Jenseits von Guinness

Jenseits von Guinness


Der Ire Éamonn Ó Ciardha wird ein Jahr lang als Gastprofessor an der  Saar-Uni lehren und Vorlesungen in irischer Literatur und Geschichte halten. Seine Lehrveranstaltungen gehören zum Angebot des Europa-Zertifikats  »Europaicum«, das allen Studenten der Universität offen steht.  Parallel dazu hat die Fachrichtung Anglistik in diesem Wintersemester ein »Irisches Semester« organisiert.

Kaum im Saarland angekommen, hat Éamonn Ó Ciardha  bereits zwei wichtige Gemeinsamkeiten seiner Heimatstadt Derry mit Saarbrücken entdeckt: »Auch bei uns verläuft die Autobahn am Fluss, und ich lebe, ebenso wie die Saarländer, in einer Grenzregion«, erzählt der 42-jährige Ire in seinem weich klingenden Englisch. Der Historiker und  Literaturwissenschaftler, der ein Jahr lang als Gastprofessor  an der Saar-Uni lehren wird, ist in unmittelbarer Nachbarschaft zu der Grenze aufgewachsen, die das zum Vereinigten  Königreich gehörende Nordirland vom unabhängigen Süden der Insel trennt. »Früher gab es überall militärische Kontrollpunkte  und bombensichere Baracken«, erinnert er sich.  Inzwischen sind die Grenzkontrollen verschwunden, doch im  Alltag der Iren sind die Verhältnisse noch immer kurios  genug: »Ich arbeite an der Universität Ulster in Nordirland  und werde in Britischem Pfund bezahlt. Doch meinen Lebensunterhalt bestreite ich in Euro, da ich jenseits der Grenze, in der unabhängigen Republik Irland, lebe«, erzählt der Wissenschaftler, den man mit seinen langen braunen Haaren auch für einen Musiker halten könnte. 

Ob es die Kindheit an der Grenze war, die das Interesse  des Iren an der Geschichte seines Landes geweckt hat? »Ja,  unbedingt«, sagt Éamonn Ó Ciardha. »Als Kind habe ich mich  immer gefragt, was die britischen Soldaten in unserem Land  taten, und warum sie wissen wollten, wohin ich gehe. « Nach dem Studium der Geschichte und irischen Sprache in Dublin  und Cambridge lehrte der Wissenschaftler an verschiedenen  Universitäten in den Vereinigten Staaten und Kanada. 2005  kehrte er nach Irland zurück und arbeitet seitdem als Professor  für irische Geschichte, Sprache und Literatur an der  University of Ulster in Nordirland. Sein wissenschaftliches  Interesse im Fach Geschichte gilt hauptsächlich der Epoche  zwischen der Reformation und der Französischen Revolution. Die Rolle Irlands sei während dieser Zeit sowohl durch seine  Beziehungen zum protestantischen England geprägt gewesen  als auch zum katholischen Europa. Deshalb sei die Gastprofessur  in Saarbrücken auch besonders interessant für ihn.»Es  ist eine sehr große Ehre für mich, dass ich Irland und meine  Heimatuniversität hier repräsentieren darf. Darüber hinaus  habe ich noch nie auf dem europäischen Festland gelehrt, und daher ist die Gastprofessur eine wunderbare Chance«, sagt  der 42-Jährige. Zwar liege Irland am äußersten westlichen  Rand Europas, doch sei es ein wichtiger Teil der europäischen  Gemeinschaft. Umgekehrt spiele Europa seit den 1960er Jahren  eine bedeutende Rolle bei der Lösung der sozialen, wirtschaftlichen  und politischen Probleme Irlands. »Die Europäische Union  stellt so etwas wie eine neutrale Bühne für die  Verhandlungen zwischen Iren und Briten dar«, sagt Éamonn  Ó Ciardha. 

Seine Vorlesungen im Fach Geschichte machen daher  nicht bei der Französischen Revolution Halt, sondern schließen  auch die Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert ein –  bis zum ersten offiziellen Friedensvertrag zwischen Iren und  Briten, dem Karfreitagsabkommen im April 1998.Neben den  Lehrveranstaltungen in Geschichte wird der Wissenschaftler  in Saarbrücken auch Literaturvorlesungen halten. Eine gelungene Ergänzung,  denn das wechselvolle, von blutigen Auseinandersetzungen  bestimmte Schicksal Irlands spiegelt sich  in seiner Literatur wider. »Das Studium der irischen Geschichte  und Literatur ist ein Mikrokosmos für das Studium  der Menschheit«, ist Ó Ciardha überzeugt. Die Iren hätten  im Laufe ihrer Geschichte so ziemlich alles durchgemacht:  Besatzungen, Hungersnöte und Emigration, Unterdrückung  und Vertreibung, aber auch die Kolonialisierung anderer Völker  in Afrika und Indien. 

Behandeln wird er irische Literatur von englisch- und  irischsprachigen Autoren. Irisch ist eine der drei gälischen  Sprachen, die wiederum zu den keltischen Sprachen gehören.  »Irisch wurde im fünften Jahrhundert nach Christus  erstmals niedergeschrieben, es ist eine der ältesten Schriftsprachen Westeuropas  «, erklärt der Wissenschaftler. Seinen  Saarbrücker Studenten wird er daher auch Mythen und Erzählungen  ähnlich der Ilias von Homer oder der germanischen Heldensagen vorstellen. Doch auch zeitgenössische Literatur  soll nicht zu kurz kommen, denn »Erzählungen,  Romane und Gedichte werden bis heute in irischer Sprache  geschrieben«, erläutert Éamonn Ó Ciardha. Das Irische behauptet  sich neben Englisch als zweite Amtssprache im Land,  es ist Pflichtfach in den Schulen, und alle Straßenschilder sind  zweisprachig. Dennoch spreche die Mehrheit der Iren Englisch  als erste Muttersprache – ebenso wie Ó Ciardha. Kenntnisse  des Irischen, das sich völlig von Englisch, Französisch  oder Deutsch unterscheidet, sind in seinen Vorlesungen allerdings  nicht notwendig, es würden Übersetzungen benutzt,  beruhigt der Professor. 

Die Lehrveranstaltungen von Éamonn Ó Ciarda sind Teil  eines abwechslungsreichen Lehrangebots – des Irischen Semesters  –,das die Fachrichtung Anglistik, Amerikanistik und  Anglophone Kulturen in diesem Wintersemester auf die  Beine gestellt hat. Es bietet eine Fülle von Vorlesungen, Seminaren  und Gastvorträgen – auch weiterer irischer Wissenschaftler  – rund um die Kultur und Literatur Irlands. Dazu  gehören auch Themen wie das irische Theater und der irische  Film, die nationale Identität oder irische Identitäten in Nordamerika.  »Wir wollen Irland jenseits der Klischees von grünen  Landschaften, Schafen und Guinness zeigen, denn  das Land ist viel interessanter als seine Stereotype«, betont  Bruno von Lutz. Der promovierte Anglist und seine Kollegen,  die Professoren Astrid Fellner, Joachim Frenk und Bert  Hornback, haben das Irische Semester initiiert und organisiert,  und der Slavistik-Professor Roland Marti hat für die passende  Auswahl der Gastprofessur gesorgt. »Die Geschichte  und Politik Irlands spielen eine bedeutende Rolle innerhalb  des britischen Empire und innerhalb der EU«, sagt Bruno von  Lutz. In der zeitgenössischen Literatur werde außerdem die  Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus zunehmend  wichtiger. Irland ist für ihn eine wahre Schatzkiste:»Aufgrund  seiner bewegten Geschichte und der vielen politischen Reibungen  hat sich in Irland eine äußerst vitale Kultur entwickelt.  « So habe das Land besonders viele Literatur-Nobelpreisträger  und andere große Literaten hervorgebracht,  erklärt Bruno von Lutz die herausragende Rolle Irlands in  der englischsprachigen Literatur und nennt Namen wie William Butler Yeats, Samuel Beckett, George Bernard Shaw,  James Joyce, Oscar Wilde und Seamus Heaney. Und: Die  Iren hätten »the gift of the gab« – »die Gabe der Klappe«,  sagt der Saarbrücker Anglist und erläutert: »Sie reden gut und  singen viel.« Ob Letzteres auch auf ihn zutrifft, hat Éamonn Ó Ciardha nicht verraten. 

_Gerhild Sieber 

Hintergrund

Im Rahmen des Irischen Semesters zeigt die neu gegründete  Irische Gesellschaft an jedem Mittwoch im November im Kino  Camera Zwo einen irischen Film in Originalfassung. Eine  Lesung mit Gedichten von William Butler Yeats bietet Professor  Bert Hornback am 2. Dezember in der Nauwieser Neunzehn an.  Am 17. Dezember findet ein irischer Länderabend auf dem Campus  statt. Das Sprachenzentrum bietet Irisch-Gälisch-Kurse als  begleitendes Sprachangebot zum Europaicum an. Aktuelle Informationen auf: www.uni-saarland.de/theirishsemester