Neues Uni-Gebäude bezogen

Neues Uni-Gebäude bezogen


Auf dem Saarbrücker Campus ist im letzten Jahr ein neues Gebäude für 6,9 Millionen Euro entstanden. Im vergangenen Dezember haben die neuen »Bewohner« das Verfügungsgebäude für angewandte Ingenieurwissenschaften, E2 9, bezogen. Auf vier Etagen können sich die Ingenieure und Physiker künftig spannenden Themen widmen – zum Beispiel neue Antriebe entwickeln oder der Frage nachgehen, warum der Gecko wirklich an der Decke laufen kann. 

Dass es sich bei dem Verfügungsgebäude für angewandte Ingenieurwissenschaften um einen Neubau handelt, merkt man direkt beim Betreten des Gebäudes: Der Geruch von frischer Farbe liegt in der Luft. Letzte Bauarbeiten sind noch im Gange. Herumliegende Umzugskisten und Verpackungsmaterial zeigen, dass Leben ins Gebäude einzieht. Vier Professoren – zwei aus der Mechatronik, zwei aus der Physik – und ihre Arbeitsgruppen können seit letztem Dezember die Räumlichkeiten für ihre Forschung nutzen. In der ersten Etage arbeitet Michael Vielhaber, der seit September 2010 als Professor für Konstruktionstechnik auf dem Saarbrücker Campus tätig ist. Für ihn bieten die neuen Räume beste Voraussetzungen, um seine Forschung in Angriff zu nehmen. »Die vergangenen Monate war ich vorwiegend damit beschäftigt, Lehrveranstaltungen vorzubereiten und zu halten«, erzählt er. Ein paar Forschungsanträge seien aber bereits geschrieben und erste Kontakte zu Industriepartnern hergestellt. Vielhaber, dessen Hauptaugenmerk auf der Produktentwicklung liegt, möchte nun verstärkt in der Industrie mit seinem Know-how werben. »Das Produkt – ob Auto oder Produktionsanlage – spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Im Fokus steht zunächst die Prozess-, Methoden- und Werkzeugkompetenz«, erläutert er. »Mich interessieren insbesondere zukunftsfähige energie- und ressourceneffiziente Entwicklungen«. Darüber hinaus spielten bei der Produktentwicklung Leichtbauweisen und Simulationstechniken eine bedeutende Rolle. »Gerade mit computergestützten Simulationen kann die Industrie bei ihren Prototypen, etwa bei der Fahrzeugentwicklung, viel Geld einsparen«, erläutert Vielhaber, der vor seiner Professur an der Saar-Uni 17 Jahre in der freien Wirtschaft tätig war. Seine Arbeit an der Uni sieht Vielhaber als Herausforderung an, da er gewissermaßen einen Lehrstuhl von Null aufbaue und Verantwortung für einen breiten Themenbereich trage. »Konstruktionstechnik ist einer der wichtigsten Punkte der Ingenieurausbildung«, erzählt Vielhaber. »Es macht mir Spaß, die Studenten in ihrem Studium zu begleiten und zu sehen, wie sie sich fachlich und persönlich weiterentwickeln.« Seit dem Umzug ist nun Platz für eine Mobilitätswerkstatt. »Hier wollen wir zum Beispiel zusammen mit der Informatik und der Werkstofftechnik an neuen Formen der Mobilität arbeiten«, berichtet er. »Insbesondere in der Elektromobilität wird es in den nächsten Jahren Neuerungen zwischen Fahrrad und Auto geben.« 

Ein Stockwerk darüber, in der zweiten Etage, sind Matthias Nienhaus und seine Mitarbeiter eingezogen. Auch Nienhaus ist erst seit Ende 2010 in Saarbrücken – als Professor für Antriebstechnik. Seine Professur wird durch den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft aus Mitteln der Claussen-Simon-Stiftung und der Stiftung me Saar finanziert. Nienhaus, der zunächst eine Ausbildung zum Uhrmacher absolvierte, sich erst danach für ein Studium der Ingenieurwissenschaften entschied und über zehn Jahre Erfahrung in der Industrie sammelte, wird bei seiner Forschungsarbeit auf seine Praxiserfahrung zurückgreifen. »Mein Fokus liegt vor allem bei kleinen Antrieben«, erzählt er. Solche Kleinst- und Mikromotoren kommen zum Beispiel in der Medizintechnik bei Insulinpumpen und Herzkathetern zum Einsatz. Darüber hinaus würden diese kleinen Motoren in der Raumfahrt- und Automatisierungstechnik benötigt. 

Als der Ruf der Saar-Uni kam, musste der Ingenieur nicht lange überlegen. »Gerade im Bereich der elektrischen Klein- und Mikroantriebe gibt es in Deutschland Bedarf, aber kaum Professuren«, weiß er. »Das passte genau. Vor allem weil die Mechatronik ein vielseitiges Fach ist.« Den Umzug in das neue Gebäude sieht er positiv und freut sich: »Wir haben gut ausgestattete Labore, in denen sich die Wissenschaftler und Studenten mit ihren Projekten befassen können.« Nun könne er endlich mit der Forschungsarbeit beginnen. Die Monate zuvor sei er zunächst mit seinen Lehrveranstaltungen beschäftigt gewesen. Platz für eine kleine Feinmechanikecke hat er jetzt auch: Hier möchte der Ingenieur – in dem immer noch ein Uhrmacher steckt – selbst an kleinen Motoren tüfteln. 

Die beiden oberen Etagen teilen sich die Physik-Professoren Karin Jacobs und Ralf Seemann. Beide benötigen moderne Labore mit Abzügen, Gasversorgung, ausreichendem Luftwechsel und entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen. »Derartige Labore gibt es zu wenige an der Uni. Ihre Bereitstellung ist teuer, aber absolut notwendig, um an vorderster Front auf diesem Gebiet zu forschen«, sagt Seemann, der sich mit der Geometrie fluider Grenzflächen befasst. Über den Umzug ist er froh, auch wenn noch nicht alles reibungslos läuft. »An einigen Kleinigkeiten wie der Gasleitung hängt es noch.« Der Forschungsalltag hält langsam Einzug: Erste Experimente laufen bereits. Seemann und sein Team befassen sich mit drei Themenschwerpunkten. Zum einen untersuchen die Forscher den Einfluss flüssiger Grenzflächen auf unterschiedliche Oberflächen – mit einem Hauptaugenmerk auf rauen und deformierbaren Oberflächen. »Wir untersuchen das Benetzungsverhalten, wie es beispielsweise in Schmierfilmen bei Kolben vorkommt «, erklärt der Professor. Zudem untersuchen die Physiker die mechanischen Eigenschaften von feuchten Granulaten. Er erklärt: »Vereinfacht gesagt gehen wir hierbei den Fragen nach: Warum kann man eine Sandburg bauen? Und wie kann man Flüssigkeiten durch unterschiedliche Granulate pressen?« 

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist die Mikrofluidik in einzelnen Tröpfchen – dabei nehmen die Wissenschaftler chemische Reaktionen in kleinsten Tropfen genau unter die Lupe. »Wir beschäftigen uns überwiegend mit mikrofluidischen Prozessen, die auf kleiner Skala möglicherweise anders ablaufen als man es aus dem Alltag kennt«, erläutert er. Denkbar sei, aus diesen kleinen Tropfen künstliche zelluläre Reaktionsräume zu entwickeln. »Das ist aber noch Zukunftsmusik«, sagt Seemann weiter. 

Gleich nebenan liegt das Büro von Karin Jacobs. Die Physik-Professorin und ihr Team forschen schon seit zehn Jahren an der Saar-Uni. Zuvor war sie bei der Bayer ag in Leverkusen tätig. Ihre Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit der Physik weicher, kondensierter Materie. Zentrale Fragen sind zum Beispiel, welche Kräfte bei der Adhäsion von Bakterien, Proteinen oder auch Geckos an unterschiedlichen Oberflächen wirken und wie man sie beeinflussen kann. Um diesen Phänomenen auf die Spur zu kommen, nutzen die Forscherinnen und Forscher Mikroskope mit hoher Auflösung. Solche Rasterkraftmikroskope haben nun im Erdgeschoss des neuen Gebäudes einen guten Standort gefunden – eine vibrationsarme und temperaturstabile Umgebung. »Kein Vergleich zu unserem alten Gebäude, dem Physiktower«, bemerkt Jacobs. »Temperaturstabilität war dort praktisch nie erreichbar.« Die Forschung von Jacobs’ Team ist stark interdisziplinär ausgerichtet. Die Fragestellungen berühren Gebiete der Medizin, der Biologie, der Chemie und der Materialwissenschaften. »Wir betreiben Grundlagenforschung, die gleichzeitig einen starken Anwendungsbezug hat«, erklärt die Professorin. »So arbeiten wir mit saarländischen Firmen zusammen, die Nanobeschichtungen auf Oberflächen herstellen.« Im neuen Gebäude fühlen sich alle Gruppenmitglieder sehr wohl, sagt sie. Sie freuen sich über die fröhliche Atmosphäre des Hauses, die durch die roten Türen und durch die ausdrucksvollen Bilder saarländischer Künstler unterstützt werde. 

_Melanie Löw