Montag, 08. Juli 2019

Vortrag: Chaplin, Churchill und die ‚Methode des Clowns‘ in Michael Köhlmeiers „Zwei Herren am Strand“

Literaturwissenschaftliche Ringvorlesung "Narren, Clowns, Spaßmacher", um 19 Uhr im Rathausfestsaal

Die Saarbrücker literaturwissenschaftliche Ringvorlesung „Narren, Clowns, Spaßmacher“ lädt Besucherinnen und Besucher in diesem Sommersemester dazu ein, den Darstellungen und Wandlungen des Närrischen und Clownesken in der Literatur vom Mittelalter bis in die Gegenwart zu folgen. Die öffentlichen Vorträge finden immer montags um 19 Uhr im Festsaal des Rathauses Sankt Johann statt. Alle Interessierten sind herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei.

8. Juli 2019
Chaplin, Churchill und die ‚Methode des Clowns‘ in Michael Köhlmeiers „Zwei Herren am Strand“
Dr. Katharina Meiser (Neuere deutsche Philologie und Literaturwissenschaft)


In seinem 2014 publizierten Roman „Zwei Herren am Strand“ lässt Michael Köhlmeier Charlie Chaplin und Winston Churchill einen Freundschaftspakt gegen ihre Depressionen schließen: Ein hervorragender Stoff für eine Fiktion – oder nicht? Der Erzähler jedenfalls, nach eigenen Angaben von Berufs wegen Clown, lässt früh berechtigte Zweifel an der Fiktionalität des Erzählten aufkommen, indem er (vermeintlich?) authentische Quellen zitiert und damit die Faktizität der Geschehnisse suggeriert. Und tatsächlich: Der Clown und der Staatsmann, diese beiden so unterschiedlichen ‚Geschichten-Schreiber‘ des 20. Jahrhunderts, trafen sich, das ist faktisch verbürgt, wirklich einige Male, so zum Beispiel am Filmset zu Chaplins triumphaler Tragikomödie „City Lights“.

Der Vortrag zeigt auf, wie Köhlmeier aus den Biografien zweier Legenden ein schillerndes fiktionsbiografisches Doppel macht. Chaplin und Churchill spielen miteinander und gegen sich selbst; ihre Legende spielt mit ihnen und gegen sie; Fakt und Fiktion gehen eine Allianz ein und werden gegeneinander ausgespielt. Der Erzähler impliziert hier einen Leser, der sich auf die Suche macht, das Verwirrspiel mit Fakt und Fiktion zu entknoten. Fragt sich nur, ob er durch seine Recherchen irgendetwas besser versteht… Köhlmeiers Roman ist eine brillante Performanz des Clownesken im Erzählen selbst. Sein Erzähler ist ein Schelm, der seine Leser – und zuletzt auch sich selbst? – auf unterhaltsam-leichte Art zum Narren hält.

Bei der Ringvorlesung stellen die Referentinnen und Referenten der Universität des Saarlandes in insgesamt 13 Vorträgen unterschiedliche Narren-Typen und -Traditionen verschiedener literarischer Epochen, Kulturräume und Genres vor – von Narren in der höfischen Kultur des Mittelalters über Spaßmacher in der deutschsprachigen Lyrik bis hin zu närrischen Figuren in Moderne und Gegenwart, etwa bei Daniel Kehlmann oder Michael Köhlmeier. Neben Till Eulenspiegel werden der Harlekin in Komödien des französischen Aufklärers Pierre Carlet de Marivaux, die Helden des spanischen Schelmenromans, die Spaßmacher des Wiener Volkstheaters und die in ihr negatives Gegenteil verkehrten Horror-Clowns beleuchtet. Personen, die „um Christi willen“ als Narren auftreten und in der russischen Tradition eine besondere Rolle spielen, werden ebenso betrachtet wie die Entwicklung der Figur bei Joseph von Eichendorff oder Heinrich Heine. Nicht zuletzt untersuchen Vorträge komisch-provozierende Perspektiven auf die Shoah sowie eine Operette, die im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück entstanden ist.

Detailliertes Programm: https://literaturarchiv.uni-saarland.de/ringvorlesung/

Veranstalter der Saarbrücker literaturwissenschaftlichen Ringvorlesungen sind Dr. Katharina Meiser und Professor Sikander Singh von der Universität des Saarlandes in Zusammenarbeit mit Christel Drawer, Abteilungsleiterin für Film und Wissenschaft im Kulturamt der Landeshauptstadt Saarbrücken.

Die Vorträge dauern in der Regel eine Stunde. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen und mit den Referenten ins Gespräch zu kommen.

Kontakt:
Dr. Katharina Meiser
Fachrichtung Germanistik, Universität des Saarlandes
Tel.: 0681 302-4511
E-Mail: k.meiser@mx.uni-saarland.de

Professor Dr. Sikander Singh
Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass, Universität des Saarlandes
Tel.: 0681 302-3327
E-Mail: s.singh@sulb.uni-saarland.de