Interkulturelles Training für Schulklassen

Interkulturelles Training für Schulklassen


Gestartet ist es als Projekt zur Sprachförderung für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund: das Mercatorprojekt, das der Lehrstuhl Deutsch als Fremdsprache seit Oktober 2005 an ausgewählten saarländischen Schulen anbietet. Nun soll es in Form interkultureller Workshops für ganze Schulklassen ergänzt werden. An den Schulen herrscht großer Bedarf.

Mangelnde Deutschkenntnisse sind oft Schuld daran, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Schule und Ausbildung benachteiligt sind. Das will ein bundesweites Projekt der Stiftung Mercator ändern. Für das Saarland hat der Germanistik-Professor Lutz Götze mit seinen Mitarbeitern ein Konzept entwickelt, von dem alle profitieren: Kinder aus Einwandererfamilien haben die Möglichkeit, an zwei Nachmittagen in der Woche einen freiwilligen, kostenlosen Deutsch-Unterricht zu besuchen. Andererseits können sich Studenten im Lehramtsstudium für Fremdsprachen und im Aufbaustudium Deutsch als Fremdsprache zu bezahlten Förderlehrern ausbilden lassen. Auf den Umgang mit den Migrantenkindern werden sie durch eine spezielle pädagogische Schulung vorbereitet, die der Lehrstuhl Deutsch als Fremdsprache gemeinsam mit dem Zentrum für Lehrerbildung und dem Diakonischen Werk organisiert.

»Bis heute haben 862 Schüler am zusätzlichen Deutsch- Unterricht teilgenommen, und wir haben 114 Förderlehrer für Deutsch als Zweitsprache ausgebildet«, sagt Elena Tregubova, die Koordinatorin und Ausbildungsleiterin des Projekts. Während in den ersten drei Projekt-Jahren Kinder der Klassen fünf bis sieben zusätzlichen Deutsch-Unterricht erhielten, werden derzeit 260 junge Leute vor allem aus Berufsschulen auf den Übergang in den Beruf vorbereitet. Für dieses Projekt ist die Fachrichtung Germanistik im vergangenen Jahr mit dem ersten Platz des Saarländischen Weiterbildungspreises ausgezeichnet worden.

Nun haben sich die Wissenschaftler der Germanistik ein weiteres Ziel gesteckt: In interkulturellen Workshops wollen sie die Förderung von Sprachkompetenzen mit gesamtgesellschaftlichem sozialen Lernen verbinden. Dabei arbeiten sie mit Experten des Lehrstuhls für Romanische Kulturwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation von Professor Hans-Jürgen Lüsebrink zusammen. »Wir wollen deutsche Schüler und Migrantenkinder gemeinsam für die eigene Identität und für fremde Kulturen sensibilisieren«, erläutert der wissenschaftliche Mitarbeiter Thomas Schmidtgall. Darüber hinaus sollen kulturelle Konflikte innerhalb von Schulklassen, wie Streitigkeiten unter Schülern verschiedener Herkunftsländer, produktiv genutzt werden, um Verständnis füreinander aufzubauen. »Bei unserem Pilottraining ging es vor allem um kulturelle Identität und die persönliche Migrationsbiografie. « Die Fragen »Woher kommen deine Eltern?«, »Wo bist du gern, und wo möchtest du leben?« sollten die 16- jährigen Schüler beantworten, indem sie kleine Fähnchen auf eine Landkarte pinnten. »Es zeigte sich, dass es für viele Schüler schwierig ist, sich selber einer Kultur zuzuordnen«, schildert Thomas Schmidtgall seine Beobachtungen während der Übungen, Rollenspiele und Diskussionen.

Geplant ist, das interkulturelle Training jeweils einen Vormittag lang in Klassen der Sekundarstufe II anzubieten – möglichst zu Beginn eines Schuljahrs. Einige der aktuellen Projektschulen haben bereits Interesse bekundet. Ein wenig relativiert Thomas Schmidtgall die Erwartungen: »Ein Vormittag ist eigentlich viel zu wenig. Doch können wir mit den Trainings ohnehin nicht abfangen, was das Bildungssystem leisten müsste«, sagt der Experte für interkulturelle Kommunikation. Er vertritt die Meinung, dass solche Workshops fester Unterrichtsbestandteil der einzelnen Fächer sein sollten. »Sprache ist nicht alles; man muss auch kulturelle Regeln kennen«, betont er. Das sieht auch Elena Tregubova so: »Auch die Lehrer müssen für diese Problematik sensibilisiert werden – und zwar bereits während der Berufsausbildung.« Dies soll durch die Zusammenarbeit der beiden Lehrstühle in den Mercator-Förderschulen initiiert werden. »Die Förderlehrer nehmen gemeinsam mit ihren Schülern am Training teil und lernen dabei sich selbst und die Schüler von einer anderen Seite kennen«, erläutert die Pädagogin. Zusätzlich sollen Studenten der Interkulturellen Kommunikation die Möglichkeit erhalten, sich als Trainer für Workshops ausbilden zu lassen und Praxiserfahrungen zu sammeln.

_Gerhild Sieber

 

Hintergrund:


Das Projekt der bundesweiten Stiftung Mercator will die Bildungschancen für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund verbessern. Zu den Geldgebern gehören auch der Europäische Integrationsfonds und das Diakonische Werk. Lehramtsstudenten der Saar-Uni leisten ab diesem Sommersemester auch in den Fremdsprachen Englisch und Französisch verstärkt Förderunterricht an saarländischen Schulen. Für diese Fächer werden weitere Studenten, die bereits fachdidaktische Grundlagen beherrschen, gesucht. Sie sollten mindestens ein Jahr lang tätig sein.

Kontakt:e.tregubova(at)mx.uni-saarland.de. Fortgeschrittene Studenten der Interkulturellen Kommunikation, die als interkulturelle Trainer mitarbeiten wollen, können sich wenden an: Dr. Christoph Vatter, c.vatter(at)mx.uni-saarland.de