Homburger Mediziner entwickeln weltweit erstes Funkimplantat zur Langzeitmessung des Hirndrucks

Homburger Mediziner entwickeln weltweit erstes Funkimplantat zur Langzeitmessung des Hirndrucks


Etwa 60 000 Menschen in Deutschland leiden am so genannten Hydrocephalus, im Volksmund auch als Wasserkopf bekannt. Die Krankheit entsteht, wenn mehr  Hirnflüssigkeit gebildet wird, als abfließen kann. Neurochirurgen der Saar-Uni  aus der Forschungsgruppe »Hydrocephalus und Hirndruck« unter Professor  Wolf-Ingo Steudel haben nun gemeinsam mit Wissenschaftlern der RWTH Aachen  und dem Industriepartner Raumedic weltweit erstmalig ein Implantat entwickelt,  mit dessen Hilfe der Hirndruck von außen über einen längeren Zeitraum  abgelesen werden kann.

Ein paar Zentimeter in 30 Jahren sind nicht viel. Doch für  Wolf-Ingo Steudel sind sie ein Lebenswerk. So klein ist das  Implantat zur telemetrischen Hirndruckmessung, das Ingenieure,  Industriepartner und Mediziner nun gemeinsam entwickelt  haben. Der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende  des Homburger Uniklinikums sucht seit Beginn der  Achtzigerjahre nach einer Möglichkeit, Patienten mit erhöhtem Hirndruck einen regelrechten Operationsmarathon zu  ersparen. »Es gibt Patienten mit Hydrocephalus, die werden  im Leben 10-, 15- oder gar 20-mal operiert«, erklärt Steudel,  ehemaliger Leiter der Klinik für Neurochirurgie in Homburg. 

Hydrocephalus-Patienten wird meist ein so genanntes  Shuntsystem implantiert. Das ist ein dünner Schlauch, über  den die überschüssige Hirnflüssigkeit in die Bauchhöhle oder  das Herz abgeleitet wird. So wird der Druck reduziert. Reguliert  wird die Menge der abzuleitenden Flüssigkeit über  ein kleines Ventil. Funktioniert dieses System jedoch nicht  richtig, können die Patienten unter Symptomen für erhöhten  Hirndruck leiden. »Man weiß dann oft nicht, was los ist«, beschreibt NeurochirurgWolf-  Ingo Steudel das Problem. Denn  eine sichere Analyse des Hirndruckes ist in solchen Fällen bisher  nur durch eine erneute Operation möglich. Die Mediziner  müssen also oft rein auf Verdacht den Schädel öffnen. 

Den Forschern im »iShunt«-Projekt, das vom Bundesforschungsministerium  gefördert wird, ist es nun weltweit  zum ersten Mal gelungen, eine Telemetriesonde zu entwickeln,  die den Hirndruck über einen langen Zeitraum verlässlich  messen und nach außen übermitteln kann. Der Sensor  zur Druckmessung und die Antenne zur Datenübertragung  befinden sich in einem Implantat unter der Haut.  Über ungefährliche Funkwellen kann der Hirndruck dann  durch die Haut über ein Lesegerät erfasst werden. »Stellt ein  Arzt fest, dass der Druck tatsächlich zu hoch oder zu niedrig  ist, kann er ohne erneute Operation das Ventil am Shuntsystem  weiter öffnen oder schließen«, erklärt Steudel die  Neuheit.  Vorerst ist die Telemetriesonde für eine Anwendungsdauer  von 29 Tagen zugelassen. Das ist vom Gesetzgeber so  vorgeschrieben. Um eine Zulassung für eine zeitlich unbegrenzte Dauer macht  sich Neurochirurg Steudel jedoch keine  Sorgen. Denn das System funktioniert auch über Jahre fehlerfrei und zuverlässig, wie Tests im Vorfeld ergeben haben.  Mit dem Ende der Anwenderstudie im März 2011 wollen die  Mediziner die zeitlich unbegrenzte Zulassung für Sender und  Sonde beantragen. 

Die Krönung seines Lebenswerkes ist für Wolf-Ingo Steudel  ein Shuntsystem, das vollständig autonom den Hirndruck  reguliert. In fünf Jahren könnte es soweit sein. Das wird nicht  nur für die Patienten eine Erleichterung sein. »Das Schlimmste  für einen Chirurgen ist es, wenn er Patienten immer wieder  und immer wieder operieren muss«, erklärt Steudel. Die  vielen Operationen werden dann auch dank seiner Arbeit  längst passé sein. 

_Thorsten Mohr