Gegen die Angst

Gegen die Angst


Wer eine psychotherapeutische Behandlung sucht, wendet sich im Allgemeinen an niedergelassene Psychotherapeuten oder an Spezialisten in saarländischen Kliniken. Kaum jemand weiß, dass es auch an der Universität des Saarlandes eine Verhaltenstherapeutische Universitätsambulanz gibt, die allen Patienten mit psychischen Störungen offen steht. Die ambulante medizinische Einrichtung ist in der Abteilung »Klinische Psychologie und Psychotherapie « der Fachrichtung Psychologie angesiedelt und wird von Tanja Michael geleitet. Die Psychologie-Professorin und approbierte Psychotherapeutin wurde nun zum zweiten Mal in Folge vom Nachrichtenmagazin Focus in die Liste von Deutschlands Topmedizinern aufgenommen. Ihr Spezialgebiet sind Angststörungen. 

Hexenschuss bei der Gartenarbeit oder Magenprobleme im Urlaub – solche Krankheiten sind in der morgendlichen Kaffeerunde unter Kollegen durchaus salonfähig. Ganz anders sieht das bei psychischen Störungen aus. Sie gelten eher als Makel, über den man lieber nicht spricht. Und das, obwohl sie besonders viele Menschenbetreffen.»Fast ein Drittel aller Erwachsenen leidet innerhalb eines Jahres an einer psychischen Störung«,erklärt Tanja Michael. Die 41-jährige approbierte Psychotherapeutin leitet die Verhaltenstherapeutische Universitätsambulanz auf dem Saarbrücker Campus, die erst kürzlich neun neue Therapieräume in Betrieb genommen hat. Die Ambulanz steht allen Patienten mit psychischen Störungen offen. »Wir behandeln die häufigsten seelischen Störungen wie Angsterkrankungen, Depressionen, Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen oder Essstörungen«, erläutert Tanja Michael. Die Behandlungskosten werden in der Regel von den Krankenkassen übernommen, denn die Kassenärztliche Vereinigung Saarland hat die Ambulanz zur Behandlung gesetzlich Krankenversicherter ermächtigt – mit einer Aufnahmekapazität von 150 Patienten pro Jahr. Derzeit arbeiten hier zwischen sechs und acht approbierte Psychotherapeutinnen. Neben der Behandlung von Patienten haben die Professorin und ihr Team eine Menge weiterer Aufgaben: »Als Universitätsambulanz sind wir für eine praxisnahe Lehre an der Uni zuständig – daher müssen wir natürlich auch Patienten behandeln – und betreiben gleichzeitig Forschung.«



Unter allen psychischen Erkrankungen sind Angststörungen am weitesten verbreitet. Das berichtet das Magazin Focus in seiner aktuellen Ärzteliste der besten Mediziner Deutschlands. Demnach sind Angststörungen noch häufiger als Depressionen inklusive Burn-out oder psychosomatischen Störungen. Zu den 40 im Focus ausgewiesenen Experten für Angststörungen gehört auch Tanja Michael. »Etwa 29Prozent aller Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Angststörung«, sagt die Saarbrücker Spezialistin. »Bezogen auf jetzt und heute gilt, dass von hundert Erwachsenen zehn an einer Angststörung leiden, drei von ihnen an einer schweren Form.«Auch bei ihren Forschungen widmet sie sich diesem Spezialgebiet. Doch wie lassen sich »normale« Ängste von den sehr viel ernsteren Angststörungen unterscheiden? »Angst wird dann zur Krankheit, wenn sie, verglichen mit der realen Gefahr, unangemessen stark ist und wenn sie ohne hinreichenden Grund auftritt und nicht mehr kontrolliert werden kann«, nennt die Wissenschaftlerin einige der wichtigsten Symptome. »Unbehandelt verlaufen Angststörungen meist chronisch; sie schränken Patienten stark ein und führen häufig in der Folge zu weiteren psychischen Störungen wie Depression, Substanzabhängigkeit oder auch zu somatischen Erkrankungen.«

Einer Angststörung gehe in der Regel ein schlimmes Erlebnis voraus, erläutert die Professorin und nennt als Beispiel die Agoraphobie, bei der Menschen nicht mehr das Haus verlassen können. Diese Patienten hatten in der Vorgeschichte Panikattacken.»Das sind ganz plötzliche Angstattacken, die häufig mit Todesangst einhergehen.« Gleichzeitig erhöht sich der Herzschlag, die Patienten schwitzen und empfinden Übelkeit und Schwindel. Typischerweise treten Panikstörungen vor dem Hintergrund stressreicher Lebensereignisse auf und gehen oft mit körperlicher Erschöpfung einher. »In der Agoraphobie werden dann Situationen vermieden, in denen schon einmal Panikattacken auftraten oder aus denen man schwer fliehen könnte, wenn eine Panikattacke auftritt.«

Zu den schweren Angststörungen gehört auch die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). »Ein Trauma ist ein Ereignis, das entweder lebensbedrohlich war oder die körperliche Unversehrtheit bedroht hat und in dem gleichzeitig Angst und Hilflosigkeit erlebt wurden«, erklärt Tanja Michael, die für ihre Forschungen in diesem Bereich bereits mehrere internationale Preise erhalten hat. Besonders belastend für die Betroffenen sei es, dass bei der posttraumatischen Belastungsstörung Flashbacks an das Trauma auftreten – Schreckensbilder, die ohne Vorwarnung ins Bewusstsein schießen: Der durchschnittliche Trauma-Patient erlebe das fürchterliche Ereignis jeden Tag drei Mal. Um die Behandlung zu optimieren, untersuchen die Wissenschaftler der Saar-Uni in ihrer Psychotherapieforschung, welche Therapie-Verfahren besonders wirksam sind und wie sich die Behandlungen verbessern lassen.

Für die Behandlung von Angststörungen gelte generell: »Die Patienten müssen unter therapeutischen Bedingungen lernen, dass ihre Katastrophenannahmen nicht stimmen und dass ihre Angst sie nicht umbringt«, erklärt Tanja Michael. Das bedeute, dass man sie unterkontrollierten Bedingungen mit angstauslösenden Situationen konfrontiere. »In der Therapie wird gelernt, die Angst auszuhalten, sie zu kontrollieren und hilfreichere Annahmen über sich und die Welt zu entwickeln.« PTBS-Patienten bedürften allerdings einer speziellen Behandlung. Auch sie würden mit dem Trauma konfrontiert. »Die Patienten sollen das Trauma in der Erinnerung durchgehen, um das Traumagedächtnis ins autobiographische Gedächtnis einzubetten. Dabei sollen die ›falschen Annahmen‹ in den Flashbacks aktualisiert werden.« Beispielsweise werde das Gefühl »Hilfe, er wird mich umbringen« aktualisiert durch »aber ich lebe noch«. Die alte Gedächtnisspur könne zwar nicht gelöscht werden, doch man könne erreichen, dass sich die Patienten später an das Neugelernte in der Therapie erinnern und die neue Gedächtnisspur aktivieren. Die Wissenschaftlerin forscht daher unter anderem daran, wie man das Neulernen in der Therapie verbessern kann.

Einweiterer Ansatz von Tanja Michael und ihrem Team ist die Grundlagenforschung im Labor. Durch Gedächtnisexperimente an PTBS-Patienten konnten die Wissenschaftler beispielsweise herausfinden, wodurch Flashbacks an das Trauma ausgelöst werden.» So können Objekte, die beidem traumatisierenden Ereignis ›anwesend‹ waren, als Auslöser wirken. Diese Auslöser aufzuspüren ist sehr hilfreich, da die Patienten die Unkontrollierbarkeit der Wiedererlebenssymptomatik als ganz schlimm empfinden.« Darüber hinaus arbeiten die Saarbrücker Wissenschaftler damit, die Angst-Symptome im Alltag zumessen. Das funktioniert mit einer Pulsbanduhr, die den Herzschlag festhält. Außerdem machen die Patienten alle drei Stunden einen Eintrag in einen Fragebogen auf dem Smartphone; auch Flashbacks registrieren sie dort. »Wir konnten feststellen, dass es Tageszeiten gibt, in denen besonders leicht Flashbacks auftreten, und wir können außerdem konkrete Situationen identifizieren, die einen Flashback auslösen.« Sind die Ergebnisse für das Verständnis der Störung wichtig und behandlungsrelevant, dann fließen sie direkt in die ambulante Psychotherapie ein.

Im Labor wollen die Psychologen auch herausfinden, warum manche Menschen eine chronische Angststörung entwickeln und andere nicht. Bei einem Lernexperiment wurde den Probanden auf dem Computerbildschirm mehrmals ein rotes Dreieck gezeigt; gleichzeitig erhielten sie jeweils einen kleinen Stromstoß über eine Elektrode am Handgelenk(dessen Stärke sie selber bestimmen konnten). Es zeigte sich, dass alle Versuchspersonen aufgrund des Stromstoßes sehr schnell Angst vor dem roten Dreieck entwickelten. Aber: Gesunde Menschen verlernten diese Angst ganz schnell wieder, haben die Wissenschaftler beobachtet. Anders Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung und Panikstörung: Sie verlernen die Angst nicht. »Allerdings gilt das auch für Menschen, die in sehr ängstlicher Grundstimmung sind«, sagt Tanja Michael, die zurzeit in einer Studie herausfinden will, welche Persönlichkeitsmerkmale für eine Angststörung prädestinieren. Die gute Nachricht: »Nach Abschluss der Therapie haben Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen die Angst wieder verlernt.«

_Gerhild Sieber


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