Von der Rolle: Lady Gaga inspiriert Geschlechterforschung

Von der Rolle: Lady Gaga inspiriert Geschlechterforschung


Warum schlüpft Lady Gaga in Männerrollen oder spielt eine eiskalte Mörderin? Ist sie nur durchgedrehte Popdiva oder parodiert sie in ihren Musikvideos bewusst verschiedene Rollenbilder?

Diesen Fragen ging eine Studentin bei einem Workshop über Geschlechterforschung an der Saar-Uni nach. Der Forschungszweig, im Englischen auch Gender Studies genannt, ist in den USA fest etabliert. In Deutschland steckt er hingegen noch in den Kinderschuhen. Astrid Fellner, Professorin für nordamerikanische Literatur und Kultur an der Saar-Uni, will das ändern und die Studentinnen und Studenten für das facettenreiche Thema begeistern. 

»In der Geschlechterforschung werden die Rollenbilder und stereotypen Vorstellungen von Männern und Frauen hinterfragt und es wird untersucht, wie diese den Menschen ein bestimmtes Verhalten vorschreiben«, erklärt Astrid Fellner, die seit zwei Jahren Amerikanistik an der Saar-Uni lehrt. Der englische Begriff »Gender« bezieht sich auf das soziale Geschlecht, also darauf, wie die Gesellschaft mit bestimmten Rollenvorstellungen umgeht. »In den 1970er Jahren war das noch reine Frauenforschung. Heute geht es um die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen den Geschlechtern und wie diese die Literatur, die Medien, aber auch Politik und Recht beeinflussen«, erläutert die Professorin, die aus Österreich stammt und mehrere Jahre an der Universität Wien geforscht hat.

Astrid Fellner hat sich sehr früh mit Frauenbildern in der Literatur beschäftigt und kam dadurch fast automatisch zur Genderforschung. »Das ist wie eine Brille, durch die man alles mit anderen Augen sieht. Ich stelle mir bei vielen Themen die Frage, was sie mit Klischees und eingefahrenen Rollenbildern zu tun haben könnten«, erläutert die Wissenschaftlerin. Entsprechend fächerübergreifend ist ihr Ansatz. Im Juni lud die Professorin zusammen mit ihrer Assistentin Jennifer Moos zu einem internationalen Workshop über Geschlechterforschung nach Saarbrücken ein, zu dem auch Studentinnen und Studenten von der Universität Wien, aus England, Belgien und den USA anreisten. Sie stellten gemeinsam mit Doktoranden aus den Sprach- und Kulturwissenschaften ihre Arbeiten vor, in denen sie unter anderem Frauenbilder und Männlichkeitsideale untersuchten.

Die Lehramtsstudentin Eva Battista von der Saar-Uni beispielsweise hat sich intensiv mit Lady Gaga beschäftigt. »In ihren Videoclips durchbricht die amerikanische Pop- Ikone unsere Sehgewohnheiten und spielt mit vertauschten Geschlechterrollen. Mal gibt sie sich maskulin, dann wieder verführerisch weiblich. Auch Flirts von Frau zu Frau kommen in den entfremdet inszenierten Musikfilmen vor«, erklärt die Studentin. Im Video »Telephone« treten zudem Gefängniswärter auf in der Gestalt von muskelbepackten Bodybuilding-Frauen. Lady Gaga selbst erscheint unterwürfig und zurückhaltend als Kellnerin, um dann während des Dinners hinterhältig den Liebhaber ihrer Freundin zu vergiften. »Die Sängerin stellt die Rollenbilder bewusst infrage und widersetzt sich auch den in der Popszene gängigen Schönheitsidealen. Sie zitiert häufig Klischees wie etwa das Bild vom ›Heimchen am Herd‹ und nimmt diese dann aber parodierend aufs Korn. Zum Beispiel, indem sie eiskalt Macht ausübt, was man eher von Männern erwartet«, meint Eva Battista. In ihren Augen ist Lady Gaga eine Feministin, die sich mit ihrem provokanten Verhalten der männlichen Dominanz widersetzen will und generell für Schwächere eintritt.

Um weniger feministische Frauenbilder ging es hingegen der Anglistik-Studentin Leonie Grön, die in ihrer Bachelorarbeit die amerikanische Fernsehsehserie »Sex and the City« untersuchte und in dem Workshop vorstellte. Eine weitere Seminararbeit beschäftigte sich mit der Darstellung von Homosexuellen im deutschen und britischen Fernsehen. »Die Analyse von gleichgeschlechtlichen Beziehungen, im Englischen Queer Studies genannt, ist mit der  Geschlechterforschung eng verknüpft. ›Queer‹ steht im Englischen für ›seltsam‹ oder ›sonderbar‹ und wurde auch lange Zeit als Schimpfwort für Homosexuelle verwendet. Wenn wir Queer-Themen behandeln, lernen die Studierenden zu hinterfragen, was Normalität ist und warum Menschen aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden«, erläutert Astrid Fellner. Sie bekämen dadurch einen kritischen Blick für Diskriminierungen jeglicher Art, also zum Beispiel auch für Situationen, wenn Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder sozialen Herkunft schlechter behandelt würden.

Die Saarbrücker Professorin betrachtet die Gender Studies daher als wichtiges Grundlagenwissen für alle Studenten. »In den großen Unternehmen und Institutionen spielen heute Gleichstellung und Frauenförderung eine zentrale Rolle. Noch umfassender ist das so genannte Diversity Management, mit dem Unternehmen die individuelle Verschiedenheit der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht nur tolerieren, sondern auch positiv für sich nutzen wollen«, so Fellner. Dabei gehe es nicht nur um die Unterschiede von Mann und Frau oder um sexuelle Orientierung, sondern auch um Alter, Behinderung und Religionszugehörigkeit. »Über die Genderstudien lernen die Studierenden, kritisch über das Verhältnis der Geschlechter nachzudenken und toleranter mit jeglicher Art von Anderssein umzugehen«, meint die Professorin.

Astrid Fellner möchte daher zusammen mit ihrem Team noch weitere Veranstaltungen zu diesem Thema anbieten und sich damit auch an die breite Öffentlichkeit wenden. »Zu dem Workshop im Juni hatten wir die bekannte Gender-Forscherin Judith Jack Halberstam von der University of Southern California in Los Angeles eingeladen. Sie hat bei ihrem Vortrag in der Saarbrücker Frauenbibliothek auch viele Gäste aus Trier, Luxemburg und Mainz angelockt «, freut sich Fellner. Sie hofft, dass auch die Gastprofessur für Gender Studies, die an der Saar-Uni im Jahr 2002 eingerichtet wurde, weitere Impulse gibt. Fellner sieht die Geschlechterforschung als Querschnittsaufgabe, zu der jede Fachrichtung etwas beitragen kann. »In den Ingenieurwissenschaften etwa kann es um die Frage gehen, wie man Mädchen für die Technik begeistert, damit sie dann auch entsprechende Studiengänge wählen«, nennt die Professorin als Beispiel und sieht auch hier noch viel Forschungs- und Handlungsbedarf. Sie will daher Schwung in die Geschlechterforschung der Saar-Uni bringen und hofft, dass auch in Saarbrücken bald ein bundesweit sichtbares Zentrum für Genderstudien entstehen wird.



_Friederike Meyer zu Tittingdorf



Weitere Infos: www.geschlechterforschung.org