Kunsthistoriker beschäftigt sich mit Michael Jackson und den Videos von Abba

Kunsthistoriker beschäftigt sich mit Michael Jackson und den Videos von Abba


Fetzige Sounds, dazu bunte Bilder und schnelle Schnitte – vor 30 Jahren brachte der Sender MTV das Musikfernsehen ins Wohnzimmer. Das war allerdings keine neue Kunstform, denn Vorläufer des Musikvideos gab es schon im 18. Jahrhundert, wie Henry Keazor herausgefunden hat. Der Saarbrücker Professor für Kunstgeschichte forscht seit Jahren zum Thema Musikvideo. Im vergangenen Jahr hat er eine Videoclip-Ausstellung mit organisiert, die noch bis Anfang Juli im rock’n’pop-Museum im westfälischen Gronau gezeigt wird.

Ganz in Schwarz-Weiß getaucht ist die Szene, die gerade über den Laptop flimmert. Der Sänger Michael Jackson und seine Schwester Janet bewegen sich zu dem Song »Scream« durch ein Raumschiff und zertrümmern Gegenstände. »Dieses Musikvideo von Regisseur Mark Romanek ist mit einem Budget von 7,5 Millionen Dollar der teuerste Videoclip aller Zeiten«, erklärt Professor Henry Keazor. Auch wenn Country-Legende Johnny Cash in einem ebenfalls von Romanek gedrehten Musikvideo sein Leben und seine Auftritte Revue passieren lässt, ist der Kunsthistoriker in seinem Element. »Bei meinen Forschungen analysiere ich zunächst den Text des Songs. Dann schaue ich, was der Text mit den Bildern zu tun hat. Je öfter ich das Video ansehe, desto mehr Details entdecke ich. Nach und nach entsteht so eine Interpretation«, sagt Henry Keazor. »In einem Video für die Rapperin Missy Elliot geht es zum Beispiel hintergründig auch um den Tod, was die Verweise auf Hitchcock- und Horror- Filme erklärt, die man in dem Clip beobachten kann. Generell transportieren die Künstler mit ihren Bildern in den Videos aber immer auch ein Image, das sich mit der Zeit wandelt «, berichtet er.

Angefangen, Musikvideos zu schauen, hatte Professor Keazor in den 90er Jahren in Italien, zunächst aus rein privatem Interesse. Als wissenschaftlicher Assistent an der Uni Frankfurt hatte er dann später gemeinsam mit seinem Kollegen Thorsten Wübbena die Idee, ein Musikvideo-Seminar anzubieten. Die beiden machten sich auf die Suche nach der geeigneten Literatur zu dem Thema und stellten fest, dass es keine gab. »Letztendlich haben wir dann das Buch, das wir gesucht haben, selbst geschrieben«, lacht Henry Keazor. Das 2005 erschienene Werk mit dem Titel »Video thrills the Radio Star« fiel dann auch den Machern des rock’n’pop-Museums Gronau in die Hand, die Henry Keazor und Thorsten Wübbena prompt als Kuratoren einer Ausstellung gewinnen konnten. Die Schau mit dem Titel »Imageb(u)ilder« zeigt unter anderem die Geschichte des Musikvideos.

Vorläufer des heutigen Videoclips gab es sogar schon im 18. Jahrhundert. Damals spielten Musiker Cembalo, parallel dazu wurden auf einer mechanischen Miniaturbühne bewegte Bilder gezeigt. Einer der ersten »richtigen« Clips entstand dann 1906. Damals drehte eine Regisseurin für einen französischen Sänger einen Film zu dem Lied » Anna, qu’est ce que t’attends«,der bereits im Freien entstand und durch Schnitte strukturiert war.»Die ersten, die dann Musikvideos mit schnellen Schnitten, Außenaufnahmen und Choreographien gedreht haben, war in den 70er Jahren die schwedische Band Abba«, erklärt Henry Keazor. Standen zu den Glanzzeiten der Fernsehsender MTV und Viva noch die Musiker im Mittelpunkt, so sind inzwischen auch die Regisseure oder die Fans in den Fokus gerückt. Auch neue Medien wie Handys und das Internet haben die Videoclips nachhaltig geprägt. »In Zeiten von You-Tube kann ja jeder sein eigenes Video drehen. Die Band Wir sind Helden hat beispielsweise ein ganzes Musikvideo nur aus Fanmaterial zusammengeschnitten«,erklärt Henry Keazor. Zurzeit untersucht er zusammen mit Thorsten Wübbena und Professor Hans Giessen aus der Informationswissenschaft, wie sich Musikvideos verändern müssen, um auf Handys und Smartphones ähnlich erfolgreich zu sein wie im Fernsehen. Die Forscher erwarten unter anderem, dass die Szenen wieder länger werden und weniger Details gezeigt werden, weil die Displays sehr klein sind. Henry Keazor ist überzeugt: »Die Medien ändern sich, und damit die Anforderungen an die Videoclips. Die Kreativität aber ist ungebrochen. Allen Unkenrufen zumTrotz: Das Musikvideo lebt!«

_Irina Urig