Privatheit und Öffentlichkeit im Wandel der Zeit

Sektionsleitung: Priv.-Doz. Dr. Daniela Pietrini (Heidelberg), Luisa Larsen (Heidelberg)

Sektionsbeschreibung

Die Grenzlinie zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit ist alles andere als starr: Was als private und was als öffentliche Angelegenheit gilt, ist eine gesellschaftliche Frage und unterliegt somit dem sozialen Wandel. In der Antike und in der Renaissance entsprach der öffentliche Bereich der staatlich-politischen Herrschaft, der private Bereich der Hauswirtschaft; erst in der Neuzeit gewinnt das Private im Sinne der Sphäre individueller Selbstbestimmung an Bedeutung und wird zum Symbol der Freiheit (als Schutzbereich gegenüber dem Machthaber). Darüber hinaus besteht zwischen Öffentlichem und Privatem eine breite Grauzone, die jede Gesellschaft für sich neu zu definieren hat. So wurden bereits im 18. Jh. private Briefe öffentlich in Salons vorgelesen, und eine vom Schreiber nicht berücksichtigte Erweiterung des Lesekreises privater Briefe stellte sowohl im Falle von Adressaten, die selbst nicht lesen konnten, als auch im Sinne der Weiterreichung von privaten Briefen an alle Familienmitglieder keine Ausnahme dar (vgl. Schikorsky 1990, die von einer "privaten Kollektivkommunikation" spricht).

Die Begriffe von Öffentlichkeit und Privatheit sind komplexe, multidimensionale Konstrukte, die nicht eindeutig definiert werden. Ihre Verwendung schwankt zwischen einem wissenschaftlichen und einem alltagsprachlichen Gebrauch. So steht Öffentlichkeit für die kommunikative Dimension von Institutionen im Sinne von "Offiziellem" oder "Amtlichen", oder auch für die Allgemeinheit als soziale Gemeinsamkeit, und insgesamt für den allgemein zugänglichen Kommunikationsraum, in dem sich gesellschaftliche Akteure - vorwiegend massenmedial vermittelt - austauschen und eine öffentliche Meinung gebildet werden kann. Öffentlich sind demnach die Sachverhalte, die prinzipiell allen Mitgliedern einer Gesellschaft zugänglich sind, im Gegensatz zu den privaten Sachverhalten, die als vertraulich oder gar geheim gelten und nur einem beschränkten Personenkreis kommuniziert werden.

Im Zuge der digitalen Revolution und ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen hat sich das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit stark verkompliziert und verändert. Die Entstehung und die rasante Verbreitung computervermittelter Kommunikationsformen wie Facebook, Blogs, Twitter, Instagram, Whatsapp usw. hat zur Herausbildung neuer unbegrenzter Partizipationsformen und somit zur Entwicklung einer neuen Öffentlichkeit geführt. Nicht nur der Zugang zur Öffentlichkeit steht heutzutage dank der Formen des Social Webs jedermann offen, sondern auch der Zugang zu privaten Daten ist beinahe uneingeschränkt möglich geworden ("Open Data" und "Open Source"). Gleichzeitig vollzieht sich ein Wandel in der Wahrnehmung von Privatheit und der Begriff der Privatsphäre wird zunehmend infrage gestellt bzw. neu verhandelt.

Ziel dieser Sektion ist, das Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit und Privatheit in Hinblick auf die aktuellen Verschiebungen der Grenzlinie zwischen diesen beiden Gegenpolen aus linguistischer Sicht zu untersuchen. Folgende Themenbereiche und Fragestellung können vertieft behandelt werden:

− Formen medienkommunizierter Privatheit ("persönliche Öffentlichkeiten": Schmidt − 2013): Wie wird öffentlich das Private als sich konstitutiv der Öffentlichkeit entziehendes artikuliert? Neue Dynamiken des self-disclosure; mediale Kommunikation von Emotionen; Verschwinden der Grenze zwischen erlebter und vermittelter Wirklichkeiten;
− "Rhetorik des Privaten" (s. Grimm / Krah online): Instrumentalisierung der Privatheit als Strategie zur Aufwertung von Inhalten und Sachverhalten; Privatheit als semantischer Mehrwert und Vermarktungsstrategie in der öffentlich-politischen Kommunikation (Personalisierung öffentlicher Persönlichkeiten);
− Mediale Diskurse über Öffentlichkeit und/oder Privatheit (Diskurslinguistik): Wert und − Schutz der Privatsphäre: le paradoxe de la vie privée ("Privacy Paradox": Barnes 2006); Ideologie der totalen Transparenz (s. WikiLeaks oder, auf Frankreich bezogen, die Aufdeckungsbestrebungen infolge der sogenannten "affaire Cahuzac"); vermeintliches Ende der Privatheit (z.B. Zuckerbergs Statement über the end of privacy);
− Flaming, Mobbing, Cybermobbing: Medial - öffentlich - geübte persönliche Kritik als Form der Grenzüberschreitung zwischen Privatem und Öffentlichem;
− Veränderungen der öffentlich-politischen Kommunikation infolge der Nutzung von sozialen Netzwerken (Facebook, Twitter, Instagram) mit nicht-privaten Zwecken (Werbung, Propaganda usw.); neue Formen der Interaktivität in der politischen Kommunikation und deren Folgen für die Bildung der öffentlichen Meinung; Auftritte öffentlicher Persönlichkeiten im Web 2.0 zwischen Öffentlichkeit und Privatheit;
− Verschlüsselungsstrategien: Strategien der hybriden Selbstdarstellungen (private Öffentlichkeit), mit denen Sprachnutzer private Informationen zwar öffentlich machen, − jedoch den Zugang einschränken (Anspielungen, Emoticons, Vagheit, schwer lesbare − Orthographie usw.);
− Narration der Privatheit: Textsorten und -muster in der Wechselbeziehung analog vs. digital (Liebesbrief, Tagebuch, Reisebericht, Blog, Facebookpost...);
− Verschmelzung der Grenze zwischen Publikum und Autor: Kommentarfunktion sowohl in "privaten" computervermittelten Kommunikationsformen (Blogs, Sozialen Netzwerken) als auch auf den Internetseiten von Printmedien

Neben empirischen Analysen (über den französischen Sprach- und Kulturraum hinaus gerne auch kontrastiv Deutsch-Französisch ausgerichtet) werden auch Beiträge ausdrücklich erwünscht, die sich mit der theoretischen Dimension der vorgestellten Thematik auseinandersetzen.

 

Eine detaillierte Sektionsbeschreibung inklusive Vorträge finden Sie hier. (Stand: 22.09.16)

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Aktuelles


 

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