12.05.2015

Entfremdung und Rückzug

Saarbrücker Zeitung

Wissenschaftler der Saar-Uni fühlen sich von der Landesregierung im Stich gelassen

Dietrich Klakow und Frank Wilhelm-Mauch, Professoren der Saar-Uni, malen ein düsteres Bild der Stimmung auf dem Campus. Angesichts der strikten Vorgaben der Landesregierung sehen sie keinerlei Spielraum, die Universität sinnvoll zu gestalten. Unter den Wissenschaftlern mache sich zunehmend Resignation breit.

Von SZ-Redaktionsmitglied
Eva Lippold


Saarbrücken. „Den Hochschulen kommt als Wegbereiter für den Wissenschafts- und Innovationsstandort Saarland eine herausragende Rolle zu.“ So lautet der erste Satz des 49-Seiten starken Entwicklungsplans, in dem die Landesregierung den Hochschulen ihre Rolle für das Jahr 2020 zuweist. Die Saar-Universität jedoch scheint sich gerade von eben dieser Rolle zu verabschieden. Das sagen jedenfalls Dietrich Klakow, der Dekan der Philosophischen Fakultät II, und Frank Wilhelm-Mauch, Professor für Theoretische Physik an der Saar-Uni. Stattdessen finde eine zunehmende Entfremdung zwischen dem Land und seinen Wissenschaftlern statt. „Biedermeierstimmung“ treffe das, was sich angesichts der seit über einem Jahr andauernden Spardebatte und geradezu „kafkaesker Zustände“ an der Universität zusammenbraue, am besten, so die Professoren. „Wie sich die Menschen 1848 ins Private zurückgezogen haben, weil sie das Gefühl hatten, nichts bewirken zu können, beobachte ich jetzt, dass sich viele Kollegen völlig an ihren Lehrstuhl zurückziehen“, zeichnet Dietrich Klakow das Stimmungsbild der Universität.

Von ganz ähnlichen Beobachtungen berichtet der Quantenphysiker Wilhelm-Mauch. Von Seiten der Landesregierung fühlen sich die Wissenschaftler in ihrer Arbeit nicht wertgeschätzt, in Fachbereichen, die der Abwicklung geweiht sind, würden herausragende Ergebnisse von der Politik allenfalls als Störfaktor wahrgenommen.

Hilflosigkeit sei derzeit das vorherrschende Gefühl unter den Forschern, sagt Dietrich Klakow. Auch eine Umverteilung der Machtverhältnisse auf dem Campus könne nach Ansicht des Dekans nichts an dieser Grundstimmung ändern. Vor dem Hintergrund der aktuellen Spardiskussion sei es „Jacke wie Hose, wie man die austariert“, sagt er. „Es gibt in dem vom Land gesetzten Rahmen keine andere Lösung als die Jetzige“, sagt Klakow. „Da ist einfach kein Spielraum, um etwas zu gestalten.“ Wilhelm-Mauch hielte dagegen eine Stärkung des Uni-Senats für sinnvoll. „Ich glaube, dass viele Missverständnisse dadurch vermieden werden könnten.“

Die beiden Professoren eint, dass sie die Sparpläne des Präsidiums für schlicht nicht umsetzbar halten. An seiner Fakultät könnten die Sparziele wegen des Verzichts auf betriebsbedingte Kündigungen nur über Pensionierungen realisiert werden, sagt der Dekan Dietrich Klakow. Vier Projektleiter des neuen Sonderforschungsbereichs der Philosophischen Fakultät II werden dadurch wegfallen, im schlimmsten Fall sei der SFB damit gleich nach der ersten Förderperiode tot. Doch diesen Gesichtsverlust scheine die Politik achselzuckend in Kauf zu nehmen. „Denn sonst würde sie ja etwas dagegen tun“, sagt Dietrich Klakow.

In der Physik dagegen sind Kürzungen über die Altersstruktur gar nicht möglich: Bis 2020 geht kein Professor des Fachbereichs in Pension. „Wenn man nicht von Kannibalismus ausgeht, müssen wir uns selbst amputieren“, sagt Wilhelm-Mauch. Um das Sparziel zu erfüllen, bliebe den Professoren nur, in ihre eigenen Berufungszusagen einzugreifen.

Hoffnungen setzt Wilhelm-Mauch noch in den sogenannten Strategiefonds. „Mit ihm ließen sich die Absurditäten im Sparplan noch abfedern und das völlige Chaos auf dem Campus abwenden“, sagt der Quantenphysiker. Allerdings seien die Regeln unklar, nach denen das Geld verwendet werden soll. Das Unipräsidium habe bisher nicht erläutert, ob die fünf Millionen Euro jährlich in bereits bestehende Schwerpunkte oder in vom Land geforderte neue Einrichtungen und in die Uni-Restrukturierung fließen solle, sagt Klakow.

Eine Abkehr von der überregionalen Strahlkraft der Uni sei von der Landesregierung offenbar gewünscht, sagen die Professoren. „Nach meinem Empfinden zielen die Vorgaben des Landes auf eine Lehr-Uni für die Landeskinder ab“, so Klakow. „Als ich meinen Ruf angenommen habe, war die Saar-Uni eine Forschungs-Uni“, sagt Wilhelm-Mauch. „Wenn man den Landeshochschulentwicklungsplan umsetzt, wird sie das nicht mehr sein.“

„Wir müssen uns selbst amputieren.“
Frank Wilhelm-Mauch, Professor der Saar-Universität

Quelle: Saarbrücker Zeitung