Der Anti-Boerne

Der Anti-Boerne


Peter Schmidt ist neuer Leiter der Homburger Rechtsmedizin und pflegt einen ganz anderen Führungsstil als sein berühmter Fernsehkollege aus dem »Tatort«

Mord und Totschlag sind die Hauptzutaten eines guten Krimis. Ein Rechtsmediziner sieht das allerdings anders. Zwar ist auch er der Meinung, dass eine Leiche zu einem spannenden Krimi dazugehört. Hingegen würde er sagen, dass die Hauptzutaten eines Krimis Mord oder Totschlag sind. Denn die Rechtsmediziner leisten mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag dazu, dass die Richter diesen Unterschied in einem Verfahren feststellen können.

Seit März ist Peter Schmidt der offizielle Chef in der Rechtsmedizin, nachdem er ein knappes Jahr lang als kommissarischer Institutsleiter bereits in Homburg war. Der 52- jährige Professor für Rechtsmedizin ist eher von der ruhigen Sorte. Höflich lässt er seinen Mitarbeitern den Vortritt an der Tür, und er lobt sie gerne (»Sie sind ein Traum«).Streng ist er nicht. Respektlose Kumpelhaftigkeit herrscht aber nicht am Institut für Rechtsmedizin. »Wenn man freundlich miteinander umgeht und als Chef auch mit seinen Leuten gemeinsam zum Mittagessen gehen kann, ist das doch viel schöner als alleine zu gehen, nur weil man der Chef ist«, sagt Peter Schmidt, der sich wohl eher als Mannschaftskapitän denn als Trainer versteht. »Entscheidend ist doch, dass die Mitarbeiter motiviert sind«, erklärt er diese Art der Führung.

Die rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Institut wissen dies zu schätzen. Trotz der für Außenstehende bisweilen gruseligen Arbeit herrscht eine heitere Stimmung im Institut für Rechtsmedizin. »Man wird im Studium schon gut vorbereitet«, erklärt Catia Loddo, die im Bereich Sektion arbeitet, einem von insgesamt vier Abteilungen des Institutes. »Die Leichen, an denen die Studenten üben, sind ja konserviert. Da lernt man schon, Distanz zu wahren«, erklärt die Ärztin.

 


Rund 200 Leichen werden pro Jahr im Homburger Institut seziert, meist auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Saarbrücken. Immer, wenn sich die Polizei unsicher ist, wie jemand gestorben ist, treten die Rechtsmediziner aus Homburg auf den Plan. Catia Loddo erzählt von einem Verstorbenen, der mit einer Kopfwunde in seiner Wohnung lag. Blutige Fußspuren zeigten, dass er vom Wohnzimmer, wo er offenbar verletzt wurde, bereits stark blutend ins Bad taumelte, dort ein blutiges Handtuch in die Toilette warf, wieder zurück ins Wohnzimmer wankte und sich dort ein Sofakissen auf die Kopfwunde drückte. Nachdem auch dieses voller Blut war, verlor der Mann das Bewusstsein und brach vor der Heizung zusammen. War es ein Gewaltverbrechen oder ein Unfall? Der Ort des Geschehens gab der Polizei Rätsel auf. Es stellte sich heraus, dass der Mann betrunken war und auf den alten Heizkörper im Wohnzimmer gestürzt ist, der Lamellen hatte. »Diese Lamellen passten genau auf die Wunde«, erklärt Catia Loddo, die den Unfallort begutachtete. »Anschließend versuchte der Mann, die Blutung mit einem Handtuch zu stoppen und schleppte sich deshalb zum Bad. Zurück im Wohnzimmer brach er zusammen und starb«, so die Schlussfolgerung der Rechtsmedizinerin.

 



»Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir natürlich auch lebende Menschen untersuchen«, wirft Peter Schmidt ein. Die Rechtsmediziner untersuchen Opfer, die einen Verkehrsunfall oder ein Gewaltverbrechen überlebt haben, Frauen, die vergewaltigt worden sind, Menschen ohne Ausweispapiere, denen ein Verbrechen zur Last gelegt wird. Letzteres, um herauszufinden, ob sie bereits strafmündig sind oder nicht. Die Rechtsmediziner treten als Gutachter vor Gericht auf. Außerdem untersucht das Institut in seiner Toxikologie- Abteilung jährlich etwa 2500 Blutproben von Autofahrern, die betrunken gefahren sein sollen, und 800 Fahrern, die Drogen oder Medikamente genommen haben sollen. Im Labor für DNA-Analysen landen über 500 Proben aus dem Saarland – pro Monat. Hier werden beispielsweise Abstammungstests durchgeführt und Tatwerkzeuge auf Erbgut des mutmaßlichen Täters untersucht.» Die meisten Tatwerkzeuge stammen aus Eigentumsdelikten«, erklärt die Biologin Sabine Cappel, die das Labor leitet.

Über all das wacht Peter Schmidt in seiner ruhigen und zurückhaltenden Art, ganz anders als sein inzwischen zum Popstar mutierter Fernsehkollege Karl-Friedrich Boerne alias Jan Josef Liefers im»Tatort«. Es ist eben alles eine Frage des Naturells. Und ob es Mord oder Totschlag war, können die Homburger genauso gut feststellen wie ihr berühmter Kollege aus dem Fernsehen.

_Thorsten Mohr