Zurück zur Natur! Und warum?

Zurück zur Natur! Und warum?


Barbara Krug-Richter ist seit April Professorin für Historische Anthropologie und Europäische Ethnologie. Die Wissenschaftlerin erforscht den Alltag der Menschen früher und heute. In Saarbrücken will sie unter anderem herausfinden, warum der Drang zur Natur wieder in Mode ist.


»Ich bin froh, dass es mich woanders hin verschlagen hat. Das unterscheidet mich vermutlich sehr von einem durchschnittlichen Saarländer«, sagt Barbara Krug-Richter und schmunzelt dabei. Die gebürtige Münsterländerin lebt zwar noch nicht lange im Saarland, aber angesichts ihrer Profession wäre es verwunderlich, wenn ihr die starke Heimatverbundenheit des gemeinen Saarländers nicht aufgefallen wäre: Barbara Krug-Richter ist Professorin für Historische Anthropologie und Europäische Ethnologie an der Saar- Uni. Das klingt sperrig. Letzten Endes bedeute es, dass sie sich damit auseinandersetzt, wie die Menschen in den vormodernen Jahrhunderten gelebt haben, wie sie ihren Alltag gestalteten und wie sie ihre Umgebung wahrnahmen. Damit ist auch klar, warum ihr die Heimatliebe der Saarländer nicht wirklich lange verborgen geblieben ist.

Seit April ist sie Professorin in der Fachrichtung Geschichte in Saarbrücken. Zuvor war Barbara Krug-Richter ein Jahr lang als Gastprofessorin hier und konnte das Saarland und die Eigenheiten seiner Bewohner aus dem Gästehaus der Universität heraus kennenlernen. Die Professur an der Saar-Uni war ein Glücksfall für die Wissenschaftlerin. Denn sie studierte an ihrer Heimatuniversität in Münster Europäische Ethnologie – damals noch Volkskunde genannt – und Geschichte, promovierte 1990 mit einer Arbeit über frühneuzeitliche Ernährungsgeschichte und habilitierte sich schließlich mit einer Arbeit zur Sozial- und Kulturgeschichte der ländlichen Gesellschaft im 17. und 18. Jahrhundert. Elf Jahre lang, von 2000 bis 2011, leitete sie ein Teilprojekt im Sonderforschungsbereich »Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom  Mittelalter bis zur Französischen Revolution« an der Universität Münster. In Saarbrücken kann sie nun als Hochschullehrerin ihre beiden Schwerpunkte Geschichte und Europäische Ethnologie unter einen Hut bringen. »Die Stelle hier ist fast auf mich zugeschnitten«, sagt sie. Barbara Krug-Richter ist sehr froh über diesen Glückstreffer. Denn hier kann sie ihren vielfältigen Interessen nachkommen.

»Die Europäische Ethnologie ist eine ganz breite Wissenschaft «, erklärt Barbara Krug-Richter. »Man kann historisch arbeiten. Ich fange in der Geschichte an und ende in der Gegenwart«, sagt sie über Forschung und Lehre. Entsprechend breit gefächert sind auch ihre Themen. »Ernährungsgeschichte, Konfliktkultur, Studentenkultur und historische Kriminalitätsforschung sind unter anderem meine Forschungsschwerpunkte«, erklärt sie.

Diese haben sich zum Teil zufällig ergeben, was ihrer großen Neugier auf »alles, was mit Leben zu tun hat« geschuldet ist, wie sie sagt. »In einer Forschung über historische Formen der Konfliktkultur habe ich mich insbesondere auf die Überlieferung in den Archiven in Freiburg im Breisgau gestützt.« In der traditionsreichen badischen Universitätsstadt waren die Studenten in den Kriminalakten dermaßen präsent, dass sie die Wissbegierde packte und sie mehr über die Studentenkultur erfahren wollte. So gelangte die Studentenkultur als Forschungsthema in ihren Fokus.

Die Studenten sind ihr auch über den Status eines wissenschaftlichen Forschungsobjekts hinaus wichtig. Sie lehrt sehr gerne, bietet den Studenten interessante Veranstaltungen an. Das bezeugen beispielsweise Seminare, die sich um die »Ethnografie der Saarbrücker Gastronomie« drehen oder um »Ehre, Scham und Schande – Ehrkonzepte in Geschichte und Gegenwart«. Darin untersuchte sie mit ihren Studenten unter anderem die Zusammenhänge zwischen Ehrvorstellungen und Männlichkeit in gegenwärtigen Migrantenmilieus. Eine Schlussfolgerung lautet: »Die Ehrkonzepte hängen nicht an der Religion.« Anders als die gängige (Stammtisch-)Meinung hätten beispielsweise die so genannten Ehrenmorde weniger mit dem Islam zu tun als viel mehr mit der Gesellschaft, in der manche Muslime lebten. »Vor einigen Jahrhunderten hatten Europäer schließlich ganz ähnliche Ehrvorstellungen« wie diejenigen, die heute aus Gründen der Ehre morden, erklärt Barbara Krug-Richter. In Zukunft möchte sie sich stärker mit dem Beziehungsfeld »Mensch – Natur – Umwelt« befassen. »Spannend ist hier vor allem das aktuelle Phänomen der neuen Lust aufs Land«, berichtet die Ethnologin. »In Berliner Journalistenkreisen beispielsweise ist es momentan total hipp, raus aufs Land zu ziehen«, weiß sie. »Aktionen wie das so genannte ›Guerilla Gardening‹ sind in den vergangenen Jahren aufgekommen.« Dabei verschönern Stadtbewohner ihre Viertel beispielsweise dadurch, dass sie wild Blumensamen aussäen oder Stiefmütterchen auf einer Baumscheibe pflanzen. Auch der Erfolg von Zeitschriften wie »Landlust«, deren Auflage inzwischen die Millionenmarke geknackt hat, unterstütze diesen Trend. Warum wühlen hippe Hauptstadt-Journalisten gerne im eigenen Acker und bauen Gemüse an? »Bisher gibt es dazu noch keine Untersuchungen. Es könnte verschiedene Erklärungen geben. Eine Studentin vermutete mal, dass die Leute das jetzt machen, weil sie es nicht mehr machen müssen «, erklärt Krug-Richter.

Berührungsängste vor Themen, die Fachkollegen bis vor kurzem noch gar nicht zur Kenntnis genommen haben, hat Barbara Krug-Richter nicht. Sie interessiert sich auch für Formen der populären Geschichtsrezeption. »Darunter versteht man beispielsweise den Boom der Mittelalter- Märkte, die ungebrochene Beliebtheit von Ritter-Spielzeug bei Kindern und die vielen populären Spielfilme rund ums Thema Mittelalter«, erklärt sie. Geschichte und speziell das Mittelalter seien inzwischen überall präsent, ob in Romanen, im Fernsehen oder auf der Kinoleinwand. »Ich habe im laufenden Semester mit meinen Studenten verschiedene Robin-Hood-Verfilmungen angeschaut«, erzählt sie. Dabei stellten sie fest, dass die mittelalterliche Legende des Rächers der Enterbten in verschiedenen Zeiten und Kulturen als Projektionsfläche aktueller Themen dient. »Bei der Verfilmung mit Kevin Costner ist das ganz deutlich. Hier wird die religiöse Toleranz stark in den Vordergrund gerückt«, erklärt die Wissenschaftlerin.

Weltoffenheit und Toleranz sind ja auch Eigenschaften, die Saarländern nachgesagt werden. Auch das sind Wesenszüge, die Barbara Krug-Richter als Neu-Saarländerin und Europäische Ethnologin hoffentlich schnell an ihrer neuen Wahlheimat schätzen lernen wird. Und wer weiß: Reiselust und die Suche nach Neuem, Unentdecktem hin oder her, vielleicht will sie dann wie die Saarländer auch gar nicht mehr weg von hier.

_Thorsten Mohr