Montag, 29. April 2019

Vortrag: "Seltsame Narren: Jurodivye (Narren in Christo)"

Literaturwissenschaftliche Ringvorlesung "Narren, Clowns, Spaßmacher", um 19 Uhr im Rathausfestsaal

Die Saarbrücker literaturwissenschaftliche Ringvorlesung „Narren, Clowns, Spaßmacher“ lädt Besucherinnen und Besucher in diesem Sommersemester dazu ein, den Darstellungen und Wandlungen des Närrischen und Clownesken in der Literatur vom Mittelalter bis in die Gegenwart zu folgen. Die öffentlichen Vorträge finden immer montags um 19 Uhr im Festsaal des Rathauses Sankt Johann statt. Alle Interessierten sind herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei.
 
29. April 2019
Seltsame Narren: Jurodivye (Narren in Christo)
Professor Dr. Dr. h. c. Roland Marti (Slavische Philologie)


Narren in Christo sind Personen, die „um Christi willen“ als Narren auftreten, um ihren Mitmenschen und insbesondere Höherstehenden deren unchristlichen Lebenswandel bewusst zu machen und sie zur Umkehr zu bewegen. Sie spielen in der orthodoxen Tradition der Heiligenverehrung eine nicht unbedeutende Rolle. Dies gilt insbesondere für die russisch-orthodoxe Kirche. Die Jurodivye (so ihre Bezeichnung im Russischen) gewinnen dabei auch Bedeutung über den kirchlichen Bereich hinaus, da sie eine Art „christliches Gewissen“ bilden und in dem Sinne „Narrenfreiheit“ genießen, als sie der (kirchlichen und weltlichen) Obrigkeit ungestraft die Wahrheit sagen können. Sie sind öfters Thema literarischer Werke geworden. Am bekanntesten ist sicher der Jurodivyj in A. S. Puškins „Boris Godunov“, und zwar sowohl im ursprünglichen Drama als auch in der Opernfassung von Modest Musorgskij. Aber auch in der gegenwärtigen russischen Literatur spielt er eine Rolle, so etwa im Roman „Lavr“ von Evgenij Vodolazkin, erschienen 2012 (deutsche Übersetzung: „Laurus“, 2015). Der Vortrag konzentriert sich auf die religiösen und historischen Aspekte der Jurodivye und ihre Widerspiegelung in der (russischen) Literatur.

Bei der Ringvorlesung stellen die Referentinnen und Referenten der Universität des Saarlandes in insgesamt 13 Vorträgen unterschiedliche Narren-Typen und -Traditionen verschiedener literarischer Epochen, Kulturräume und Genres vor – von Narren in der höfischen Kultur des Mittelalters über Spaßmacher in der deutschsprachigen Lyrik bis hin zu närrischen Figuren in Moderne und Gegenwart, etwa bei Daniel Kehlmann oder Michael Köhlmeier. Neben Till Eulenspiegel werden der Harlekin in Komödien des französischen Aufklärers Pierre Carlet de Marivaux, die Helden des spanischen Schelmenromans, die Spaßmacher des Wiener Volkstheaters und die in ihr negatives Gegenteil verkehrten Horror-Clowns beleuchtet. Personen, die „um Christi willen“ als Narren auftreten und in der russischen Tradition eine besondere Rolle spielen, werden ebenso betrachtet wie die Entwicklung der Figur bei Joseph von Eichendorff oder Heinrich Heine. Nicht zuletzt untersuchen Vorträge komisch-provozierende Perspektiven auf die Shoah sowie eine Operette, die im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück entstanden ist.

Detailliertes Programm: https://literaturarchiv.uni-saarland.de/ringvorlesung/

Veranstalter der Saarbrücker literaturwissenschaftlichen Ringvorlesungen sind Dr. Katharina Meiser und Professor Sikander Singh von der Universität des Saarlandes in Zusammenarbeit mit Christel Drawer, Abteilungsleiterin für Film und Wissenschaft im Kulturamt der Landeshauptstadt Saarbrücken.

Die Vorträge dauern in der Regel eine Stunde. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen und mit den Referenten ins Gespräch zu kommen.

Kontakt:
Dr. Katharina Meiser
Fachrichtung Germanistik, Universität des Saarlandes
Tel.: 0681 302-4511
E-Mail: k.meiser@mx.uni-saarland.de

Professor Dr. Sikander Singh
Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass, Universität des Saarlandes
Tel.: 0681 302-3327
E-Mail: s.singh@sulb.uni-saarland.de