Sprachtraining an der Uni

Sprachtraining an der Uni

Etwa 350 Kurse in über 20 Sprachen bietet das Sprachenzentrum der Uni jedes Jahr an. Mitmachen darf jeder, der Spaß am Sprachenlernen hat oder mit einem Sprachkurs Leistungspunkte für sein Studium sammeln will. 

Bratäpfel und Kartoffelpüree – Maçãs assadas e puré de batata – die Übersetzung solcher Köstlichkeiten ihres Weihnachtsmenüs müssen die Teilnehmer des Portugiesisch- Kurses von Dozentin Carla Amado erfragen, doch abgesehen davon berichten sie recht flüssig von ihren Erlebnissen um den Jahreswechsel. Auffallend viele Nasal- und »Sch«- Laute und das typische gerollte »R« schwirren durch den Raum im Sprachenzentrum, in dem die junge Portugiesin Carla Amado einen Vertiefungskurs in ihrer Muttersprache hält. 

Portugiesisch ist eine von über 20 Sprachen, die das Sprachenzentrum der Uni anbietet. »Es gehört zum Kernangebot «, sagt der Leiter des Sprachenzentrums Peter Tischer. Ebenso wie Englisch (»das steht ganz oben«), Französisch, Spanisch, Italienisch, Japanisch, Chinesisch und Russisch. Dazu sind ein Dutzend seltener unterrichtete Sprachen im Programm wie Schwedisch – »zurzeit der Renner « –, Dänisch, Niederländisch, Arabisch und Koreanisch. Durch die Europaprofessuren, bei denen ein Gastdozent aus dem Ausland ein Jahr lang in Saarbrücken lehrt, sind weitere Sprachen dazugekommen. »Das ist eine ganz tolle Sache für uns«, freut sich Tischer. So seien die eigens eingeführten Finnisch- und Türkischkurse bei Studenten so beliebt gewesen, dass sie ins reguläre Angebot übernommen wurden. Im Rahmen der aktuellen Gastprofessur von Ibolya Murber steht nun Ungarisch neu auf dem Programm. Peter Tischer leitet das Sprachenzentrum mit Leib und Seele. Der promovierte Romanist ging selber mehrere Jahre in den USA zur Schule, ist mit einer Libanesin verheiratet und erzieht seine beiden Söhne dreisprachig (neben Deutsch auch Arabisch und Französisch). »Sprachen lernen und sich mit fremden Kulturen auseinandersetzen sind zentrale Erfahrungen, die für jeden Menschen wichtig sind – ein Leben lang. Und so etwas zu vermitteln, macht mir Riesenspaß «, sagt der 49-Jährige. 

Etwa 70 Dozenten aus 30 Nationen lehren im Sprachenzentrum. Pro Jahr verzeichnet die universitäre Einrichtung fast 5.000 Teilnehmer in über 350 Kursen. Die meisten von ihnen sind Studenten, die so Punkte für ihr Studium sammeln oder einen Kurs belegen, weil es sich inzwischen herumgesprochen hat, dass Fremdsprachen für die berufliche Karriere wichtig sind. »Vielen macht es auch einfach Spaß, eine fremde Sprache und Kultur kennenzulernen und dann beispielsweise japanische Mangas oder französische Comics lesen zu können«, berichtet Tischer. Auch Uni- Mitarbeiter und Gasthörer können sich für die Sprachkurse einschreiben. Und neuerdings kommen sogar Schüler aus dem ganzen Saarland samstags zu speziellen Kursen in Chinesisch und Japanisch an die Uni. 

Im Portugiesisch-Kurs von Carla Amado folgt nach dem Kommunikationsteil eine Übung zum Hörverstehen. Dafür loggen sich die Teilnehmer auf die Onlineplattform des Sprachenzentrums ein, wo für jeden Kurstermin einzelne Lehrmodule abgelegt sind. Heute sollen zwei Dateien bearbeitet werden, die auf Radiobeiträge eines portugiesischen Senders verlinken. »Ich versuche, möglichst viele authentische Quellen zu nutzen, nicht nur Lehrwerke«, erläutert die Kursleiterin. Dass die Studenten über die gemeinsame Lernplattform auf aktuelles audiovisuelles Material zugreifen können und entsprechende Links auch jederzeit an alle Kursteilnehmer verschickt werden können, sieht Peter Tischer als entscheidende Verbesserung gegenüber herkömmlichen Formen des Sprachenlernens. »Mit dem Onlinelernen kommt das Klassenzimmer nach Hause«, ist er überzeugt. »So können wir im Unterricht die Präsenzzeit besser nutzen: Die Teilnehmer hören und sprechen viel, während sie eher formale Aufgaben zu Hause lösen können.« 

Wie sich das Internet und die dort vorhandenen Wörterbücher so nutzen lassen, dass die Teilnehmer den richtigen Gebrauch von Vokabeln lernen, ist Bestandteil des Englisch- Wortschatzkurses von Sylke Loew. »Mir geht es nicht darum, dass die Studenten einzelne Vokabeln nachschlagen, sondern dass sie sicher Alternativen auswählen können – und dabei möchte ich ihren Blick für größere Zusammenhänge schärfen«, erklärt die promovierte Sprachwissenschaftlerin. »Außerdem sollen sie sich im späteren Berufsleben eigenständig auf ihre jeweiligen Aufgaben vorbereiten können.« 

Das Sprachenzentrum will kommunikativen Sprachunterricht vermitteln, bei dem die Sprache als Werkzeug dient. Peter Tischer nennt ein Beispiel: »In althergebrachten Hörverstehensübungen soll man immer alles verstehen können. Aber eigentlich muss ich im Ausland vom Wetterbericht nur so viel mitbekommen, dass ich am nächsten Tag mit den richtigen Klamotten aus dem Haus gehe.« Auf solche authentische Situationen bereitet das Sprachenzentrum vor: »Die Kursteilnehmer sollen bei uns das lernen, was sie für ihre nächste kommunikative Aufgabe in der Fremdsprache wirklich brauchen.« Das gilt auch für andere Fertigkeiten wie Lesen, Sprechen oder Schreiben. Wer ausländische Projektpartner hat und in einem exotischen Land aus dem Flugzeug steigt, sollte beispielsweise die Schilder im Flughafen lesen können, meint Tischer. Und die richtigen Anreden und Schlussfloskeln in Kurzmitteilungen beherrschen. »Wir vermitteln also nicht unbedingt das, was im klassischen Lehrbuch steht.« 

Neben allgemeinsprachlichen Kursen bietet das Sprachenzentrum fachsprachliche Kurse an, beispielsweise Englisch für Naturwissenschaftler oder Konferenz-Englisch. »In acht Sprachen haben wir eine UNI cert-Zertifizierung, also ein Gütesiegel des bundesweiten Arbeitskreises von Sprachenzentren im Hochschulbereich«, sagt Peter Tischer. Ferner werden pro Semester 60 bis 70 Kurse durch das von Professor Frank Spinath entwickelte Lehrevaluationsprojekt »Qualis« geprüft. »Die Ergebnisse erhalten unsere Dozenten als Rückmeldung«, schildert er. »Darüber hinaus sehen wir uns nicht nur als Anbieter von Sprachkursen, sondern auch als wissenschaftliche Einrichtung.« Dabei konzentriert sich das Sprachenzentrum auf »Anwendungsforschung «: »Wir erproben und evaluieren neue Methoden, stellen viele Lehrmaterialien selber her, beteiligen uns an Forschungs- und Entwicklungsprojekten und entwickeln so unsere Unterrichtsmodelle immer weiter.« 

Der Doktorand Samandar Atoev ist der einzige Mann im Englischkurs von Sylke Loew. Er hat bereits vor acht Jahren am Europa-Institut der Saar-Uni einen Aufbau-Studiengang im Europäischen Recht absolviert und danach für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) als Jurist in seinem Heimatland Usbekistan gearbeitet. Deutsch spricht er fließend, sein Englisch ist gut, doch er will es weiter verbessern. »Sprachen sind für die berufliche Karriere ebenso wichtig wie Fachkenntnisse«, ist der junge Mann überzeugt. Für Daniela Fenderl, die bei Carla Amado Portugiesisch lernt, steht erst einmal die reine Freude am Sprachenlernen im Vordergrund. Eigentlich studiert sie Spanisch und Englisch, wird aber demnächst ein Auslandssemester im portugiesischen Porto verbringen. Portugiesisch sei eine so schöne, dabei unterschätzte und kulturell unerkannte Sprache, schwärmt sie und fügt hinzu: »Eine Sprache rentiert sich immer.« 

_Gerhild Sieber 


Die Kurse des Sprachenzentrums stehen Studenten, Uni-Mitarbeitern und Gasthörern offen. In Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Italienisch sind Einstufungstests zum Besuch der Fortgeschrittenenkurse obligatorisch. Alle Kurse enden mit einer Bescheinigung, auf der die Kursleistung vermerkt ist. Voraussetzungen hierfür sind das Bestehen einer schriftlichen und/oder mündlichen Prüfung und eine regelmäßige Teilnahme am Unterricht. Am Sprachenzentrum werden auch nationale Prüfungen in Griechisch, Spanisch, Italienisch und Portugiesisch abgenommen sowie Vorbereitungskurse hierzu angeboten.