Multiples Sklerose: Richtiges sportliches Training verbessert die Lebensqualität

MultipleSklerose: Richtiges sportliches Training verbessert die Lebensqualität


Lange Zeit hieß es, Menschen mit Herz-Kreislauf-, Krebs- oder anderen Erkrankungen sollten sich schonen. Sportliche Betätigung, so schien es, belaste den Körper nur überflüssig.

Jüngere Studien belegen hingegen, dass sich regelmäßiger Sport bei vielen Krankheiten positiv auf Gesundheit und Psyche auswirkt. Dies scheint auch bei Multipler Sklerose der Fall zu sein. Sportwissenschaftler der Saar-Uni haben dies zum Anlass genommen, sich in einer Studie damit zu beschäftigen, wie Multiple-Sklerose- Erkrankte Sport treiben können und ihr Training eigenverantwortlich gestalten.

»Oft wird Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen empfohlen, langsame Bewegungen auszuführen, um den Körper nicht zu belasten«, erklärt Stephanie Kersten, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sportwissenschaftlichen Institut der Saar-Uni. Multiple Sklerose zählt zu diesen neurodegenerativen Erkrankungen. Aus noch ungeklärter Ursache werden die Schutzhüllen, die die Nervenfasern umschließen, abgebaut. Betroffen sind dabei Gehirn und Rückenmark. Erkrankte leiden meist an Seh-, Wahrnehmungs- und Bewegungsstörungen wie Taubheitsgefühlen oder Lähmungserscheinungen der Beine und Arme. Dabei treten diese Symptome in Schüben auf und verlaufen individuell unterschiedlich stark.

»Gerade bei neurodegenerativen Krankheiten sind aber schnelle Bewegungen und Koordinationsübungen für die neuronale Aktivität förderlich«, weiß die Sportwissenschaftlerin. Es gibt Hinweise darauf, dass der Körper insbesondere bei Laufbewegungen neurotrophe Faktoren ausschütte. Diese sorgten dafür, dass das Nervengewebe geschützt werde und neues gebildet werde. Je nach Art der Erkrankung sei dies besser als beispielsweise Bewegungen im Wasser, bei denen die Gelenke besonders geschont werden. »In unserer Studie wollten wir erreichen, dass die Multiple- Sklerose-Erkrankten nachhaltig positive Effekte auf ihre Motorik erzielen können«, berichtet Kersten.

An der zwölfwöchigen Saarbrücker Studie, die in Zusammenarbeit mit der Hochschule Fresenius und der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft entstand, haben 17 Multiple-Sklerose-Patienten teilgenommen. Bei den meisten habe kein behandelnder Arzt empfohlen, sich sportlich zu betätigen. Mehr als die Hälfte der Probanden habe auch vor Beginn der Studie keinen Sport getrieben.

»Unser Ziel war es, den Teilnehmern Trainingskompetenz zu vermitteln, das heißt, dass sie ihren Körper bewusster wahrnehmen und dass sie besser einschätzen können, was sie sich zutrauen«, so Kersten, die die Studie zusammen mit Professor Christian Haas von der Hochschule Fresenius in Idstein geleitet hat. »Die Probanden sollten lernen, ihren Körper im richtigem Maß zu fordern.« Gerade bei Multipler Sklerose kann eine Überbeanspruchung des Körpers negative Folgen haben. Daher wurden die Teilnehmer darauf geschult, auf körperliche Anzeichen zu achten und das Training bewusst in den Tagesablauf einzubauen. Zum Beispiel sei es nicht sinnvoll, nach dem Sport noch die Wohnung zu putzen oder einen ausgedehnten Spaziergang mit dem Hund zu machen.

In mehreren Wochen haben Kersten und ihr Team Trainingsgrundlagen und physiologische Zusammenhänge vermittelt. Wichtig war dabei vor allem, den Betroffenen alltagstaugliche Übungen zu zeigen, die sie überall machen können. »Laufen, Gymnastik, Tanzen, Übungen mit dem Ball oder einem Theraband können beispielsweise problemlos absolviert werden«, sagt die Sportwissenschaftlerin. Auf diese Weise könnten sich die Erkrankten einen individuellen Trainingsplan aus Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining zusammenstellen und sich körperlich fordern. Nach der sechswöchigen Schulungsphase hieß es für die Teilnehmer, das Erlernte in die Tat umzusetzen: Mit eigens erstellten Trainingsplänen und Übungen sollte in den Folgewochen selbständig trainiert werden. Beim Training spielt vor allem Erfahrung eine Rolle, wie Kersten weiß: »Der Mensch muss erst lernen, den Körper besser wahrzunehmen, um zu wissen, was gut für ihn ist und was nicht.«

Auch nach Ende der Studie betreiben die meisten Teilnehmer weiter ein- bis dreimal in der Woche Sport. Manche treffen sich sogar regelmäßig auf dem Saarbrücker Campus, um unter Anleitung der Sportwissenschaftler in der Gruppe zu trainieren. »Bei vielen Probanden war eine spürbare Steigerung der Lebensqualität festzustellen«, berichtet die 29-Jährige. Sie seien selbstbewusster und trauten sich mehr zu. Zudem haben sich auch Freundschaften entwickelt. Der ein oder andere berichte sogar, dass sich der Sport positiv auf die Regeneration nach einem Schub auswirke. »Dabei handelt es sich natürlich um eine subjektive Empfindung«, schiebt Kersten ein. Insgesamt konnten die Saarbrücker Wissenschaftler aber feststellen, dass sich regelmäßiger Sport positiv auf die Erkrankten auswirkt.

Die Forscher der Saar-Uni wollen künftig Konzepte erarbeiten, um Sport fest in den Therapiealltag der Betroffenen zu integrieren. Darüber hinaus sei es auch denkbar, für andere neurologische Erkrankungen, wie zum Beispiel den Schlaganfall, derartige Trainingskonzepte zu entwickeln. »Ein Folgeprojekt befasst sich bereits damit, wie Parkinson- Patienten Sport in ihr Leben einbauen können«, erzählt Kersten, die sich vor allem über die Erfolgserlebnisse ihrer Probanden freut. Ein Teilnehmer, der zuvor sechs Jahre im Rollstuhl gesessen habe, sei mittlerweile in der Lage, mit einem Rollator zu gehen. Und eine weitere Probandin traue sich nun, ihre Enkelkinder in den Arm zu nehmen und mit ihnen Ball zu spielen.

_Melanie Löw