Montag, 27. Mai 2019

Vortrag: "Von Narren und Dibbuks. Komisch-provozierende Perspektiven auf die Shoah"

Literaturwissenschaftliche Ringvorlesung "Narren, Clowns, Spaßmacher", um 19 Uhr im Rathausfestsaal

Die Saarbrücker literaturwissenschaftliche Ringvorlesung „Narren, Clowns, Spaßmacher“ lädt Besucherinnen und Besucher in diesem Sommersemester dazu ein, den Darstellungen und Wandlungen des Närrischen und Clownesken in der Literatur vom Mittelalter bis in die Gegenwart zu folgen. Die öffentlichen Vorträge finden immer montags um 19 Uhr im Festsaal des Rathauses Sankt Johann statt. Alle Interessierten sind herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei.

27. Mai 2019
Vortrag: "Von Narren und Dibbuks. Komisch-provozierende Perspektiven auf die Shoah"
Referentin: Professorin Dr. Christiane Solte-Gresser (Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)


Es ist kaum eine größere Unvereinbarkeit denkbar als die zwischen Shoah und Komik. Entsprechend irritierend und provozierend sind Auseinandersetzungen mit Deportation, Konzentrationslager und Massenvernichtung aus einer komischen Perspektive. Weshalb, auf welche Weise und mit welcher Wirkung rufen Narrenfiguren, die von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erzählen, ein Lachen hervor, das uns im Halse stecken bleibt?
Im Mittelpunkt des Vortrags stehen der groteske Roman „Der Tanz des Dschingis Cohn“ von Romain Gary aus dem Jahr 1967 und der Film „Zug des Lebens“ des Regisseurs Radu Mihaileanu von 1998. Anhand dieser beiden Beispiele soll gezeigt werden, wie ein Dibbuk und der ‚Dorftrottel‘ eines osteuropäischen Schtetls – zwei klassische Narrenfiguren der (jüdischen) Kulturgeschichte – die Shoah aus einer sehr eigenwilligen Perspektive erleben und vermitteln; aus einer Erzählperspektive nämlich, die im wörtlichen Sinne unmöglich ist.

Bei der Ringvorlesung stellen die Referentinnen und Referenten der Universität des Saarlandes in insgesamt 13 Vorträgen unterschiedliche Narren-Typen und -Traditionen verschiedener literarischer Epochen, Kulturräume und Genres vor – von Narren in der höfischen Kultur des Mittelalters über Spaßmacher in der deutschsprachigen Lyrik bis hin zu närrischen Figuren in Moderne und Gegenwart, etwa bei Daniel Kehlmann oder Michael Köhlmeier. Neben Till Eulenspiegel werden der Harlekin in Komödien des französischen Aufklärers Pierre Carlet de Marivaux, die Helden des spanischen Schelmenromans, die Spaßmacher des Wiener Volkstheaters und die in ihr negatives Gegenteil verkehrten Horror-Clowns beleuchtet. Personen, die „um Christi willen“ als Narren auftreten und in der russischen Tradition eine besondere Rolle spielen, werden ebenso betrachtet wie die Entwicklung der Figur bei Joseph von Eichendorff oder Heinrich Heine. Nicht zuletzt untersuchen Vorträge komisch-provozierende Perspektiven auf die Shoah sowie eine Operette, die im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück entstanden ist.

Detailliertes Programm: https://literaturarchiv.uni-saarland.de/ringvorlesung/

Veranstalter der Saarbrücker literaturwissenschaftlichen Ringvorlesungen sind Dr. Katharina Meiser und Professor Sikander Singh von der Universität des Saarlandes in Zusammenarbeit mit Christel Drawer, Abteilungsleiterin für Film und Wissenschaft im Kulturamt der Landeshauptstadt Saarbrücken.

Die Vorträge dauern in der Regel eine Stunde. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen und mit den Referenten ins Gespräch zu kommen.

Kontakt:
Dr. Katharina Meiser
Fachrichtung Germanistik, Universität des Saarlandes
Tel.: 0681 302-4511
E-Mail: k.meiser@mx.uni-saarland.de

Professor Dr. Sikander Singh
Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass, Universität des Saarlandes
Tel.: 0681 302-3327
E-Mail: s.singh@sulb.uni-saarland.de