Die Rhetorik zählt seit der Antike zu den großen europäischen Bildungstraditionen. In unserer Zeit gewinnt sie neu an Bedeutung, denn die Bedeutung der Medien jeder Art im Kommunikationsalltag nimmt zu. Dies zweifach: Die audiovisuellen Konsummedien bieten eine immer größere Vielfalt, die immer stärker genutzt wird. Die z.T. ebenfalls schon audiovisuellen Arbeitsmedien (Computer und ihre Vernetzung) bestim­men immer stärker die Arbeitswelt (sei es im Büro, in der Produktion oder am häuslichen Arbeitsplatz). Die Verschmelzung beider Medien­welten steht bevor, mit Konse­quenzen, die man sich ausmalen sollte. Die Bedeutung interkultureller Kommunikation nimmt sowohl inter­national als auch inner­staatlich zu, wirtschaftlich, politisch, lebens­welt­lich. Nicht immer ist sie freiwillig, mitunter erzwungen durch politische Umbrüche (Krieg, Flüchtlingsströme, Arbeitsmigration, wirtschaft­licher Druck usf.) Die Krise des Bildungssystems verschärft sich zusehends, besonders im Primar- und Sekundar­bereich, und dies nicht erst seit PISA. Arbeitswelt, Öffentlichkeit und Lebenswelt verändern sich seit den politischen (1989/1990), kulturellen (1968) und wirtschaftlichen Brüchen, wenn nicht radikal, so doch existentiell. 

 

Selbst diese grobe Skizze zeigt, dass Schule, Hochschule und Er­wachsenenbildung große Aufgaben haben, sowohl in der Ausbildung qua­li­fizierter Lehrer, Hochschullehrer und Erwachsenenbildner, als auch in der Forschung, die für solche Ausbildung Grundlage sein muss. Weil Kommu­ni­kation die Zentralkategorie des geschilderten Problemkomplexes ist - interkulturell, medial, interpersonal -, deswegen wird Rhetorik zur Vermittlung der Schlüsselqualifikation 'Kommunikationsfähigkeit' dringend gebraucht, und zwar als Medienrhetorik, Wirtschaftsrhetorik, interkulturelle Rhetorik, politische Rhetorik, forensische Rhetorik - man setze die Reihe der sektoralen Rhetoriken nach Belieben fort! 

 

Rhetorik, von alters her Methodologie der Kommunikationsprozesse bei der Problemanalyse und Entscheidungsfindung (zusammen mit ihrem korrespondierenden Gegenstück, der Dialektik) geht Hand in Hand mit einer Methodologie der Normenlegitimation für das Miteinanderleben und -handeln - von alters her: Ethik. Wenn irgendetwas in unseren europäischen Gesellschaften die Bezeichnung 'Leitkultur' verdient, dann ist es die auf die Antike gegründete humanistische Tradition von Ethik, Rhetorik und Dialektik, in der Aufklärung auf ihren Begriff gebracht, in der Nachfolge Vicos, Lockes, Voltaires und Kants fortgeführt in den unterschiedlichen Denkschulen praktischer Philosophie und Diskursethik von Schleiermacher bis Habermas. Diese Bildungswerte laufen Gefahr verloren zu gehen, weil sie entweder unproduktiv verrechtlicht oder relativistisch dekonstruiert werden. Es gilt diesen traditionellen Fundus an Denk- und Dialogmethoden für die europäische Gesellschaft zu aktivieren und aktualisieren: man muss nicht das philosophische Rad neu erfinden, es ist mit der Ethik- und Rhetoriktradition immer schon da. Man muss es nur wieder zum Rollen bringen. Dazu muss man, die unterschiedlichen Traditionslinien seit der Antike (romanisch, anglophon, deutsch, slawisch etc.) nachzeichnen und miteinander in Verbindung bringen. Entscheidend wird sein, Rhetorik als ein europäisches Programm zu konzeptualisieren, den über die jeweilige Sprachlichkeit hinaus spätestens mit der Assimilation der griechischen Kultur durch Rom transkulturellen, eben europäischen Charakter der Rhetorik weiterzuentwickeln. Da Europa Ziel auch außereuropäischer Migration ist, muss man diese abendländische Denk- und Redekultur mit ihren Analoga in den Einwanderungs-, bzw. Minderheitenkulturen ins Spiel bringen. 

 

Auf diesem Hintergrund hat das EIR folgende Aufgaben:

 

 

(1)    Rhetorik-Forschung

 

Rhetorik-Forschung in europäischer Perspektive bedeutet, die Geschichte und Gegenwart von Rhetorik als Disziplin und von Rhetorik als Kommunikationspraxis unter den Aspekten von Interkulturalität und Transkulturalität zu erforschen, also z.B. einer Fragestellung nachzugehen wie:

Hat die Transkulturalität der Rhetorik als Disziplin in der Geschichte für eine Rhetorik der interkulturellen Kommunikation Nutzen gestiftet oder nicht, und wie kann die möglicherweise ungenutzt gebliebene Transkulturalität der Rhetorik interkulturell fruchtbar gemacht werden in den verschiedenen Sektoren, insbesondere Forensik, Politik, Wirtschaft und Wissenschaftskommunikation?

(Man möge seine sämtlichen rhetorik-geschichtlichen Wissensbestände unter europäischer Perspektive durchforsten, um EIR-Forschungsprojekte zu konzipieren!)

 

 

(2)    Rhetorik-Lehre

 

Rhetorik-Lehre in europäischer Perspektive bedeutet, dass mindestens ein interdisziplinärer und internationaler Studiengang entwickelt wird, der in mindestens drei Sprachen zu einem Master 'Europa-Rhetorik-Studien' führt, wobei ein kommunikationswissenschaftlicher und kommunikationspädagogischer Kernbereich mit zu wählenden sektoralen Schwerpunkten verbunden wird: Forensik, Organisatorik, Politik usw.

 

 

(3)    Rhetorik-Bildung

 

Rhetorik-Bildung in europäischer Perspektive bedeutet, dass das EIR-IER  Konzepte rhetorischer Bildung für Europa entwickelt.

Diese Konzepte berücksichtigen mindestens 4 determinierende Dimensionen:

  1. Rhetorische Bildung ist immer gleichzeitig politische Bildung, berufliche Bildung und Persönlichkeitsbildung.
  2. Mag auch Rhetorik als Wissenschaft transkulturell sein, so haben die einzelnen Kulturen immer ihre spezifischen Rhetoriken. Rhetorische Bildung  für Europa heißt darum immer interkulturelle rhetorische Bildung.
  3. Rhetorische Kommunikation ist immer gebunden an sektoral spezifische Kommunikationsaufgaben. Darum gibt es nur als Theorie eine 'allgemeine Rhetorik', als Praxis ist Rhetorik immer sektoral. Deswegen ist rhetorische Bildung auch in europäischer Perspektive immer gekoppelt an die Sach- und Fachkompetenz spezifischer Wissensgebiete. Auch interkulturelle rhetorische Bildung wird konzipiert Hand in Hand mit fachspezifischer Fortbildung.
  4. Außer dem bislang verwendeten eher deskriptiven Begriff von Kultur existiert natürlich auch ein emphatischer Kulturbegriff, der normativ aufgeladen ist. Er ist gemeint, wenn von sprachlicher und rhetorischer Kultur die Rede ist. Rhetorische Bildung hat in dieser Hinsicht eine kulturprägende Funktion. Sie muss dazu beitragen, eine - im Rahmen der jeweiligen nationalen Muster - elaborierte Mündlichkeit zu entwickeln, die über sprachliche Korrektheit hinaus zu einer Ästhetik der Rede beiträgt, in allen rhetorischen Officia, nicht nur in der elocutio.