Die Erben Humboldts

Die Erben Humboldts


Wissenschaft läuft heute auf internationaler Ebene ab. Forschergruppen sind über den ganzen Globus vernetzt. Eine gute Gelegenheit für Wissenschaftler, andere Wissenschaftskulturen kennen zu lernen. Auch an der Saar-Uni forschen Wissenschaftler aus aller Welt. Eine besondere Gruppe unter ihnen sind Stipendiaten der Alexander von Humboldt-Stiftung – eine zugleich ehrenvolle und lukrative Auszeichnung für exzellente junge Forscher. Nach dem Motto »Einmal Humboldtianer, immer Humboldtianer« werden sie in ein »lebenslanges Netzwerk« internationaler Zusammenarbeit eingebunden.

Der Laborroboter arbeitet leise und hochpräzise: Nur ein leichtes Schnurrenertönt, als die Injektionsnadelüberden Probenteller fährt, sich nach unten senkt und eine winzige Menge Flüssigkeit aus einem Röhrchen entnimmt. Im nächsten Moment schon wandert sie durch einen dünnen metallfarbenen Schlauch in einen grauen Kasten, in dem sich ein hochempfindliches Messgerät befindet. »This is a mass spectrometer «, erklärt Luke Simmons. Gespannt verfolgt der US Amerikaner am Bildschirm, welche organischen Moleküle das Massenspektrometer in seiner Probe mit Zellmaterial einer Bakterienkultur aufspürt. Es ist einer von unzähligen Arbeitsschritten in der Forschungsarbeit des 37-Jährigen – aber er wird letztendlich entscheiden, ob sein Projekt zur Gewinnung eines von Mikroorganismen erzeugten Antibiotikums erfolgreich ist.

Luke Simmons gehört zu jenen 800 exzellenten Wissenschaftlern weltweit, die jedes Jahr ein Stipendium oder einen Preis von der Alexander von Humboldt-Stiftung erhalten. Humboldt-Stipendiaten sind Mitglieder eines exklusiven Clubs, denn die renommierte Auszeichnung wird nur an Forscher verliehen, die besondere wissenschaftliche Leistungen vollbracht haben, unabhängig von der Fachrichtung. Der größte Teil der Förderungen geht an Postdoktoranden aus dem Ausland für einen Forschungsaufenthalt bei einem deutschen Gastgeber. Bis zu zwei Jahre lang erhalten sie eine monatliche, steuerfreie Förderung von rund 2.300 Euro zuzüglich Reise- und Familienbeihilfen. Mit diesem finanziellen Polster für ihren Unterhalt ausgestattet, können sie bei einem Partner ihrer Wahl ein selbst gewähltes Forschungsthema bearbeiten. Ihre Entwicklung als Nachwuchsforscher zu unterstützen und dabei gleichzeitig ein weltweites Netz zwischen deutschen und ausländischen Wissenschaftlern aufzubauen, sind die besonderen Anliegen der Humboldt-Stiftung.

Der junge Humboldt-Stipendiat aus den USA arbeitet seit April 2009 in der Pharmazeutischen Biotechnologie der Saar- Uni bei Professor Rolf Müller, der auch die Abteilung für mikrobielle Naturstoffe am Helmholtz-Institut für Pharmazeutische Forschung leitet. Sein Spezialgebiet sind gezielte Erbgutveränderungen von Bodenbakterien, damit sie hochwirksame Grundstoffe für Arzneimittel liefern. »Rolf Müller ist in der ganzen Welt bekannt für seine Forschungsarbeiten«, erläutert Luke Simmons seine Wahl, nach Saarbrücken zu kommen. Der US-Amerikaner hat im kalifornischen San Diego über mikrobielle Naturstoffe promoviert und danach als Post-Doktorand an der Rockefeller-University in New York gearbeitet. Da die Forschungsinteressen beider exakt zusammenpassen, ist Müller der ideale Gastgeber für ihn. Während seiner Zeit als Postdoc nahm Luke Simmons per E-Mail Kontakt mit dem Saarbrücker Professor auf. Beide waren sich schnell einig über ein mögliches Forschungsprojekt, das sie bei der Humboldt-Stiftung einreichten.

Im Zentrum seines Interesses steht Ripostatin, ein natürliches Stoffwechselprodukt des Bakteriums Sorangium cellulosum. Es wird vermutet, dass Ripostatin als Antibiotikum gegen multiresistente Krankheitserreger wirkt. Da dieses Bakterium aber relativ langsam wächst und sich nur schwer im Labor kultivieren lässt, arbeitet der Nachwuchswissenschaftler daran, die für die Herstellung von Ripostatin zuständigen Gene in ein anderes, robusteres Bakterium zu übertragen. Die Forscher der Arbeitsgruppe von Professor Müller erhoffen sich davon nicht nur eine einfachere Handhabung, sondern eventuell auch neue, wirksamere Versionen des Ripostatins.

Während im Herbst vergangenen Jahres zehn Humboldt- Stipendiaten an der Universität des Saarlandes forschten, sind es derzeit noch fünf. Insgesamt 48 Humboldtianer weilten zwischen 2005 bis 2009 bei Professoren der Saar-Uni. Da sie sich die weltweit besten Experten in ihrem Spezialgebiet aussuchen, trägt jeder Humboldt-Stipendiat zum Renommee der gastgebenden Institution bei. Das sieht auch Professor Rolf Müller so: »Solche Exzellenzstipendien sind sehr begehrt. Erfolgreiche Bewerbungen sind gut für die Reputation unseres Instituts.« Doch Müller weiß auch, dass exzellente Forschung vom Know-how aller Mitglieder seiner Arbeitsgruppe abhängt. »Der entscheidende Punkt ist, dass gute Wissenschaftler zu uns kommen und in unserer Forschung mitarbeiten «, sagt er. Luke Simmons komme aus einer sehr angesehenen Arbeitsgruppe in den USA, deren Leiter er schon seit langem kenne. »Er hat im Rahmen seiner Dissertation sehr schöne Arbeiten durchgeführt und sich für unsere Forschung hier in Saarbrücken begeistert.« Er unterstütze ihn daher gerne, auch im Sinne zukünftiger deutsch-amerikanischer Kooperationen.

Für die Stipendiaten bedeutet die Auszeichnung, Humboldtianer zu sein ,den vielversprechenden Anfang einer akademischen Karriere. »Humboldt-Stipendiaten erhalten Zugang zu einem einzigartigen internationalen Netz und werden hervorragend von Humboldt betreut«, sagt Rolf Müller. Zum weltweiten Netzwerk gehören derzeit 24 000Alumni in über 130 Ländern. Nach dem Motto »Einmal Humboldtianer – immer Humboldtianer« bleibt die Stiftung lebenslang mit ihren Mitgliedern in Verbindung. Im Jahr 2009 pflegte die Stiftung ihr Netz mit mehr als 80 Treffen,Reisen und Tagungen in Deutschland und im Ausland.

Auch Luke Simmons freut sich über die renommierte Förderung. »Das Humboldt-Stipendium bedeutet sehr viel für mich. Es macht sich prima in meinem Lebenslauf und wird sicher meiner Karriere helfen.«Auch schätzt er es, auf diese Weise eine andere Wissenschaftskultur kennen zu lernen. Sein Stipendium wird Ende März dieses Jahres auslaufen. Derzeit ist er bereits auf der Suche nach einer Assistenzprofessorenstelle in Westeuropa oder den USA. Seine Forschungen über mikrobielle Naturstoffe möchte er gerne mit marinen Organismen fortführen.

 


Welche Chancen ein Humboldt-Stipendium bietet, hat auch Martin Müser kennengelernt. Der Professor für Materialsimulation an der Saar-Universität hatte nach seiner Promotion ein Stipendium der Humboldt-Stiftung erhalten und daher zwei Jahre am Department of Chemistry an der Columbia University in New York City verbracht. Deutsche Stipendiatenmüssen bei ihrem Auslandsaufenthalt – im Gegensatz zu ausländischen Stipendiaten in Deutschland –einen Humboldtianer zum Gastgeber haben. »Wenn man zu einem Humboldt-Senior-Preisträger kommt, ist man in einer aktiven, internationalen Gruppe. Ich habe in dieser Zeit sehr viele sehr gute Leute in meinem Alter kennengelernt, mit denen man hervorragend zusammenarbeiten konnte«, fasst Martin Müser seine Erfahrungen zusammen. Die Preisträger würden sehr sorgfältig ausgewählt, daher seien Humboldtianer eine »illustre Gesellschaft«,meint er. Ein weiterer großer Vorteil sei, dass man bei seinen Forschungen große gestalterische Freiheit habe, weil man seinen Gastgeber schließlich wenig koste. »Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man bei Humboldt durchaus auch mal eine Bauchlandung riskieren kann. Ich selber bin bei einem Teilprojekt gescheitert und habe daraus unglaublich viel gelernt.«

 


Wie Luke Simmons und Martin Müser ist auch Mohamed Abdelati Humboldt-Stipendiat. Für Mohamed Abdelati ist der Aufenthalt in Saarbrücken etwas ganz Besonderes: Zum ersten Mal sind außer seiner Frau auch die vier Töchter im Alter von sechs bis 13 Jahren mit dabei.»An der Saar-Uni habe ich sehr viel Unterstützung erfahren«, erzählt der Humboldtianer, der mit seiner Familie im Gästehaus der Universität in der Nähe des Wildparks wohnt. Nicht nur das Team um Professor Frey, sondern auch Verena Schmidt vom International Office kümmerte sich um die Vorbereitung seines Aufenthaltes. Sie organisierte die Aufenthaltsgenehmigungen für den Gastprofessor und seine Familie und die Anerkennung seines Führerscheins in Deutschland. Die jüngste Hürde hat der Elektrotechniker auch überwunden: »Ich habe endlich ein Auto gefunden, das groß genug für meine gesamte Familie ist«, sagt er.

Mit dem Team um Professor Frey unterhält sich Mohamed Abdelati auf Englisch, zusätzlich besucht er einen Deutschkurs. Die Sprache war am Anfang vor allem für seine Familie sehr fremd: »Die erste Zeit haben wir uns hier wie im Urlaub gefühlt. Dann begann die Schule und damit eine große Umstellung für die Kinder«, erzählt der Gastprofessor. Ungewohnt ist für die Familie auch die Winterkälte: »Meine Kinder haben sich trotzdem riesig gefreut, denn sie haben zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee gesehen. Sie haben sich gleich Schneeballschlachten geliefert und einen Schneemann gebaut«, lacht Mohamed Abdelati. Er und seine Familie haben sich im letzten halben Jahr im Saarland gut eingelebt und viele Freunde gefunden. Regelmäßig besuchen sie den Gebetsraum der islamischen Hochschulgemeinde an der Uni und die Moschee in Burbach. »Meine Kinder fühlen sich mittlerweile so wohl hier, dass sie gar nicht mehr nach Hause wollen«, sagt der Gastprofessor. Nach seinem Aufenthalt in Saarbrücken möchte er erst einmal mit seinen Forschungsergebnissen in die Heimat zurückkehren, dabei aber weiter mit deutschen Professoren zusammenarbeiten. »Als Humboldt- Stipendiat bin ich Teil eines guten Netzwerkes, da habe ich bestimmt die Möglichkeit, mal wieder nach Deutschland zu kommen.«

_Gerhild Sieber/Irina Urig