08.07.2021

Forschungsgruppe zur Geschichte europäischer Populärkultur weiter mit 3 Millionen Euro gefördert

© Universität des Saarlandes/Thorsten MohrProf. Dr. Dietmar Hüser

Sie war 2018, als sie zum ersten Mal gefördert wurde, die einzige von über 200 Forschungsgruppen der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die sich ausschließlich mit zeithistorischen Fragestellungen beschäftigt: Die Forschungsgruppe „Populärkultur transnational – Europa in den langen 1960er Jahren“, die vom Saarbrücker Historiker Dietmar Hüser geleitet wird. Nun wird das deutsch-luxemburgische Unterfangen mit weiteren rund drei Millionen Euro gefördert.

Geschichtswissenschaft: Das war noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein oft eine Chronologie von Schlachten, politischen Großereignissen und der Biografien der handelnden Staatsmänner und Militärführer hinter diesen Ereignissen. In der Zwischenzeit hat sich das grundlegend gewandelt: Die Geschichtsforschung blickt heute viel tiefer und genauer auch auf den Alltag der Menschen, um wirklich zu verstehen, was eine Epoche ausmacht. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn sich die größte deutsche Forschungsförderungseinrichtung, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, gemeinsam mit ihrem luxemburgischen Pendant, dem Fonds National de la Recherche (FNR), dazu entschließt, ein grenzüberschreitendes Forschungsprojekt zur Popkultur in den 1960er Jahren bereits zum zweiten Mal finanziell zu unterstützen, und zwar mit einem für geisteswissenschaftliche Forschung außergewöhnlichen Budget. Mehr als drei Millionen Euro erhalten die Partner in Saarbrücken und Luxemburg in den kommenden Jahren. Etwa 1,8 Millionen davon gehen ins Saarland.

„Dass unsere Idee trägt, beweist der jetzige Erfolg in der zweiten Förderperiode. Das heißt ja, dass unsere Arbeit von 2018 bis heute überzeugt hat“, freut sich Dietmar Hüser. Der Professor für Europäische Zeitgeschichte ist der Sprecher der grenzüberschreitenden Forschungsgruppe. „Denn wir verstehen unsere Arbeit nicht als ‚Elfenbeinturmwissenschaft‘. Wir möchten unsere Ergebnisse auch aus den Universitäten hinaustragen, etwa mit Diskussionen oder Vortragsreihen“, so der Zeithistoriker. Davon hat es in den vergangenen Jahren einige gegeben, beispielsweise in Form von Ringvorlesungen oder auch einer Podiumsdiskussionen beim Saarbrücker Altstadtfest 2019 zum Woodstock-Festival 50 Jahre zuvor. Demnächst wird es eine virtuelle Ausstellung geben, die das Gesamtvorhaben wie die nunmehr 17 Teilprojekte begleitet.

Dabei spielt diese öffentliche Präsentation der Forschungsergebnisse naturgemäß eine Nebenrolle. Hauptsächlich untersuchen die meist jungen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler Themenfelder für Promotionen und Habilitationen, die sich beispielsweise um Fernsehserien, Musikgeschichte, dem Alltag der Jugend in den 1960er Jahren und andere zeitgenössische Phänomene drehen.

Der Kontakt zur Öffentlichkeit ist für die Historikerinnen und Historiker in diesem Fall aber von besonders großer Bedeutung. Denn nicht wenige heutige Zeitgenossen sind natürlich auch gleichzeitig Zeitzeugen von damals, die sich vielleicht noch an Fernsehserien, ihre Lieblings-Radiosendung oder auch über die Festkultur in ihrem Heimatort erinnern. „So konnten wir auch eine zentrale These aus der ersten Projektphase bestätigen“, sagt Dietmar Hüser: „Die innereuropäischen Transfers waren bisher viel zu wenig beachtet, der Einfluss amerikanischer Popkultur wurde bislang als zu dominant empfunden. So gibt es etwa TV-Kinderserien, die sich ganz bewusst abgesetzt haben von den Importen aus den USA und diesen – etwa bei der britischen BBC oder der italienischen RAI – mit eigenen, kulturell höherwertigen Angeboten die Stirn bieten wollten.“ Auch andere Länder wie Belgien, Frankreich oder die Niederlande warteten mit nationalen Serien auf. Und The Adventures of Robin Hood des britischen Privatsenders ITV wurde zum Vorbild für eine ganze Welle von Produktionen über rebellische „edle Räuber“: Thierry la Fronde in Frankreich, Floris und Sindala in den Niederlanden, Arpad, der Zigeuner in Ungarn oder Rinaldo Rinaldini in Italien.

Als weiteres Beispiel seien französische Lieder verschiedenster Genres genannt, die auch in Deutschland eine durchgängige und breitenwirksame Präsenz auf Tonträgern, in Rundfunk und Fernsehen fanden. Das Spektrum reichte von literarischen oder engagierten Chansons von Gréco, Brel, Brassens, Ferré oder Ferrat über massentauglichere Pop-Klänge jüngerer Künstlerinnen „à la française“ wie Françoise Hardy, Sylvie Vartan oder France Gall bis hin zu kaum klassifizierbaren Grenzgängern wie Gilbert Bécaud, Serge Lama oder Sacha Distel. „Es gab innerhalb Europas zahlreiche Multiplikatoren, die sehr viel mehr bewegt haben als man allgemein annehmen sollte“, so Dietmar Hüser. Musikproduzenten beispielsweise, deren Namen schon damals und erst recht heute unbekannt waren und sind, haben Formate aus dem europäischen Ausland importiert oder sie dorthin verkauft. Eine solche ökonomische Perspektive auf die Geschichte der Popkultur soll einer der Schwerpunkte in den kommenden Jahren sein.

„Zudem möchten wir uns in der nun folgenden Phase noch stärker als bisher bestimmte Personengruppen, deren kulturelle Praktiken und deren Umgang mit populären Künsten anschauen. Lag unser Fokus im ersten Teil noch sehr auf den Medien dieser Zeit, also Radio, Film, Fernsehen und Jugendmagazinen, wollen wir nun zum Beispiel untersuchen, welche Fußballfan-Kulturen es in den einzelnen Ländern und insbesondere in den Grenzregionen gab oder auch, wie sich die sehr beliebten Tanzkapellen oder Jahrmärkte über Grenzen hinweg entwickelt haben“, erklärt Dietmar Hüser die Zielrichtung der nächsten Förderperiode.

Auf einen Blick:
Die Forschergruppe „Populärkultur transnational – Europa in den langen 1960er Jahren – FOR 2475“ wird nun in einer zweiten Phase von 2021 bis 2025 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Fonds National de la Recherche gefördert. Die Gesamtfördersumme beläuft sich auf über drei Millionen Euro. Mit dem Geld werden vor allem Doktoranden und Post-Doc-Stellen finanziert. In den 10 weiteren Teilprojekten (sechs auf deutscher, vier auf luxemburgischer Seite) werden die Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler zentrale Aspekte der grenzüberschreitenden innereuropäischen Populärkultur untersuchen. Neben Dietmar Hüser sind Prof. Clemens Zimmermann und Prof. Christoph Vatter (beide Universität des Saarlandes) sowie die Professorinnen und Professoren Sonja Kmec, Machteld Venken, Valérie Schaffer und Andreas Fickers (alle Universität Luxemburg) am Leitungsteam beteiligt.
https://popkult60.eu/de/

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Dietmar Hüser
Tel.: (0681) 3023313
E-Mail: dietmar.hueser(at)uni-saarland.de