Unis nicht mehr zeitgemäß: Digitalisierung hinkt auch an den Hochschulen hinterher

Weder in Deutschland im Allgemeinen noch an Hochschulen im Speziellen sind die technischen Voraussetzungen erfüllt, um von einem fortschrittlichen Entwicklungsstand bei der Digitalisierung sprechen zu können. Während junge Menschen, und damit auch Studenten, in ihrem Leben ohnehin zu großen Teilen digitale Techniken nutzen, ist dies an Universitäten noch nicht in einem ausreichenden Maße möglich. Die Digitalisierung hinkt auch an den Hochschulen hinterher. Die großen Unterschiede zwischen Anspruch und Wirklichkeit sind vielerorts zu finden.

Drei junge Menschen mit Laptop und Tablet sitzen auf dem Rasen
WLAN auf dem Campusgelände gehört eigentlich zum Standard, ist aber nicht immer überall uneingeschränkt nutzbar. Bildquelle: Sorapop Udomsri – 1018190908 / Shutterstock.com

Vor allem die Zielgruppe der Hochschulen selbst ist unzufrieden mit dem aktuellen Technikstand an den Universitäten. Laut einer Umfrage des Personaldienstleisters univativ sind fast alle der rund 900 befragten Studenten davon überzeugt, dass ihre Hochschule mehr für die Integration und Nutzung von digitalen Techniken unternehmen muss. 91 % waren dieser Meinung.

Die Wünsche der Studenten

Heute sind durch die Digitalisierung bereits Dinge möglich, die gestern noch undenkbar gewesen wären. Geldtransfers finden via Online-Banking statt, mit dem Smartphone geht es ins Online-Casino und über die Lieferdienst-App wird das Abendessen bestellt. Hochschulen, grundsätzlich bestückt mit einigen der klügsten Köpfe des Landes, sollten es also auch bewältigen können, die digitalen Wünsche der Studenten zu erfüllen. Dazu zählen beispielsweise:


•    Die Kommunikation über Videotelefonie und/oder Messaging-Dienste
•    Eine stabile WLAN-Verbindung auf dem gesamten Campus-Gelände
•    Die Verbesserung der Kontaktaufnahme mit den Professoren via E-Mail u.Ä.
•    Die Bereitstellung von Skripten und Vorlesungsmaterial als Download
•    Die Teilnahme an Vorlesungen via Online-Stream
•    Eine eigene Smartphone-App der Hochschule    


Das Streaming von Vorlesungen oder anderer Veranstaltungen zeigt dabei die größte Lücke zwischen den Wünschen der Studenten und dem Angebot der Hochschulen auf. 61 % der Befragten hätte es gerne, dass die Vorlesungen auch als Online-Stream angeboten werden. Das bringt den Vorteil des ortsunabhängigen Lernens mit sich und schafft für die Studenten mehr Flexibilität. Angeboten wird dies aber nur selten.

Dass die Vorlesung auch per Videotelefonie „besucht“ werden kann, wünschen sich indes 45 %. Hier wäre dann auch ein Austausch zwischen Dozent und Studenten möglich, was bei einem Stream entsprechend wegfällt.

Jeweils knapp ein Drittel der Studenten würde gerne eine App der Hochschule und die Kommunikation mit Professoren über einen Instant-Messenger nutzen. Bei der Kommunikation mit den Professoren sind natürlich auch die Dozenten selbst gefordert. Die Nutzung von derlei Technologien ist auch immer abhängig vom Typ und vom Kenntnisstand des Professors. Während einige hier großen Nachholbedarf haben, sind andere schon sehr weit. Das empfinden 52 % der Studenten ebenso. Insgesamt sehen die Studenten einen Mangel an digitaler Kompetenz, wenn es um die Kommunikation geht.

Eine Unterstützung der Bildung durch die Digitalisierung wird in der Zukunft immer mehr Bedeutung zukommen. Das ist selbstverständlich heute schon erkennbar. E-Learning-Angebote gibt es in vielen Bereichen, sowohl im privaten als auch beruflichen Umfeld. Studenten schätzen das digitale Lernen ebenfalls, nur müssen es auch sinnvolle Angebote sein. Die untere Statistik zeigt die E-Learning-Angebote, die die meisten Studenten als nützlich empfinden.
 

Statistik zur Beliebtheit von E-Learning-Formen bei Studenten

Videoaufzeichnungen und Online-Übungen zählen zu den beliebtesten E-Learning-Formen bei Studenten. Quelle: HIS, Statista.com

Rückstand in der Digitalisierung auch von außen erkennbar

Dass die Hochschulen bei der Digitalisierung noch einiges vor sich haben, sehen nicht nur die Studenten selbst, sondern auch Experten von außen. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V. und McKinsey haben den Hochschul-Bildungs-Report 2020 herausgegeben, in dem die deutsche Hochschulbildung analysiert wird.

Hierin heißt es zwar, dass sich das deutsche Bildungssystem in die richtige Richtung entwickle, der Wandel zu einem digitalen, flexiblen und berufsorientierten System aber noch lange nicht abgeschlossen sei. Das Hochschulsystem wird dabei im Gesamten betrachtet, weshalb der Fokus nur teilweise auf die Digitalisierung fällt. Das ist nämlich nicht der einzige Punkt, der am Bildungssystem in Deutschland geändert werden muss.

McKinsey und der Stifterverband sehen auch die Lehrinhalte an den Schulen und Hochschulen verbesserungsfähig an. Hier müssen verstärkt „digitale Inhalte“ vermittelt werden. Um beispielsweise Informatik an Schulen in den Sekundarstufen zu unterrichten, werden 4.000 neue Lehrer benötigt. Soll Informatik in der Grundschule gelehrt werden, sind es gar 24.000. Die Ausbildung von Informatiklehrern muss dafür verstärkt werden. Dies gehört zu den acht Zielen der Bildungspolitik, die die Regierung laut dem Hochschul-Bildungs-Report zur Verbesserung des Bildungssystems verfolgen sollte:


1.    Mehr Informatiker ausbilden
2.    Datenanalysekompetenzen in allen Disziplinen sichern: Data Science an Hochschulen ausbauen
3.    Mehr Studierende für einen Auslandsaufenthalt gewinnen
4.    Ausweitung und Flexibilisierung des Angebotes an quartärer Bildung fördern
5.    Praxiswissen und Berufsfeldorientierung bei Studierenden stärken
6.    Chancengleichheit durch lebensnahes BAföG und Weiterführung des Hochschulpakts sichern
7.    Bildungspotential der Flüchtlinge nutzen
8.    Frauen schon an der Hochschule auf eine spätere Karriere vorbereiten


Die Digitalisierung ist also nicht das Einzige, wo Entwicklungsbedarf besteht, aber es wird auch seitens der Unternehmen nicht nur ein Auge auf die Wettbewerbsfähigkeit geworfen. „Wir brauchen ein neues Konzept von Bildung – Bildung 4.0 – das Schülerinnen und Schülern neben Lesen, Schreiben und Rechnen auch Programmieren und digitale Techniken beibringt.“