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dieser Seite werden bereits publizierte und nicht publizierte Beiträge,
die sich mit Theologie und Philosophie kritisch auseinandersetzen, in
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Gotthold Hasenhüttl, Jesus von Nazareth - Wie sieht ihn Papst Benedikt XVI.? |
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Gotthold Hasenhüttl, Machtkirche: Alternativen zum hierarchischen Prinzip unserer Kirche
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Gotthold Hasenhüttl, Was hat das Christentum in seiner 2000-jährigen Geschichte bewirkt? |
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© Gotthold Hasenhüttl
Jesus von Nazareth - Wie sieht ihn Papst Benedikt XVI.? Stellen wir uns vor: Helmut Kohl oder Oskar Lafontaine, Hans Küng oder Eugen Drewermann schreiben ein neues Buch. Im Vorwort erklären sie, dass man über ihr Buch diskutieren dürfe. Würden wir uns nicht an den Kopf greifen und fragen, was bilden sie sich eigentlich ein, haben sie alles Maß verloren, ist es nicht unglaublich, eine solche Erlaubnis zu erteilen? Bei Benedikt XVI. wird gerade diese als besonderer Akt der Demut verstanden und hochgelobt. Diese „gütige Geste“ des Papstes schließt zusätzlich ein, dass selbstverständlich jede Diskussion dann ausgeschlossen ist, wenn er etwas kraft seiner Amtsautorität lehrt. Liegt darin nicht eine Anmaßung? Zugleich ist zu bedenken, dass ein Monat vor Erscheinen seines Jesusbuches der Befreiungstheologie Jon Sobrino S.J. wegen seines Verständnisses von Jesus Christus (Christologie der Befreiung, Mainz 1998), das durchdrungen ist von der „Option für die Armen“ und keine Lehre der Kirche in Frage stellt, verurteilt wurde. Der Grund ist klar: Das Verständnis Jesus von Ratzinger ist das einzige, das Jesus von Nazareth ins richtige Licht des Glaubens rückt. Niemand kann daran zweifeln: sollte ein Theologe das Buch des Papstes kritisieren, kann er sicher sein, nie einen Lehrstuhl zu bekommen. Auch wird sich kaum ein Theologieprofessor wagen, Kritik zu üben, da er sich keine Schwierigkeiten einheimsen will. Sicher mancher denkt ähnlich wie der Papst, auch wenn er sich weniger „fromm“ ausdrückt. Da es für den Papst selbstverständlich ist, dass keine Dogmenkritik zuzulassen ist, kämpft er von Anfang bis zum Ende des Buches gegen die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung. „Bibelauslegung kann in der Tat zum Instrument des Antichrist werden“ (64). Er erklärt deutlich, dass die Bibelwissenschaft ein „Friedhof von einander sich widersprechenden Hypothesen“ sei (372). Um dies zu untermauern, verweist er auf W. Solowjow (nicht Solowjew wie im Jesusbuch!), der in seiner Erzählung vom Antichrist diesen die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen für seine bibelkritische Arbeit erhalten lässt. Der Papst verbindet damit deutlich einen Angriff auf die Theologische Fakultät dieser Universität; er selbst hat sie 1969 beinahe fluchtartig verlassen, weil ihm die ganze Atmosphäre zu „liberal“ war. Wohl aber gebraucht er selbst die bibelkritische Methode dort, wo sie seien Thesen nützt, so dass der Anschein erweckt wird, sie kann auch akzeptabel sein. Aber dies gilt nur dann, wenn sie durch den Glauben des Lehramtes „gereinigt“ wird. Das Wort „reinigen“ und „Reinigung“ ist ein Lieblingswort des Papstes (z.B. 216, 273 u.a.m.), wie wir es bereits aus einer Enzyklika „Deus Caritas Est“ (25.12.2005) kennen, in der dem Glauben zukommt, die Vernunft zu reinigen, ja „sie (= die katholische Kirche) will schlicht zur Reinigung der Vernunft beitragen“ (Nr. 28; vgl. Nr. 29 u.a.). Ist damit eine Gehirnwäsche gemeint? Wie etwa eine solche „Reinigung“ praktisch aussieht, können wir an der Haltung des Papstes zu den wiederverheirateten Geschiedenen ablesen, die als „schwere Sünder“ gelten und denen die Eucharistie (neben den nichtkatholischen Christen) verweigert wird. Wenn er dies auch nicht ausdrücklich in seinem Jesusbuch erklärt, so dürfen wir seinen Methoden folgen, dass nämlich ein Autor, so wie die Bibel, nur aus dem Gesamtwerk und nicht von einer Einzelaussage her interpretiert werden darf. So besteht auch kein Zweifel, dass die Bibel selbst nur im reinen Licht des Lehramtes, er nennt es „kanonische Exegese“ (18), die allein zur eigentlichen Theologie führt, zu deuten ist. Es fällt auf, wie intensiv der Papst im „Eigentlichkeitsjargon“ spricht, der den Absolutheitsanspruch ausdrückt, denn es gilt, gegen die „Diktatur des Relativismus“ anzukämpfen. Könnte es nicht sein, dass man gerade einer „Diktatur des Absolutismus bzw. Fundamentalismus“ verfällt? Auf jeden Fall gilt: wer Jesus von Nazareth verstehen will, muss die Lehre der Kirche von Nikaia (325 n. Chr.), in päpstlicher Interpretation, annehmen: Jesus von Nazareth ist Gott und die Evangelien sind zuverlässige historische Berichte, die selbstverständlich über diese hinausgehen und nur eines aufzeigen wollen: Jesus wollte uns in seiner Person Gott nahe bringen. Das tiefste Thema der Verkündigung Jesu ist sein eigenes Geheimnis, dass er Gott ist, dass er das Reich Gottes in Person ist (227). Das ist das einzig Entscheidende der Botschaft Jesu (vgl. 18, 20, 31 usw. 369 nochmals in der Weise einer Holzhammermethode eingebläut). Es versteht sich von selbst, wer dies nicht annimmt, ist vom wahren christlichen Glauben abgefallen. Die einzige entscheidende These, dass Jesus Gott ist, wird auf den 407 Seiten entfaltet. Wer so die Bibel liest, sei kein Fundamentalist (65), sondern ein gläubiger Christ. Damit ist bereits jede Diskussion im Keim erstickt und aller Zweifel an der historischen Wahrheit der Bibel wie am kirchlichen Lehramt beseitigt. Auf diesem Fundament, das jeder Bibelkritik entbehrt, das jeden Zweifel an der Lehre der Kirche ausschließt, wird in frommer Sprache das Jesusgeschehen erläutert, dabei spart er nicht mit der Kritik an der deutschen Einheitsübersetzung der Bibel, die er im Begriff ist, endgültig zu sabotieren (110 u.a.). Folgen wir nun im Einzelnen seinen theologischen Aussagen des Jesusbuches. Für den Papst steht fest, dass der Glaube sich unverzichtbar „auf wirklich historisches Geschehen bezieht“ (14). Der Jesus der Evangelien ist der historische Jesus (20, 38 u.a.). Neben der Voraussetzung, dass Jesus Gott ist, erzählt die Bibel alles so, wie es sich historisch zugetragen hat. Weil wir vier sehr unterschiedliche Evangelien haben, muss der Papst zugeben, dass die berichteten Fakten und Reden Jesu keine „Tonbandnachschrift“ (271) sind, dass jedoch der „Inhalt der Reden“ Jesu auch im Johannesevangelium „richtig wiedergegeben“ ist. Die Erinnerung der „geschichtlichen Wirklichkeit“ wird durch das Gedächtnis der Kirche „gereinigt und vertieft“ und so die „banalen Tatsachen“ durch die Führung des Hl. Geistes überschritten (273ff). Damit wird klar, dass die Historizität wie der theologische Gehalt der Bibel nur durch die katholische kirchliche Tradition und damit durch das Lehramt ausgelegt werden kann und darf. Es ist wohl nicht notwendig, auf die vielen Irrtümer hinzuweisen, die die katholische Kirche in der Bibelinterpretation begangen hat, angefangen von Galilei bis zu den heute noch praktizierten Teufelsaustreibungen, die der Papst auch für Deutschland wichtig hält. Mit der Behauptung der Identität von Evangelienberichten und historischen Tatsachen löscht er mit einem Federstrich die ganze wissenschaftliche Bibelauslegung der letzten Jahrhunderte seit der Aufklärung. Es gibt keinen Diskussionspunkt mit dem Papstbuch darin, dass Jesus Gott, die Kirche die Hüterin dieser Wahrheit und die Bibel das historische Zeugnis göttlichen Wirkens ist. Selbst die Kirchenväter, denen der Papst immer wieder seine Thesen in den Mund legt, erklärten, dass man in der Bibel höchstens von einer „superficies historica“, einer historischen Oberfläche, sprechen könne. Nicht auf objektive Feststellungen kommt es an, sondern auf die Beziehung, die man zu den Geschehnissen eingeht. Im Neuen Testament sind uns keine objektiven Fakten vermittelt, sondern Erfahrungen, die Menschen mit Jesus Christus gemacht haben. Diese Erfahrungen sind es, die uns geschichtlich zugänglich sind und die uns eine Dimension menschlichen Daseins vermitteln wollen, die uns aufatmen lässt, Befreiung schenkt und so offenbar macht, dass es möglich ist, in menschlicher Begegnung Gott zu erfahren. Der Papst hingegen lässt nur eine fundamentalistische Bibelexegese zu und verfällt einem Historismus, der Gnosis ist, die er aber selbst verurteilt. Auf historischen Fakten lässt sich kein Glaube aufbauen, wohl aber auf der Einsicht, dass geschilderte Erfahrungen eine Ebene eröffnen können, die uns Menschen aus der alltäglichen Vergegenständlichung herausreißen und eine Wirklichkeit vermittelt, die Gott zur Sprache bringt. So wie es grundsätzlich keine Bedeutung für den christlichen Glauben hat, ob Adam und Eva, Abraham oder Hiob gelebt haben, so gilt dies auch für den „neuen Adam“ und all den damit zusammenhängenden Vorstellungsbildern. Nicht „Gnosis“ also, auch nicht als angebliche „historische Tatsächlichkeiten“, sondern Glaube, der im Dialog mit den biblischen Erfahrungen steht und so volles Menschsein erschließen kann, soll verkündet werden. Für den Papst hat dies alles jedoch keine Bedeutung. Darum geht es ihm, nachdem er weiß, dass sich alles historisch zugetragen hat wie erzählt, nachzuweisen, dass Jesus Gott war und ist, denn nur ein „Gott“ kann handeln wie er. Während Moses nur den „Rücken“ Gottes gesehen hat, sieht Jesus „unmittelbar Gottes Angesicht“ (30). Seine Lehre hat er vom Vater und lebt „in innigster Einheit“ (31) mit ihm. Gott greift in Jesus in die Geschichte ein (64), er ist „der lebendige Gott“ (77). Facettenreich spricht der Papst davon, was Jesus alles ist. Er ist die Herrschaft Gottes (85), er ist in Person das Reich Gottes (89), seine ganze Verkündigung ist Christologie (92). Die Seligpreisungen sind „das Geheimnis Christi selbst“ (104). Jesus ist das Wort Gottes selbst, er ist die Tora, das Gottesgesetz in Person (143, 278). Das alttestamentliche Gesetz hebt er daher keineswegs auf, sondern er überschreitet es ins Universale (95). Jesus hat Gott zu allen Völkern gebracht (149). Das Gebet ist für Jesus zentral (166), da es seine Einheit mit dem Vater zum Ausdruck bringt. Jesus ist selbst „im tiefsten und eigentlichsten Sinn, der Himmel“ (184). Er ist kein Mythos (316), sondern persongewordenes Gesetz Gottes (312). Immer wieder wiederholt der Papst, dass Jesus Gott ist (297, 310, 369,383, 395 u.a.m.). Dies erweckt den Eindruck, dass er uns mit allen Mitteln einpeitschen will, dass wir endlich glauben sollen, dass Gott als Jesus Christus zu uns spricht. Die logische Folge aus dieser dogmatischen Aussage ist, dass Jesus von Nazareth nichts anderes wollte, als dass wir an Gott glauben, dass wir ihn als Gott bekennen. Wann geschieht dies authentisch? Wenn wir zur „neuen Familie Jesu“ (153, 337) gehören, d.h. zur Kirche. In ihr wird uns das „Kennen“ Jesu vermittelt. Selbstverständlich ist daher Mt 16,18 kein nachösterliches Wort (350); wer das behauptet, befindet sich auf dem „Holzweg“. Petrus bekennt vielmehr Jesus als Gott. So ist die Kirche der Ort, „wo das Reich Gottes kommt“ (120). Sie ist im Besitz des „rechten Bekenntnisses“ (346) und Petrus ist der Garant der Communio (343), der Gemeinschaft. Er hat diesen besonderen Auftrag. „Dieser Primat ist wirklich durch die ganze Breite der Überlieferung ... belegt“(344). Die Kirche ist so vom „Geist der Wahrheit“ (273) erfüllt und die „Erinnerung“ der Kirche überschreitet menschliches Verstehen und Wissen, denn sie ist geführt vom Hl. Geist, der „‚in die ganze Wahrheit’ führt“ (276). So ist Jesus Gott und der Papst vertritt ihn auf Erden. Man ist sprachlos über diese unter frommen Worten versteckte Unverfrorenheit, jede theologische Reflexion und Wissenschaft beiseite zu schieben und eine Ideologie als „historische“ Wahrheit zu erklären. Hier muss man es mit dem Kabarettisten M. Richling halten, der meint, dass er immer gern dem Papst zuhört, da er bei ihm erfährt, wie Menschen vor 500 Jahren gedacht haben. Ja manchmal sind es sogar 1500 Jahre. Denn zum ersten Mal in der Geschichte hat Papst Leo I. im 5. Jh. Seinen Herrschaftsanspruch mit Mt 16,16ff begründet. Vorher hat kein Bischof von Rom die Bibel in dieser Weise für seine Machtinteressen missbraucht. Jeder Exeget sieht in diesem Bibelwort eine nachösterliche Gemeindebildung, zumal nur Mt 16,18 und 18,17 das Wort „Kirche“ Jesus in den Mund legen. Kirche hat sich erst nach Ostern langsam, ohne bereits eine Religionsgemeinschaft zu sein, gebildet, die schließlich, entsprechend der damaligen politischen Strukturen, absolutistisch-monarchische Züge annahm. Glaubensgemeinschaft und Kirche Christi sind jedoch nicht einfach mit der katholischen Kircheninstitution identisch. Als Ganze kann sie, sagt hingegen der Papst, nicht von Jesus abfallen, wohl ist dies für eine „Teilkirche“ (301) möglich. Ob er dabei an die „Orthodoxe Kirche“ dachte, da er ja die evangelischen Kirchen überhaupt nicht als Kirchen anerkennt (vgl. „Dominus Jesus“) und sie als „aus der Reformation hervorgegangene Gemeinschaften“ (Sacramentum caritatis [13.2.2007] Nr. 15) bezeichnet? Der Papst projiziert seine Ansichten in das Neue Testament und liest sie dann aus diesem wieder heraus. So geschieht es auch mit der Gottheit Jesu. Jesus wird im Neuen Testament als Messias und Sohn bzw. Sohn Gottes bezeichnet, aber nie direkt als Gott im Sinne eines Seienden, eines Wesens, das Gott ist. Jesus selbst spricht ganz selten von Gott, was er verkündet, ist das Reich, der Bereich Gottes, der unter uns Menschen gegenwärtig werden soll und den Bereich des Bösen, „Dämonischen“, vertreibt. Es geht gerade nicht darum, zu erweisen, dass Jesus Gott ist, sondern, dass wir in seiner Nähe Gotteserfahrung machen, wenn wir einander lieben. Und wenn Jesus vom Vater spricht, soll kein göttliches Wesen zur Sprache kommen, sondern Gott soll für uns zu einer väterlichen, d.h. liebenden Beziehung werden, aus der wir leben können. So sollen wir auch Gottes Wirklichkeit als väterliche Wirklichkeit sehen. Das „Vater unser“ meint dies. Vater ist ein reiner Beziehungsbegriff und will gerade die Vorstellungen Gottes als einem Seienden überwinden. Der Papst hingegen sieht gerade darin „Gottlosigkeit“, wie ja auch die Pharisäer Jesus der Gotteslästerung bezichtigten. Wohl aber will uns das Neue Testament vermitteln, dass wir im Menschen Jesus Gotteserfahrung machen können. Mit Jesus als einem Gottwesen hat dies nichts zu tun. Thomas kann den Auferstandenen als „Mein Herr und mein Gott“ bezeichnen, – nicht nur um Kaiser Domitians Anspruch zu negieren – weil er als Glaubender in Jesus Christus Gotteserfahrung macht, letzten Sinn des Leben erkennt. Selbst bei den johanneischen „Ich bin“-Formeln, die der Papst zu Theophanien (403) erklärt – jedem Exegeten sträuben sich die Haare und keiner würde eine solche Behauptung bei einem Studenten des ersten Semesters durchgehen lassen – handelt es sich darum, die Gesetzesreligion in Schranken zu weisen und die neue Möglichkeit zu eröffnen, als befreiter Mensch in dieser Befreiungserfahrung letzten Sinn, d.h. ein göttliches Ereignis zu sehen. Mit einem „Eingreifen“ Gottes in die Geschichte oder einem Gottwesen, das auf Erden wandelt, hat das nichts zu tun. Auch ist Jesus nicht die „Erfüllung“ des Gesetzes, der Tora, sondern Befreier gegenüber aller Gesetzlichkeit, an der der Papst festhält. Dagegen schreibt Paulus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1). Neben dem Thema der „verlässlichen Historizität“ und dem Hauptanliegen, Jesus als Gott zu erweisen, ist der dritte große Fragenkomplex: Was ergibt sich für uns daraus? Wenn Jesus also nichts anderes wollte, als sich als Gott zu erweisen und d.h. uns Gott zu bringen, dann gilt es für uns ebenfalls, nur Gott in der Gestalt Jesu den Menschen zu verkünden. Alles Böse in der Welt kommt daher für den Papst aus der „Gottvergessenheit“ der Menschen. Gott muss als die allein bestimmende Wirklichkeit anerkannt werden. Weil das nicht geschieht, hat die Entwicklungshilfe des Westens die 3. Welt erst zur 3. Welt gemacht (62). Das Böse tritt hier im Mantel des Guten auf, nämlich „der Verbesserung der Welt“ (57). Das aber ist teuflische Versuchung. Der Gehorsam gegenüber Gott ist allein entscheidend (63). Eine „heile Welt“ ist „Betrug Satans“ (73). Jesus hat nicht Weltfrieden, nicht Wohlstand, nicht eine bessere Welt, sondern Gott gebracht. Die Bergpredigt ist kein Sozialprogramm (107, 146). Nur durch den Glauben (Gott-Jesus) kommt soziale Gerechtigkeit. Die Landverheißung Israels meint die Freiheit zur Anbetung Gottes, meint Gehorsam und den Anspruch Gottes auf die Erde (113). In der Predigt Jesu fehlt die „Sozialdimension“ (151). Nur die „Gotteswürde“ garantiert die „Menschenwürde“ (160). Alle Güte und menschliche Liebe ist bedingt und abgeleitet von der Gottesliebe. Daher müssen wir das Evangelium zu den Heiden bringen, denn nur so werden sie von der „Dämonenfrucht“ befreit und das Christentum wird die Stammesreligionen und natürlich auch alle anderen ablösen, wobei bewahrt wird, was gut an ihnen ist (210). Was aber „gut“ ist, bestimmt der Papst. Hier kommt wieder klar der Alleinvertretungsanspruch des Christentums in der Gestalt der katholischen Kirche zum Ausdruck (123). Für den Papst ist es grundlegend falsch, „dass jeder seine Religion leben solle“ (122). Ja, er verhöhnt die anderen Religionen, indem er all ihre „schlechten Seiten“ aufzählt. Nur der christliche Glaube „‚rationalisiert’ wirklich die Welt“ (211). Die „Vernunft Gottes“ (213) wird durch ihn wirksam. Wir Europäer haben nach Afrika eine Welt ohne Gott gebracht und daher den Kontinent ausgeplündert (238). Aber: Hat die Kirche nicht dabei fest mitgeholfen? Ist in einem Menschen, der nicht an den christlichen Gott, wie der Papst sich ihn vorstellt, glaubt, wirklich nur Böses? Selbst Thomas von Aquin meinte, dass ein Mensch dem Anderen Gutes tun kann, auch wenn er Atheist ist. Die im Jesusbuch ständig aufgezeigte Alternative: hier der Glaube – nur Gutes und dort der Unglaube – nur Schlechtes ist eine falsche Alternative, die freilich auf Augustinus zurückgeht, der alle Nichtchristen zur „massa damnata“ – zum verfluchten Mob erklärte. Mit Andersdenkenden, nicht Linientreuen auf diese Weise umzugehen, zeugt gerade nicht von besonderer Nächstenliebe. So bezeichnet auch der Papst alle Autonomiebestrebungen als „neuzeitliche Rebellion gegen Gott“ (244). Alles soziale Engagement wird heruntergebuttert, da Arme genauso habgierig sein können wie die Reichen. Den Nächsten sollen wir nur „um Gottes Willen“ lieben! Wo bleibt Mt 25, die Gerichtszene? Sicher sollen wir Almosen geben, meint der Papst, aber bitte keine Strukturreformen, denn so greifen wir in Gottes Pläne ein. Nur von Gott her kann der Mensch „die Erde sinnvoll gestalten“ (324). Daher des Papstes ganze Abneigung gegen die Befreiungstheologie, da sie nicht nur die Armut durch Almosen lindern will, sondern Strukturreformen fordert. Unsere Strukturen in Kirche und Staat sind ungerecht. Davon will der Papst nichts wissen und so wird auch seine Jesusgestalt für die Reichen und Mächtigen völlig harmlos. Dass Jesus gerade für die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen, für die Aussätzigen, Huren, Zöllner, Samariter, Frauen usw., kurz für alle Deklassierten eingetreten ist, darüber erfahren wir im Jesusbuch kein Wort. Keine Weltveränderung, sondern nur gut sei der Mensch! Daher finden wir nichts z.B. gegen die Todesstrafe, geschweige denn gegen Guantanamo und Ähnliches. Das Jesusbuch des Papstes entspricht seinem von ihm verfassten Kompendium: Katechismus der katholischen Kirche 2005, das er gleichsam als Regierungsprogramm vorgestellt hat. Wir finden uns in beiden Werken in der Neuscholastik des 19. Jh. wieder, in der kein Hauch von Bibelkritik, Sozialkritik und Religionskritik (bezogen auf die christliche Religion) zu finden ist. Weder der historische Jesus noch der lebendige Christus des Glaubens begegnet uns in diesem Jesusbuch, sondern allein Ratzingers Ideologie. Freilich einem unreflektierten Menschen, der einen „Halt“ für seinen Glauben sucht, mag die frömmelnde Sprache hilfreich sein und einen mythischen Gott in Menschengestalt erwecken. „...
und führe uns nicht in
Versuchung“!
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© Gotthold Hasenhüttl
Machtkirche: Alternativen zum hierarchischen Prinzip unserer Kirche
1. Die heutige Situation Heinrich
Böll wurde einmal gefragt, - es war vor 30 Jahren - wie er die Zukunft
er Kirche sähe? Er antwortete: „Düster für die Kirche, wenn sie
sich nicht mit jener ... Kraft verbindet ... die auf Gewalt verzichten könnte,
wenn die Kirche ihre Macht nicht zur Verfügung stellen würde ... aus
der Einsicht und Erkenntnis, dass sich in dieser ... Kraft die Gegenwart
Christi verbirgt ... Die Kirche müsste den Gehorsam durch Vertrauen
ersetzen“.[1] Mit diesen beiden Stichworten: Gehorsam - Vertrauen werden bereits die Alternativen bezeichnet, welches Prinzip für Kirche entscheidend, ja konstitutiv ist. Ist die Kirche aber überhaupt vor eine solche Alternative gestellt? Ist Kirche „semper reformanda“ - immer zu reformieren oder gar zu transformieren? Mitnichten, antwortete Papst Gregor XVI. (1832, Enzyklika „Mirari vos“ Nr. 6, D 2730 ff): „Es ist völlig absurd und im höchsten Maß eine Verleumdung zu sagen, die Kirche bedürfe einer ... Erneuerung ... als ob man glauben könnte, die Kirche wäre Fehlern, Unwissenheit oder irgendeiner anderen menschlichen Unvollkommenheit ausgesetzt“. Für ihn ist die Kirche als hierarchische Institution unschuldig, makellos und rein, sie ist göttlichen Ursprungs. Genau an diesem Selbstverständnis der Kirche setzt heute die Kritik an, und die Psychoanalyse wie auch die Soziologie zeigen die Anmaßung und Unhaltbarkeit eines solchen hybriden Anspruchs auf. Dieses „höchste Maß“ an „Verleumdung“ spricht selbst der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz aus, der meint, dass eine Kirche, die sich nicht verändert, tot sei, obwohl er sich gegen Form und Inhalt des KirchenVolksBegehrens stellte, das genau eine solche Veränderung einforderte. Kühn behauptet der Weihbischof von Wien, Helmut Krätzl: „Niemand bezweifelt, dass sich die Kirche verändern muss“.[2] Und mit einem Seitenblick auf das KirchenVolksBegehren schreibt er: „Jedenfalls ist es durchaus legitim, auch innerhalb der Kirche zu demonstrieren, wenn ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht“. Auch Jesu Verkündigung war eine Demonstration. „Auch heute ist Verkündigung ohne 'Demonstration' nicht denkbar. Wer sich gegen einen Strukturwandel in der Kirche stellt, der könnte wohl am Ende seines Lebens den Vorwurf hören: 'Mein Antlitz war in der Kirche entstellt, und du hast nichts getan, um es wieder ansehnlicher zu machen'!“ Nicht die bedürfen einer „Maßregelung“ in der Kirche, die ihre Missstände anprangern, sondern die, die nichts dagegen tun. Die Kirche müsste lernen, in vielen verschiedenen Sprachen zu sprechen und ihre monolithische Struktur verändern. Nicht nur „böse Menschen“ gefährden das Zusammenleben und die Entfaltung der Menschen, sondern die Strukturen selbst zwängen Menschen in die Entfremdung, das System an sich kann für Menschen äußerst gefährlich sein. Das erkennt freilich Papst Johannes Paul II. nicht, er setzt vielmehr all die ins Unrecht, die Alternativen zur bestehenden Kirchenstruktur entwerfen. Ganz im Sinne Gregor XVI. meint er, dass das Erbe der Kirche nicht verflossene Vergangenheit sei, sondern eine kraftvolle Quelle auf dem Weg des Glaubens.[3] Und immer wieder betont er, dass wir keine Reformatoren der Kirche brauchen, keine Strukturveränderer, sondern Heilige! Als ob man gegen die „Heiligkeit“ wäre, wenn man erkennt, dass die strukturell bedingte Sünde in der Kirche, die Menschen daran hindert, das Heil zu finden und selbst geheilt zu werden. Wer für die Veränderung in der Kirche ist, ist nicht gegen die „Heiligkeit“, wohl aber gegen die „Scheinheiligkeit“. Schon gleich nach dem 2. Vat. Konzil, als sich reaktionäre Kräfte in unserer Kirche zu formieren begannen, fragte der holländische Theologe, Priester und Prior eines Augustinerklosters, Robert Adolfs, 1966: „Wird die Kirche zum Grab Gottes?“ Und er meint, wenn die Kirche ihre „häretische Struktur“ in der modernen Welt nicht aufgäbe, sich nicht radikal erneuere, wird sie zum „leeren Grab“, in dem sie Jesus sucht, der auferstanden ist. Die Kirche spielt die Rolle der römischen Patrouille vor dem Grab Jesu. Er selbst ist längst von Jerusalem nach Galiläa gezogen, die Kirche ist ihm nicht gefolgt. Und in Anlehnung an Dostojewskis Großinquisitor, der Jesus einkerkert, damit die Kirche in ihrer Machtentfaltung freies Spiel hat, schreibt H. D. Hüsch[4]: „Wir, die Kirche, haben Gott, dem Herrn, in aller Freundschaft nahegelegt, ... aus der Kirche auszutreten und gleich alles mitzunehmen, was die Kirche immer schon gestört: Seine Leichtigkeit, und vor allem Liebe ... alle Menschen gleich zu lieben ... alles zu verzeihen und zu helfen, sogar denen, die ihn verspotteten. Großzügig bis zur Selbstaufgabe ... (denn) Gott ist doch die Liebe. Und die Kirche ist die Macht ...“. So ist es zwar erschreckend, aber nicht verwunderlich, wenn z.B. in Deutschland seit 1990, Jahr für Jahr ca. 150.000 Katholiken die Kirche verließen. Es ist töricht zu meinen, es gäbe dafür nur zwei Gründe: „die Kirchensteuer und die Vollstreckung der lange zuvor vollzogenen inneren Kündigung. Es gibt einen dritten. Und der sollte die Kirche sehr viel gründlicher nachdenken lassen: die Entchristlichung des kirchlich-etablierten Christentums“.[5] Es ist ja so, dass man kaum auf Ablehnung der jesuanischen Botschaft stößt. Eine überwältigende Mehrheit in Europa steht positiv zu Jesus Christus und auch viele Jugendliche können sich mit seiner Frohbotschaft identifizieren, ganz anders aber wird das kirchliche Christentum empfunden. Dabei muss man bedenken, dass das 2. Vat. Konzil viele Hoffnungszeichen gesetzt hat und Kirche sogar für Nichtchristen attraktiv war. Man sah in der Kirche eine Gemeinschaft, die die Fenster in die Welt hinaus weit öffnete - aber schon 2 Jahre (1967) nach dem Konzil wurden alle Fenster schleunigst geschlossen, und die Hierarchie begann ein Fenster nach dem anderen zuzumauern. In den letzten 30 Jahren wurden alle Fragen auf dogmatischem und ethischem Gebiet negativ beantwortet, eine Ausnahme bilden nur manche Äußerungen der Sozialenzykliken. Alle Anfragen, Probleme und Nöte, die die Ethik und Moral betrafen, wurden abgewiesen und mit alten Leerformeln begründet. Angefangen von der Frage, ob Ehepaare die Zahl ihrer Kinder selbst bestimmten dürfen („Humanae Vitae“ 1968; die Mehrheit der Bischöfe und der Kommission war eindeutig dafür; „Dives in misericordia“ 1980 stellt die Empfängnisverhütung auf die Stufe der Fruchtabtreibung), ob die Ehelosigkeit einer Menschengruppe in der Kirche als Gesetz zur Pflicht gemacht werden kann (Papst Paul VI. hat schon auf dem Konzil die Diskussion darüber verboten; Enzyklika „Sacerdotalis coelibatus“, 1967, Johannes Paul II. schärfte 1984 und 1988 das Zölibatsgesetz ein), ob eine künstliche Befruchtung zulässig ist (über die „Würde der Fortpflanzung“, 1987), ob gleichgeschlechtliche Liebe für manche Menschen einer natürlichen Neigung entsprechen kann (gegen die Homosexualität,1986), bis zur Frage, ob die Frau nicht nur gleichwertig, sondern auch dem Mann gleichberechtigt ist und dies auch in der Kirche (Inter Insignores,1976, „Mulieris dignitatem“,1988, „Christifideles laici“, Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 1577; „Über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe“, 1994) - alle diese Fragen wurden keiner Lösung zugeführt und der veränderten Situation und dem Selbstverständnis des Menschen nicht Rechnung getragen. Ebenso verhält es sich mit den Dogmen, den Glaubensfragen.[6] Die Erklärung zur katholischen Lehre über die Kirche („mysterium ecclesiae“, 1973) übergeht nicht nur das 2. Vat. Konzil, in dem die kollegiale Struktur der Kirche gelehrt wird, sondern fällt zurück auf absolutistische Strukturen, wie sie nur totalitäre Staaten kennen (die Unfehlbarkeit des Papstes ist der Kern der Aussagen über die Kirche). Auch das Schreiben der Glaubenskongregation über die Kirche als communio (1992) fordert für die Hierarchie die „unmittelbare Gewalt“ von Gott (III, 13). In ähnlichem Geist ist das Schreiben der Glaubenskongregation „Über einige Fragen bezüglich des Dieners der Eucharistie“ (1983), in dem eine andere Kirchenstruktur, als die bestehende, vehement abgelehnt wird. So wurden auch die theologiekritischen Ansätze der Befreiungstheologie allesamt abgewiesen (1984, 1986). Und seit 1989 muss jeder Priester und Religionslehrer grundsätzlich einen Eid, in Form einer totalen Unterwerfungsformel, leisten. Darin wird „religiöser Willens- und Verstandesgehorsam“ auch für die Lehräußerungen des Papstes, die nicht definitiv verpflichtend sind, verlangt . Die Bischöfe wurden schon 1972 in Pflicht genommen, so dass jeder neue Diözesanbischof schwören muss, dem Papst „treu ergeben und gehorsam“ zu sein, ihm die „höchste Ehre“ zu erweisen und darauf bedacht zu sein, „die Rechte und die Autorität der römischen Pontifices auszudehnen und zu verteidigen“. Es ist nicht bekannt, dass je ein Bischof diesen Eid nicht geleistet hat. Um diese Linie zu unterstreichen, wurde mit dem Schreiben über die kirchliche Berufung der Theologen (1990) eine radikale Bevormundung der Theologie durch das römische Lehramt eingefordert und im selben Jahr mit dem Schreiben über die Interpretation des Dogmas der päpstlichen Theologenkommission, alle theologischen Überlegungen, die über die Grenzen des Lehramtes hinausgehen, strikt verboten. Ein Denkverbot wurde erlassen und man erinnert sich an den Ruf Schillers in Don Carlos (3,10): „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“. Einen krönenden Abschluss bildet die neue „Ordnung für die Lehrüberprüfung“ (29.06.1997), die bei einem dringlichen Lehrprüfungsverfahren, nicht einmal vorsieht, den Autor einer Schrift, in der angeblich „offensichtliche Irrtümer“ enthalten seien, anzuhören, sondern innerhalb von zwei Monaten von ihm die „Richtigstellung“ fordert, widrigenfalls er exkommuniziert wird. Eine „Beschwerde“ dagegen ist nicht zulässig. Jesu Wort: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ ist für die kirchlichen Behörden hier wohl bereits ein „offensichtlicher Irrtum“. Es ist hier nun nicht der Ort über den faktischen Umgang mit Theologen, Priestern und Laien zu sprechen und über die unzähligen Maßregelungen und Willkürakte, denn diese lassen sich vielleicht auf die Sündhaftigkeit der Hierarchen zurückführen. Hier geht es vielmehr um die Frage, ob grundsätzlich durch solche Lehräußerungen und Vorschriften der kirchlichen Behörden das Christentum in Gefahr ist, und zwar so, dass dieses nicht nur in einem irdenen Gefäß weitergegeben, sondern zerbrochen wird. Christentum verläuft sich im Sand. Und genau das ist das Empfinden so vieler Menschen, die in einer solchen Kirche das Antlitz Jesu Christi nicht mehr erkennen können, das sie suchen. Dabei geht es nicht einmal primär um die erwähnten Inhalte, sondern um das formale Prinzip, wie Äußerungen der Amtskirche vorgetragen werden. Es ist darin eine Kirche zu sehen, die herrscht, die Macht ausübt und keinen wirklichen Dialog mit dem modernen Menschen sucht. Und bei all den Lehräußerungen beruft sie sich auf eine göttliche Autorität, auf den Willen Christi. Das ist der entscheidende Punkt.
2.
Die Kirchengründungsfrage und das Wesen (Grundstruktur) der Kirche Hat Jesus Christus wirklich eine hierarchische Institution Kirche gewollt? Darauf ist exegetisch und dogmatisch klar mit Nein zu antworten. Jesus hat zu seinen Lebzeiten keine besonders geformte oder strukturierte Gemeinschaft beabsichtigt, auch nicht als gesonderte Glaubensgemeinschaft. Die Kirche selbst hat nie gewagt, verbindlich zu erklären, dass der historische Jesus eine Kirche gegründet hat.
Die Argumente: 1) Jesus verkündete das Reich, den Bereich Gottes, der uns nahe ist, aber nicht eine Sondergemeinschaft. 2) Jesus lebte in der Naherwartung. Eine Gemeinschaft zu gründen, bestand keine Veranlassung. 3) Jesus wählte die 12 und die 70 (72) Jünger aus. Diese Auswahl ist symbolisch zu verstehen. Die 12 stehen für das ganze Volk Israel und die 70 (72) für die Heidenvölker, die damals mit dieser Zahl angegeben wurden. Es wird also keine Institution damit bezeichnet, sondern der universale Heilswille. Allen Menschen soll Bereich des Heils offen stehen. 4) Die Worte an Petrus (Mt 16,18), in denen das Wort Kirche vorkommt, wird von fast allen Exegeten als Gemeindebildung angesehen. Zudem ist es ein Verheißungswort, d.h. erst in Zukunft wird Kirche sein. Wegen des Wortspiels nimmt man eine aramäisch sprechende Gemeinde an, die die kirchliche Entwicklung als dem Willen Jesu entsprechend verstand. Ferner wird hier keine Institution oder gar eine Hierarchie begründet, sondern Fundament der kirchlichen Gemeinschaft ist der Glaube, den Petrus bekennt. Daher lässt auch Mt sofort anschließend Jesus sagen, dass Petrus ein Satan ist, wenn er Jesus vom Leidensweg abbringen will. 5) Die Kirche selbst hat erst in der Mitte des 5. Jh. (Leo I.) dieses Wort an Petrus hierarchisch-institutionell verstanden. Kein Bischof von Rom hat sich zuvor auf dieses Bibelwort so bezogen, dass dadurch eine hierarchische Vormachtstellung abgeleitet wurde. All das besagt jedoch nicht, dass Kirche als Glaubensgemeinschaft nicht eine Folge jesuanischen Wirkens ist. Sein Aufruf zur Nachfolge, seine Mahlgemeinschaft, seine Glaubensforderung, sie verbanden die Menschen, die durch sein befreiendes Wirken Gottes Nähe sahen. All diesen Menschen schenkte Jesus seine befreiende Vollmacht, ohne jeden Unterschied. So kann selbst der Tridentinische Katechismus (1566) die Kirche definieren als die Gemeinschaft der Glaubenden in aller Welt[7], und er beruft sich auf Augustinus, der die Kirche als „communio sanctorum“, als Gemeinschaft der durch Christus Geheiligten beschreibt. So ist es durchaus richtig, dass sich nach Ostern Menschen zusammengefunden haben, die ihr Leben an Jesus Christus orientieren wollten. Und A. Loisy, der um die Jahrhundertwende exkommunizierte Theologe, hat recht, wenn er sagt, dass Jesus nicht die Kirche verkündet hat, sondern das Reich Gottes.[8] Kirche hat sich in einem Geschichtsprozess grundsätzlich legitim aus Jesu Verkündigung entwickelt. Daher sprechen schon die Kirchenväter nicht von einer Gründung der Kirche, sondern von einer „Geburt“ aus der durchstochenen Seite Jesu am Kreuz, oder von ihrer Konstituierung durch das Wirken des Hl. Geistes.[9] Die geschichtlichen Bedingungen dafür, dass Kirche entstehen konnte, waren: 1) die Aufgabe der Naherwartung. Die Wiederkunft Jesu Christi wurde nicht mehr als unmittelbar bevorstehend verstanden, wie dies bei den ersten Jüngern nach Ostern noch der Fall war. 2) Das jüdische Volk hat in seiner Gesamtheit die Botschaft Jesu nicht angenommen. Nur ein Teil fand in Jesus die von der Tora befreiende Vollmacht. 3) Auf Grund dieser zwei Tatsachen fiel die Entscheidung, besonders bedingt durch das Wirken des Paulus, auch den Heidenvölkern das Evangelium zu verkünden. Juden und Heiden bildeten die Glaubensgemeinschaft. Die Menschen wurden Christen genannt und die Gemeinschaft derer, die ihr Leben an Jesus Christus ausrichten wollten, Kirche. Sie war keine Institution und Folge der geschichtlichen Entwicklung nach Jesu Tod. Die Aussage - vom KirchenVolksBegehren aufgegriffen - „Wir sind Kirche“, war eine Selbstverständlichkeit. Dieses Grundverständnis ging freilich in der Kirche nie ganz verloren, so dass Pius XII. (1946) schreiben konnte, dass alle Glaubenden die Kirche sind. Für sie gilt: „Wir gehören nicht nur zu Kirche, wir sind die Kirche“.[10] Nur zögerlich folgten den Gedanken das 2. Vat. Konzil und die Bischofssynode (Rom 1987), wo es heißt, die Katholiken „sind die Kirche“.[11] Wir können jedoch schon im NT erkennen dass die Frage nach einer Struktur, die der Kirche zu geben ist, die junge Gemeinde bewegte. Menschen ist es eigen, andere dominieren zu wollen und diese beherrschende Stellung institutionell abzusichern. Gerade das oft missbrauchte Matthäusevangelium kämpft, um das Jahr 70, gegen Herrschaftsstrukturen. Wir alle kennen Mt 23,7 ff. Niemanden sollen wir Lehrer, Hl. Vater, Wegweiser nennen, sondern all das ist nur Jesus Christus. Ihr alle, ohne Ausnahme, seid Geschwister. Es ist eine erste Gemeinderegel, die hier angesprochen wird, wie die Glaubenden miteinander umgehen sollen. Ganz besonders deutlich hat Paulus von der Kirche Gottes gesprochen. Seine Lehre von der Kirche entfaltete er in den Korintherbriefen. Wo zwei oder drei im Namen Jesu versammelt sind, ist für ihn Kirche genauso real, wie in der gesamten Gemeinschaft der Glaubenden. Das Allgemeine (Gesamtkirche) ist dem Konkreten (Ortskirche) nicht übergeordnet. Wo Menschen sich versammeln, Gemeinschaft pflegen, die sich an der Lebensform Jesu orientiert, ist Kirche Gottes ganz da. Das Universale ist in Concreto. Der damaligen, vielleicht ältesten Gemeinde in Jerusalem (in der Petrus und Jakobus lebten) gibt er keine Sonderstellung oder gar eine Überordnung. Alle Gemeinden sind gleich wichtig. Zwischen allen Gemeinden und zwischen allen Glaubenden untereinander gibt es nur eine Beziehung: die der Gleichheit. Sie ist die Grundlage für die Ermöglichung der Liebe. Dann wird von der Gemeinschaft der Glaubenden, von der Kirche, Gott ausgesagt. In Korinth meinten einige, dass sie höher stehen und näher bei Gott sind, weil sie bessere Begabungen (Charismen) haben als andere. Dadurch wird nach Paulus echte Beziehung zerstört. Mehr sein wollen als andere, konstituiert eine Gemeinschaft, in der Gott nicht gegenwärtig ist. Gehen Menschen miteinander verstehend um, teilen sie miteinander das Brot, die Lebensgrundlage, dann sagt Paulus, sieht selbst ein Ungläubiger, dass Gott mitten unter euch ist (1Kor 14,25). Kirche ist daher eine Verhältnisbestimmung von Mensch zu Mensch. Wann ist diese richtig? Wenn die Beziehung so gelebt wird, dass bei aller Verschiedenheit und Vielfalt (der Charismen) der Christen, die Grundlage der Gleichheit und damit der Liebe gewahrt wird. Konkret heißt dies (bei Paulus): die Beziehung, die Kirche, Gemeinschaft, Communio der Glaubenden konstituiert, muss herrschaftsfrei sein. Wo ein Mensch einen anderen dominiert, ihn be- oder gar unterdrückt, wo also einer über den anderen Herrschaft und Autorität beansprucht, ist Macht und nicht Liebe im Spiel. Wo in einer Ehe z.B. der Mann über die Frau herrschen will, ist die Beziehung verdorben, ist keine Partnerschaft, ist Liebe ausgeschaltet. Überall, wo Befehl und Gehorsam, Herr und Knecht die Beziehung bestimmen, ist sie zutiefst beschädigt. Nicht Knechte, sondern Freunde nenne ich euch, sagt der johanneische Jesus. In der Beziehung, die durch Liebe bestimmt ist, werden die Unterschiede nicht aufgehoben, sondern gerade das andere als anderes voll anerkannt, zugleich aber auf der gleichen Ebene gesehen. Mt nennt es die Brüderlichkeit, heute besser: Geschwisterlichkeit. Paulus selbst, trotz seiner Autorität, beansprucht keine Herrschaft über seine Gemeinde und erliegt nicht der Versuchung der Machtausübung „im Namen Gottes“. Wir wollen nicht Herr eures Glaubens sein, sondern wir sind eure Mithelfer in Freude (2Kor 1,24). Alle Begriffe, die eine arché, eine Herrschaft, eine Obrigkeit usw. ausdrücken, sind aus diesem Kirchenverständnis ausgeschlossen. So gibt es selbstverständlich keine Hier-arché, denn keine Herrschaft ist heilig, sondern jede höchst unheilig. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1). Diese Vollmacht der Freiheit hat nur eine Grenze, nämlich die Freiheit des anderen (des Andersdenkenden) und dies nennt man genau „Nächstenliebe“. Sie hört auf den anderen und bildet Gemeinschaft. Sie ist die heilige An-arché, d.h. Herrschaftsfreiheit. Sie ist das Teilenkönnen, nicht nur materiell, sondern ebenso Freud und Leid. Und nun das Interessante an dem paulinischen Kirchenverständnis: gerade weil in der Gemeinde von Korinth Unordnung herrscht, verweist er auf die herrschaftsfreie Beziehung. Also: um Ordnung in der Gemeinde zu schaffen, betont er das Prinzip der Herrschaftsfreiheit. Ja, könnte man sagen, Freiheit kann doch missbraucht werden! - Sicher, aber wie viel mehr Machtmissbrauch ist in der Geschichte und der Kirche geschehen! Weil Paulus das offenbar ahnte und in der staatlichen Gesellschaft am eigenen Leib zu spüren bekam, setzte er keine Autorität, keinen Prokurator oder Hierarchen ein, der Ordnung in der Gemeinde bewirken sollte. Nichts davon tat er, vielmehr erwartete er gerade vom Verzicht auf Macht, dass sich dadurch kirchliche Gemeinschaft, echte Beziehung der Menschen konstituiert, die Gottes Wort zur Sprache bringt. Herrschaft und Macht bauen nicht auf, sondern zerstören die Liebe, die Beziehung, die Gemeinschaft und verraten so die christliche Freiheit. Paulus gibt sehr genau die kirchlichen Strukturelemente an, die von der Aufhebung der Herrschaft des Menschen über den Menschen in Christus zeugen: es sind die Begabungen, die Charismen, die jeder Glaubende von Christus zum Nutzen der Gemeinde empfangen hat. Wo jeder Christ durch seine Fähigkeiten und Gaben hingestellt ist, dort wirkt diese Beziehung als Ordnungsstruktur, wenn nur kein Herrschaftsanspruch erhoben wird. Damit ist eine Gemeinschaft von Menschen grundgelegt, die total anders ist als alle bisherigen Gesellschaftsstrukturen. Alle Karten werden auf die verantwortete christliche Freiheit gesetzt und nicht auf Machtstrukturen. In diesem Verständnis von Kirche steckt eine revolutionäre Kraft, die immer wieder an die Pforten der Machtkirche klopft, zu einer friedlichen Transformation und Revolution in der Kirche aufruft, wenn das herrschaftsfreie Grundprinzip verraten wird. Eine solche Kirche wäre auch fähig, staatliche Gesellschaftsordnung umzustrukturieren und mehr Gerechtigkeit sichtbar zu machen. Die Geschichte ist jedoch genau umgekehrt verlaufen.
3.
Das Werden der Kirche zur Institution und der Protest Nach der Darstellung der Apostelgeschichte entstanden die ersten institutionellen Formen in Jerusalem durch einen Konfliktfall. Die Christen lebten weiterhin in der vorgegebenen jüdischen Religion, die jedoch durch die jesuanische befreiende Vollmacht relativiert war. Hellenistische Juden schlossen sich der Jesusbewegung an. Diese Anhänger Jesu wurden von der öffentlichen Unterstützung ausgeschlossen. Unter den Christen kam es zu Streitigkeiten. 7 Männer, analog zu jüdischen Ortsvorstehern, wurden bestellt, um für diese Christen zu sorgen. Je weiter sich durch die Verfolgung (Stephanuserzählung) die Jesusanhänger von der jüdischen Gemeinde entfernten, umso mehr suchte man die Glaubensgemeinschaft zu ordnen, um eine eigene soziologisch-religiös bestimmte Struktur zu erlangen. Nach Lukas (in der Apg) wird gemäß jüdischen Vorbildes verfahren und Presbyter bestellt. Sie sollen bei Meinungsverschiedenheiten eine Art „Schiedsgericht“ darstellen. Die Ältestenordnung entsteht. Aus einer sozial bedingten Notsituation heraus wird, historisch bedingt, der Kirche eine Hilfsstruktur gegeben (ähnlich einer Notstandsgesetzgebung). Sie ist eine menschliche Institution, die nützlich sein kann, aber nie für die Kirche wesentlich werden darf. Treffend sagt dazu Ratzinger: „Kirchliche Institutionen ... drohen, sich als das Wesentliche auszugeben, und sie verstellen so den Blick zum wirklich Wesentlichen. Darum müssen sie immer wieder wie überflüssig gewordene Gerüste abgetragen werden ... damit ... der lebendige Herr sichtbar werde“.[12] Und er nennt dies einen dauernden „Befreiungsakt“ in der Kirche. Dies gilt nicht nur für die jüdische Presbyterialstruktur, die natürlich mit dem Priesteramt noch gar nichts zu tun hatte, sondern ebenso für die spätere, in der griechischen Welt eingeführte Episkopalstruktur. Die Episkopen waren Finanzbeamte und dieses weltliche System schien kirchlicherseits brauchbar zu sein. Wir spüren heute noch in der Kirche, dass dort, wo Geld ist, sich auch ein Machtpotential ausbreiten kann. Schließlich verfährt die Kirche nach römisch-kaiserlichen Vorbild; die Vorstellung des Pontifex maximus wird tragend, und nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches kommt es zu einer extrem monarchischen Struktur der Kirche. Das hierarchische Prinzip war geschaffen. Die Kirche war keine Communio mehr, sondern eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Zwei Stände gab es nun in der Kirche: die Laien und die Hierarchen bzw. Kleriker. Eine besondere Vollendung bekam diese Zwei-Klassen-Gesellschaft noch durch die Einführung der Priesterweihe im 5. Jh.[13] Bis dahin wurden Christen für den Dienst in einer Gemeinde, durch Gebet und Handauflegung, vergleichbar mit dem heutigen Handschlag, beauftragt. Das NT kennt selbstverständlich keine Priester. Der Hebräerbrief polemisiert scharf gegen Opfer und Priestertum (Hebr 7,27; 9, 12; 10,11-18). Das Wort Priester (hiereús) taucht für ein kirchliches Amt erstmals im 3. Jh. auf. Es wird aber noch nicht als ein Stand (Ordo) begriffen, sondern als Gemeindefunktion. Zwar hat sich Über- und Unterordnung schon ausdifferenziert, aber die Machtposition war noch kein Besitz, der durch eine Weihe erworben wurde. Daher bestimmte das Konzil von Chalkedon (451, Kanon 6), dass jede „absolute“ Weihe ungültig ist, d.h. ein kirchliches Amt ist immer für die Gemeinde. Ist dies nicht der Fall, ist die Priesterweihe ungültig.[14] Spätestens im 11. Jh. war der Priesterstand und damit die Hierarchie als eigene Struktur der Kirche etabliert. Sie war nun das göttliche Element in der Kirche, die Unterordnung des Laienvolkes besiegelt und die Ungleichheit zweier Klassen festgeschrieben, wie es das 1. Vat. Konzil (1870) einschärfte. Es ist wichtig zu erkennen, dass durch die ganze Kirchengeschichte hindurch gegen diese unbiblische Entwicklung protestiert wurde. Der Protest richtete sich gegen Herrschaft und Reichtum in der Kirche. Besitz und Hierarchie wurden als zusammengehörig empfunden. Dabei ging es nur vordergründig gegen den Mammon, der Protest bezog sich stets auf die Zwei-Klassen-Gesellschaft. Denn der Besitz bewirkt Ungleichheit, Entsolidarisierung, Gemeinschaft wird zerstört, und wer das Geld hat, hat das Sagen. Besitz bezog sich aber auch auf die hierarchische Weihe selbst, die als ein Besitzgut verstanden wurde. Zwei-Stände-Kirche bedeutet in sich (abgesehen von einer möglichen Sündhaftigkeit der Würdenträger) Entsolidarisierung; ein Dialog auf gleicher Ebene ist nicht mehr möglich. Befehl und Gehorsam statt Liebe herrschen. Schon gleich nach dem Sieg der Großkirche 381, als sie Staatsreligion wurde, protestierte Pricillian, der asketische Bischof von Avila, gegen Besitzstandswahrung und hierarchische Herrschaft. Man machte nicht viel Federlesens; 384 wurde er verurteilt und enthauptet. Nicht besser erging es im Mittelalter den Katharern und Albigenser (12.-13. Jh.), gegen die der Hl. Krieg (Kreuzzug) ausgerufen wurde, um die Gegen-Kirche auszurotten. Die Waldenser waren ein Vorspiel zu den Minoriten, für die im 14. Jh., als Spiritualen bekannt, die Scheiterhaufen brannten bis hin zu Wycliff, Hus und schließlich zur protestantischen Reform. Im Mittelalter träumte man von dem Anbruch einer Kirche des Hl. Geistes. Stets galt die Forderung, die Kirche solle Communio, Solidaritätsgemeinschaft sein und auf Heilige Herrschaft und Besitzstand verzichten. Das 12. und 13. Jh. durchhallte der Ruf: „Es gibt zwei Kirchen: Die eine flieht (den irdischen Besitz) und vergibt (Mt 10,22 f), die andere besitzt und mordet“.[15] Herrschaft und Besitz entsolidarisieren, Verzicht, Vergebung und Herrschaftsfreiheit schaffen Gemeinschaft, eine Gemeinde des guten Geistes Jesu Christi. Von Anfang an verbindet sich mit der Glaubensgemeinschaft die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, die die Bedingung für eine Beziehung ist, die durch Liebe bestimmt wird. Genau dieses Anliegen vertritt heute die Befreiungstheologie, indem sie eine Kirche, die sich als Option für die Armen versteht, die nicht von Herrschaft und Hierarchie, sondern von echter Geschwisterlichkeit bestimmt ist, fordert. Genau deshalb hat die römische Kirche die Befreiungstheologie in ihrem eigentlichsten Anliegen verurteilt. Die Alternative zum hierarchischen Prinzip wird abgelehnt. Dabei hat, ohne Zweifel, das 2. Vat. Konzil einen ersten wesentlichen Schritt in diese Richtung getan. Es geht davon aus, dass unter allen Christen in der Kirche eine „wahre Gleichheit“ (vera aequalitas) herrscht (LG 32) und alle am „gemeinsamen Priestertum“ (sacerdotium commune fidelium) Anteil haben (LG 10). Insofern damit die unmittelbare Nähe jedes Christen zu Gott ausgedrückt werden soll und keine andere „priesterliche“ Vermittlung notwendig ist, ist dieser Ausdruck hilfreich, der sich auf 1Petr 2,5-10 (hieráteuma) bezieht. Der 1. Petrusbrief greift Ex 19,6 auf, wo die Erwählung des ganzen Volkes Israel durch Gott betont wird. Natürlich war niemand der Meinung, dass alle Israeliten Priester seien, sondern das „allgemeine Priestertum“ ist eine Metapher, die die Gottunmittelbarkeit aller ausdrückt. „Mit Recht kann daher der Begriff 'communio' als die ekklesiologische Leitidee des Konzils angesehen werden“.[16] Bemerkenswert ist der Hinweis des Ökumenischen Dekrets des Konzils auf die „göttliche Dreifaltigkeit“. Sie ist „Vorbild und Urbild“ (UR 2) der kirchlichen Gemeinschaft (LG 4). Verschiedene Theologen sehen daher in der Trinität den Communiogedanken der Kirche begründet. So wie Vater, Sohn und Geist auf gleicher Ebene sind, es keine Hierarchie in Gott gibt, so auch keine in der Kirche. Die Beziehung Gleicher konstituiert das Wesen der Kirche. Wo bleibt die Hierarchie? Klar lehrt das 2. Vat. Konzil, dass die hierarchische Struktur der Kirche ein menschliches und kein göttliches Element in der Kirche ist.[17] Wo es nur Hierarchie gibt, ist die Kirche „nicht wirklich gegründet“.[18] Wenn man konsequent ist, dann ist eine Konferenz, bei der nur Bischöfe anwesend sind, keine Kirchenversammlung, und das Wirken des Hl. Geistes ist nicht zu erwarten. Eines jedoch ist sicher, dass alle menschlichen Elemente in der Kirche, also auch die hierarchische Struktur jederzeit reformierbar, ja transformierbar ist. Ratzinger warnt richtig: „Monokratie, Alleinherrschaft einer Person, ist immer gefährlich. Selbst wenn die betreffende Person aus hoher sittlicher Verantwortung heraus handelt, kann sie sich in Einseitigkeit verlieren und erstarren“.[19] Ich meine, treffender kann man das Papsttum kaum kritisieren.
4.
Hierarchie oder Demokratie? Nun ist die Frage, ob nicht ein hierarchisches Kirchenverständnis viel schwieriger mit der biblischen Botschaft zu vereinbaren ist, als ein demokratisches. Auch demokratische Strukturen sind sicher nicht die beste Möglichkeit, aber heute sind sie die human bewährtesten. Als sich die Gesellschaft im 19. Jh. radikal zu wandeln begann, tauchte zum erstenmal das Argument der prinzipiellen Andersartigkeit der kirchlichen Gesellschaftsordnung gegenüber staatlichen Strukturen auf. Dies aber nicht im Namen des NTs, einer herrschaftsfreien Kirche, sondern gegen die Demokratiebewegung im Namen eines obersten Souverän, dem Papst. Vom 4. bis zum 19. Jh. sah man bewusst die Kirche in Analogie zu weltlichen Verfassungen, und ich habe noch in Rom gelernt, dass die Kirche eine vollkommene Gesellschaft sei, mit einem Herrscher von Gottes Gnaden und dem Recht, Menschen in Gefängnisse zu stecken und zu verurteilen. Jetzt aber heißt es, die Kirche ist als Gemeinschaft ganz anders als der Staat, denn sonst wäre auch der Herrscher in der Kirche von Volkes und nicht von Gottes Gnaden. Nur der Hierarch ist Subjekt des Handelns, das Volk ist sein Objekt. Daher sei der Kirche die Demokratie wesensfremd, zumal man über Glaubenswahrheiten nicht abstimmen kann. Aber gilt dies etwa für die Ernennung zu einem Gemeindevorsteher, für einen Episkopus oder Pontifex maximus? Es ist sicher richtig, dass nichts durch eine Wahlentscheidung wahr werden kann, sondern Wahrheit ist nur im Glaubensvollzug selbst. Aber auch über Glaubenssymbole, über Glaubensausdrücke wurde fast immer abgestimmt. Alle Konzilien sind Diskussionsforen gewesen, wo am Ende eine Abstimmung stand, und die Mehrheit entschieden hat, wenn auch, wie beim letzten Konzil, besonderer Wert auf eine möglichst große Übereinstimmung gelegt wurde. So gab es immer in der Kirche demokratische Elemente, wenn sie auch nur innerhalb der Hierarchie und auch dort beschränkt durch den Papst galten. Der Glaubensausdruck wurde monopolisiert, und der Eindruck entstand, dass die Hierarchie einem dummen Volk die Wahrheit beibringen muss. Genau dieser Eindruck bewirkt, dass Jesus Christus in der Kirche nicht mehr erkannt wird. Dagegen war bereits Thomas von Aquin der Meinung, dass jeder Glaubende einen Glaubenssinn (instinctus fidei) hat, durch den er beurteilen kann, ob das, was ein Hierarch sagt, wirklich Glaubenswahrheit ist oder nicht! Wage also, deinen Glaubensverstand zu gebrauchen, er steht über jedem Gehorsamsakt, denn er ist geistgewirkt! Vox populi - vox Dei! Das Gottesvolk kann Stimme Gottes sein und Gotteserfahrung vermitteln. Paulus zeigt uns, wie sehr jeder Christ seine Fähigkeiten, seine Gaben, seine Charismen hat, und damit zum Ganzen der Kirche beiträgt. Insofern Demokratie - dem Wort nach - Herrschaft des Volkes bedeutet, ist Kirche keine Demokratie, weil sie biblisch grundsätzlich jede Herrschaft des Menschen über den Menschen ausschließen muss. Sie ist aber eine Demokratie, insofern gleichberechtigt jeder Glaubende mitbeteiligt ist am Leben und der Gestaltung der Glaubensgemeinschaft. W. Seibel S.J. meint, dass das NT eine größere Affinität zur Demokratie als zur Monarchie, die heute in der Kirche herrscht, hat. „Wohl aber finden sich in den rechtsstaatlichen Demokratien zahlreiche Elemente, die im Evangelium eine solidere Grundlage haben, als der noch herrschende Absolutismus. Die Kirche ist in einem ganz anderen Maß als jede profane Gesellschaft eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, in der Unterschiede der Herkunft, des Geschlechts oder der gesellschaftlichen Stellung keine Rolle spielen. Diese in der Taufe gründende Gleichheit aller vor Gott müsste auch in den Strukturen ihren Ausdruck finden, und dafür bieten die modernen Demokratien eine Reihe von Formen und Mechanismen, die die Kirche ohne Schaden für ihr Wesen entsprechend übernehmen könnte, wie sie sich auch Elemente anderer Verfassungsformen ohne Bedenken zu eigen gemacht hat. Weder Gewaltenteilung noch Machtkontrolle noch Partizipation der Betroffenen an Entscheidungen widersprechen den vom NT vorgegebenen Normen ... Obwohl sich die Lebenswelt der Menschen, ihre Denk- und Bewusstseinsformen tiefgreifend geändert haben, hält die Kirche am Modell des Obrigkeitsstaats fest und fordert wie dieser von ihren Mitgliedern die Mentalität von Untertanen, die nur Objekte von Leitung und Belehrung sind. Das ist ein wesentlicher Grund für die Vertrauenskrise, der gerade ihre Leitungsorgane heute ausgesetzt sind“.[20] Wahres Christentum, jesuanische Frohbotschaft kann in ihr so nicht mehr vernommen werden, und das ist der entscheidende Grund, warum dem heutigen Menschen die Kirche kaum mehr etwas zu sagen hat. In der heutigen Struktur der Kirche findet sich der Niederschlag eines Menschenbildes, in dem die einen zum Gehorchen, die anderen zum Befehlen da sind. Die Gleichheit vor Gott wird verraten. Der Glaubende wird seiner christlichen Freiheit beraubt.
5. Zusammenfassung 1.) Jesus selbst hat keine Kirche gegründet. Er hat ihr daher a fortiori keine institutionelle Struktur gegeben; ein hierarchisches Prinzip hat mit dem Wesen der Kirche nichts zu tun. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Glaubensgemeinschaft mit institutionellen Elementen dem Anliegen Jesu widerspricht. 2.) Da das NT das Herr-Knecht-Verhältnis zurückweist, wir Freunde oder Brüder, Geschwister, genannt und alle Machtgelüste der Jünger Jesu getadelt werden, ist eine strukturelle Unter- und Überordnung in der Kirche auszuschließen. Freundschaft kennt keine strukturelle Unterordnung, sondern meint dialogische Beziehung. So erklärte die 2. LA Bischofskonferenz (Puebla 1979): „Die Zivilisation der Liebe lehnt Unterwerfung und Abhängigkeit ab“. 3.) Paulus, der eine ausgeprägt nachösterliche Ekklesiologie entwickelt, kennt nur ein Ordnungsprinzip in der Kirche: die Charismen, die uns vom guten Geist geschenkt werden, und durch die jeder zur Gemeinschaft in Christus beiträgt. Es ist das Prinzip der Herrschaftsfreiheit, das Appell an die christliche Freiheit ist, die Freiheit des anderen zu respektieren. 4.) In der Geschichte hat sich die Kirche in ihrer Struktur an weltlichen Vorbildern orientiert, so dass es in den ersten 5 Jahrhunderten zu einer hierarchischen Verfassung kam, die zu einem neuen Priestertum führte. Verschiedene Situationen, vor allem Notsituationen, haben dazu beigetragen. 5.) Daher sind alle institutionellen Strukturen der Kirche veränderbar. Keine muss sein, es gibt viele Möglichkeiten. Jede institutionelle Form der Kirche ist relativ. Ja, es ist keineswegs gesagt, dass alle Ortskirchen oder Kirchen in verschiedenen Ländern, die gleiche institutionelle Struktur haben müssen. Eine Glaubensgemeinschaft kann sich sehr wohl in vielen Formen verwirklichen, strukturell, liturgisch, sozial usw. Gerade heute in der pluralistischen Gesellschaft ist Pluralität institutionell gefordert. Die Vielfalt in der Einheit und die Einheit in der Vielfalt. 6.) Alle Institutionen in der Kirche, die Herrschaft und Macht besagen, sind auszuschließen, weil sie der jesuanischen Botschaft widersprechen und ein pervertiertes Menschenbild zur Grundlage haben. Sie erzeugen eine verkrüppelte und keine christliche Freiheit. 7.) Demokratische Strukturen in der Kirche, als Hilfsstrukturen, - keine Institution gehört zum Wesen der Kirche, verschiedene Ordnungsstrukturen widersprechen diesem jedoch nicht - können heute hilfreich sein und Menschen Zugang zur christlichen Botschaft ermöglichen. 8.) Schon unter den jetzigen Bedingungen können neue Strukturen gefunden werden. Oberste Maxime müsste, wie es in den echten Basisgemeinden LAs üblich ist, sein, dass alle gleichberechtigt sind. Sowohl der Priester wie der Bischof haben nur eine Stimme im kollegialen Gremium, können jederzeit überstimmt werden und fügen sich dem Beschluss. Einem beschämenden Herrschaftsmechanismus ist z.B. die Österreichische Bischofskonferenz 1994 verfallen, als sie bestimmte, dass ein Bischof nur einem geweihten Priester die Leitung einer Gemeinde übertragen darf. Seit Jahrzehnten gibt es in Zaire (Republik Kongo) den Mokambi: Er ist Laie, meist verheiratet und leitet eine Pfarrei mit allen Rechen eines Pfarrers. Koordinator einer Gemeinde, Prediger, Eucharistieleiter und selbstverständlich -leiterin, Sozialarbeiter, Jugendbeauftragte, Altenbetreuer usw. - all diese vielen Dienste, sind Charismen in der Kirche und haben grundsätzlich gleichen Stellenwert. Sie bilden in ihrer ergänzenden Tätigkeit die eine Kirche. 9.) Jede Zwei-Klassen-Gesellschaft, eine Zwei-Stände-Kirche, hätte damit ein Ende gefunden und die Monopolstellung des hierarchischen Prinzips in der Kirche wäre erloschen. 10.) So könnte über den Weg der Demokratie, im dialogischen Sinne, die charismatische Grundstruktur der Kirche verdeutlicht und sichtbar werden, die in unserer Welt dadurch wirksam wird, dass sie zur Befreiung von Herrschafts- und Machtmechanismen führt und alle Unmenschlichkeit verbannt. Dann wird die Kirche stets bereit sein zur Ausfahrt auf das offene, noch unbekannte Meer, und eine solche Kirche der Zukunft wird Christentum verwirklichen. Könnte dann nicht wieder der alte Ruf von Nichtchristen zu hören sein: Seht, wie sie einander lieben!
[1] Interview mit W. Keßler, in: Kolping Blatt (Köln) 19,1969, Nr. 4, 3. [2] Theol.-prakt. Quartalschrift, 2, 1997, 115. [3] Vgl. Ansprache des Papstes 1996 in Frankreich. FAZ, 193, 1997, 3. [4] Hans Dieter Hüsch, Über Gott und die Welt und die Kleinkunst, CD. Intercord (INT 880.071) 1991; zit. nach: R. Lay, Nachkirchliches Christentum. Der lebende Jesus und die sterbende Kirche, Düsseldorf 1995, 11 ff.
[5]
R. Lay, a.a.O. 9. [6] Sei es über die Taufe (Instruktion der Kongregation für die Glaubenslehre „Über die Kindertaufe“, 1980), oder über die Zukunft und Hoffnung der Menschen (Schreiben „Zu einigen Fragen der Eschatologie“, 1979), stets wurde mit althergebrachten Klischees geantwortet. [8]
A. Loisy, L'Évangile et L'Église, Bellevue, 1903, 155: „Jésus
annonçait le royaume, et c'est l'Église qui est venue“. [9]
Leo XIII., Enzyklika „Divinum illud munus“ (1897, D
3328). [10] AAS 38, 1946, 143; 149. [11] Zit. nach H. Haag, Worauf es ankommt. Wollte Jesus eine Zwei-Stände-Kirche?, Freiburg 1997, 33. [12] J. Ratzinger, Zur Gemeinschaft gerufen. Kirche heute verstehen, Freiburg 1991, 133; 138. [13] Vgl. H. Haag, a.a.O. 46. [14] „Niemand darf auf absolute Weise (apolelymenõs) ordiniert werden, weder zum Priester noch zum Diakon ... Wenn ihm nicht auf deutliche Weise eine örtliche Gemeinde zugewiesen ist ... das hochheilige Konzil (beschließt), dass seine Handauflegung (cheirotomía) null und nichtig ist ... und dass er daher bei keiner einzigen Gelegenheit Funktionen ausüben darf (PG 104, 558). [15] A. Brenon, Häresien im Mittelalter: „Es gibt zwei Kirchen ...“, in: Concilium 33, 1997, 354. [16] M. Kehl, die Kirche. Eine katholische Ekklesiologie, Würzburg 1992, 51 f. Vgl. J. Werbick, Kirche. Ein ekklesiologischer Entwurf für Studium und Praxis. Freiburg 1994, 317 ff. [17] LG 8: „Die mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft“, ist das menschliche Element in der Kirche. Nur so konnte auch das „Kirche-Christi-sein“ anderen Kirchen nicht abgesprochen werden (LG 8; UR 3). [18] Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche (AG 21). [19] J. Ratzinger, Wesen und Auftrag der Theologie, Freiburg 1993, 75. [20] W. Seibel S.J., Stimmen der Zeit, 213, 11, 1995, 722. |
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© Gotthold Hasenhüttl
Was hat das Christentum in seiner 2000-jährigen Geschichte bewirkt?
Diese Frage lässt sich m.E. nicht eindeutig
beantworten, da ein Vergleich fehlt. Wenn man wüsste, wie die
Geschichte des Abendlandes anders verlaufen wäre, wenn es das
Christentum nicht gegeben hätte, könnte man den Unterschied
feststellen und erkennen, was wirklich auf das Konto des Christentums
geht. So kann die Antwort alles oder nichts sein.
1. Zur Unterscheidung Christentum –
Kirche
Es wird uns in der Apg 11,26 berichtet, dass in
Antiochien ca. 50 n. Chr. zum ersten Mal von Christen gesprochen wurde.
Der Grund lag darin, dass Heiden und Juden an Christus glaubten und ihr
Leben an ihm orientierten, wobei die Judenchristen weiter ihre jüdische
und die Heiden ihre heidnische Religion praktizierten, allerdings mit
bestimmten Veränderungen wie wir aus dem sog. Apostelkonzil erfahren,
das als gemeinsamer Nenner der Religionen benennt: Kein Götzenopfer,
keine Tempelprostitution und Enthalten vom Erstickten und Blut. Wenn das
eingehalten wird, können die Heiden und die Juden jeweils ihre eigene
Religion praktizieren. Kein Religionswechsel ist notwendig, um Christ zu
werden (nicht einmal die Verpflichtung auf die 10 Gebote), jeder kann
seine kulturelle Eigenart behalten und entsprechend leben. Um 200 n.
Chr. im Brief an Diognet (vermutlich in Alexandrien) hören wir, dass
die Christen sich von den übrigen Menschen nicht durch einen besonderen
Bereich unterscheiden (V,1), sondern wie die anderen Menschen leben, nur
die Leibesfrucht treiben sie nicht ab (V,6). Sie achten das Leben und
daher melden sich Christen auch nicht zum Kriegsdienst. Im 3. Jh.
argumentiert Origenes mit dem allgemeinen Priestertum und erklärt, so
wie kein jüdischer oder heidnischer Priester Soldat ist, so sind die
Christen alle Priester und verweigern den Dienst mit der Waffe, da ein
Christ nicht tötet. Diese ersten Anmerkungen zum Christsein zeigen
folgendes: Christsein bedeutet nicht, einer bestimmten Religion anzugehören,
Christsein aber bedeutet, für das menschliche Leben einzutreten und so
Gottes Wirklichkeit die Ehre zu geben. Ohne Zweifel aber bildet sich sehr bald, weil Glaubende zusammenkommen und christlicher Glaube nicht individualistisch missverstanden werden darf, eine Gemeinschaft heraus, die verschiedene instutionelle Formen kennt. Diese nicht nur als Hilfsmittel für das Christsein zu betrachten, bedeutet die Herausbildung einer eigenen Religionsgemeinschaft, ist Ursprung der Entstehung der christlichen Religion, die sich konkretisiert in den christlichen Kirchen zeigt. Vom Anfang her gesehen, ist Christsein nicht identisch mit der Zusammengehörigkeit zu einer institutionell geformten etwa katholischen Kirche. Die Kirchenväter sprechen von einer „Christenheit“ (christianismós) und Johannes Chrysostomus (354-407 n. Chr.) nennt ihre konstitutiven Elemente: Liebe und Friede, Nächstenliebe und Friedfertigkeit. Der Begriff Christentum ist uns erst durch Walther von der Vogelweide aus dem 12. Jh. bekannt. Aber z.B. Thomas von Aquin (13. Jh.) gebraucht ihn kein einziges Mal (außer in Zitaten der Kirchenväter). Christsein und der Katholischen Kirche anzugehören wurde damals als identisch empfunden. Erst in der Neuzeit taucht die Frage auf, wie
unterscheidet sich das Christentum von den Kirchen. Es entstanden
verschiedene Kirchen, verschiedene Religionsgemeinschaften. Während man
nun von verschiedenen Kirchen sprach, blieb Christentum ein
singularetantum. Zugleich begann man zu fragen, was denn das Christentum
ausmacht; die Frage nach dem Wesen des Christentums war gestellt, das zu
unterscheiden ist von den Kirchen mit ihren Institutionen, ihren
Praktiken und dogmatischen Ausformungen. So sind nun die Fragen zu
unterscheiden: Was hat das Christentum bewirkt? Und: Was haben die
Kirchen bzw. die Katholische Kirche bewirkt? War das wirklich
christlich, was im Katholizismus und in den Kirchen geschehen ist und
wieweit zeigt sich in ihnen die Untreue gegenüber der christlichen
Botschaft? Es geht in dieser Frage nicht darum, wieweit einzelne
Menschen in der Kirche versagt haben (wie Johannes Paul II. meint),
sondern wieweit die Kirchen als sichtbare Gemeinschaften strukturell und
daraus hervorgehend in der Praxis Christentum leugnen. Wir kennen alle
F. Nietzsches Wort: es gab nur einen Christen und der starb am Kreuz.
Das ganze Leben der Christen ist genau das Leben, von dem Christus die
Loslösung predigte. Und nicht minder heftig kritisiert der
protestantische Theologe S. Kierkegaard das kirchliche Christentum. Die
kirchlichen Gemeinschaften gehören wesentlich nicht zum Christentum,
denn Christentum ist „Existenzmitteilung“ und diese verhindern die
Kirchen. Kirche ist Christentum mit Preisnachlass, sie erfüllt alles
mit verdorbenem Christentum. Und F. Dostojewski lässt den Großinquisitor
zu Jesus sprechen: „Warum bist du gekommen, uns zu stören“. So gilt
die Kritik der Kirche, die anscheinend weitgehend Negatives bewirkt hat.
Und wenn F. Nietzsche das Christentum kritisiert, dann meint er die
Kirche. Sie ist die Ursache des Verfalls der römischen Kultur, der
Vampir des römischen Reiches. Sie lehrt die Geringschätzung des Leibes
und ist Platonismus für das Volk. Sie ist etwas Grundverschiedenes von
dem, was ihr Stifter tat und wollte. So wird die Kirchengeschichte der
permanente Stein des Anstoßes.
2. Christentum in der Gestalt der
Kirche
(Ihr Verhalten: gegen Heiden, Juden und Christen) Was hat das Christentum in der Gestalt der Kirche
bewirkt? Der Katholische Erwachsenenkatechismus (1985, 256) schreibt:
„Der Haupteinwand gegen die Kirche lautet, sie habe in ihrer
Geschichte die ursprüngliche Botschaft Jesu verraten. Denn Jesus – so
wird eingewendet – war arm und ist für die Armen eingetreten; die
Kirche dagegen sei reich, paktiere mit den Reichen und Mächtigen und
habe vor der sozialen Frage versagt. Jesus predigte die Liebe bis zur
Feindesliebe; die Kirche dagegen sei intolerant und verfolge, wie vor
allem die Inquisition zeigt, ihre Gegner mit brutaler Grausamkeit. Jesus
rief die Menschen zur Nachfolge, vor allem zur praktischen Tat der
Liebe; die Kirche dagegen verlange Gehorsam gegenüber unfehlbaren
Dogmen. Jesus verhielt sich unbefangen, verständnisvoll und offen gegenüber
Frauen; die Kirche dagegen habe die Frau abgewertet und die Sexualität
verteufelt, sie missgönne dem Menschen das Glück und vertröste ihn
auf das Jenseits. Für andere wiederum ist die Kirche geistig, kulturell
und wissenschaftlich rückständig und letztlich überholt“. Es ist
m.E. eine gute Zusammenfassung all dessen, was anscheinend die Kirche
bewirkt hat. Nun kann man einwenden, dass es vielleicht ohne Kirche noch
schlimmer im Abendland zugegangen wäre – was nicht ganz unbegründet
ist – aber die tragische Geschichte des Christentums in kirchlicher
Gestalt bleibt. Goethe nennt die Kirchengeschichte ein „Mischmasch von
Irrtum und Gewalt“. Und wahrhaftig, ein Ruhmesblatt ist sie nicht. Im
4. Jh., der Konstantinischen Wende, tritt die Kirche aus ihrer Unterdrückung
heraus und aus der verfolgten Kirche wird nun sofort die Verfolgerin.
Hatte sie immer Religionsfreiheit und Toleranz gepredigt, so werden nun
die heidnischen Kultstätten gestürmt, die Kunstschätze vernichtet und
Heidentum zur Ketzerei erklärt, die zu einem Staatsverbrechen wird.
Karl der Große (768-814 n. Chr.) verpflichtete unter dem Beifall der
Kirche die heidnischen Sachsen zur Taufe, widrigenfalls drohte ihnen die
Todesstrafe. Bei den sieben Kreuzzügen (11.-13. Jh.) ging man nicht
zimperlich mit den Moslems und Heiden um. Der Papst gewährte für die
Teilnehmer einen vollkommenen Ablass und das nicht nur von den Sündenstrafen,
sondern auch von den Sünden selbst, so dass ein Mord an einem Ungläubigen
schon von vornherein vergeben war und die Eroberer sich austoben
konnten. Und ein Hl. Bernhard von Clervaux hetzte in seinen Predigten
zum Krieg auf. Nicht anders verhielten sich Kirche und Staat im 16. Jh.
bei der Unterjochung Amerikas, auch wenn sich immer wieder einzelne
Stimmen dagegen stellten (Bartholomé de Las Casas u.a.). Und bei den
kolonialen Eroberungen des 19. Jh. erhob die Kirche keinen Einspruch,
sondern entwurzelte die Heiden und zwang sie zur Aufgabe ihrer Kultur
durch das Christentum. Den Juden erging es in der Geschichte nicht viel
besser als den Heiden. Schon im 4. Jh. forderte der überaus
redegewandte Chrysostomus, für den, wie bereits erwähnt, Liebe
konstitutiv für das Christentum war, dass die Juden gehörnte Kappen
und einen gelben Punkt am Obergewand (vgl. Judenstern) tragen sollten,
um ihre Abstammung vom Teufel (vgl. Johannesevangelium) zu
dokumentieren. Christliche Gaststätten und Bäder durften sie nicht
besuchen, von öffentlichen Ämtern wurden sie ausgeschlossen. Die
Reformatoren, vor allem M. Luther, waren nicht weniger vom Judenhass
beseelt, wie uns die Schrift von 1543 „Von den Juden und ihren Lügen“
bezeugt. Auf ihn konnte sich nicht ganz zu Unrecht Julius Streicher beim
Nürnberger Prozess 1946 berufen. Kaum ein Einspruch war von
katholischen Bischöfen gegen die Judenverfolgung im Dritten Reich zu hören
und Adolf Hitler als katholischer Christ wurde nie exkommuniziert und
sein Buch „Mein Kampf“ nie auf den Index gesetzt, weil es offenbar
nicht der Glaubens- und Sittenlehre der Katholischen Kirche – welch
ein Hohn! – widersprach. Aber nicht minder heftig war die Verfolgung der
Christen untereinander. 380 n. Chr. wurde die „Häresie“ zum
Staatsverbrechen erklärt. Schon Arius musste in die Verbannung und
wurde wegen seiner christologischen Anschauung verfolgt. Der Erste, mit
dem man kurzen Prozess machte, war der asketische Bischof Priscillian
aus Spanien, der in Avila Bischof war und gegen den Besitz und die
hierarchische Herrschaft der Kirche protestierte. Er wurde 385(4) n. Chr.
verurteilt und enthauptet. Nicht besser erging es im Mittelalter den
Katharern und Albingensern (12.-13. Jh.), gegen die ein Hl. Krieg
ausgerufen wurde. Die Inquisitionsgerichte mit ihren Folterungen –
1252 n. Chr. in der Bulle „Ad exstirpanda“ (Papst Innozenz IV.)
wurde die Folter für Häretiker offiziell eingeführt – waren nicht
weniger grausam und seit 1231 n. Chr. wurde bereits auf päpstliche
Anordnung die Verbrennung bei lebendigem Leibe durchgeführt. So
brannten die Scheiterhaufen bis hin zu Wycliff und Hus, der 1415 n. Chr.
auf dem Konzil von Konstanz wegen Häresie verbrannt wurde. Die
Protestanten Luther, Zwingli und Calvin gingen mit nicht geringerer
Brutalität gegen die Abweichler vor. Der Hexenwahn vor allem in der
Zeit vom 13.-18. Jh. ist Zeugnis für die ungezügelte Aggressivität
der Kirchen vor allem gegen die Frauen. Auch gegenüber den Naturwissenschaften verhielt
sich die Katholische Kirche in ihren offiziellen Vertretern nicht
weniger beschämend, wie Fälle von G. Bruno und G. Galilei und viele
andere bis in unsere Tage bezeugen. Es geht nicht um eine
Kriminalgeschichte der christlichen Kirchen, und ich stimme auch nicht
pauschal mit F. Nietzsche überein, der sagt: „Ich erhebe gegen die
christliche Kirche die furchtbarste aller Anklagen, die je ein Ankläger
in den Mund genommen hat. Sie ist mir die höchste aller denkbaren
Korruptionen ... sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit
eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht
gemacht“.
3. Die andere Seite (kirchlichen
Christentums)
Nietzsches Aussagen stimmen schon deshalb nicht,
weil es auch eine andere Seite der Kirche gibt, die für soziale
Gerechtigkeit kämpfte und kämpft, die sich der Schwachen annimmt und
nicht leistungsfähiges Leben schützt, die einem Kaiser Theodosius
durch Ambrosius den Zutritt zur Kathedrale in Mailand verwehrte, da er
den Mordbefehl gegen Aufständische gegeben hat. Die Kirche hat sich bewährt
bei der Sorge um die Bildung, und ohne die Klöster wären uns unschätzbare
Werte der Geisteswissenschaft und Kunst nicht überliefert. Den Kranken
galt ihre Bemühung in der Gründung der Krankenhäuser und bei
Pestepidemien wirkte nicht nur Karl Boromäus vorbildlich. Selbst bei
den grausamen Taten der Eroberer Amerikas kann man oft einen mildernden
Einfluss der Katholischen Kirche nicht ausschließen. Und Aktionen wie
„Misereor“ oder „Brot für die Welt“ stiften viel Gutes unter
den verarmten Völkern. Zudem sind durchaus all die Frauen und Männer
zu beachten, die in der Kirche auf Grund der Botschaft Christi gewirkt
haben und Protest gegen pervertiertes Verhalten der Institution Kirche
anmeldeten. Erwähnt sei z.B. nur Friedrich von Spee, der sich gegen den
Hexenwahn wendete. Aber auch viele heilig gesprochene Menschen kämpften
für die Durchsetzung christlicher Ideale. Hier ist die ganze
Zweideutigkeit der kirchlichen Wirklichkeit zu erkennen, so dass man von
der Kirche sagen kann, dass sie Gutes und Böses bewirkt hat. Ob das
Christentum in der abendländischen Gestalt vor allem der Katholischen
Kirche mehr Positives oder mehr Negatives gewirkt hat, wird von der
jeweiligen Wertung abhängen, und es ist nicht leicht zu beurteilen, ob
das Unglück, das die Kirche bewirkt hat, aus einem Missverständnis des
christlichen Ansatzes herrührt oder von der Verkennung der menschlichen
Realität als solcher. H.D. Schorege (Sind die Kirchen noch zu retten?,
Freiburg 1988, 54) schreibt aber richtig: „Es ist nun nicht zulässig,
dass man den Greueltaten, die sie (= Kirchen) im christlichen Namen verübten,
nun quasi ,zum Ausgleich‘ bessere Taten von Christen gegenüberstellt,
,um so die geschehenen Unmenschlichkeiten zu verharmlosen‘ oder
leichter erträglich zu machen. Eine derartige ,Verrechnung‘ wäre ein
Hohn gegenüber allen Opfern christlicher Gewalttat.“ Aber trotzdem bleibt bei aller Zweideutigkeit die
Kirchengeschichte der letzten 2000 Jahre auch eine Geschichte der Nächstenliebe,
eine Geschichte des Widerstandes gegen die Mächtigen, wie die Märtyrer
bis Bischof Romero bezeugen. Und eines ist ganz entscheidend zu betonen,
dass in dieser Kirche das Christentum in der Gestalt der Verkündigung
durchgetragen wurde, so dass trotz aller Konterkarierung die Botschaft
Jesu Christi noch zu hören ist. Freilich auch hier ist die Frage müßig,
ob ohne Kirche die jesuanische Frohbotschaft noch zu erkennen wäre, auf
jeden Fall ist sie es noch. Nun haben wir das seltsame Phänomen, dass die
Kirche mit ihrer Wirkungsgeschichte sehr häufig abgelehnt und
verurteilt wird, während die meisten Kritiker zu Jesus Christus, wie er
uns in den Evangelien begegnet positiv stehen. Wer kann auch schon etwas
gegen die Nächstenliebe und die Güte einwenden? Wohl aber sieht es
bereits bei der Feindesliebe anders aus, wenn sie hier und jetzt
gefordert und nicht erst später in einem Reich Gottes, das die
Vollendung (für die sie auch z.B. E. Bloch gelten lässt), ist.
4. Kritik an Jesus Christus selbst
und Verwerfung des Christentums
Nun gibt es aber auch Kritiker, die nicht nur die
Kirche, sondern auch Jesus selbst der Kritik unterziehen und deshalb
nicht nur die Kirchen, sondern das Christentum als solches ablehnen und
damit begründen, warum sie keine Christen sind. Ein besonders
prominenter Vertreter war Betrand Russel in seinem Buch „Warum ich
kein Christ bin“. Er versteht unter Christentum drei wesentliche
Elemente, die für dieses konstitutiv sind: 1. Der Glaube an Gott; 2. die
Verheißung des ewigen Lebens und 3. die Göttlichkeit Jesu Christi. Da
es keinen Beweis für Gottes Existenz gibt, können wir nicht wissen, ob
es Gott gibt oder nicht. Daher ist er als Existenzgrund der Welt fallen
zu lassen. Ferner lässt sich auch ein jenseitiges Leben nach dem Tod
nicht aufweisen, sondern ist eine Behauptung, die Menschen aufstellen,
die mit dem Leben hier und jetzt nicht genug haben. Es ist dagegen
wahrscheinlich, dass der Tod der Endpunkt des individuellen Lebens ist.
Außerdem meint Russell, dass der schädliche Einfluss auf die
Gesellschaft auf der Hand läge. Außer caritativen Tätigkeiten wird
die politische und gesellschaftliche Arbeit kaum geschätzt. Den
Indiokindern konnte man den Schädel einschlagen, wenn sie nur getauft
waren und so ins ewige Heil eingingen; ähnliches gilt für die Hexen.
Durch diese Verständnis des Heiles wird der Ehebruch als viel
verwerflicher gesehen als ein bestechlicher Politiker oder ein
ausbeuterischer Unternehmer oder Großgrundbesitzer. Aber das
entscheidend christliche Element ist das dritte, nämlich Jesus
Christus. Er erfüllt nach Russell die Minimalforderung nicht, um begründet
Christus zu sein. Er war keineswegs der beste und weiseste Mensch, da
intellektuelle und charakterliche Mängel an ihm festzustellen sind.
Zwar hat er Sätze von Laotse und Buddha (6.-5. Jh. v. Chr.) wiederholt,
wie: „Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen“ ... oder „Richtet
nicht ...“ oder „Wer dich um etwas bittet, dem gib ...“, aber dies
alles stellt ihn nicht über die alten weisen Religionsstifter. Zudem
hat Jesus sich in der Naherwartung geirrt und meinte, ausgedrückt in
dem Satz: nicht ängstlich für das Morgen zu sorgen, dass das Weltende
naht. Dies spricht nicht von einer großen Weisheit. Schwerer aber
wiegen, meint Russell, seine moralischen Mängel. Am schwersten kreidet
er ihm den Glauben an die Hölle an. Er ist ein großer Charakterfehler,
da er zutiefst menschenunfreundlich ist. Die ewige Strafe, ihre
Androhung, kann nur aus einer rachsüchtigen Wut kommen, da seine
Botschaft abgelehnt wurde. Z.B. „Ihr Schlangen- und Natterngezücht!
Wie werdet ihr der Verurteilung zur Hölle entrinnen?“ Die Sünde
wider den Hl. Geist kann nicht vergeben werden. Das Werfen in den
Feuerofen, die Vorstellung von Heulen und Zähneknirschen, das Feuer,
das nicht erlischt, ist eine grausame Lehre. Auch zu den Gadarener Säuen
und zum Feigenbaum, der keine Frucht tragen konnte, weil nicht die
rechte Jahreszeit war, hat er sich charakterlich unfein verhalten. Daher
sind für Russell Sokrates und Buddha höherstehende Charaktere als
Jesus. Damit aber verliert Christentum seine positive Wirkkraft für die
Menschen. Gerade diese Höllendrohungen und das Sündenbewusstsein, das
sich daraus gebildet hat, habe negative Wirkungen im Abendland und
missachte die humanen Werte. Russell meint also nicht nur das kirchliche
Christentum ablehnen zu müssen, sondern das ganze Christentum,
einschließlich der zweideutigen Gestalt Jesu, die nicht das wahre
Menschliche widerspiegelt.
5. Was meint Christentum?
Als Gegenfrage: Spiegelt nicht gerade die Unzulänglichkeit,
der Irrtum auch in Lebensfragen den wahren Menschen wider, der uns
gleich und nicht eine tugendhafte Lichtgestalt ist? Abgesehen davon liegt in allen drei Überlegungen
bezüglich Gott, dem Heil des Menschen und dem ecce homo, Jesus, ein
grundlegender anthropologischer Irrtum vor. Russell will Gott beweisen,
und das heißt, vergegenständlichen, so aber ist nur ein Götze zu
erreichen. Das Jenseits und damit das Heil des Menschen wird in der
Weise des Besitzens verstanden und fördert dadurch die Habsucht des
Menschen. Und Jesus Christus wird letztlich als ein Übermensch
gefordert, seine Göttlichkeit muss gleichsam durch den Mantel des
Menschseins hindurchleuchten. Aber Jesus Christus war ein echter Mensch,
zeitbedingt in seiner Kultur und religiösen Umwelt. Durch die
Russellsche Forderung wird das wahrhaft Humane geradezu gestrichen und
der Mensch selbst vom Gegenständlichen, Verfügbaren her verstanden.
Nicht um Gegenstände und Inhalte geht es in dem, was christlich zu
nennen ist, sondern genau um die Dimension, die nicht verfügbar ist im
menschlichen Leben wie Güte, Freude, Freundschaft, Vertrauen und Liebe.
Nun zeigt sich gerade an Jesus Christus durch alles Zeitbedingte,
Mythische hindurch die Tendenz auf das, was wir Liebe, Nächsten- und
Feindesliebe nennen. Der Impuls, den Jesus gegeben hat, geht zweifellos
auch über die zeitbedingte Gestalt hinaus. Jesu Größe liegt eben
nicht in der Freiheit von Irrtum und Fehlverhalten – das wäre eine
inhaltliche und gegenständliche Bestimmung des Christlichen – sondern
in der Freiheit gegenüber dem Vorgegebenen, seien es soziale oder
religiöse Strukturen, die inhaltlich den Menschen bestimmen und
festlegen wollen. Jesus verweist in seiner Vollmacht, wie die
Evangelisten ihn darstellen, über all die Gesetze, den Tempelkult, die
gesellschaftlichen und politischen Schranken hinaus, er verweist auf die
Freiheit des Menschen, die nur in der Freiheit des Mitmenschen seine
Grenze hat, kurz er verweist auf seine Existenz, auf das, was den
Menschen über sein allgemeines Wesen hinausführt, hinein in die
einmalige, konkrete Existenz. Christus-Impuls ist daher auch niemals
quantitativ zu messen. Er will zur „Nachfolge“ anstacheln, nicht zu
einer neuen oder besonderen Religion. Nur wenn man meint, dass es im
Christentum um eine Liebesbeziehung zu Jesus Christus gehe, nur dann
braucht man ihn als „besten und weisesten“ Menschen. Ob Jesus,
Sokrates oder Buddha der beste Mensch war, steht nicht zur Debatte und
ist völlig gleichgültig. Die Frage ist, um welches Geschehen handelt
es sich bei Jesus von Nazareth? Und wie die Liebe doch nicht primär den
Eigenschaften des Menschen gilt, sondern seiner Person, so ist der
christliche Impuls insofern ein Paradigmenwechsel, als er vom
Allgemeinen, Gegenständlichen, vom Was auf das Dass verweist, auf das
es ankommt und den christlichen Vollzug konstituiert. Paulus schreibt
nicht umsonst (Gal 5,1): „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“.
Christentum ist daher nicht primär ein bestimmter Inhalt, sondern eine
Tendenz, die auf den konkreten Menschen zielt, seine Verantwortung
meint, die er nur in seinen konkreten Entscheidungen wahrnimmt und so
sein Leben gestaltet, wobei Jesus Christus das positive Vorzeichen
seines Lebens ist. Der Mensch ist auf das Positive, auf Gott bzw. die
Liebe hin geortet. Dazu ist aber der Ernst der Entscheidung notwendig,
die sich mythologisch auf dem Hintergrund von der „Hölle“
abzeichnet. Das Leben ist kein unverbindliches Handeln – das wäre
„Verbilligung“ des Menschen – sondern es ist gefordert und die
Chance des Lebens kann man auch vertun. Die positive Entscheidung zu
bewirken ist Sinn des Christentums. Es besteht kein Zweifel, dass das
Christentum dies auch, durch alle Pervertierung hindurch, bewirkt hat.
6. Die theologische Leistung des
Christentums
Die Theologie, die Reflexion über das Christentum
in der Geschichte, hat einen wesentlichen Beitrag zur Humanisierung
geleistet. Drei Beispiele: Erstens: Obwohl im Abendland spätestens
seit Platon die Körperlichkeit des Menschen abgewertet wurde, hat die
christliche Theologie immer an der Einheit des ganzen Menschen
festgehalten und die Materialität positiv gewertet. Die Gnosis, der
Doketismus und im Mittelalter die Katharer und viele andere
Gruppierungen sahen in der Materie nur das Hinderliche. Die Christologie
war der Topos, der auf die grundsätzliche Güte der ganzen Schöpfung
hinwies. Auch der Leib des Menschen ist von Gott ganz angenommen. Eine
radikale Entgegenständlichung des Menschen ist falsch. Trotzdem blieb
bis ins 19. Jh. die Tendenz im abendländischen Verständnis des
Menschen bestimmend, dass das Haben durch das Sein zu bewältigen, ja
aufzulösen ist. Gegen diese Leibfeindlichkeit, so sehr sie faktisch
existierte und Sexualität verdächtigte, stand die Grundposition: Der
ganze Mensch, auch in seiner Körperlichkeit ist heilsfähig. Diese
Wirkung des Christentums ist nicht gering zu achten, wobei die Tendenz
wichtig ist, den Menschen nicht von seiner leib-seelischen Einheit her
zu verstehen, vom Haben also, sondern vom Sein, von seiner Person her.
Gerade heute, wo das Sein durch das Haben bewältigt werden soll, der
Mensch ganz als eine manipulierbare Masse aufgefasst wird, ist es
wichtig, dass der Mensch von seiner anderen (tiefen) Dimension her
gesehen wird, d.h. von dem, was wir Treue, Liebe und Freundschaft
nennen, und die die Person des Menschen ausmacht. Das Christentum
fordert, das Menschsein primär von dieser Dimension her zu verstehen
und nicht von der Leistung und dem technischen Können, das sich
widrigenfalls – wie wir es erfahren – gegen den Menschen selbst
richtet. Das zweite Beispiel ist die Christologie von
Chalkedon. Indem man in Jesus Christus Gott erfahren kann, dachte man
sich diese Möglichkeit als Zwei-Naturen: eine menschliche und eine göttliche.
Die Frage aber war, ob mit der leib-seelischen Natur und seiner göttlichen
alles über Jesus Christus ausgesagt ist. So begann man erstmals in der
abendländischen Geschichte zwischen Natur und Person zu unterscheiden.
Jesus Christus war selbstverständlich nur eine Person, hatte
aber Anteil am allgemeinen menschlichen und göttlichen Bereich. So
wurde in der Folgezeit der konkrete Mensch nicht mehr nur als ein Fall
der allgemeinen Menschheit gesehen, sondern als eine ganz konkrete
einmalige Person, die nicht in der menschlichen Natur aufgeht. Für das
Ernstnehmen des konkreten Menschen, der konkreten Persönlichkeit und
seiner Unverwechselbarkeit war diese Erkenntnis in der Geschichte der
Menschheit ein einmaliges Ereignis. Diese Unterscheidung zwischen Natur
und Person kann nicht groß genug veranschlagt werden. Freilich wurde
sie auch in der Geschichte der Kirche nicht wirklich ernst genommen, da
sonst die Verbrechen gegen die Freiheit des konkreten Menschen nicht möglich
gewesen wären, aber dass der Mensch als Person unendlichen Wert besitzt
und nicht verzweckt werden darf, ist eine urchristliche Einsicht, die am
Modellfall Jesus Christus abgelesen wurde. Damit hängt das dritte Beispiel zusammen, die oft
absurd scheinende Trinitätslehre. Gottes Wirklichkeit wird neu
bestimmt. Solange der Monotheismus unumschränkt herrscht und Gott als
eine Person angesehen wird, ist Gott ein Seiender, ist er vergegenständlicht
und Russells Forderung gilt. Nach christlichem Verständnis ist aber
Gott eben nicht eine Person, sondern Gemeinschaft der „Personen“.
Person aber wird durch Existenz und nicht durch eine Wesenheit bestimmt
und zudem sind Begriffe wie Vater und Sohn rein relationale Begriffe.
Vater ist man nur durch ein Kind, d.h. durch diese Beziehung. Und die
Beziehung setzt nicht irgendetwas im Wesen (des Vaters), sondern ist
eben „nur“ eine Beziehungswirklichkeit. Das Wesen konkreter Person
konstituiert sich also in der Beziehung bzw. im Beziehungssein. Thomas
von Aquin kann daher sagen, da Gott kein Wesen ist, dem Personsein
hinzukommt, dass Gott „relatio subsistens“ ist, also
„subsistierende Beziehung“, d.h. Gott ist nur verstehbar, wenn er
nicht als ein Wesen (das irgendwo existiert) begriffen wird, sondern nur
als reine Beziehung. Das bedeutet für uns, dass wir uns nicht von
unserem Wesen, von unserem Haben, von unseren Eigenschaften und gegenständlichem
Sein her verstehen und so leben sollen, sondern von der Beziehung her,
die mein Personsein konstituiert. Nicht der Besitz und die Habe ist die
humane Grunddimension, sondern das Beziehungsein auf den anderen, oder
anders ausgedrückt: die (Nächsten)liebe. Auch dieses Verdienst des
christlichen Selbstverständnisses ist für das Menschenbild ganz
entscheidend und hat der Forderung der Beachtung des Mitmenschen
Nachdruck verliehen. Faktisch ist auch hier in der Geschichte der
Christenheit vieles anders verlaufen. Doch dem christlichen Impuls ist
es zu verdanken, dass die Beziehung auf den Mitmenschen immer als
zentral gesehen wurde und der Korrumpierung der Subjektivität Einhalt
geboten wurde. Was hat das Christentum bewirkt? Ohne Zweifel viel
Unglück vor allem in der Gestalt der Katholischen Kirche, aber es hat
auch zum geglückten Leben beigetragen. Es hat eine wesentliche
Unterscheidung im menschlichen Selbstverständnis bewirkt, so dass die
Person und die Liebe als die entscheidenden Konstanten eines geglückten
Lebens angesehen werden und nicht die Macht des Kapitals und der
Wirtschaft. Von dieser christlichen Tendenz her kann auch immer wieder
der Widerspruch gegen die Maßlosigkeit des Besitzanspruches der
Menschen erhoben werden. Sicher hat auch die christliche Religion ihr
„c“ nicht bewahrt, sondern immer wieder verraten, und die
hierarchische Kirche tat das ihre, aber trotz allem ist die Wirkung des
Christentums nicht gering zu veranschlagen, weil es den menschlichen und
menschlicheren Menschen immer wieder neu einfordert. Christentum konstituiert sich unter den
geschichtlich-zeitlichen Symbolen von Jesus Christus, Gott, Leben und
Liebe als eine bestimmte Tendenz auf Heil und Sinn menschlicher Existenz
hin, insofern diese die Befreiungserfahrung für den konkreten Menschen
ermöglichen will. |
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