Wo tut's denn weh?

Wo tut’s denn weh?


Medizin- und Psychologiestudenten üben gemeinsam das Gespräch mit Patienten, um Krankheiten genauer diagnostizieren zu können


Es läuft etwas schief in Deutschlands Arztpraxen und Kliniken. »Wir sind hierzulande apparativ sehr gut ausgestattet. Trotzdem sind die Patienten oft unzufriedener als in anderen Ländern«, erklärt Volker Köllner, Honorarprofessor für Psychosomatische Medizin an der Saar-Uni. Das hängt vor allem an der Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Besonders wichtig ist meist der erste Kontakt. Viele Patienten haben hier das Gefühl, dass der Arzt nicht richtig zuhört und fühlen sich nur unzureichend informiert. Die Ärzte hingegen sind oft ratlos, wenn es darum geht, schlechte Nachrichten zu überbringen, Tabuthemen anzusprechen oder den Zusammenhang zwischen Krankheiten und psychischen oder sozialen Belastungen zu erfragen. »Diese Kommunikation wird in anderen Ländern viel mehr gelehrt. Hier ist das Pionierarbeit«, erklärt Köllner.

Diese gezielte Art des Patientengesprächs, die so genannte Anamnese, trainieren Medizinstudenten nun seit Kurzem gemeinsam mit Psychologiestudenten an Patienten unter der Supervision von Volker Köllner. Die Gruppen selbst werden von studentischen Tutoren geleitet. Anamnesegruppen gibt es zwar schon länger in Homburg, aber darin waren Medizinstudenten bisher unter sich. »Gerade für die Medizinstudenten, die in Homburg wenig Kontakt zu anderen Fakultäten haben, ist der Austausch mit Studierenden aus anderen Bereichen gut«, erklärt Tutorin Kathrin Weidner. Die Zusammenarbeit mit den Psychologiestudenten empfindet die 26-jährige Medizinstudentin als großen Gewinn. »Wir haben einen Weg gefunden, von den Erfahrungen des anderen zu profitieren. Themen wie die Gefühlslage des Patienten und des Gesprächsführers sind Dauerbrenner und führen zu interessanten Diskussionen.«

Die erste Psychologiestudentin, die nun eine Anamnesegruppe als Tutorin leitet, ist Hannah Kolmstetter. Das Spannende für sie an der fächerübergreifenden Übung ist es herauszufinden, »wo die Grenze verläuft zwischen persönlichem Mitgefühl für den Patienten und der professionellen Notwendigkeit, in unangenehmen Situationen noch Fragen zu stellen«. Damit will die 24-Jährige in kurzer Zeit einen möglichst eindeutigen Gesamteindruck des Patienten bekommen.

Denn bei aller rücksichtsvollen Gesprächsführung verfolgt ein Psychologe oder ein Mediziner doch ein Ziel beim Patientengespräch: eine möglichst genaue Diagnose zu stellen. »Wenn Ärzte an den richtigen Stellen die richtigen Fragen stellen, bekommen sie auch wichtige Details heraus«, weiß Volker Köllner. »Leidet ein Mann beispielsweise unter Erektionsstörungen, kann das ein Hinweis auf eine koronare Herzerkrankung sein«, erläutert er den Zusammenhang. Ist es dem Mann aber unangenehm, über seine Erektionsprobleme zu sprechen, weil ihm die Gesprächssituation unangenehm ist, läuft sein Arzt Gefahr, die Herzkrankheit zu übersehen. »Es ist wichtig, eine Atmosphäre zu schaffen, in der der Patient offen sprechen kann. Das ist besonders für Allgemeinmediziner wichtig. Denn Hausärzte sind meist die erste Anlaufstelle«, weiß Volker Köllner.

Aber ein Arzt oder Therapeut kann noch so einfühlsam und gezielt mit Patienten sprechen. Eine Lektion muss er auch gelernt haben: »Wir müssen uns auch damit abfinden, einmal keine Lösung zu finden und Entscheidungen von Patienten hinzunehmen«, sagt die angehende Medizinerin Kathrin Weidner. Verweigert ein lebensbedrohlich erkrankter Patient die Medikamente oder möchte er sich gegen ärztlichen Rat nicht einer lebensrettenden Operation unterziehen, müssen Ärzte diese Entscheidungen akzeptieren. Denn auch der einfühlsamste Gesprächspartner stößt irgendwann an seine Grenzen. Das tut er dann aber mit dem Wissen, diese Grenzen zu kennen statt ratlos im Dunkeln zu tappen.

 

_Thorsten Mohr