immer montags um 19 Uhr im Festsaal des Rathauses Sankt Johann statt. Alle Interessierten sind herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei.
 
Vortrag am 15. April 2019:
"Der Schelmenstreich als fundamentale Gesellschaftskritik. Eulenspiegel in der deutschsprachigen Literatur"
Referent ist Professor Ralf Georg Bogner (Neuere deutsche Philologie und Literaturwissenschaft)


Im Prosaroman von ca. 1510 tritt uns mit Till Eulenspiegel eine Figur entgegen, die mit ihren Handlungen in der radikalsten denkbaren Weise fundamentale Gesellschaftskritik übt. Der Schelm integriert sich nicht in die üblichen Berufs- und Privatbiographien, achtet keinerlei Autoritäten – sei es ein Fürst, ein Geistlicher oder ein gut situierter Bürger – und treibt Spott mit allen üblichen Normen und kulturellen Standards. Zu allem Überfluss korrigiert kein Erzähler als Autorität wertend und ermahnend die Streiche Eulenspiegels. Genau eine solche Zähmung, das heißt moralisierende Zurechtweisung der Figur bieten allerdings schon im 16. Jahrhundert die Dramenfassungen einzelner Schwänke bei Hans Sachs, bemerkenswerter Weise in der Gattung des eigentlich karnevalesken Fastnachtsspiels. Im frühen 20. Jahrhundert schafft Klabund mit seinem Eulenspiegel namens Bracke die Vision eines neuen Menschen im Sinne des Expressionismus und damit wieder eine kompromisslos gesellschaftskritische Figur, zudem in ästhetisch radikaler Gestaltung. In der verbreiteten Kinderbuchfassung von Erich Kästner hingegen schrumpft der Schelm zu einem harmlos erheiternden Spaßmacher zusammen.

Bei der Ringvorlesung stellen die Referentinnen und Referenten der Universität des Saarlandes in insgesamt 13 Vorträgen unterschiedliche Narren-Typen und -Traditionen verschiedener literarischer Epochen, Kulturräume und Genres vor – von Narren in der höfischen Kultur des Mittelalters über Spaßmacher in der deutschsprachigen Lyrik bis hin zu närrischen Figuren in Moderne und Gegenwart, etwa bei Daniel Kehlmann oder Michael Köhlmeier. Neben Till Eulenspiegel werden der Harlekin in Komödien des französischen Aufklärers Pierre Carlet de Marivaux, die Helden des spanischen Schelmenromans, die Spaßmacher des Wiener Volkstheaters und die in ihr negatives Gegenteil verkehrten Horror-Clowns beleuchtet. Personen, die „um Christi willen“ als Narren auftreten und in der russischen Tradition eine besondere Rolle spielen, werden ebenso betrachtet wie die Entwicklung der Figur bei Joseph von Eichendorff oder Heinrich Heine. Nicht zuletzt untersuchen Vorträge komisch-provozierende Perspektiven auf die Shoah sowie eine Operette, die im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück entstanden ist.

Detailliertes Programm: https://literaturarchiv.uni-saarland.de/ringvorlesung/

Veranstalter der Saarbrücker literaturwissenschaftlichen Ringvorlesungen sind Dr. Katharina Meiser und Professor Sikander Singh von der Universität des Saarlandes in Zusammenarbeit mit Christel Drawer, Abteilungsleiterin für Film und Wissenschaft im Kulturamt der Landeshauptstadt Saarbrücken.

Die Vorträge dauern in der Regel eine Stunde. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen und mit den Referenten ins Gespräch zu kommen.

Kontakt:
Dr. Katharina Meiser
Fachrichtung Germanistik, Universität des Saarlandes
Tel.: 0681 302-4511
E-Mail: k.meiser@mx.uni-saarland.de

Professor Dr. Sikander Singh
Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass, Universität des Saarlandes
Tel.: 0681 302-3327
E-Mail: s.singh@sulb.uni-saarland.de