29.01.2021

Journalistenpreis Informatik wird im Rahmen einer virtuellen Preisverleihung vergeben

© privatSophie Stigler erhält in der Kategorie "Audio" den Journalistenpreis Informatik 2020.

Der Journalistenpreis Informatik wird jedes Jahr von der Staatskanzlei des Saarlandes in Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum Informatik der Universität des Saarlandes verliehen. Ausgezeichnet werden in diesem Jahr ein Hörfunkbeitrag des WDR, jeweils ein Artikel der Monatsmagazine “Technology Review“ und „P.M.“ sowie ein Online-Beitrag, der auf „netzpolitik.org“ erschienen ist. Aufgrund der Corona-Pandemie findet die Preisverleihung im Rahmen eines öffentlichen virtuellen Festaktes statt.

Dieser wird heute ab 18 Uhr auf der Facebook-Seite und dem Youtube-Kanal des Saarland Informatics Campus gestreamt. Der Journalistenpreis Informatik wird seit 2006 von der Staatskanzlei des Saarlandes ausgelobt und ist insgesamt mit 15.000 Euro dotiert. Zudem stiftet das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in diesem Jahr einen mit 1.000 Euro dotierten Sonderpreis. Ziel des Preises ist, qualitativ hochwertige Berichterstattung über Themen der Informatik zu fördern. Für die 2020er Auflage des Journalistenpreises Informatik bewertete die achtköpfige Expertenjury insgesamt 69 Einreichungen, darunter 42 in der Kategorie „Text“, 21 in der Kategorie „Audio“ und sechs in der Kategorie „Video und Multimedia“.

In seinem Video-Grußwort an die Preisträger betont der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans den hohen Stellenwert von Wissenschaftsjournalismus, gerade in Zeiten von Corona: „Die Grundlage für Vertrauen in neue Entwicklungen und Innovation ist eine objektive und verständliche Berichterstattung, die in die gesellschaftliche Breite wirkt“, gibt er den Preisträgern mit auf den Weg.

Die Preisträgerinnen und Preisträger des Journalistenpreises Informatik 2020 im Einzelnen:

Sophie Stigler erhält den mit 5.000 Euro dotierten Hauptpreis der Kategorie „Audio“. Ausgezeichnet wird sie für ihren Podcast „Und es hat „Klick“ gemacht“, der am 26. Juni 2020 in der Podcastreihe „StoryQuarks“ des Westdeutschen Rundfunks (WDR) erschienen ist: https://www.quarks.de/podcast/und-es-hat-klick-gemacht/

Begründung der Jury: „Sophie Stigler porträtiert einen Mann, der – ohne es zu ahnen – eine der bedeutendsten Erfindungen der jüngeren Zeitgeschichte gemacht hat. Der deutsche Ingenieur Rainer Mallebrein hat bereits Ende der 1960er Jahre in Konstanz am Bodensee bei der Firma Telefunken die Rollkugelsteuerung, einen frühen Vorläufer der Computer-Maus entwickelt – wenige Monate vor Doug Engelbart, der weithin als der Erfinder der Maus gehandelt wird. Besonderes Highlight des Beitrags ist der auf dem Boden gebliebene Protagonist Mallebrein, dem durch zahlreiche O-Töne viel Platz eingeräumt wird. Darauf angesprochen, wie er sich gefühlt habe, als er 15 Jahre später auf der Hannover-Messe bei Apple ein Gerät gesehen hat, das seiner Erfindung so ähnelte, antwortet er ganz ungerührt ‚Ja, jo, alles geht weiter‘. Momente wie dieser machen den rund 50-minütigen Beitrag zu einem kurzweiligen und informativen Hörvergnügen, das eine neue Perspektive auf ein vielen noch unbekanntes Stück jüngerer Zeitgeschichte wirft. Er zeigt anschaulich, wie die Entwicklung der Informationstechnologie keineswegs gradlinig war und bahnbrechende Erfindungen, die heute unser Leben wesentlich prägen, eher zufällig gemacht wurden.“

In der Kategorie „Text“ hat die Jury in diesem Jahr entschieden, den Preis in zwei gleichwertige Preise zu teilen (jeweils 2.500 Euro). Ausgezeichnet werden Gregor Honsel für den Artikel „Einmal Utopia und zurück“, erschienen am 16. April 2020 in Technology Review und Dr. Thomas Brandstetter für den Artikel „Deepfake – Die vorgetäuschte Wirklichkeit“, erschienen am 15. August 2020 in P.M.

Die Jury begründet die beiden Preise wie folgt: „Noch immer verbinden viele mit quelloffener Software Freiheit und Unabhängigkeit. Gregor Honsel zeigt in seinem Artikel auf, dass diese Assoziationen jedoch nicht mehr ganz zeitgemäß sind. Längst sind mit Google, Microsoft und IBM die großen Tech-Konzerne in der Open-Source-Szene vertreten. Laut Artikel sind erstere sogar die mit Abstand größten Treiber der Bewegung. Das geschieht jedoch nicht aus purem Altruismus: Wie der gut recherchierte, technisch präzise Artikel deutlich macht, sehen die IT-Riesen Open Source vor allem als Quelle günstiger Vorlagen für eigene, proprietäre Software. Damit adressiert der Beitrag eine wichtige Thematik, die auch für die breite Öffentlichkeit relevant ist. Die Jury hätte es daher begrüßt, wenn der Artikel nicht nur auf ein Expertenpublikum ausgerichtet worden wäre.“

„Thomas Brandstetters Beitrag behandelt Deepfakes – am Computer manipulierte, täuschend echt wirkende Videos, deren Veränderungen mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind. Leicht lassen sich hier Horrorszenarien ausmalen, etwa von Desinformations-Kampagnen, bei denen Politikern Worte in den Mund gelegt werden, bis hin zu Verletzungen des Persönlichkeitsrechts, indem beispielsweise andere Gesichter in pornographisches Videomaterial hineingeschnitten werden. Thomas Brandstetters Artikel zeigt die Technik mit ihren Gefahren allgemeinverständlich und mit gut nachvollziehbarer Bebilderung auf und trägt so dazu bei, eine breite Öffentlichkeit für die Problematik zu sensibilisieren. Der insgesamt gut recherchierte und lebhaft verfasste Beitrag stellt die Herausforderungen durch Deepfakes ausführlich dar. Der Jury fehlte allerdings eine Erörterung der Gegenmaßnahmen, etwa von neuen Technologien, mit denen Deepfakes enttarnt werden können.“

Zudem wird ein vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz gestifteter Sonderpreis verliehen. Dieser ist mit 1.000 Euro dotiert und geht an die Journalistin Chris Köver und ihren Kollegen Markus Reuter für den Beitrag „Tiktoks Obergrenze für Behinderungen“, erschienen auf der Internetseite netzpolitik.org am 2. Dezember 2019: https://netzpolitik.org/2019/tiktoks-obergrenze-fuer-behinderungen/

Begründung der Jury: „Chris Köver und Markus Reuter befassen sich in ihrem Beitrag mit einer verkehrten Welt. Auf der chinesischen, inzwischen weltweit erfolgreichen Social-Media-Plattform TikTok hat es Moderationspraktiken gegeben, durch die es zu einer kuriosen Verdrehung der Täter-Opfer-Beziehung kam: Um gegen Cybermobbing vorzugehen, wurden auf der Plattform systematisch die Reichweiten von Menschen eingeschränkt, die nach Ansicht der Plattformbetreiber potenzielle Mobbingopfer darstellen. Dazu zählen nach TikToks Meinung beispielsweise Menschen mit Behinderung, dicke Menschen oder Menschen, die sich als LGBTQIA identifizieren. Anstatt gegen Täter vorzugehen und aktives Cybermobbing zu bekämpfen, wurden Menschen, die für die oben genannten Gruppen stehen, systematisch zensiert und somit aktiv durch die Plattform diskriminiert. Durch die Recherchen, die eindrucksvoll auf diese negativen Auswüchse der Informationsgesellschaft aufmerksam gemacht haben, sah sich Tiktok gezwungen, seine internen Moderationspraktiken zu überarbeiten. Für die Jury zeigt der Artikel, dass fundiert recherchierte Beiträge, die Missstände offensiv anprangern, die Gesellschaft verändern können. Sie zeichnet Chris Köver und Markus Reuter dafür mit einem Sonderpreis aus.“

In der Kategorie „Video und Multimedia“ hat sich die Jury in diesem Jahr gegen die Vergabe eines Preises entschieden.

Begründung der Jury: „Ohne Informatik wäre das Leben, wie wir es heute führen, nicht denkbar. Trotzdem hat es die Informatik schwer, einen festen Platz in der Berichterstattung großer Sender und Rundfunkanstalten zu finden – auch, weil Wissenschaftsjournalismus im Fernsehen immer mehr Sendezeit einbüßt. Als zu trocken und sperrig wird das Themenfeld von vielen Redaktionen betrachtet. Dabei ist die Aufklärung der Bürger in diesem Bereich von essenzieller Bedeutung. Denn viele der großen Herausforderungen unserer Zeit – sei es Künstliche Intelligenz, Klimaschutz, Individualisierte Medizin, Globalisierung – sind entweder nur mit Methoden der Informatik lösbar oder sind gar genuin informatische Fragestellungen. Das stellt hohe Anforderungen an die Berichterstattung: Beiträge sollten zugänglich aber gleichzeitig technisch akkurat sein. Sie sollten die Zuschauer fordern, aber nicht überfordern und für aktuelle Problemstellungen sensibilisieren, aber keine Panik vor einer Fremdbestimmung durch emotionslose Computersysteme schüren. Die Zugänglichkeit der Thematik darf auch nicht durch konstruierte, szenisch dargestellte Beispiele erkauft werden. In diesem Jahr sah die Jury diese Ansprüche unter den Einsendungen nicht erfüllt. Fundierter, gut recherchierter Wissenschaftsjournalismus ist jedoch von gesellschaftlicher Bedeutung, auch im Fernsehen. Die Jury wünscht sich deshalb mehr Mut von Redaktionen, sich auf komplizierte technische Themen einzulassen.“

Die Jury des Journalistenpreises bilden Peter Hergersberg, Redaktionsleitung von MaxPlanckForschung, Dr. Wolfgang Pohl, Geschäftsführer der Bundesweiten Informatikwettbewerbe, Beatrice Lugger, Direktorin des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation (NaWik), Florian Possinger, Saarländischer Rundfunk, Prof. Dr. Reinhard Wilhelm, Informatik-Professor der Universität des Saarlandes, Peter Welchering, freier Technik- und Wissenschaftsjournalist, Jan Dönges, Redakteur bei spektrum.de und Dr. Christel Weins, Naturwissenschaftlerin und Gründerin des Journalistenpreises.

Hintergrund Saarland Informatics Campus:
800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und rund 2100 Studierende aus mehr als 80 Nationen machen den Saarland Informatics Campus (SIC) zu einem der führenden Standorte für Informatik in Deutschland und Europa. Fünf weltweit angesehene Forschungsinstitute, nämlich das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), das Max-Planck-Institut für Informatik, das Max-Planck-Institut für Softwaresysteme, das Zentrum für Bioinformatik und das Cluster für „Multimodal Computing and Interaction“ sowie die Universität des Saarlandes mit drei vernetzten Fachbereichen und 21 Studiengänge decken das gesamte Themenspektrum der Informatik ab.