Risiko von Glückspielsucht im digitalen und analogen Raum

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Die Auswirkung moderner Technologien auf unser alltägliches Leben ist für die Sozialforschung immer wieder ein spannendes Thema. Dabei geht es sowohl um positive, als auch um negative Effekte. Beides ist natürlich zahlreich zu finden.

Eine häufig gestellte Frage ist dabei, inwieweit sich negative Einflüsse durch die permanente Erreichbarkeit des (mobilen) Internets auf unseren Alltag auswirken. Speziell was eine krankhafte Nutzung wie Computerspiel- oder Glücksspielsucht betrifft.

Die Glücksspielsucht ist eine, so genannte, nicht-stoffgebundene Sucht, bei der Betroffene schnell die Kontrolle über das eingesetzte Geld und auch die verbrachte Zeit verlieren. Die psychosozialen Auswirkungen sind bei den Betroffenen unterschiedlich, aber in den meisten Fällen schnell sehr negativ.

Die Folgen der Glücksspielsucht

Diese Sucht wird, durch ihre erheblichen möglichen Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen, sehr häufig untersucht. In den letzten Jahren ist vor allem die Frage, ob das Spielen im Online Casino zu einem höheren Suchtrisiko führt, dabei von gestiegener Bedeutung.

Das verstärkte Aufkommen von Online Casinos, mit unterschiedlichen Regulierungen, ist immer wieder Bestandteil hitziger Diskussionen. Gerade auch im politischen Diskurs, wird die Vermutung, Online Glücksspiel habe ein höheres Suchtpotential, immer wieder als bestätigte Tatsache behandelt. Gegner von Online Glückspielen oder Online Casinos verwenden sie als „Schreckgespenst“, um zum Beispiel die Lockerungen von Gesetzen zu verhindern.

Auch in Australien war der politische Wahlkampf, bei der Frage ob Regulationen für Online Casinos gelockert werden sollen, schnell von Slogans wie „Klick mit der Maus, verlier dein Haus“ durchzogen. Aber ist diese emotional geführte Debatte tatsächlich sinnvoll und vor allem, was sagen wissenschaftliche Untersuchungen dazu?

Welches Risiko birgt Online Glücksspiel tatsächlich?

Die zentrale Frage ist also: Erhöht Glücksspiel im Internet tatsächlich die gesamte Zahl der Spielsüchtigen? Viele Studien der vergangenen Jahre, die diese These zunächst unterstützten waren, auf Grund einer zu geringen Teilnehmerzahl oder durch verfälschte Umstände, nicht repräsentativ. Nun sind drei verschiedene Untersuchungen aus Deutschland, den USA und Australien zu einem anderen Ergebnis gekommen.

Dr. Sally Gainsbury von der Southern Cross Universität in Lismore Australien, fand in ihren Studien heraus, dass die Probleme derjenigen Probanten, die in Online Casinos größere Summen verloren, schon in den „klassischen“ Casinos begannen. Erst wenn das Problem bereits etabliert ist, flüchten sich die Betroffenen, laut Ginsbury, ins Internet.

Eine unabhängige Studie der Universität Hamburg, die als Ergänzung zu einer vorangegangenen Studie der Harvard Medical School durchgeführt wurde, bestätigt diese Ergebnisse. Während man sich in Harvard mit Online Casinos allgemein beschäftigte, konzentrierte man sich in Hamburg ausschließlich auf Online Poker, das aktuelle eines der beliebtesten Spiele ist.

Die Studien im Detail

Die Harvard Medical School untersuchte  4.000 Fallstudien über einen Zeitraum von neun Monaten. Dabei zeigten 95 Prozent der Spieler moderates Spielverhalten, nur fünf Prozent der Probanten haben „sehr häufig“ gespielt. Der durchschnittliche Spieler war nur ein bis zwei Mal pro Woche online und verlor dabei etwa 5,5 Prozent seines Einsatzes.

Die Studie der Universität von Hamburg untersuchte explizit das Verhalten von Online-Poker Spielern und fasste die umfassende Forschungsarbeit aus Harvard auf. In Hamburg wurden mehr als zwei Millionen Pokerspieler über einen Zeitraum von sechs Monaten analysiert.

Laut ihren Ergebnissen verbrachte der durchschnittliche Spieler während dieser Zeit nur insgesamt 4,88 Stunden am Online Poker Tisch, die Mehrheit der Spieler setzten pro Stunde weniger als 1 US Dollar ein. Die einfachere Erreichbarkeit führte hier also nicht umgehend zu einem problematischen Verhalten oder erhöhtem Konsum.

Spielsucht bleibt dennoch weiterhin ein Problem

Natürlich lässt sich aber aus keinem der Ergebnisse ziehen, dass krankhaftes Spielen kein Problem mehr sei. Auch im Internet existiert Spielsucht. Auffällige Spieler gab es in jeder dieser Studien. Aber die Forschungsarbeit und deren Ergebnisse zeigt, dass das Ausmaß der Gefährdung wesentlich höher eingeschätzt wird, als es tatsächlich ist.

Online Casinos haben weder die gleiche Atmosphäre, noch den Reiz, den klassische Casinos haben und finden immer in der vertrauten Umgebung des Spielenden statt. Die Gefahr also die Verbindung zur Realität zu verlieren ist online tatsächlich geringer. Casinos und Spielhallen sind, durch ihre Aufmachung, dafür gemacht, den Spieler von der Außenwelt „abzuschotten“. Hinter dem Interior Design von Casinos stecken Jahre von Forschung und Beobachtung.

Online Casinos sind hingegen, laut Dr. Gainsbury eher für Gelegenheitsspieler reizvoll, die während des Spielens in der Lage sind, sich selbst Grenzen zu setzen. Die benötigte präventive Arbeit gegen Spielsucht muss daher vor allem direkt in Casinos und Spielhallen vor Ort geleistet werden, denn häufig wandern suchtkranke Spieler von dort dann in die Anonymität des Internets ab.

Auffällig waren in der australischen Studie nur drei bis fünf Prozent der Probanten. Die Ergebnisse dieser Studien sollten auf jeden Fall dazu führen, dass wir unsere Auffassungen und unsere Vorurteile gegenüber Onlineglücksspiel überdenken und problematisches Verhalten, das natürlich auch online stattfinden kann, nicht nur dort suchen.

Ein Dämonisieren dieser Branche lenkt davon ab, dass Glücksspielsucht auch an anderen Orten sehr stark auftreten kann. Eine umfassende Prävention on- und offline, zusammen mit Therapieangeboten ist sicherlich effektiver.