Studieren mit Behinderung

Studieren mit Behinderung

Acht Prozent der Studentinnen und Studenten in Deutschland haben eine Behinderung oder chronische Krankheit, doch den wenigsten sieht man das auf den ersten Blick an. Um sie zu beraten und die Dozenten im Umgang mit ihnen zu unterstützen, hat die Saar-Uni die Kontaktstelle Studium und Behinderung eingerichtet.

Studentinnen und Studenten mit Behinderung – gibt es die überhaupt an der Saar-Uni? Ja, ein paar junge Leute sind mit Rollstuhl auf dem Campus unterwegs, aber sonst, so könnte man annehmen, ist ein Studium mit Behinderung sicherlich die Ausnahme. »Das ist ein Irrtum«, widerspricht Michelle Froese-Kuhn entschieden. Sie ist die Ansprechpartnerin der Kontaktstelle Studium und Behinderung an der Universität und weiß: »Nur bei sechs Prozent der Studierenden, die eine Behinderung oder chronische Krankheit haben, nimmt man die Beeinträchtigung auf den ersten Blick wahr.« Das hat das Studentenwerk anhand einer deutschlandweiten Befragung im Sommersemester 2011 belegt, an der 16.000 Studenten mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen teilgenommen haben.

Die Kontaktstelle wurde im Oktober 2011 im Campus Center unter dem Dach der Stabsstelle Chancengleichheit eingerichtet und ist Anlaufstelle für Studentinnen und Studenten mit Behinderung und chronischen Krankheiten. »Neben der Beratung wollen wir vor allem für das Thema sensibilisieren und alle Akteurinnen und Akteure an der Uni anregen, bei ihren Planungen diese spezielle Gruppe mitzudenken, denn dann würden viele Barrieren gar nicht erst entstehen«, sagt Michelle Froese-Kuhn. Daher ist die Uni-Mitarbeiterin, die ihre vielfältigen Aufgaben derzeit im Rahmen einer 50-Prozent-Stelle wahrnimmt, auf vernetztes Arbeiten angewiesen. Wichtige Partner sind die Zentrale Studienberatung, die Psychologisch-psychotherapeutische Beratungsstelle, das Gleichstellungsbüro, das Facility Management, das Präsidialbüro, die Rechtsabteilung, der Asta und das Studentenwerk.

Beim Thema Barrieren denkt Michelle Froese-Kuhn zwar durchaus an architektonische Barrieren – so gebe es immer noch Gebäude, die nicht barrierefrei sind –, hat aber auch andere Gesichtspunkte im Sinn: »Die meisten Betroffenen brauchen Hilfe beim Studienablauf, sie benötigen beispielsweise Prüfungspausen oder einen Ruheraum oder sind auf barrierefreie Kommunikation angewiesen.« Die Erhebungen des Studentenwerks stützen ihre Beobachtung: Am häufigsten sind Studenten aufgrund psychischer und chronischer Erkrankungen sowie durch Teilleistungsstörungen wie Legasthenie in ihrem Studium beeinträchtigt. Im Vergleich dazu fühlen sich nur vier Prozent durch Bewegungsbeeinträchtigungen im Studium beschränkt und fünf Prozent durch Sehbeeinträchtigungen.  »In der Beratung kläre ich gemeinsam mit den Betroffenen, wie die Anforderungen des Studiums trotz Beeinträchtigung zu realisieren sind.« Außerdem berät Froese-Kuhn über den im Universitätsgesetz verankerten »Nachteilsausgleich«, der die Universität verpflichtet, behinderte Studenten in ihrem Studium nicht zu benachteiligen und ihnen die Nutzung der Universitätsangebote möglichst ohne fremde Hilfe zu ermöglichen. »Ich kläre die Studierenden über ihre Möglichkeiten auf und, falls gewünscht, helfe ich bei den individuellen Antragsstellungen«, erläutert die Uni-Mitarbeiterin. »Ich sage immer ›Sie müssen sich nicht rechtfertigen, sondern Sie haben ein Recht auf Unterstützung‹«. Dass es im Einzelfall nicht immer leicht ist, eine Lösung zu finden, hat sie inzwischen erfahren. Oft muss mit den Dozenten und dem Prüfungsamt verhandelt werden, um passende Nachteilsausgleiche zu finden. Manchmal helfen jedoch schon einfache Initiativen. So könnten beispielsweise blinde und hörbehinderte Studierende schon vor der Lehrveranstaltung mit den Unterlagen versorgt werden. »Hier sind auch die Kreativität und Flexibilität der Lehrenden gefragt«, empfiehlt Froese-Kuhn.

Viele Studenten mit Behinderung oder chronischer Krankheit möchten jedoch ihre Beeinträchtigung nicht preisgeben. Laut Studentenwerk verzichten aus diesem Grund 44 Prozent der Betroffenen auf eine Beratung. Aus Datenschutzgründen ist eine generelle Erfassung von Studenten mit Behinderung nicht möglich. Bei der Bedarfsermittlung ist Michelle Froese-Kuhn auf freiwillige Meldungen angewiesen. »Eine bessere Kenntnis der Situation lässt uns Projekte und Sensibilisierungsmaßnahmen passgenauer konzipieren«, erläutert auch Sybille Jung, Leiterin der Stabsstelle Chancengleichheit.

Neben der Beratung steckt Michelle Froese-Kuhn ihre Arbeitsenergie in verschiedene Projekte, mit denen die Situation für behinderte Studentinnen und Studenten an der Saar-Uni verbessert werden soll. So will sie gemeinsam mit dem Asta eine Online-Assistenzbörse aufbauen. »Hier können sich Studierende melden, die ihren behinderten Kommilitoninnen und Kommilitonen helfen wollen. Im Allgemeinen bewähren sich solche Börsen, denn das ist ein Geben und Nehmen, und alle lernen voneinander.« Außerdem wurden im Wintersemester bereits zum zweiten Mal Gebärdensprachkurse für Anfänger sowie für Fortgeschrittene angeboten, die bei Studenten und Dozenten ein enormes Feedback finden. Auch ein Runder Tisch wurde mithilfe des Asta initiiert, damit sich betroffene Studenten vernetzen können. Bei den Treffen mit dabei ist natürlich auch die Mitarbeiterin der Kontaktstelle. »Ein zentrales Thema ist die bauliche Barrierefreiheit und Türen, die sich nicht richtig öffnen lassen. Großer Unmut herrscht zurzeit auch wegen der Behindertenparkplätze auf dem Campus.« So gebe es derzeit für Studierende und Beschäftigte 32 Behindertenparkplätze über den Campus verteilt, aber sie würden oft von Nichtberechtigten zugeparkt. »Das kann dazu führen, dass jemand wieder nach Hause fahren muss, weil kein gebäudenaher Parkplatz frei ist«, weiß Michelle Froese-Kuhn. Wie genau gegen die rücksichtslosen Falschparker vorgegangen werden soll, ist noch unklar, aber einen Campus-Plan für Rollstuhlfahrer, der unter anderem Behindertenparkplätze, leichte Wege und Behindertentoiletten zeigt, hat die Uni-Mitarbeiterin schon in Angriff genommen. »Alle unsere Aktivitäten stehen in Einklang mit dem Leitbild der Universität, die konsequent die Empfehlungen der HRK ›Eine Hochschule für Alle‹ umsetzen möchte«, sagt sie.

Gerade bei den Gebäuden liegt für Max Engel, der im Juni vergangenen Jahres das Asta-Referat »Familie und Gleichstellung« übernommen hat, an der Saar-Uni vieles im Argen. »Mir kommt es manchmal vor, als seien hier ästhetische Gesichtspunkte oft wichtiger als die Funktionalität«, sagt er und prangert an, dass manche Gebäude oder Geschosse für Rollstuhlfahrer schlicht nicht erreichbar sind. Auch was die übrige Infrastruktur für behinderte Studenten, beispielsweise ein taktiles Leitsystem auf den Gehwegen, betrifft, fällt sein Urteil ziemlich vernichtend aus: »Ich bin überzeugt, dass hier weniger Studierende mit Behinderung studieren als an anderen Unis, weil die Infrastruktur schlecht ist.« Seine Kritik gilt aber auch der Studentenschaft in Saarbrücken: Ihr fehle es an Wahrnehmung und Engagement in diesem Bereich, sagt Engel, der gemeinsam mit Michelle Froese- Kuhn den Runden Tisch weiterführen will und vor allem auf Vernetzung und Sensibilisierung setzt.

Dass die Vernetzung nicht auf die Saar-Uni beschränkt bleibt, ist Michelle Froese-Kuhn wichtig: Um Erfahrungen mit anderen Universitäten auszutauschen, kooperiert sie nicht nur mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft, sondern trifft sich regelmäßig auch mit den anderen Experten der Universitäten der Großregion. »Vor allem an der Université de la Lorraine gibt es ein besonders großes Engagement, auch aufgrund besonderer staatlicher Vorgaben.« Derzeit werde eine gemeinsame Charta erarbeitet, um die Mobilität zwischen den Universitäten auch für Studentinnen und Studenten mit Behinderung zu fördern.
_Gerhild Sieber 

Kontakt:
Kontaktstelle Studium und Behinderung (KSB), Campus Center (Gebäude A4 4), Zimmer 1.06 (1. OG), Telefon: 0681 302-5025, E-Mail: ksb(at)uni-saarland.de, www.uni-saarland.de/ksb

Infos:
Der Runde Tisch für Studenten mit Behinderung und chronischer Krankheit trifft sich einmal im Monat. Die Termine findet man auf der Homepage der KSB und des Asta, bei Interesse ist eine Aufnahme in den Verteiler möglich (Mail an: ksb(at)uni-saarland.de).

Die Ergebnisse der Umfrage »beeinträchtigt studieren« können hier nachgelesen werden: www.best-umfrage.de.

Das Studentenwerk hat eine Wanderausstellung mit dem Titel »Studieren mit Behinderung« konzipiert, die im Dezember 2013 an der Saar-Uni gezeigt wird.