Die Chance der Krise

Die Chance der Krise


Historische Wirtschaftskrisen und was aus ihnen gelernt werden kann

Saarbrücker Wirtschaftshistoriker untersuchen Wirtschaftskrisen der Vergangenheit und zeigen: Aus krisengeschüttelten Zeiten können Staaten gestärkt hervorgehen – wenn die richtigen Weichen gestellt, gute Entscheidungen getroffen und auch der emotionale Part, die Menschen und ihre Ängste, berücksichtigt werden.
 

Was würden die Politiker, die sich derzeit mit der Euro- Krise herumschlagen, darum geben, in die Zukunft sehen zu können? Was wäre es ihnen wert, zu wissen, was bei ihren Entscheidungen herauskommt? In einigen Jahren wird jeder die Folgen ihres Handelns kennen und es besser wissen– was eher falsch und was richtig war, was man hätte besser machen können oder besser gelassen hätte. Da mutet es doch seltsam an, dass dann, wenn alles offen daliegt – das Vor- wie das Nachher –, dieses Wissen kaum genutzt wird. Die historische Wirtschaftskrisen-Forschung ist ein Trumpf, der zu selten gezogen wird. Davon sind Professor Margrit Grabas und ihr Mitarbeiter Veit Damm überzeugt. Die Wirtschaftshistoriker untersuchen historische Krisen und ziehen Parallelen– etwa von der aktuellen Finanz- und Bankenkrise zur Gründerkrise, die nach 1873 Dutzende von Banken in die Insolvenz riss. Um Konjunktur- und Strukturkrisen von 1966 bis 1982, ihren Verlauf, ihre Wahrnehmung und Bewältigung im Saarland geht es in einem Projekt, das seit zwei Jahren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Hier werfen die Forscher einen Blick in die jüngere, recht krisenanfällige Vergangenheit: Die erste Nachkriegs-Rezession verbreitete 1966/67 Krisenangst; die erste Ölkrise beschleunigte 1973/74 das Ende des europäischen Nachkriegsbooms und der zweite Ölpreisschock von 1979 trieb Europa wieder in die Rezession Besonders auf die Großregion Saar-Lor-Lux legen die Forscher dabei einen Schwerpunkt.

»Die damals getroffenen Maßnahmen zur Krisenbewältigung bestimmen die Wirtschaft bis heute«,erklärt Veit Damm. Die Politik reagierte, indem sie eine massive Industrieförderungs- Maschinerie anwarf: Subventionen, Kurzarbeit, staatliche Konjunkturprogramme, so der promovierte Historiker weiter. Es wurde im großen Stil investiert – im Saarland vor allem in den Automobil- und Maschinenbau sowie in den Stahlsektor.»Das war damals vor dem Hintergrund der aufziehenden Dienstleistungsgesellschaft unpopulär. Langfristig führte dies aber zu einem Erhalt der Industrie und zahlreicher Arbeitsplätze, wovon wir heute profitieren«, erläutert Damm. Ganz anders zum Vergleich: Spanien, wo eher in Immobilien investiert wurde, statt in die Realwirtschaft – mit den bekannten Folgen. Die Erkenntnisse des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialgeschichte legen nahe, dass Politik und Wirtschaft gut beraten sind, die strukturellen Probleme der Realwirtschaft anzugehen. Allein die Rettung des Geldmarktes und der Haushalte wie aktuell in Griechenland genüge nicht.

Am Beispiel Spaniens wird auch sichtbar, was die Forscher als weiteren entscheidenden Aspekt in der Krise ansehen: die Emotionen, die Stimmung im Land. Die Menschen und ihre Ängste spielen eine große Rolle bei der Erklärung, warum Krisen entstehen und wie sie verlaufen. Die Wirtschaftsentwicklung ist dabei einer Wellenbewegung vergleichbar. Auf ein Hoch folgt ein Tief, auf gute Zeiten schlechte. Das Hoch aber wird oft ausgeblendet, manchmal auch das Tief; das Nicht-Wahrhaben-wollen ist ein solches Phänomen.

Für ihre Forschung werten die Wirtschaftshistoriker unter anderem Akten der Wirtschaftspolitik von 1967 bis 1982 aus, zum Beispiel aus der Saarbrücker Staatskanzlei. Angesichts der Fülle an Papier aus einer kopienreichen, aber (fast) computerlosen Zeit ein aufwändiges Unterfangen. Auch Interviews mit früheren Akteuren aus Politik und Wirtschaft werden geführt. Was hätten diese damals für die heutigen Forschungsergebnisse gegeben!

_Claudia Ehrlich