Alles im bunten Bereich?

ALLES IM BUNTEN BEREICH?


Homosexualität auf dem Uni-Campus »Wir stecken mal wieder in Schwulitäten …«. Solche Sätze hört der Student Max Engel gelegentlich, wenn er an Sitzungen teilnimmt und das Gespräch auf Ärgernisse kommt. Dass das Thema Homosexualität immer noch gleichbedeutend mit etwas Schlechtem, Negativem verwendet wird, ärgert den 23-Jährigen nicht nur in solchen Situationen. »Ich denke dann immer: ›Mensch, Leute, ich sitze doch auch hier‹«, erzählt Engel. Er ist schwul, und seine Kommilitonen wissen das auch. 

Eine schwerwiegende Diskriminierung hat der angehende Kulturwissenschaftler an der Uni allerdings noch nicht erfahren. Direkte Beleidigungen oder gar körperliche Angriffe sind ihm hier fremd. Es sind solche Kleinigkeiten, meist achtlos dahergesagte Bemerkungen wie die »Schwulitäten «, die immer mal wieder vorkommen. Hier wünscht Max Engel sich ein bisschen mehr Achtsamkeit. »Dort zeigt sich viel von der wahren Gesinnung, ob jemand wirklich sensibilisiert ist oder eher wenig Interesse daran hat. Was die Sprache betrifft, ist auf jeden Fall noch sehr viel Arbeit zu erledigen«, sagt Max Engel. 

Bis auf solche Äußerungen ist also alles in Ordnung? Astrid Fellner beantwortet die Frage – gesamtgesellschaftlich betrachtet – mit einem klaren »Nein«: »Wir sagen heutzutage sehr leicht: ›Ach, sind wir so liberal‹, wenn wir über Homosexuelle sprechen.« Unterschwellig herrscht aber dennoch Diskriminierung. Die Professorin für Amerikanistik beschäftigt sich unter anderem mit Geschlechterforschung in der Literaturwissenschaft und hat sich hierbei auch mit dem Bild von Homosexualität in der Literatur- und Mediengeschichte befasst. Hier stellt sie fest, dass obwohl Schwule und Lesben vermehrt präsent sind, es in den Medien immer noch zu diskriminierenden Aussagen kommt. »Schwule werden in Sitcoms immer noch oft als Tunten dargestellt, Lesben als Birkenstock tragende Emanzen«, nennt sie ein Beispiel. 

In offiziellen Institutionen wie beispielsweise der Universität werden Schwule und Lesben heute auf dem Papier selbstverständlich wie alle anderen gleich behandelt. Dass dem tatsächlich so ist, verneint die Wissenschaftlerin. Denn hinter vorgehaltener Hand sind sie immer noch »die Schwulen « oder »die Lesben«. »Im Alltag ist Homosexualität immer noch sehr stark eine Seins-Kategorie. Jemand ist dann eben der Schwule oder die Lesbe.« Niemand würde jedoch über einen heterosexuellen Kollegen sagen: »Das ist Peter, er steht auf Frauen« oder »Das ist Birgit, die Heterosexuelle. « Viel eher sprechen die Kollegen vielleicht über »Peter, den Kommilitonen von Jens« oder »Birgit, der Chefin von Manfred«. 

Eine große Offenheit, wie sie heute allseits postuliert wird, stellt die Professorin aufgrund dieser Erkenntnisse noch lange nicht fest. Dennoch gibt es einen großen Unterschied vor allem zur Frühzeit der Bundesrepublik, als Homosexualität – unter Männern – mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft wurde. »Präsentere Kategorien wie der Beruf drängen die Seins-Kategorie Homosexualität vielleicht in den Hintergrund. Bei Wowereit oder Westerwelle ist das dann Ok. Aber die breite Akzeptanz ist noch lange nicht gegeben«, beschreibt sie diesen langsamen Wandel. Sie sieht diesen Wandel, auch wenn er nur langsam vonstatten geht, aber grundsätzlich positiv. »Wenn Politiker oder Fernsehmoderatoren als schwul geoutet sind, trägt das mit Sicherheit zur Enttabuisierung bei«, lautet Fellners Schlussfolgerung. 

An der Saar-Uni ist die Gleichbehandlung von Homosexuellen tatsächlich schon viel weiter als an anderen Hochschulen. Sybille Jung hat in 14 Jahren Gleichstellungsarbeit an der Saar-Uni bisher nur in einem Gespräch eine kommentierende Bemerkung mit der Bedeutung »Der klingt schon irgendwie schwul« über die Sprechweise eines Wissenschaftlers gehört. »Letztendlich hatte diese Bemerkung allerdings keinen Einfluss auf die fachliche Bewertung des Wissenschaftlers«, weiß die promovierte Sozialwissenschaftlerin. 

Sybille Jung betont, dass auch die Universitätsleitung in Berufungsverhandlungen einen selbstverständlichen Umgang mit dem Thema pflegt. Jede Form von Lebens- und Ehepartnerschaft der Bewerberinnen und Bewerber wird engagiert von der Stabsstelle Chancengleichheit unterstützt. »Die Reaktion des Präsidiums ist in jedem Fall ›Rufen Sie bei Frau Jung an. Die wird sie mit ihrem Team des audit familiengerechte hochschule beraten‹, erzählt die Leiterin der Stabsstelle Chancengleichheit . »Diese Selbstverständlichkeit, mit der die Unileitung mit dem Thema umgeht, erleben Neuzuberufende aus ihrer Sicht an vielen anderen Unis so noch nicht. Die Saar-Uni hat sich schon vor einigen Jahren zur Anerkennung von Vielfalt, der Diversity- Policy, öffentlich bekannt«, ergänzt Sybille Jung. 

Im Arbeitsalltag von Sybille Jung, die seit 2007 auch Gleichstellungsbeauftragte der Uni ist, und ihren Kolleginnen spielt das Thema Homosexualität ansonsten keine herausragende Rolle. »Beratungen wegen Diskriminierung hatten wir in den vergangenen Jahren kaum«, sagt die Chefin des Gleichstellungsbüros. Sie ermuntert Homosexuelle und wissenschaftlich Interessierte aber ausdrücklich, sich mit dem Gleichstellungsbüro auch abseits von Beschwerdefällen in Verbindung zu setzen: »Menschen unterschiedlichster Orientierung sind bei uns mit ihren Anliegen immer willkommen, und wir beteiligen uns in dem Zusammenhang gerne an Initiativen wie zum Beispiel dem Gender-Queer- Workshop, einer internationalen, wissenschaftlichen Tagung, die Frau Fellner 2011 mit ihrem Team für den wissenschaftlichen Nachwuchs im Bereich Gender-Forschung organisiert hat.« Sybille Jung ist sich sicher: »Es gibt auf diese Gruppe bezogen noch viele Bereiche, die spannend sind und die wir kennen lernen möchten.« Die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität hat sich in den letzten Jahren beim Gleichstellungsbüro in Grenzen gehalten. 

Das könnte sich in Zukunft ändern. Und zwar, weil Max Engel sowie einige Kommilitoninnen und Kommilitonen sich in der Hochschulgruppe »Queer UdS« engagieren, deren Sprecher und Organisator er ist. Die Gruppe existiert seit 2009. Eine Facebook-Seite hat er jüngst aus der Taufe gehoben. Regelmäßig organisiert die Gruppe das Queercafé, einen Stammtisch, an dem sich am ersten und dritten Dienstag im Monat Schwule, Lesben, Inter- und Transsexuelle treffen. Treffpunkt ist um 18 Uhr im Philosophencafé in Gebäude C52. Im Vorfeld erreicht er derzeit etwa 40 bis 50 Leute per Mail. So viele kommen allerdings nicht zum Stammtisch. »Rein rechnerisch sollte das Potenzial höher sein«, sagt Max Engel. Viele wüssten noch gar nicht, dass es eine solche Gruppe gibt. Natürlich sei die Gruppe vorwiegend als Forum und Treffpunkt für Studentinnen und Studenten gedacht. Aber auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Uni seien darüber hinaus gern gesehene Gäste, erklärt Engel. 

Astrid Fellner wird sich in ihrer Forschung im Rahmen der Gender Studies auch weiterhin mit dem Thema beschäftigen und plant hierfür eine bessere Vernetzung innerhalb der Universität. »An fast allen Unis gibt es eine wissenschaftliche Stelle für Geschlechterforschung. Hier nicht«, stellt die Geisteswissenschaftlerin fest, die an der Universität Wien Gleichstellungsbeauftragte ihrer Fakultät war. Dabei will sie kein großes Zentrum für Gender Studies etablieren, wie es an anderen Hochschulen existiert. Das dauert ihr zu lange. So ginge Zeit mit dem Aufbau eines komplizierten Konstrukts verloren, in der nicht wissenschaftlich gearbeitet werden kann. Viel eher schwebt ihr eine kleine, informelle Gruppe aus vielen Bereichen der Universität vor, die sich mit externen Experten um das Thema Geschlechterforschung kümmert. Das sei viel effektiver, ist sich Astrid Fellner sicher. 

Um das Thema Homosexualität wurde in der jüngeren Vergangenheit an der Saar-Uni also gar kein großes Aufhebens gemacht. In Zukunft soll das Thema jedoch sehr wohl eine Rolle spielen, um auch achtlos dahergesagte Sachen wie die »Schwulitäten« aus der Welt zu schaffen. 

_Thorsten Mohr 


Kontakt: 


Max Engel: www.queeruds.de. »Queer UdS« bei Facebook suchen, 
E-Mail: queeruds(at)gmx.de

Gleichstellungsbüro: www.uni-gleichstellung.de
E-Mail: gleichstellung(at)uni-saarland.de 

Stabsstelle Chancengleichheit: www.uni-saarland.de/auditfamilie
E-Mail: auditfamilie(at)uni-saarland.de

Prof. Dr. Astrid Fellner: www.amerikanistik.uni-saarland.de,
E-Mail: amerikanistik(at)mx.uni-saarland.de