Neue Gastprofessorin im Europaicum kommt aus Litauen

Neue Gastprofessorin im Europaicum kommt aus Litauen

Die litauische Kulturwissenschaftlerin Rūta Eidukevičienė wird ein Jahr lang in Saarbrücken lehren und den Studenten Einblicke in die Geschichte sowie das soziale und kulturelle Leben Litauens vermitteln. Sie hat in dieser Zeit eine Gastprofessur im Rahmen des Europa-Schwerpunktes der Saar-Uni inne.  

Zu Litauen fällt den meisten Menschen spontan nicht gerade viel ein. Vielleicht etwa Folgendes: Vilnius mit seiner schönen Altstadt, die sichelförmige Kurische Nehrung in der Ostsee, das Land als ›Sparmeister‹ Europas in der Krise, ... »Basketball «, wirft Rūta Eidukevičienė ein, »das gilt bei uns fast als zweite Religion«.Die zarte, blond gelockte Wissenschaftlerin hat mit dieser Sportart allerdings eher wenig zu tun. Ihr Interesse gilt der Kulturwissenschaft ihrer Heimat, wo sie in einer kleinen Stadt an der Memel aufwuchs, »umgeben von einer sehr malerischen Landschaft. Daher kommt wohl mein Interesse an Kunst und Literatur, aber auch mein Wohlbefinden in der Natur«, vermutet sie.

Rūta Eidukevičienė hat Geschichte, Germanistik und Literaturwissenschaft studiert und lehrt nun als Gastprofessorin ein Jahr lang an der Saar-Uni. Nach Professoren aus Finnland, der Türkei, Irland und Ungarn hat die litauische Wissenschaftlerin damit die fünfte Gastprofessur inne, die die Universität im Rahmen des Europa-Schwerpunktes anbietet. Bei der Auswahl berücksichtigt die Uni vor allem Länder, die im Saarbrücker Lehrangebot sonst kaum oder gar nicht vertreten sind. Mit dem Angebot des Europaicums können Studenten ihr Studium international ausrichten und sich Kenntnisse über Recht und Wirtschaft, Geschichte, Politik oder Kultur europäischer Länder aneignen.

Ihre Lehrveranstaltungen hält Rūta Eidukevičienė auf Deutsch. Das hat sie bereits in der Schule gelernt und spricht es fast akzentfrei. Heutzutage sei das anders, Deutsch werde in Litauen kaum noch gelehrt, sagt sie. Stattdessen wählen die  Schüler Englisch und – als zweite Fremdsprache – Russisch oder etwas Exotischeres, etwa Spanisch oder Italienisch. Entsprechend wenig Germanistik- Studenten gebe es an den Universitäten.

In Saarbrücken will die Litauerin einen interdisziplinären kulturwissenschaftlichen Zugang zur Literatur, Kultur und Geschichte ihres Landes vermitteln. »Ich will neugierig machen auf Litauen«, erklärt sie. »Dabei kann ich keine fertigen Antworten liefern.«Vier Lehrveranstaltungen wird sie in diesem Semester an der Uni halten, darunter eine Vorlesung zu den Eckdaten der litauischen Geschichte. Die große Zeit Litauens sei Ende des 14.,Anfang des 15. Jahrhunderts gewesen. Zum damaligen Großfürstentum Litauen hätten auch das Territorium des heutigen Weißrusslands und große Teile der Ukraine gehört. »Dieses kulturell und religiös sehr heterogene Staatsgebilde war überaus tolerant gegenüber allen Volksgruppen, und so entschieden sich viele dafür, ihm anzugehören«, erläutert die Wissenschaftlerin. Doch als das Großfürstentum Moskau stärker wurde und die slawischen Gebiete zurückgewann, war es mit der einstigen Großmacht vorbei: Ab 1569 befand sich Litauen mehr als zwei Jahrhunderte in einer Union mit Polen, 1795 kam es unter die Herrschaft des russischen Zaren. »Nach zwei Aufständen folgte eine Russifizierungspolitik, so wurde unter anderem das Schrifttum in lateinischem Alphabet verboten, und die Universität Vilnius wurde geschlossen. «Ein Jahrhundert später kündigte sich der nächste Wechsel an: Die Nationalbewegung setzte litauische Schulen durch sowie die litauische Sprache, die heute als die älteste gesprochene indoeuropäische Sprache gilt. Die Nationalbewegung gipfelte 1918 in der Gründung der Republik Litauen als unabhängiger Staat. »Das dauerte bis 1940.Dann kam die sowjetische Besatzung, anschließend die deutsche Besatzung, und nach Kriegsende wurden wir sowjetische Republik – bis 1990: Da wurde Litauen unabhängig, und seit 2004 gehören wir zur EU«, fasst die Wissenschaftlerin die wesentlichen geschichtlichen Ereignisse zusammen.

Wie sich das soziale und kulturelle Leben nach der Unabhängigkeitserklärung entwickelt hat, behandelt sie in der Lehrveranstaltung » Litauen als Transformationsgesellschaft «. Es ist dieser Bewusstseinswandel in ihrer Heimat – von sowjetischen Zeiten in eine litauische beziehungsweise in eine europäische Identität –, der sie besonders fasziniert. »Der Transformationsprozess ist auf allen möglichen Gebieten zu beobachten: in Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft, und er spiegelt sich in der Literatur und Publizistik wider«, erläutert Rūta Eidukevičienė. Deutlich machen will sie dies im Diskurs mit den Studentinnen und Studenten anhand ausgewählter publizistischer und literarischer Texte und einiger Filme.

Sie selbst hat die Zeit nach der Unabhängigkeit zunächst als Schülerin, dann als Studentin erlebt. »Die nationale Euphorie im Land war damals sehr stark«,erinnert sie sich.»Auf einmal durfte man über alles sprechen, beispielsweise über die Deportation der Litauer nach Sibirien oder die antisowjetische Partisanenbewegung.« Litauische Geschichte sei plötzlich ganz anders unterrichtet worden. Dieses starke Nationalgefühl gebe es heute nicht mehr. Die Generation, die nach1990 aufgewachsen sei, habe eher eine europäische Identität. Und wie ist die gegenwärtige Stimmung zu Europa? »Trotz der großen Sparzwänge werden in Litauen meistens die Vorteile der EU gesehen«,meint die Wissenschaftlerin. Dennoch seien viele Menschen kritisch, und Herbst und Winter seien immer besonders schwierig: »Litauen ist bei der Energieversorgung von Russland abhängig, und Strom und Gas sind sehr teuer.« Die Unzufriedenheit der Bevölkerung hat sich bei den jüngsten Parlamentswahlen in einem Regierungswechsel niedergeschlagen: Die konservative Regierung wurde für ihre rigiden Sparauflagen abgestraft, und die Sozialdemokraten kamen an die Macht.

Die aktuelle Volkszählung hat ein weiteres Problem offenbart: »Die Einwohnerzahl Litauens ist erstmaligunterdrei Millionen abgesunken«,erzählt Rūta Eidukevičienė. Hauptursache: Eine große Zahl von Litauern emigriert, vor allem nach England oder Norwegen.» Viele Eltern gehen zum Geldverdienen weg und bringen die Kinder bei Verwandten unter.« Sie hat selber zwei Kinder, und daher habe sie ihren Freunden besonders ausführlich erklären müssen, warum sie nach Deutschland gehe. »Ich habe betont, ich gehe für ein Jahr«, lacht sie. Dabei ist ihr die Saar-Uni nicht unbekannt: Bereits 1997 war sie als DAAD-Austauschstudentin ein Jahr in Saarbrücken, 2003 promovierte sie bei Professor Gerhard Sauder an der Saar-Uni, und nun kommt sie als Gastprofessorin wieder. »Der Bekannten- und Kollegenkreis wird immer breiter, und man hat immer mehr Grund zurückzukommen«, freut sie sich. An Saarbrücken liebt sie die heterogene Atmosphäre einer Grenzregion: »Das Flair in der Stadt ist offener – irgendwie europäisch.«

Ihre eigene Heimat – das Memeltal – wird die litauische Wissenschaftler in den saarländischen Studenten in einem Seminar vorstellen. »Wir werden viele schöne Texte zum Memeltal als europäische Kulturlandschaft lesen«, erläutert sie. »Die Region ist kulturell gesehen äußerst spannend und auch landschaftlich wunderschön.« Quasi als kulturelles Begleitprogramm zu ihren Veranstaltungen will Rūta Eidukevičienė namhafte Wissenschaftler und Schriftsteller zu Gastvorträgen nach Saarbrücken einladen.

_Gerhild Sieber

Das Europaicum vermittelt besondere Europa-Kompetenzen. Seine Kurse gehören nicht verpflichtend zum Studium, sondern sind ein zusätzliches Lehrangebot zu europäischen Themen. Studenten aller Fakultäten können mit dem Europaicum Leistungspunkte erwerben. Studenten im Bachelor- Optionalbereich können es sich auf jeden Fall für ihr Studium anrechnen lassen. Parallel zur Gastprofessur bietet das Sprachenzentrum der Uni Litauisch-Kurse an.

www.uni-saarland.de/europaicum