Die Dunkelziffer ist deutlich höher als erwartet


Wissenschaftler der Saar-Uni fanden heraus, dass mehr Sportler dopen als bislang angenommen

von Irina Urig

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein und Ex-Radprofi Jan Ullrich sollen es getan haben: Doping. Nach einer Studie der Saarbrücker Sportwissenschaftler Eike Emrich und Werner Pitsch sowie des Rechtswissenschaftlers Carsten Momsen sind diese Fälle wohl nur die Spitze des Eisbergs. In einer Befragung von Kaderathleten fanden sie heraus, dass bis zu 34,9 Prozent der Athleten im Laufe ihrer Karriere gedopt hatten. „Das ist eine sehr hohe Dunkelziffer, denn pro Jahr werden nur zwei Prozent aller Athleten wirklich des Dopings überführt“, erklärt Professor Eike Emrich.

Da niemand gerne ein unerwünschtes Verhalten zugibt, griffen die Wissenschaftler auf ein besonderes Verfahren der Befragung zurück, damit die Antworten anonym bleiben konnten. Sie haben die Frage nach dem Doping mit einer Zusatzinstruktion verknüpft wie zum Beispiel folgender: „Die Befragten sollten eine Münze werfen. Bei Kopf mussten sie auf jeden Fall mit ja antworten, unabhängig davon, ob sie es getan hatten oder nicht. Bei Zahl sollten sie eine ehrliche Antwort geben“, erklärt Werner Pitsch. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Münze auf dem Kopf oder der Zahl landet, beträgt jeweils 50 Prozent. Mit diesem Wissen und den Antworten der Teilnehmer konnten die Wissenschaftler ausrechnen, wie hoch die tatsächliche Zahl der Doper, der Nichtdoper und der Antwortverweigerer in etwa ist. Zudem fanden sie heraus, dass mehr Sportler auf nationalem Niveau dopen als auf internationalem und dass das Problem vor allem Individualsportarten wie Sprint oder Radfahren betrifft.

Mit der Frage, wie das Strafrecht mit der Problematik umgehen soll, befasst sich Professor Momsen. „Das derzeitige Recht sieht keine Bestrafung für Sportler vor, die sich selbst dopen. Allerdings hat es für die Gesellschaft eine Bedeutung, da der Sportler sich einen wirtschaftlichen Vorteil verschafft“, erklärt er. Trotzdem hält er nichts davon, Sportler zu kriminalisieren. Jedes Jahr werden andere Substanzen in die Dopingliste aufgenommen, die Nachweisverfahren haben Schwachstellen. Eisschnellläuferin Pechstein wurde aufgrund veränderter Blutwerte suspendiert. „Eine konkrete Tat konnte ihr nicht nachgewiesen werden. Sie muss nun beweisen, dass sie nicht gedopt hat. In diesem Fall wäre ein strafrechtliches Verfahren verheerend. Das wäre genauso, wie wenn ich nachweisen müsste, dass ich den verlorenen Geldbeutel des Kollegen nicht geklaut habe“, so Momsen.

Auch Eike Emrich will dopende Sportler nicht als Sünder bezeichnen: „Die Ansicht, der Sport sei generell ehrlich, ist zu idealistisch. Den dopingfreien Sport gibt es nicht, das müssen wir akzeptieren.“

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