Studentenaustausch an Saar und Seine

Studentenaustausch an Saar und Seine

Die Universität des Saarlandes liegt im Herzen Europas. Schon seit den 1950er Jahren kommen Wissenschaftler aus aller Welt an die Saar, um hier im internationalen Umfeld zu arbeiten. Damit auch Studenten schon früh internationale Erfahrung sammeln können, bietet Rainer Hudemann, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Saar-Uni, in Zusammenarbeit mit der Universität Paris-Sorbonne ein Graduiertenprojekt an, bei dem sich Nachwuchswissenschaftler austauschen können.

Rund 50 angehende Wissenschaftler aus Deutschland und Frankreich treffen sich in regelmäßigen Abständen in Saarbrücken und Paris: Sie alle gehören dem Graduiertenprojekt »Journées d’étude interdisciplinaires et internationales « an.

Rainer Hudemann hat es vor vier Semestern gemeinsam mit seiner französischen Kollegin Hélène Miard- Delacroix, Professorin für Deutschlandstudien an der Uni Paris-Sorbonne, sowie zwei Instituten der Sorbonne ins Leben gerufen. Mit dabei sind Saarbrücker Master- Studenten und Doktoranden der Geschichts- und Kulturwissenschaften der Saar-Uni sowie Studenten der Pariser Uni, die sich vor allem mit Geschichte, Germanistik und Deutschlandstudien befassen. »Ziel dieses Programms ist es, Studenten bereits früh im Studienalltag an das Arbeiten im internationalen Umfeld heranzuführen«, erklärt Rainer Hudemann, der auch einen Lehrstuhl an der Uni Paris-Sorbonne innehat. »Das Besondere dabei ist, dass wir hier nicht nur international, sondern auch transdisziplinär zusammenarbeiten «, so Hudemann weiter. »Während der Treffen diskutieren wir, auch im internationalen Vergleich, über viele unterschiedliche Themen, die wir immer aus einem bestimmten Blickwinkel betrachten.« So stand das Treffen im Januar zum Beispiel unter dem Motto »Macht und Öffentlichkeit in Deutschland in vergleichender Perspektive«. Diskutiert wurde dabei unter anderem über die britischen Siedler in Kenia, Zimbabwe und Zambia in der Entkolonialisierung oder die Beziehung zwischen der DDR und der Belarussischen Sozialistischen Sowjet-Republik.

Eine der Forscherinnen, die bereits viermal an den deutsch-französischen Treffen teilgenommen hat, ist Natalie Pohl. Die junge Frau hat Historisch orientierte Kulturwissenschaften in Saarbrücken studiert und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Professor Hudemann. Derzeit arbeitet die 29-Jährige an ihrer Promotion, die sie sowohl an der Saar-Uni als auch an der Uni Paris-Sorbonne anfertigt. In ihrer Arbeit beschäftigt sich Pohl mit der Anti- Atomkraft-Bewegung in der deutsch-französischen Grenzregion zwischen 1970 und 1986. »Ich untersuche die Gemeinsamkeiten der Bürgerinitiativen in Baden und im Elsass. Mich interessiert es, mit welchen Problemen die Bewegungen im jeweiligen Land konfrontiert wurden«, erklärt sie. Interessant dabei sei vor allem die Tatsache, dass die Anti-Atomkraft-Bewegung im Elsass ihren Ursprung genommen habe, in Baden-Württemberg auf Anklang gestoßen sei und sich so in Deutschland verbreitet habe. »Auf der französischen Seite konnte sich die Bewegung allerdings nicht weiterentwickeln«, weiß die Doktorandin. Gerade hierbei sieht die junge Wissenschaftlerin auch den Vorteil des Graduiertenprojekts: »So erhalte ich noch den französischen Blick auf die Thematik, den ich bei meiner Arbeit berücksichtigen kann. Generell kann man sagen, dass die Franzosen der Atomkraft unkritischer gegenüberstehen als die Deutschen.«

Zudem schätzt Pohl die Möglichkeit zu sehen, wie andere Wissenschaftler an ein Thema herangehen und mit welchen Fragestellungen sie sich beschäftigen. »Wenn jemand ein Thema vorstellt, muss ein Student aus einem anderen Fach und dem anderen Land die Arbeit kommentieren«, so Pohl weiter. Das gebe neue Impulse für die eigene Arbeit und fördere die Zusammenarbeit der Teilnehmer.

Umgekehrt erhalten die französischen Studenten von den Saarbrückern neue Sichtweisen zu ihren Themen. Der Pariser Doktorand Etienne Dubslaff untersucht beispielsweise den programmatischen und ideologischen Werdegang der SPD in Ostdeutschland zwischen 1989 und 1998 und fragt insbesondere, wie es den ostdeutschen Sozialdemokraten gelungen ist, ihre eigene Identität in der Gesamtpartei zu behaupten. Anne Durrieu, ebenfalls Doktorandin an der Uni Paris-Sorbonne, befasst sich mit der Ostpolitik Willy Brandts und der Presse. Sie versucht in ihrer Promotion, die politische Kultur der Bundesrepublik aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Dass nicht jeder der Saarbrücker Studenten fließend Französisch spricht und nicht jeder Pariser Student Deutsch versteht, ist dabei kein Hindernis, sondern gehört als Herausforderung zum Konzept. »Vor den Treffen werden die Vorträge im Deutschen und im Französischen zusammengefasst und allen Teilnehmern in einer Broschüre zugesandt «, erklärt Hudemann. Auf diese Weise kennt jeder die Thematik, ohne jedes einzelne Wort verstehen zu müssen. Zudem erhalten diejenigen, die bereits grundlegende oder sehr gute Französischkenntnisse besitzen, die Möglichkeit, komplizierte Zusammenhänge in der anderen Sprache für alle zusammenzufassen. »So erhält man zusätzlich noch Qualifikationen, die für die Berufswelt sehr nützlich sein können«, weiß Hudemann. »Außerdem helfen sich die Teilnehmer auch untereinander.« Er beobachtet darüber hinaus, dass die angehenden Wissenschaftler im Zuge des Projekts mehr Selbstvertrauen gewinnen und mit der Zeit ihre Sprachkenntnisse deutlich verbessern.

Das Projekt wird unter anderem vom Deutsch-Französischen Jugendwerk und der Villa Lessing sowie den Graduiertenprogrammen beider Universitäten unterstützt und vom Frankreichzentrum der Saar-Uni koordiniert. »Anders wäre das alles nicht machbar«, erklärt Hudemann, der sich über wachsenden Andrang nicht beklagen kann: »Bei den Franzosen beobachten wir seit einiger Zeit ein reges Interesse an deutschen Themen.« Dementsprechend viele französische Studenten möchten dabei sein. Aber auch von Seiten der Saarbrücker Studenten sei die Nachfrage groß. Welchen Vorteil das Projekt noch habe? »Wir können die Treffen in der Regel ganz flexibel gestalten und gerade dadurch die Tage bestens für einen intensiven Austausch nutzen «, berichtet der Professor. »Wir laden auch gerne interessante Gastredner ein.« Derzeit plant Hudemann mit seinem Team den Workshop für Ende des Jahres.

_Melanie Löw