Doktoranden machen Schule

Doktoranden machen Schule


Doktoranden, die im Labor einsam vor sich hin forschen, waren in den Naturwissenschaften schon bisher selten anzutreffen. Die intensive Betreuung durch die Wissenschaftler galt als selbstverständlich, wurde aber nie schriftlich fixiert. Dies soll sich jetzt ändern, um junge Forscher noch besser auf ihrem Weg zum Doktortitel zu begleiten. Die Fakultät 8 der Saar-Uni hat dafür zu Jahresbeginn eine eigene Graduiertenschule gegründet. 


Der Fall Guttenberg hat eine Flut von Medienberichten über gefälschte Doktorarbeiten ausgelöst. Dabei ging es nicht nur um die Frage, warum die Kontrollmechanismen versagten, sondern auch um das Verhältnis von Betreuer zu Doktorand. Wie sollen junge Forscher betreut werden, damit sie über Jahre hinweg diszipliniert und kreativ ein Projekt zum Erfolg führen? An der Saar-Uni macht man sich darüber nicht erst seit Guttenberg Gedanken, sondern beschreitet schon seit Längerem verschiedene Wege, um die Doktorandenausbildung besser zu strukturieren. Jüngstes Beispiel ist die fächerübergreifende Graduiertenschule der Fakultät 8, in der die Fächer Biologie, Chemie, Pharmazie sowie die Materialwissenschaft und Werkstofftechnik vertreten sind. Dort stehen derzeit rund 380 Doktorandinnen und Doktoranden auf der Promotionsliste. Sie werden von rund 40 Professorinnen und Professoren betreut. 

»Wir haben uns vor einem Jahr auf einer Klausurtagung darüber Gedanken gemacht, wie man die Promotionsphase gestalten muss, um den Doktorandinnen und Doktoranden die bestmögliche Betreuung zu bieten«, sagt Guido Kickelbick, Professor für Chemie der Saar-Uni, der sich das Thema nach seinen Erfahrungen in den USA auf die Fahnen geschrieben hat. »Die Basis eines guten Betreuungsverhältnisses ist es, die Erwartungen klar und transparent zu beschreiben und schriftlich zu fixieren. Solche Betreuungsvereinbarungen werden wir als Professoren künftig mit jedem Doktoranden treffen«, erläutert Kickelbick. Darin wird festgelegt, dass die Nachwuchsforscher einmal im Jahr schriftlich über ihre Fortschritte berichten und in einem Vortrag die eigene Arbeitsgruppe und den betreuenden Professor informieren. Außerdem verpflichten sich Letztere dazu, die Teilnahme an Konferenzen und Fortbildungen zu ermöglichen. Auch ein genauer Zeitplan mit den vorgesehenen Arbeitspaketen und regelmäßigen Besprechungsterminen wird aufgestellt. 

Hierbei kommt der wissenschaftlichen Begleiter mit ins Spiel. Dieser war bisher lediglich dafür da, einzugreifen, falls es zu Konflikten zwischen Doktorand und Doktorvater kam. Eine wissenschaftliche Begutachtung der Arbeit fand dagegen meist nur bei der abschließenden Bewertung der Promotion statt. »Wir möchten den wissenschaftlichen Begleiter in die jährlichen Treffen, bei denen die Doktoranden über ihren Arbeitsfortschritt berichten, mehr einbinden. Dies soll die wissenschaftliche Diskussion mit einem weiteren Professor nun schon während der Promotionsphase stärken. Wir erhoffen uns davon, dass der Blick von außen der ganzen Arbeitsgruppe neue Impulse gibt und die interdisziplinäre Zusammenarbeit auch innerhalb der Fakultät gefördert wird«, nennt Kickelbick sein Ziel. Der Teamgeist soll aber auch unter den Doktorandinnen und Doktoranden gestärkt werden. Dafür wurde zu Beginn des Jahres eine fakultätsübergreifende Graduiertenschule ins Leben gerufen, in die sich jeder Doktorand der Fakultät 8 einschreiben kann. »Sie verpflichten sich dabei, aktiv die Doktorandentage der Fachrichtung mit zu gestalten. Dort tragen die jungen Forscher ihre Ergebnisse vor, ohne dass ihnen die betreuenden Professoren über die Schulter schauen. Dabei sollen sie sich gegenseitig inspirieren und auf neue Ansätze und Methoden bringen«, sagt Kickelbick. Um neue Methoden geht es auch bei der wissenschaftlichen Weiterbildung, für die sich jeder Graduierte im Umfang von zwölf Semesterwochenstunden verpflichtet. »Dort lernen sie zum Beispiel die Elektronenmikroskopie und andere spezielle Messverfahren kennen. Zudem müssen sie Softskill- Veranstaltungen des GradUS-Programms der Saar-Uni besuchen«, erläutert Cornelia Gehm, die als Geschäftsführerin der Fakultät die Doktorandenförderung betreut. Als »Bonbon« erhalten sie außerdem Unterstützung von der Graduiertenschule, wenn sie wissenschaftliche Konferenzen besuchen möchten oder einen Auslandsaufenthalt planen. Dafür erhielt die Graduiertenschule jetzt Fördermittel aus einem Programm des Uni-Präsidiums. »Es ist spannend, wenn man auf einer internationalen Konferenz von seinen Forschungsarbeiten berichten kann. Dann sieht man, wie relevant das Thema für andere Wissenschaftler ist. Außerdem lernt man die Koryphäen seines Fachgebietes persönlich kennen«, erzählt Chemie-Dokorand Christian Teuchert, der im vergangenen Jahr eine große Konferenz in Stellenbosch in Südafrika besuchen durfte. Er wurde dabei von der Hardt-Stiftung finanziell unterstützt, die den Chemiker-Nachwuchs der Saar-Uni fördert. 

»Wir wollen über die neue Graduiertenschule und die verschiedenen fachnahen Doktorandenprogramme, die in den wissenschaftlichen Teildisziplinen der Fakultät vertiefend ausbilden, auch die besten Köpfe für den akademischen Nachwuchs an den Hochschulen identifizieren und fördern. Denn in vielen naturwissenschaftlichen Fächern schließt sich mittlerweile die Promotion an das Hochschulstudium an. Die wenigsten fähigen Köpfe bleiben aber den Hochschulen treu, sondern wandern in die Industrie ab«, bedauert Guido Kickelbick. Diesem Effekt soll in der Graduiertenschule mit einem individuellen Mentoring-Programm für potentielle Kandidaten gegengesteuert werden. »Es wäre prima, den einen oder anderen Saarbrücker Absolventen später als Kollegen auf einer Konferenz anzutreffen «, so Kickelbick. Die strukturierte Doktorandenausbildung könnte dafür das entscheidende Sprungbrett sein. 

_Friederike Meyer zu Tittingdorf 


Doktorandenprogramme der Saar-Uni

Derzeit forschen zwischen rund 1.600 Doktorandinnen und Doktoranden an der Universität des Saarlandes. Für sie gibt es an der Saar-Uni zahlreiche Förderprogramme. 
Aus der Exzellenzinitiative wird die Graduiertenschule der Informatik finanziert. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert Graduiertenkollegs. Die Saar-Uni ist derzeit an sieben dieser großen Forschungsverbünde beteiligt. Außerdem finanzieren die DFG und das Bundesforschungsministerium einzelne Doktoranden in fachbezogenen Forschungsprojekten. 
Die Europäische Union bietet so genannte Marie Curie Initial Training Networks für Doktoranden an. Daran ist die Saar-Uni mit drei Forschungsprojekten beteiligt. Die Materialwissenschaft und Werkstofftechnik bietet mit hoher europäischer Förderung das Doktorandenprogramm DocMase an. 
Aus Mitteln des zentralen Forschungsfonds fördert die Uni fachnahe Doktorandenprogramme. Neben der Graduiertenschule der Fakultät 8 werden derzeit 13 weitere Doktorandenprogramme der Saar-Uni bezuschusst. Das Graduiertenprogramm Gradus der Saar-Uni bietet zudem allen Doktoranden weitere Qualifikationsmöglichkeiten. 
Aus Landesmitteln werden im Rahmen der Graduiertenförderung außerdem Doktoranden individuell bei ihren Forschungsvorhaben unterstützt. Auch die Industrie finanziert über gemeinsame Forschungsprojekte zahlreiche junge Wissenschaftler. 

www.uni-saarland.de/campus/forschung.html