Gelungene Vergangenheitsbewältigung

Gelungene Vergangenheitsbewältigung


Seit zwei Jahren wird in Tübingen heftig über einen Straßennamen gestritten: Es geht um die Karl-Adam- Straße, die 1966 nach dem Tübinger Theologen Karl Adam benannt wurde. Dass dieser einer Gruppe nationalsozialistischer Priester angehörte, hat Lucia Scherzberg, Professorin für Katholische Theologie an der Saar-Uni, bereits vor zehn Jahren in ihrer Habilitation dargestellt. Erst vor einigen Wochen hat der Tübinger Gemeinderat schließlich ein Verfahren zur Umbenennung der Straße eingeleitet.
 

Karl Adam begrüßte Hitler 1933 wie den neuen Messias«, sagt Lucia Scherzberg. Die Theologin lehrt seit 2003 an der Universität des Saarlandes und führt hier ihr Hauptforschungsgebiet, die Vergangenheitsbewältigung in der katholischen Theologie, fort. Ein heikles Thema, wie sie selber feststellen musste. Denn mit ihrer Habilitationsarbeit über die Verstrickungen des Theologen Karl Adam in den Nationalsozialismus stieß sie bei manchen Mitgliedern der Katholisch- Theologischen Fakultät in Tübingen zunächst auf große Skepsis.

»Einige Tübinger Emeriti hatten zu Karl Adam, der von 1919 bis 1948 an der Katholisch-Theologischen Fakultät lehrte, noch persönliche Beziehungen«, erklärt die Saarbrücker Wissenschaftlerin. Darüber hinaus sei er weltweit als Theologe sehr prominent gewesen und gelte als einer der Wegbereiter des Zweiten Vatikanischen Konzils, das entscheidende Reformen in der katholischen Kirche brachte. Selbst der Papst äußerte sich noch 2007 im Vorwort seines Bandes »Jesus von Nazareth« lobend über den 1966 verstorbenen Theologen. »Ein Problem damals war, dass meine These lautete, dass es gerade die Reformtheologie war, die für den Nationalsozialismus anfällig war«, meint Lucia Scherzberg.»

Man hatte Karl Adam bis dahin einfach ›braune Neigungen‹ zugesprochen und diese als politische Naivität gedeutet. Das stimmt aber nicht – er hat aus Überzeugung gehandelt «, fasst die Saarbrücker Theologin Ergebnisse ihrer Forschungen zusammen. Karl Adam sei von dem neuen Lebensgefühl, das der Nationalsozialismus vermittelte, und von der Person Hitlers stark beeindruckt gewesen. »Für ihn erfüllte die NS-Ideologie die Sehnsucht nach Einheit und Gemeinschaft des deutschen Volkes. Damit erschien sie modern. Dieses Innovationspotenzial des Nationalsozialismus wollte er für Kirchenreformen nutzen«, erläutert sie. 1939 hielt er in Aachen eine Rede über die Vereinbarkeit von Katholizismus und Nationalsozialismus, auf die es zwar viele kritische Stimmen gab, allerdings seien die meisten Reaktionen positiv gewesen. Er sei Mitglied einer konspirativ arbeitenden nationalsozialistischen Priestergruppe geworden, habe sich selber  aber nie dezidiert als Nationalsozialist bezeichnet. Dass er auch völkisches Denken in die Theologie integrierte, so Lucia Scherzberg, zeige sich an Aussagen wie:»Auch der ungetaufte deutsche Volksgenosse ist uns näher als der getaufte Hottentotte.«

Und wie war die Aufarbeitung nach 1945? »Die Kirche hat die NS-Zeit relativ unbeschadet überstanden, da sie sich nicht als Ganzes dem Nationalsozialismus verschrieben hatte; die Aufarbeitung hat aber sehr spät begonnen«,meint Lucia Scherzberg. Doch bei der Würzburger Synode in den 1970er Jahren und im Schuldbekenntnis von Johannes Paul II. im Jahr 2000 habe die Kirche ihr Wegsehen bei der Judenverfolgung eingestanden.

Dass die Katholisch-Theologische Fakultät in Tübingen die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit längst in Angriff genommen hat, zeigt eine Veranstaltung, die auf Wunsch der Studenten im Sommer stattfindet: Bei einem »Dies academicus« werden sie einen Tag lang zum Thema »völkisches Denken in der Theologie, speziell Karl Adam« diskutieren. Auch Lucia Scherzberg wird dort einen Vortrag halten. Inzwischen ist auch der Tübinger Gemeinderat zu einem Ergebnis gekommen: Ein Verfahren zur Umbenennung der Straße ist eingeleitet, und nach Auskunft der Stadtpressestelle wird mit dem Beschluss noch vor der Sommerpause gerechnet.

_Gerhild Sieber


Lucia Scherzberg führt ihre Forschungen in Saarbrücken in zwei Projekten ihres Lehrstuhls fort: Die seit 2006 im Online-Format herausgegebene Zeitschrift »theologie.geschichte« arbeitet totalitäre Vergangenheit in Europa auf. Dabei geht es nicht nur um den Nationalsozialismus, sondern auch um kommunistische und andere Diktaturen (http://aps.sulb.unisaarland.de/theologie.geschichte/). Außerdem veranstaltet der Lehrstuhl von Lucia Scherzberg im Zwei-Jahres-Rhythmus Tagungen zum Thema »Theologie und Vergangenheitsbewältigung«.An den Fachsymposien sind nicht nur Theologen beteiligt, sondern auch Historiker, Philosophen, Germanisten, Kunsthistoriker und Juristen.