Wanderer zwischen den Welten

Wanderer zwischen den Welten


Er verbrachte zwölf Jahre seiner Kindheit in Deutschland, bezeichnet Deutsch als seine Muttersprache und lehrt nun für ein Jahr als Gastprofessor an der Universität des Saarlandes: Der türkische Germanist und Kulturwissenschaftler Nevzat Kaya ist der zweite Gastprofessor, der im Rahmen des Zertifikats Europaicum nach Saarbrücken kommt. Mit diesem Lehrangebot können Studenten ihr Studium international ausrichten, Fremdsprachen erlernen und sich Kenntnisse über Recht und Wirtschaft, Geschichte, Politik oder Kultur europäischer Länder aneignen.

Nach einer finnischen Gastprofessur mit wirtschaftlichem Schwerpunkt stehen seit Anfang Oktober die Literaturwissenschaften im Vordergrund. Die Perspektive ist reizvoll: Nevzat Kaya ist der antiken Mythologie und der deutschen Literatur leidenschaftlich verbunden und gleichzeitig in der türkischen und deutschen Kultur verankert. Seit 1992 lehrt er an der Ege Universität in Izmir – und zwar nicht nur in der Germanistik, sondern auch im Fach Journalistik, in der Filmabteilung und im Zentrum für Frauenstudien. Als er fünf Jahre alt war, zog seine Familie nach Nürnberg, mit 17 kehrte er in die Türkei zurück und schloss die Schule am deutschsprachigen Gymnasium ab. »Mein Leben ist nie hundertprozentig türkisch geworden«, resümiert der 41-Jährige, »denn nach dem Abitur habe ich mein Germanistik-Studium in Izmir begonnen.« In seiner Magisterarbeit arbeitete er die unterschiedlichen Literatur-Auffassungen in Thomas Manns »Der Zauberberg« und Heinrich Manns »Der Untertan« heraus: Die Literatur bei Thomas Mann offenbart eine unpolitische und romantische Weltanschauung – typisch für die Zeit des Ersten Weltkriegs – , während Heinrich Manns Werk von Gesellschafts- und Politikkritik geprägt ist.

In der Promotion, die sich ab 1992 anschloss, untersuchte Nevzat Kaya Motive und ihre Darstellung in weniger bekannten deutschsprachigen Werken, unter anderem von Stanislaw Przybyszewski , »der ganz nah an der französischen ›Fin-de-Siècle-Literatur‹ war und in Polen in Vergessenheit geriet, weil er in deutscher Sprache schrieb, und in Deutschland nicht beachtet wurde, weil er Pole war«. Przybyszewskis verworrene Themen wie Okkultismus, Perversion und die Ästhetik des Hässlichen bedeuten aber nicht Dekadenz und Untergang, hat Kaya herausgefunden, sondern im Gegenteil »ein Hinwegfegen der alten Ordnung und einen vitalen Aufbruch in die neuen Zeiten eines jungen Europa«. In Arthur Holitschers 1901 erschienenem Roman »Der vergiftete Brunnen«, der von Thomas Mann lektoriert worden war, entdeckte der Literaturwissenschaftler in den Figuren und Motiven das Vorbild zum »Zauberberg «, der 1924 veröffentlicht wurde. Thomas Mann hat also abgeschrieben, und niemandem ist es bisher aufgefallen? »In der Thomas-Mann-Forschung war das untergegangen, weil Holitschers Roman nie wieder aufgelegt wurde«, erklärt Kaya.

Aufgrund dieser Forschungen behandelt Nevzat Kaya bei seinen Vorlesungen an der Ege Universität in Izmir vor allem deutschsprachige Werke. »Das kommt sehr gut an bei den Studenten «, sagt er und erläutert, wieso seine Lehre eine Ausnahme ist: »Die Türkei ist absolut anglophon. Die Universitäten orientieren sich am Vorbild Amerika.« Und warum setzt er auf die deutsche Perspektive? »Ich halte die deutschen Theoretiker für tiefgreifender als die angelsächsischen Werke«, sagt Kaya. Daher ermuntert er auch junge Assistenten, sich um ein Stipendium beim Deutschen Akademischen Austauschdienst zu bemühen, übersetzt ihre Projekte ins Deutsche und hilft, wo er kann. »Ich will erreichen, dass das Deutsche wieder mehr Popularität erlangt«, sagt er und erklärt: »Deutsch ist auch meine Muttersprache – es ist die Sprache, in der ich mich hundertprozentig mitteilen kann.« War dies der Grund, warum sich Nevzat Kaya für die Gastprofessur bewarb? »Deutschland ist ein Stück Heimat für mich. Jedes Mal, wenn ich nach Deutschland komme, finde ich es ein Stück verändert, aber ich fühle mich sofort wieder mittendrin – das gefällt mir.« Auch in Saarbrücken fühlt sich der Wissenschaftler sehr wohl. »Es ist für mich die erste Stadt in Deutschland, die nach 18 Uhr und sonntags nicht ausgestorben ist«, sagt Nevzat Kaya. Reizvoll sei auch die Nähe zu Frankreich. Den Anstoß für die Bewerbung zur Gastprofessur gab übrigens seine Frau Hülya, die als Übersetzungswissenschaftlerin an der Dokuz Eylül Universität in Izmir arbeitet. Als er ihr die Rundmail mit der Gastprofessur Europaicum vorlas, meinte sie zu ihm: »Das ist wie gemacht für dich.«

Mit der gleichen Begeisterung, mit der er seine türkischen Studenten unterrichtet, hat sich der Professor auch hier in die Arbeit gestürzt. »Ich möchte Kenntnisse über die Türkei vermitteln und zeigen, welch große Entwicklungen in diesem Land im 20. Jahrhundert erreicht wurden.« Im Wintersemester hält er zwei Seminare auf Deutsch und eines auf Türkisch. Im Proseminar »Osmanische Götterdämmerung« behandelt Kaya die osmanisch-türkische Literatur um die vorletzte Jahrhundertwende. Gegenstand sind Erzählungen wie »Die Pfirsichgärten« von Refik Halit Karay, die mit Thomas Manns »Der Tod in Venedig« verglichen werden. »Die türkischen Lyriker dieser Zeit sind alle an französischen Vorbildern orientiert, ihre Werke atmen einen Hauch von Spätzeitlichkeit und Verfall«, erzählt er und fügt hinzu: »Es ist der Vorabend des Ersten Weltkriegs, der das Ende des Osmanischen Reiches und die Entstehung der türkischen Republik bedeutet.« Im zweiten Proseminar »Das Andere der Vernunft« lernen die Studenten, bestimmte Perspektiven des »Anderen« in Texten von Nietzsche oder Adorno und Horkheimer auf die Filme von Fatih Akin und Ferzan Özpetek zu projizieren.

Dabei geht es unter anderem um Themen wie Migration, Geschlechterrollen und Homosexualität. Insgesamt 28 Studenten unterrichtet Nevzat Kaya zurzeit. Sie sind für Komparatistik, Interkulturelle Kommunikation oder Frankreichstudien eingeschrieben und nutzen das Angebot der Gastprofessur innerhalb des Optionalbereichs der Philosophischen Fakultäten. Etwas enttäuscht ist der Gastwissenschaftler, dass sich zu seinem türkischsprachigen Kurs nur zwei türkische Studentinnen eingefunden haben. Dabei geht es dort um nichts weniger als die gewaltigen Umwälzungen in der Türkei von 1980 bis zur Gegenwart – anhand von Liedern der türkischen Popdiva Sezen Aksu. »Poplieder sind brauchbare Indikatoren für den Gesellschaftswandel und den Demokratisierungsprozess in der Türkei«, erläutert derWissenschaftler.

Auch die Planungen fürs nächste Sommersemester sind schon fertig: Ein Seminar wird sich mit einem bunten Strauß zeitgenössischer türkischer Romanliteratur beschäftigen, ein weiteres »Venedig intermedial in Literatur und Film« zum Thema haben. »Literatur als kulturelle Ökologie und Interkulturalität«, unter anderem anhand eines Romans von Orhan Pamuk, heißt eine dritte Lehrveranstaltung, und im türkischen Fach geht es um zeitgenössische türkische Kurzprosa.

_Gerhild Sieber

 

Hintergrund Zertifikat Europaicum

Hintergrund: Die Gastprofessur ist zentraler Bestandteil des Zertifikats Europaicum. Das bundesweit einzige Studienangebot dieser Art vermittelt besondere Europakompetenzen. Seine Kurse gehören nicht verpflichtend zum Studium, sondern sind ein zusätzliches Lehrangebot zu europäischen Themen. Studenten aller Fakultäten können mit dem Europaicum auch Leistungspunkte erwerben. Studenten im Bachelor-Optionalbereich können es sich auf jeden Fall fürs Studium anrechnen lassen. Die Gastprofessur ist jedes Jahr einem anderen Land gewidmet, parallel dazu bietet das Sprachenzentrum Kurse zur jeweiligen Landessprache an.

www.uni-saarland.de/europaicum

Ende April veranstaltet die Uni einen türkischen Kulturtag. Erwartet werden der Weltklasse-Pianist Fazil Say und der bekannte Filmregisseur Fatih Akin.