Sonntag, 12. Januar 2014

Studie der Saar-Uni: Wie man das Alzheimerrisiko mit der richtigen Ernährung reduzieren kann

Von SZ-Redakteur Peter Bylda

Alzheimer macht Angst. Die Demenz ist heute in Europa nach Krebs die am meisten gefürchtete Krankheit. Unter jungen Erwachsenen betrachtet jeder Siebte Alzheimer als das schlimmste vorstellbare Leiden. Dabei kann gerade diese Altersgruppe ihr Alzheimerrisiko mit der richtigen Ernährung deutlich reduzieren, zeigt eine Studie der Saar-Universität.

Homburg.
Es gibt eine Krankheit, nur eine einzige, unter den zehn weltweit häufigsten Todesursachen in den Industrienationen, der die Medizin bis heute machtlos gegenübersteht: Das ist Alzheimer. Es ist das Gefühl der Ohnmacht gegenüber einem heimtückischen Feind, das den Angstfaktor der Demenz ausmacht. Nach einer Statistik der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft entwickelt sich bei fast jedem dritten Mann und jeder zweiten Frau ab 65 Jahren in den letzten Lebensjahrzehnten eine Demenz. Doch das müsste nicht sein. Eine Studie der Saar-Uni zeigt, dass die meisten Menschen ihr Alzheimerrisiko deutlich vermindern können. Der Ausbruch der Krankheit lässt sich wahrscheinlich um mehrere Jahre hinausschieben, erklärt der Homburger Alzheimer-Forscher Dr. Marcus Grimm.

Der Leiter des Labors für Experimentelle Neurologie der Uniklinik in Homburg ist überzeugt, „dass es mit einer Diät möglich ist, das Demenzrisiko stark zu reduzieren“. Die Erklärung ist biochemisch kompliziert, doch ihre Konsequenz lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Wer seine Ernährung auf mediterrane Kost umstellt, wenig Fleisch, dafür reichlich Obst und Gemüse, pflanzliche Öle und Fisch isst, bremst Stoffwechselprozesse im Gehirn, die zu Alzheimer führen. Marcus Grimms Forschungsthema, mit dem er am Lehrstuhl des Homburger Alzheimer-Forschers Professor Tobias Hartmann habilitieren möchte, sind „Neurodegenerative Erkrankungen und Lipide“. Lipide sind fettlösliche Substanzen, zu deren bekanntesten Vertretern das Cholesterin gehört. Ihm gilt die Aufmerksamkeit des Homburger Wissenschaftlers, der mit anderen Hochschulgruppen in Deutschland, den Niederlanden und Finnland zusammenarbeitet.

Sie untersuchen allerdings nicht die Rolle des Cholesterins bei der Arteriosklerose, sondern seine Funktion in den Nervenzellen. „Das Gehirn“, so Marcus Grimm, „ist das Organ mit der höchsten Cholesterinkonzentration.“ Das 1,5 Kilogramm schwere Nervenzentrum des Menschen enthält 30 bis 40 Gramm Cholesterin. Die Substanz ist ein wichtiger Baustein der Membranen der Nervenzellen und verleiht ihnen Stabilität. Doch außer als Baustoff hat Cholesterin dort noch weitere Funktionen – und eine davon ist fatal. Cholesterin wirkt wie ein Verstärker bei einem Stoffwechselprozess, bei dem aus einem APP (Amyloid-Precursor-Protein) genannten Protein die Substanz Amyloid-Beta entsteht. Sie ist nach dem heutigen Stand des Wissens ein zentraler Faktor bei der Entstehung der Demenz.

Wenn es gelänge, so die Überlegung des Homburger Forschers, die Cholesterin-Konzentration der Zellmembranen zu reduzieren, würde weniger Amyloid-Beta gebildet und damit automatisch das Alzheimer-Risiko sinken. Einen Ansatzpunkt bieten Phytosterole, das sind mit dem Cholesterin verwandte pflanzliche Substanzen, die ebenfalls in die Zellmembranen der Nervenzellen eingebaut werden. Fünf Phytosterole untersuchten die Forscher der Saar-Uni. Zwei erwiesen sich als wenig oder nur mäßig wirksam, eine jedoch als echte Alzheimer-Bremse, so Grimm. Vor allem Stigmasterol reduziert die Bildung des Alzheimer-Amyloids. „Und diese Substanzen sind reichlich in der mediterranen Kost vertreten“, so Grimm. Die Arbeitsgruppe des Homburger Forschers hat ihre Überlegungen zur Anti-Alzheimer-Diät mittlerweile in Tierversuchen mit Mäusen bestätigt gefunden. „Die Effekte waren nach wenigen Monaten offensichtlich“, so Grimm. „Es hat uns erstaunt, wie man mit so einfachen Mitteln so große Erfolge erzielen kann.“ Vor allem Getreide wie Roggen und Dinkel, Nüsse, Keimöle, Leinöl, Zucchini und Soja bieten offenbar Schutz vor der Demenz. Auch Seefisch hilft, allerdings aus einem anderen biochemischen Grund. Von Nahrungsergänzungsmitteln mit Phytosterolen lasse sich das dagegen heute nicht mit Sicherheit sagen, so Marcus Grimm. Denn sie enthielten meist mehrere dieser Substanzen in einem unbekannten Mischungsverhältnis. Da aber nicht alle Phythosterole gleich wirken, ist damit der Effekt der Pillen und Pulver unklar.

Marcus Grimm hat aus seinen Forschungsergebnissen Konsequenzen für seinen eigenen Lebensstil gezogen, isst wenig Fleisch, aber dreimal in der Woche Fisch und hat deutlich abgenommen. Nun will er möglichst viele Menschen von den Vorzügen einer Ernährungsumstellung überzeugen. „Je früher man damit anfängt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es funktioniert“, so Grimm. Ideal wäre eine Ernährungsberatung in Schulen.

Quelle: Saarbrücker Zeitung