Forscherblick über den Tellerrand hinaus

Forscherblick über den Tellerrand hinaus


Kontakte knüpfen und Netzwerke mit anderen Wissenschaftlern bilden, gehört zum Forschungsalltag. An der Universität des Saarlandes unterstützt das Projekt »Universität der Großregion« (UGR) Wissenschaftler, die sich mit Kollegen in den angrenzenden Regionen in Frankreich, Luxemburg, Belgien und Rheinland-Pfalz vernetzen wollen. Im vergangenen Jahr sind verschiedene Pilotaktivitäten gestartet, eine davon in der Experimentellen und Klinischen Orthopädie. Benannt wurden außerdem so genannte »Lead-Researcher«, die zu den Unis in der Großregion reisen. Sie sind verantwortlich für die Netzwerke in ihrem Bereich und helfen interessierten Wissenschaftlern, grenzüberschreitende Kontakte herzustellen.

Pilote brauchen Aufwind, um durchstarten zu können. Ein frischer Wind weht auch in der Orthopädie an der Universität des Saarlandes. Dort hat Professor Henning Madry im vergangenen Jahr den bundesweit einzigen Lehrstuhl für Experimentelle Orthopädie und Arthroseforschung erhalten. Madry, seine Frau, die Privatdozentin Magali Cucchiarini und Professor Dieter Kohn von der Klinik für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie nutzen den frischen Wind, um im Rahmen einer UGR-Pilotaktivität verstärkt mit Forschern und klinischen Orthopäden des Centre Hospitalier in Luxemburg, der Universität Nancy und der Universität Lüttich zusammenzuarbeiten.

Unterstützt und gefördert wird die Kooperation der Orthopäden vom grenzüberschreitenden Projekt »Universität der Großregion« (UGR). Dieses wird von der Europäischen Union im Rahmen des »Interreg IVA – Großregion«-Programms gefördert. Außer der Saar-Uni gehören die Universitäten inTrier, Kaiserslautern, Metz, Nancy, Luxemburg und Lüttich dazu. Ein Ziel des Universitätsverbundes ist das grenzüberschreitende Forschen.»Zurzeit unterstützt das Projekt UGR rund 25 Pilotaktivitäten, davon neun im Bereich Forschung. Eines der Vorhaben ist das der Orthopäden. Wir helfen den Wissenschaftlern dabei, sich zu vernetzen, indem wir sie bei der Organisation von Konferenzen, Seminaren, Arbeitstreffen und Kolloquien unterstützen. Wir vermitteln Kontakte zu anderen Forschern und übernehmen beispielsweise Reise-, Verpflegungs- und Veranstaltungskosten «, sagt Nadja Ickert, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Carola Hodyas an der Saar-Uni innerhalb des Projektes UGR für Forschung und die Pilotaktivitäten zuständig ist. Personal- und Materialmittel oder Fördergelder für die Forschungsarbeiten selbst kann das Projekt »Universität der Großregion« allerdings nicht bereitstellen.

Als Startschuss für ihr Vorhaben veranstalteten die Homburger Orthopäden im vergangenen November eine Konferenz mit dem Titel »Experimentelle und Klinische Orthopädie der Großregion«, die vom Projekt UGR finanziert wurde. »Es war ein Treffen zum gemeinsamen Kennenlernen, bei dem herausragende Arbeitsgruppen der vier Partner Vorträge über ihre experimentelle und klinische Forschung gehalten haben. Dabei blieb auch viel Raum für gemeinsame Diskussionen«, sagt Henning Madry. Konkret untersucht der Professor für Experimentelle Orthopädie und Arthroseforschung neue regenerative Therapiestrategien für Gelenkknorpeldefekte, Meniskusschäden und Arthrose.»Wie Knorpelschäden nicht heilen, sind sie eine große Herausforderung für Orthopädische Chirurgen. Um dieses Problem zu lösen, werden beispielsweise die Gene für Wachstumsfaktoren in Knorpelzellen und adulte Stammzellen eingeschleust. Diese werden dann in Knorpeldefekte transplantiert, um so die Knorpelreparatur zu verbessern. Mit einer ähnlichen Strategie kann auch das Tissue Engineering, also die Gewebezüchtung von Knorpel, unterstützt werden«, erklärt Professor Madry.

Im Bereich der klinischen Orthopädie forschen Ärzte um Professor Kohn gemeinsam mit Kollegen aus Luxemburg an so genannten Hüft-Interimsprothesen. Diese speziellen Prothesen werden verwendet, wenn ein künstliches Gelenk wegen einer Infektion entfernt werden muss. »Die Prothese wurde bisher bei 18 Patienten eingesetzt, und das Ergebnis war sehr zufriedenstellend«, sagt Dr. Konstantinos Anagnostakos, der an den Forschungen beteiligt ist. Für das Projekt erhielten die Wissenschaftler im vergangenen November den mit 10.000 Euro dotierten zweiten Platz beim Exzellenzpreis für Forschung der Großregion. Die Homburger Orthopäden wollen im Rahmen ihrer Pilotaktivität auch weiterhin » europäisch« arbeiten und die bestehenden Kooperationen vertiefen. Geplant ist ein Austausch von Dozenten als Gastprofessoren innerhalb der beteiligten Unis sowie ein Austauschprogramm für Doktoranden und Ärzte.

 


Um Viruskrankheiten gemeinsam den Kampf anzusagen, sind auch die Virologen in der Großregion dabei, sich zu vernetzen. Die Professorin und Direktorin des Instituts für Virologie am Homburger Uniklinikum Sigrun Smola hat dabei die Rolle der »UGR-Lead-Researcherin« übernommen. Sie organisierte mit Unterstützung des Projektes UGR im vergangenen September ein zweitägiges Meeting für Virologen aus Homburg, Nancy, Luxemburg und Lüttich. Mit Kollegen aus Nancy will Sigrun Smola das virologische Monitoring immunsupprimierter Patienten ausbauen. »Bei Patienten, die eine Organtransplantation hinter sich haben, muss das Immunsystem durch Medikamente kontrolliert geschwächt werden, damit sie das Organ nicht abstoßen. Bei diesen Patienten können sich Viren eher vermehren. Durch das Monitoring können wir die Viren erfassen, noch bevor die Patienten Symptome einer Krankheit entwickeln«, erklärt die Professorin.

Forschungsschwerpunkt von Sigrun Smola sind die humanen Papillomviren, die unter anderem Gebärmutterhalskrebs auslösen. Ihre Arbeitsgruppe hat herausgefunden, dass das Immunsystem nicht nur Viren abwehrt, sondern in bestimmten Fällen von mit Tumorviren infizierten Zellen so »umgepolt« wird, dass es die Entstehung von Tumoren fördert. »Das ist ein ganz neuer Ansatz in der Virologie. Papillomviren schleichen sich in die Haut oder Schleimhaut ein und verstecken sich dort vor dem Immunsystem. Nach und nach verändern sie die Wirtszellen, diese lösen dann eine chronische Entzündung aus, die wieder um die Entstehung bösartiger Zellen fördert«, erklärt die Virologin. Gemeinsam mit Dr. Nathalie Jacobs von der Universität Lüttich will Sigrun Smola nun untersuchen, wie Papillomviren solche immunologischen Veränderungen in Haut und Schleimhaut bewirken. »Von der Kooperation mit Forschern in der Großregion erhoffe ich mir Synergien. Wir möchten etwas dazu lernen und damit die virologische Forschung an der Universität des Saarlandes vorwärts bringen«, so die Virologin.

Die Zusammenarbeit mit den Kollegen in der Großregion fällt Virologen wie Orthopäden gleichermaßen leicht. Magali Cucchiarini unterhält schon lange Kontakte zu französischen Wissenschaftlern, denn sie ist Französin. Aber auch Sigrun Smola, Dieter Kohn und Henning Madry können keine kulturellen Unterschiede feststellen: »Eine solche Kooperation hat weniger Ecken und Kanten als man sich das so vorstellt, schließlich ist die Sprache der Wissenschaft universell.«

_Irina Urig

Mehr Informationen im Internet unter: www.uni-gr.eu