Der Hüter verlorener Schätze

Der Hüter verlorener Schätze


Wenn Feuilletonisten und andere spitzfindige Vertreter der Hochkultur mit Goldkettchen am randlosen Brillengestell den Untergang des Abendlandes beschwören, den Verfall von Sitte und Moral beklagen, zuckt Dieter Heidemann müde mit den Achseln. Die Menschen sind nicht anständiger oder unanständiger als früher auch. Zumindest, soweit er das aus seiner Erfahrung beurteilen kann. Und die ist in dieser Hinsicht bestimmt größer als die der meisten selbstberufenen Moralhüter. »Die Leute bringen auch Geldbeutel mit 180 oder 200 Euro drin«, berichtet der Verwalter des Fundbüros der Uni. Und das erstaune und freue ihn immer wieder. Als er das Fundbüro übernahm, hätte er nicht mit so viel Ehrlichkeit gerechnet.

Heidemann ist seit 34 Jahren an der Universität des Saarlandes und hauptberuflich einer der Ansprechpartner für das Kopier- und Druckwesen. Seit knapp zwei Jahren sammelt und verwaltet er nun auch die Fundsachen, die auf dem Campus verloren gehen. Knapp 300 Gegenstände waren das in dieser Zeit. Eine Querflöte war darunter, sogar einzelne Kugelschreiber und Textmarker landen in seinen Kisten in Gebäude A5 3. »Ich frage mich dann, warum die Leute so etwas abgeben«, sagt Heidemann lachend. In einer Kiste landet das Schreibgerät dennoch. »Kugelschreiber« steht dann in der Liste, in der Dieter Heidemann die Fundsachen katalogisiert. »Die meisten Dinge hier sind aber Geldbeutel, Handys, iPods und Kleidung. Besonders nach Feten landen viele Jacken, Hosen und Schuhe hier«, erklärt der 57-Jährige, der Ähnlichkeit mit Jürgen von der Lippe hat. Schlüssel, Sonnenbrillen und USB-Sticks komplettieren die Liste der meistverlorenen Dinge an der Saar-Uni.

Dieter Heidemann kann die Besitzer der Gegenstände oft schnell finden. Bei Handys geht es bisweilen besonders flott. Ein Anruf im Telefonbucheintrag namens »Mutti« hat ein Handy schon oft schnell wieder mit seinem Besitzer zusammengebracht. Gerade gefundene Handys lässt er auf dem Schreibtisch liegen, in der Hoffnung, dass sich der Besitzer auf seinem eigenen Telefon meldet und er den Anruf annehmen kann. »Bei teuren Sachen ist die Erfolgsquote relativ hoch. Vieles davon kann ich zurückgeben«, berichtet Dieter Heidemann.

Vieles bleibt aber auch liegen. Manche Dinge kommen nach einem Jahr weg. »Federmäppchen beispielsweise und andere praktische Sachen werden dann nach Tbilissi gespendet. Dort kommen die herrenlosen Gegenstände Schulkindern zugute«, erklärt Dieter Heidemann.

Einiges lagert jedoch länger in seinen Schränken. Er bleibe seltsamerweise auf vielen Geldbeuteln sitzen, deren Besitzer er dank Ausweisen, Bankkarten und anderen Papieren zuvor schnell ausfindig machen konnte. Warum viele ihren Geldbeutel dann doch nicht abholen, versteht Dieter Heidemann nicht. »Das ist ja doch ein Haufen Zirkus mit den ganzen Papieren. Die ganzen Behördengänge…«, sagt er und schüttelt verwundert den Kopf. Vielleicht ist es den Besitzern einfach manchmal peinlich, die verlorene Börse von Angesicht zu Angesicht abzuholen. Aus einem Scheinefach lugt noch der hausinterne Dollar eines Saarbrücker Amüsierbetriebes raus. Aber egal, was drin ist: Dieter Heidemann ist vor allem froh, dass überhaupt etwas drin ist. Und besingen die Moralapostel unserer Zeit auch noch so oft den Niedergang der Gesellschaft.

_Thorsten Mohr

Das Fundbüro ist zu erreichen unter der Telefonnummer 0681 302 2673.