Für keine Handvoll Euros

Für keine Handvoll Euros


Das Saarland ist provinziell und rückständig, genauso seine Uni. Das sind weit verbreitete Vorurteile. Dass die vermeintlich rückständige Saar-Uni im Gegenteil eine Einrichtung mit großem Potenzial ist, beweist die Tatsache, dass viele Professorinnen und Professoren hier bleiben, obwohl sie hochdotierte Angebote von renommierten Unis und Konzernen erhalten. Fünf Wissenschaftler nennen ihre Gründe fürs Hierbleiben.   
 

 

Spaß muss sein, vor allem in der Wissenschaft, findet Andreas Zeller. »Die Internationalität, in der hier alle fröhlich Grundlagenforschung betreiben, und der Spaß am Forschen« sind es, die den Professor für Softwaretechnik im Saarland gehalten haben. In seinen neun Jahren in Saarbrücken hat er vier Rufe abgelehnt, und zwar nicht von irgendwelchen Hochschulen, sondern von den Unis aus Mannheim, Hannover, Zürich und Karlsruhe. In Karlsruhe beispielsweise hätte er zwar mehr Mitarbeiter und mehr Geld für seinen Bereich bekommen. Trotzdem blieb er, vor allem, weil ihm die Arbeit im Team hier mehr Spaß macht. Die Mannschaft funktioniert hier deutlich besser als an der badischen Elite-Uni. »Das ist wie beim Fußball: Wenn jeder Superspieler versucht, selbst die Tore zu schießen, wird nichts daraus«, vergleicht Zeller. Passend dazu läuft auch die Auswahl neuer Professoren: »Wir berufen fast ausschließlich junge Teamspieler. Andere Unis schauen eher auf den Status eines Wissenschaftlers«, erklärt Informatiker Zeller. Das schlage sich letztendlich in Erfolgen wie dem Exzellenzcluster und der Graduiertenschule nieder, schlussfolgert der 44-Jährige. Diese Erfolge zahlen sich aus. Inzwischen spiele die Saarbrücker Informatik»in den Top-Ligen Europas«,sagt Andreas Zeller.

 

Für Ralf Seemann waren die Angebote ebenfalls verlockend. Neben der Uni Duisburg- Essen klopfte auch die Elite-Uni aus Konstanz an seine Tür, wo der Professor für Experimentalphysik studiert hatte. »Aber in Saarbrücken hat beides gepasst«, sagt der 39-Jährige, das Familiäre wie das Fachliche. Zum einen sind Ralf Seemann und seine Frau, Professorin Karin Jacobs, ein so genanntes Dual-Career-Couple, ein Ehepaar, das auf verschiedene Lehrstühle berufen wurde. Damit möchte die Saar-Uni Wissenschaftlern auch familiär den Rahmen für ein Leben im Saarland bieten. Zudem sind die Saarbrücker fachlich »mittendrin«, sagt Ralf Seemann. Er ist spezialisiert auf das Gebiet der »weichen Materie«, die in Saarbrücken von der großen Nähe der »Lebenswissenschaften« profitiert. Seine Grundlagenforschungen auf dem Gebiet der weichen Materie könnten irgendwann einmal die Basis für Experimente und zukünftige Anwendungen in der Biophysik und der Medizin bilden. Gleichzeitig gibt es aber auch wichtige Anknüpfungspunkte zur Chemie, Mathematik und zu den An-Instituten. »Diese Schwerpunktsetzung findet man selten in Deutschland«, sagt Seemann über die Besonderheit seiner Arbeit in Saarbrücken.

 

Kreative Arbeit, Dinge mitgestalten, nicht nur Forschung im Elfenbeinturm sind es, die Claudia Polzin- Haumann in Saarbrücken halten. Die Romanistik-Professorin hatte einen Ruf an die Universität Münster abgelehnt, ebenfalls ein traditionsreicher Standort. Im Saarland kann sie beispielsweise am landesweiten Sprachkonzept für Schulen mitarbeiten, mit dem Französisch als erste Fremdsprache und Spanisch als dritte Fremdsprache gestärkt werden sollen. Außerdem engagiert sie sich im Rahmen der Universität der Großregion gemeinsam mit Sprachwissenschaftlern der Universitäten Metz und Luxemburg. »Hier kann ich praktisches Wissen in die Gesellschaft hineintragen«, erklärt die gebürtige Westfälin. »Das passt zu meinem Wissenschaftsbild.« Zudem hätte sie ihr Team hier in Saarbrücken sehr vermisst. »Wir haben eine wirklich gute Atmosphäre«, sagt sie über die Mitarbeiter ihres Lehrstuhls. Für eine Romanistin unschlagbar ist auch die Grenzlage Saarbrückens. Daher hat sie sich 2006 auch für den Lehrstuhl in Saarbrücken entschieden. »Dennoch will ich nicht mutmaßen, dass es woanders schlechter ist, sondern feststellen, dass es hier sehr gut ist«, sagt Claudia Polzin-Haumann. »Das müssen mir andere erstmal bieten.«

 

Viel zu bieten hatten auch Universitäten und industrielle Forschungszentren, die versuchten, Frank Mücklich aus dem Saarland zu locken. Der Professor für Funktionswerkstoffe hat seit seinem Antritt in Saarbrücken 1995 drei Rufe abgelehnt. Der letzte Ruf hätte ihm den hochdotierten Posten des Forschungsleiters bei einem deutschen Weltkonzern eingebracht. »Dort hätte ich ein großes Team promovierter Wissenschaftler mit hervorragender Ausstattung lenken dürfen und mit internationalen Dependancen agiert«, sagt der 50-Jährige. Ein Grund für ihn, trotz dieser Verlockung im Saarland zu bleiben: »Hier habe ich seit 15 Jahren große Gestaltungsfreiheit.«Reizvoll an einer Stelle in der Industrie war für Mücklich vor allem, dass Innovationen auch aktiv auf den Markt gebracht werden können und man daran mitarbeiten kann, dass sie angenommen werden. Dies kann er nun mithilfe des »Material Engineering Centers Saarland «, des Steinbeis-Zentrums für Werkstofftechnik, angehen, das im vergangenen Jahr in Saarbrücken gegründet wurde und dessen Leiter er ist. Es dient als Schnittstelle zwischen der Grundlagenforschung an der Uni und der Anwendung in der Wirtschaft. »Außerdem macht mir die Förderung von jungen Leuten besonderen Spaß«, sagt Frank Mücklich. »Ich bin gerne Hochschullehrer.« Die Lehre hätte er mit dem Wechsel in die Industrie an den Nagel hängen müssen.

 

Auch für Michael Menger ist Kreativität, Beweglichkeit und Spaß mehr wert als der Chefposten in einer großen Institution. Der Professor für Experimentelle Chirurgie und Dekan der Medizinischen Fakultät ist auch in Homburg geblieben, weil er hier innovative Ausbildungskonzepte viel leichter umsetzen kann als beispielsweise an der LMU München. Dorthin hatte er einen Ruf abgelehnt, genau wie nach Davos ans weltweit größte Institut für chirurgische Forschung. »Das sind riesige Systeme, natürlich mit sehr viel Geld. Die sind teilweise aber sehr unbeweglich«, sagt er. »Wenn ich in München etwas mit einem Kollegen besprechen will, sind da fünf Sekretärinnen in Reihe geschaltet, und nach zwei Monaten bin ich bei der dritten angekommen«, spitzt er das Problem zu. In Homburg heißt es dagegen oft: »Du, lass uns das mal schnell besprechen.«Wenig später ist dann beispielsweise die Idee für ein Ausbildungskonzept zwischen Unfall- und Herzchirurgen geboren. »Das habe ich in Freiburg, Heidelberg und München nicht erlebt«, so Mengers Erfahrung aus seinen früheren Stationen. In Homburg kann Menger gestalten und wegen der Überschaubarkeit viel mehr erreichen. »Sie gehen ja auch nicht zu VW oder Mercedes und halten die Bänder an und sagen, Sie haben eine tolle Idee für ein neues Auto«, sagt er.»Da gehen Sie lieber zu Bugatti, da kann man verrückte Dinge machen.« Denn die machen bekanntlich am meisten Spaß im Leben.

 

_Thorsten Mohr