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Auf
dieser Seite werden bereits publizierte und nicht publizierte Beiträge,
die sich mit Theologie und Philosophie kritisch auseinandersetzen, in
loser Form vorgestellt. |
| SZ-Interview, | Der Hirtenbrief des Papstes und der Missbrauchskandal in der katholischen Kirche |
| Gotthold Hasenhüttl, | Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche – ein Symptom? |
| Gotthold Hasenhüttl, | Vor dem Papstbesuch in Deutschland – Fragen zum Reformstau in der römisch-katholischen Kirche |
| Gotthold Hasenhüttl, | Jesus von Nazareth – Wie sieht ihn Papst Benedikt XVI.? |
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Der Hirtenbrief des Papstes und der Missbrauchskandal in der katholischen Kirche
(Interview, Saarbrücker
Zeitung 22.3.2010) Herr
Professor Hasenhüttl, wie bewerten Sie den Hirtenbrief? Hasenhüttl:
Zuerst ist zu sagen, dass alles, was der Papst und die Bischöfe tun und
sagen, nur unter dem Druck der Öffentlichkeit geschieht. Der Hirtenbrief
ist enttäuschend, weil er auf die entscheidenden Probleme überhaupt
nicht eingeht. Der grundlegende Tenor ist: Die Kirche hat Schaden
erlitten, der Respekt vor den kirchlichen Autoritäten ist geschwunden.
Dieser Tenor besagt, dass nicht die Würde des Menschen, sondern die der
Institution unantastbar ist. Das ist die Umkehrung dessen, was Jesus
gelehrt hat. Was
hätte Ihrer Meinung nach in dem Brief drinstehen sollen?
Hasenhüttl:
Ich hätte mir vorgestellt,
dass man gesagt hätte: „Wir bereuen zutiefst, dass wir die
Machtinteressen der Institution Kirche über das Leid der Opfer gestellt
haben, und wir werden in Zukunft die Umkehr vollziehen." Das wäre
ein Zeichen der Veränderung im kirchlichen Selbstverständnis. Aber genau
das Gegenteil ist beim Hirtenbrief der Fall. Hätte
der Papst auf die Missbrauchsfälle in Deutschland eingehen sollen? Hasenhüttl:
Das hätte er tun können,
aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Es geht darum, dass er im
Hirtenbrief die Taten relativiert, indem er sagt, die Missbrauchsfälle
sind kein rein kirchliches Problem … …
hat er damit unrecht?
Hasenhüttl:
Natürlich hat er nicht unrecht. Aber wenn die Kirche sich als Hüterin
der Moral ausgibt, kann sie nicht so argumentieren. Wenn in Familien
Missbrauch geschieht, ist das keine Rechtfertigung, dass es ihn auch in
der Kirche gibt. Ist
der Zölibat Schuld? Hasenhüttl:
Schuld ist vor allem die Sexualfeindlichkeit der katholischen Kirche, die
im Zölibatsgesetz gipfelt. Daher bietet dieses auch einen Zufluchtsraum für
Menschen, die mit ihrer Sexualität nicht zurecht kommen. Wie
erklären Sie sich, dass die Missbrauchsfälle über Jahrzehnte hinweg im
Dunklen geblieben sind? Hasenhüttl:
Das ist das Ergebnis einer systematischen Vertuschung. Als Joseph
Ratzinger Präfekt der Glaubenskongregation war, hat er am 18. Mai 2001
ein Schreiben an alle Bischöfe erlassen, dass sie unter Kirchenstrafe
keinen dieser Fälle veröffentlichen dürfen. Er hat sie zum „päpstlichen
Geheimnis“ erklärt. Deshalb ist er der Hauptverantwortliche für die
Vertuschung. Wie
kann die katholische Kirche das Geschehene wiedergutmachen? Oder ist das
gar nicht möglich? Hasenhüttl:
Eine
Wiedergutmachung in dem Sinn gibt es nicht. Aber man sollte alles tun, um
den Opfern zu helfen. Nicht nur mit Geld, sondern mit Rat und Tat von
kompetenten Leuten − und nicht von Hierarchen, die nur das Heil der
Institution Kirche im Auge haben. Der
Papst empfiehlt zur Wiedergutmachung
„intensives Gebet". Hasenhüttl:
Ich habe nichts dagegen, dass man für die Opfer betet. Aber das zur
Wiedergutmachung in den Vordergrund zu stellen, finde ich unglaublich und
unfassbar. Das ist beinahe eine Verhöhnung der Opfer. |
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© Gotthold Hasenhüttl
Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche – ein Symptom?
1.
Der Skandal Im Jahr der Priester,
2010, wurden die Missbrauchsfälle durch kirchliche Hierarchen in einem
Ausmaß, auf Grund der Presseberichte, bekannt, die für viele
schockierend waren. Klaus Mertes S.J., der Rektor des Berliner
Canisiuskollegs trat an die Öffentlichkeit; er warf gleichsam einen
Schneeball und die Lawine rollte zu Tal. Überall auf der Welt, nicht nur
in Deutschland, vor allem auch in den USA und Irland, zeigte sich wie
viele Fälle seit Jahren vertuscht, verheimlicht und oft auch geleugnet
wurden. Für Papst Benedikt XVI.
war diese Offenlegung das Werk des Teufels, der das strahlende Bild der zölibatären
Priester verdunkeln wollte. Schon lange davor hatte er vor dem Wirken des
Teufels gewarnt und für jede Diözese gefordert, Exorzisten zu bestellen,
um den Teufel wirksam zu bekämpfen. Trotzdem machte er den Eindruck, als
sei er überrascht und erschüttert über die vielen bekanntgewordenen Fälle.
In Wirklichkeit war das ganze Ausmaß des Missbrauchs längst dem Vatikan
gemeldet worden. Um dies zu verheimlichen wurde ein Vertuschungssystem in
Gang gesetzt, das im feierlichen Schreiben des Präfekten der
Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger (1981-2005): „Epistula de
delictis gravioribus“ vom 18.5.2001 seinen Höhepunkt erreichte. Alle
Missbrauchsfälle wurden unter das „Secretum Pontificum“ gestellt.
Sollte ein Bischof diese Schweigepflicht verletzen, wurden ihm schwere
Kirchenstrafen angedroht. Jede Erklärung einer Schuld oder wenigsten
Mitschuld von Seiten des Papstes blieb aus, ja zu Ostern 2010 verkündete
der Kardinaldekan „urbi et orbi“ die päpstliche Unschuld und
behauptete, dass alles nur eine Hetzkampagne gegen die Kirche sei. Wie eine Verhöhnung der
Missbrauchsopfer muss es wirken, wenn nun Johannes Paul II., der Freund
des Kinderschänders Padre Marcial Maciel, am 1.5.2011 selig gesprochen
werden soll. Johannes Paul II. deckte zeitlebens Maciel, den Gründer der
„Legionäre Christi“, der nicht nur mit mindesten zwei
verschiedenen Frauen Kinder hatte, sondern auch Jugendliche schwer
missbrauchte (nach dem Akt der Päderastie absolvierte er seine Opfer
[absolutio complicis]; es gilt als eines der schwersten Vergehen des
Priesters). Johannes Paul II. umarmte in Mexiko liebevoll Maciel, während
er dem knieenden Ernesto Cardenal in Nicaragua mit dem Finger drohte, der
für Gerechtigkeit eintrat. Die Gründe dieses Verhaltens lagen darin,
dass Maciel und seine Kampforganisation mit aller Macht gegen die Kirche
der Armen und die Befreiungstheologie agierte und außerdem finanziell die
Reisen dieses Papstes unterstützte. Benedikt XVI. braucht diese
Seligsprechung, um sein unseliges Wirken als Präfekt der
Glaubenskongregation zu salvieren. Während
Johannes Paul II. den klerikalen Missbrauch vertuschte (mir sind
keine pädophilen Priester bekannt, die suspendiert wurden), hinterließ
dieser Papst zusammen mit Ratzinger mehr als 160 gemaßregelte Bischöfe,
Priester, Ordensleute und Professoren, denen er die Lehrerlaubnis entzog,
die er suspendierte oder gar exkommunizierte, da sie wagten am System
selbst Kritik zu üben und sich auf die Seite der Unterdrückten stellten
und so den „unabgegoltenen Rest“ in der Kirche einklagten. Nun machen die
Leitlinien zum Umgang mit dem sexuellen Missbrauch (31.8.2010) und die
Rahmenordnung zur Prävention (23.9.2010) der deutschen Bischofskonferenz
auf den ersten Blick einen guten Eindruck, wie etwa der Hinweis, dass die
beste Prävention gegen den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen die
Erziehung zu eigenverantwortlichen, glaubens- und gemeinschaftsfähigen
Persönlichkeiten ist. Ist aber das kirchliche System überhaupt dazu
geeignet, solche Persönlichkeiten zu entwickeln und ist nicht die
absolute Gehorsamspflicht, die das katholische Kirchensystem den Personen
abverlangt, das wahre Hindernis der Persönlichkeitsbildung? Wenn
in den Leitlinien von schwerem Schaden gesprochen wird, den die Täter der
„Glaubwürdigkeit der Kirche“ zufügen, so ist darin primär die Sorge
um das Ansehen der kirchlich-hierarchischen Institution zu erkennen. Die
gleiche Klage liest man im päpstlichen Hirtenbrief an die Katholiken in
Irland (19.3.2010), dass nämlich durch sexuellen Missbrauch von
kirchlichen Würdenträgern der „Respekt vor der Kirche“ verlustig
gegangen ist und die Institution Kirche „beschädigt“ wurde. Sie haben
gegen „unsere geliebte Kirche“ gesündigt. Zwei entscheidende
Punkte sind in den Leitlinien zu finden, die der Vertuschungspraxis wie eh
und je Vorschub leisten werden. 1. ist es das
Verschweigen, die Nicht-Bekanntgabe des Missbrauchs, wenn es das „mutmaßliche
Opfer“ „ausdrücklich wünscht“. Wie Wünsche von Minderjährigen
durch Bestechung der Eltern manipuliert werden können, ist allgemein
bekannt. Geld kann vieles bewirken! Noch immer ist mir der Fernsehauftritt
eines nun erwachsenen Opfers vor Augen, dem die Diözese Magdeburg 25.000
Euro angeboten hatte, wenn er auf diese Öffentlichkeit verzichtet. 2. hat der Bischof einen
Missbrauch durch einen Kleriker den Apostolischen Stuhl zu melden, „der
darüber entscheidet, wie weiter vorzugehen ist“ (wie es der Art. 16 der
neuen „Normae de gravioribus delictis“ vom 21.5.2010 wiederum
vorschreibt). Damit ist eine allgemeine staatliche Anzeigepflicht eo ipso
aufgehoben, wie auch Bischof Ackermann, der Missbrauchsbeauftragte, klar
erklärte. Wo bleibt da, die in den
Dokumenten vielbeschworene „Kultur der Wertschätzung, des Respekts und
der Achtsamkeit“ gegenüber Kindern und Jugendlichen, den (ehemaligen)
Opfern? So wie die kirchlichen Äußerungen angelegt sind, wird man den
Skandal aussitzen wollen und dann wieder zur Tagesordnung übergehen.
Daran ändert auch die Hotline nichts, die für die Missbrauchsopfer
eingerichtet wurde. Ich habe von vielen Opfern Rückmeldungen erhalten,
die zutiefst schockiert waren, da ihnen erklärt wurde, sie müssten ihre
Aussagen beweisen und überdies seien die Taten verjährt. Einer sagte
mir, dass er sich nun zum zweiten Mal als Opfer fühle und tief verletzt
wurde. Was nützen alle Papiere und Beteuerungen, wenn nicht den Opfern
der sexuellen Gewalt in der Kirche schnell geholfen wird? In seinem
Irland-Schreiben empfiehlt der Papst als Wiedergutmachung „intensives
Gebet“. Ich habe nichts gegen ein Gebet, aber dies als Widergutmachung
in den Vordergrund zu stellen, ist unglaublich, unfassbar, ja eine
Frechheit. Eine echte Wiedergutmachung ist wohl kaum möglich, aber
wirklich alles für die Opfer zu tun, was ihnen hilft, wäre die Pflicht.
Man muss überdies erkennen, dass alles, was Papst und Bischöfe tun, nur
unter dem Druck der Öffentlichkeit geschieht. Der Tenor aller Aussagen
und Handlungen bleibt, dass die Würde der Institution unantastbar ist,
aber nicht die des konkreten Menschen. Der Verweis darauf, dass es auch in
anderen Institutionen „schwarze Schafe“ gibt, gilt aus zwei Gründen
nicht. Es wird immer innerhalb und außerhalb der Kirche Missbrauchsfälle
geben, aber das erklärt nicht, warum gerade katholische Kleriker in
besonders großer Zahl solche verursachen. Und dann versteht sich gerade
die Hierarchie der Kirche als Hüterin der Moral, der die
Vertuschungspraxis gerade in dem sensiblen Bereich der Sexualität
entgegensteht. Täter werden solange es geht geschützt und Opfer daher
missachtet. Selbst ein Opfer-Fond, den österreichische Bischöfe
eingerichtet haben, schieben die deutschen auf die lange Bank, bzw. auf
den „runden Tisch“. 2.
Die „Unschuld“ des Systems Man
kann sich zu Recht auch fragen, ob nicht manche Täter selbst Opfer eines
Systems geworden sind, das als gut und gottgewollt gilt und in dem nur der
einzelne Mensch schwach und sündig ist. So hat Kardinal Urs von
Balthasar, der bekannte Theologe, in seiner männlichen Phantasie die
Kirche als „casta meretrix“, als „keusche Hure“ bezeichnet. Das
erste ist die Institution, das zweite der einzelne Sünder. Ist die
Institution wirklich gut und heilig? So erklärte Papst Gregor XVI., 1832,
in seiner Enzyklika „Mirari vos“ (Nr. 6, D 2730) – dessen Geist
Benedikt XVI. weiterhin vertritt: „Es ist völlig absurd und in höchstem
Maße eine Verleumdung zu sagen, die Kirche bedürfe einer … Erneuerung
… als ob man glauben könne, die Kirche wäre Fehlern, Unwissenheit oder
irgend einer anderen menschlichen Unvollkommenheit ausgesetzt“. Mit der
Kirche ist natürlich die hierarchische Institution gemeint. In diesem
Sinne zitierte bereits Pascal die Aussage Tertullians (2. Jh.) „numquam
Ecclesia reformabitur“ – die Kirche als Institution wird sich nie
wirklich reformieren und verändern (ist dann der Weg zu Dantes ‚Göttlicher
Komödie‘ noch weit, wenn es heißt „Lasziate ogni speranza, voi ch‘
entrate“!). Solange mit der Aussage des 2. Vatikanischen Konzils
(LG Kap. 8) nicht wirklich ernst gemacht wird und die hierarchische
Institution sich als ein menschliches Element in der Kirche begreift, das
verändert werden kann und muss, wird sich die Hierarchie als göttlich
verstehen und jeden Veränderungswillen unterdrücken. Das bedeutet, dass
sich die kirchliche Hierarchie als Institution über den konkreten
Menschen stellt. Und genau dies ist der Frohen Botschaft Jesu Christi
diametral entgegengesetzt. Ihm ging es immer nur um den konkreten
Menschen, der unterdrückt, seelisch verletzt und körperlich krank ist.
Nie hat er einen Menschen dem Gesetz untergeordnet. Dies zeigt er bei den
Krankenheilungen am Sabbat – im damaligen Verständnis das höchste göttliche
Gebot – den er außer Kraft setzt, wenn der konkrete Mensch ihm
untergeordnet werden sollte. Dies zeigt sich ebenfalls bei den
Mahlgemeinschaften, in denen er die Trennung zwischen Sünder und
Gerechten aufhebt. Denken wir an die Sünderin beim Pharisäermahl oder
sein Essen „mit Zöllnern und Sündern“ usw.! Nie wird ein Gesetz oder
eine Institution über die Würde des einzelnen Menschen gestellt. Für
Jesus ist diese in Wort und Tat unantastbar. Solange sich die Hierarchie
nicht an der Botschaft Jesu orientiert, die niemanden ausschließt, die
jeden konkreten Menschen mit seinen Sorgen ernst nimmt und in Freiheit
setzt, wird sie sich niemals relativieren, sondern immer absolut setzen.
Obwohl J. Ratzinger 1991 eine wichtige Warnung ausgesprochen hat:
„Kirchliche Institutionen … drohen sich als wesentlich auszugeben und
sie verstellen so den Blick zum wirklich Wesentlichen. Darum müssen sie
immer wieder wie überflüssig gewordene Gerüste abgetragen werden …
damit der lebendige Herr sichtbar werde“ (Zur Gemeinschaft berufen,
Freiburg i. Br. 133, 138). Keine Anzeichen sind zu erkennen, dass dieser
gute Gedanke in die Tat umgesetzt wird. Benedikt XVI. verhält sich genau
gegenteilig. Die kirchliche Institution wird als Wahrheitsträgerin
angesehen und der Einzelne hat sich nach ihr auszurichten und sich ihr zu
unterwerfen. Daher sagte Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede 2006,
dass das subjektive Gewissen kein ethischer Maßstab ist. Damit stellt er
sich gegen die ganze kirchliche Tradition (besonders gegen Thomas von
Aquin), die das Gewissen als letzte Entscheidungsinstanz sah, auch wenn
Papst Gregor XVI. die Religions- und Gewissensfreiheit als „absurde
Wahnidee“ (Delirium) bezeichnete (D 2730). Benedikt XVI. leistet ihm
treue Gefolgschaft. Eine größere Missachtung des konkreten Menschen gibt
es kaum. Daher ist es auch logisch, dass die römisch-katholische Kirche
als letzte westliche Diktatur oder wenn Sie lieber wollen absolutistische
Monarchie, die Menschenrechtserklärung (1950) und -konvention (1953) des
Europarates nie unterzeichnet hat. Das Kirchliche Gesetzbuch (CIC) müsste
radikal geändert werden. Darunter fällt nicht nur das Eheverbot für
Priester, sondern ebenso die Entlassung von Kindergärtnerinnen, die ein
zweites Mal heiraten, wie die Verweigerung der Gleichberechtigung von Mann
und Frau usw. Aus
dieser absoluten Priorität der Institution der Katholischen Kirche als
Wahrheitsinstanz gegenüber dem Einzelnen ergibt sich auch die Missachtung
der anderen Kirchen. Eine echte Ökumene ist nicht möglich, sondern nur
ein Rückkehrökumenismus. In „Dominus Jesus“ (2000) wird klar gesagt,
dass die Katholische Kirche die einzige Kirche Christi ist, sonst gibt es
nur „kirchliche Elemente“ (IV, 16f). Jesus selbst habe die
hierarchische Struktur der Kirche grundgelegt, mit Unter- und Überordnung,
also das hierarchische Gefälle von Befehl und Gehorsam. Aus diesem Grund
ist auch ein echter Dialog mit anderen Religionen nicht möglich. Wenn
zudem beteuert wird, dass die einzig wahre Kirche doch alles, was gut und
wahr ist, in den anderen Religionen anerkenne, dann entscheidet eben die
Hierarchie darüber, was in den Religionen „gut und wahr“ ist. So
stellt sich die Absolutsetzung der Institution Kirche nicht nur über den
Einzelnen, sondern auch über alle anderen religiösen Gemeinschaften. Es
wundert daher nicht, wenn die katholische Gewaltherrschaft kein Geringerer
als Adolf Hitler (der nie aus der Katholischen Kirche ausgeschlossen
wurde) lobte: „Etwas Großartigeres“ als die „hierarchische
Ordnung“ der Katholischen Kirche hat es „bisher auf der Welt noch
nicht gegeben. Ich habe vieles unmittelbar auf die Ordnung meiner Partei
übertragen“ (Christen gegen Christen, 76). Muss eine solche Aussage
nicht zu denken geben? Bei allem guten Willen kann das Leben dort nicht glücken,
wo Unfreiheit und Angst herrschen. Ein wesentlicher Grund für den
Missbrauch anderer Menschen! Selbst missbraucht durch einen Machtapparat,
wird die Unterdrückung an die schwächeren Glieder weitergeleitet. Die
Katholische Kirche als diktatorisches System ist grundsätzlich nicht fähig,
Jugendliche in Heimen und Schulen zur Eigenverantwortung zu erziehen. Das
sagt natürlich nicht, dass es nicht auch gute „Erzieher“ in
kirchlichen Einrichtungen geben kann. Das System aber schädigt alle. Das
gilt auch für die Priesterseminare, die durch das ungesunde Zusammenleben
von Männern allein eine problematische Polung der Sexualität und
Machtgelüste begünstigt. Man muss sich stets vor Augen halten, dass dies
alles zur größeren Ehre der Machtkirche geschieht, die der Souverän über
die Gläubigen ist. Bezeichnend ist die Aussage des Ignatius von Loyola
(Exerzitien, Nr. 365): „Wir müssen, um in allem das Rechte zu tun,
immer festhalten: ich glaube, dass das Weiße, das ich sehe, schwarz ist,
wenn die Hierarische Kirche es so definiert“. Es ist die blanke Form
eines Kadavergehorsams. Er ist getragen von einer „Höllenangst“, die
viele auch davor zurückschrecken lässt, aus der Kirche als Körperschaft
des öffentlichen Rechts auszutreten. Wir brauchen doch, so das Argument,
eine Institution, die zeigt, woran man sich halten kann. Ebenso spielt die
Angst eine große Rolle, die Sterbesakramente nicht empfangen zu können
und nicht kirchlich beerdigt zu werden. Treffend sagt dazu Reinhold
Schneider: „Auf der Angst ruht die Macht, das Reich des Bösen … über
die Angst hinaus vermag es seine Grenzen nicht auszudehnen“. Angst und
Gehorsam zerstören die Freiheit und beschädigen daher den Menschen in
seinem Wesen. Die „Last der Freiheit“ wird ersetzt durch den Gehorsam
gegenüber einer „kirchlich-göttlichen Autorität“. So lässt
Dostojewski den Großinquisitor in den Brüdern Karamasow sprechen: „Wir
werden sie davon überzeugen, dass sie erst dann wahrhaftig frei sein
werden, wenn sie zu unseren Gunsten ihrer Freiheit entsagen und uns
gehorchen … und sie werden sich uns mit Lust und Freude unterwerfen“.
Eine mächtige Institution, die sich in der Wahrheit wähnt, dazu mit
Heilsverheißung, ist attraktiv. Die Freiheit wird in die Zwangsjacke der
Angst gesteckt und beides scheint im Gehorsam überwunden. Die Demutsgeste
der Unterwerfung fordern stets die Machthaber. Gehorsam verpflichtet sich
den Potentaten und nicht dem Gewissen. Daher sagt zu Recht der Philosoph
Montesquieu: Macht und Machtmissbrauch sind siamesische Zwillinge. Daher
bedeutet der Gehorsam der Obrigkeit gegenüber strukturell blinder
Gehorsam, der das Gewissen suspendiert. Die Evangelisten berichten, dass
das Volk seinen religiösen Führern gehorchte und dies bedeutete für
Jesus den Tod. Treffend betont die Philosophin Hannah Arendt: Keiner hat
das Recht zu gehorchen. Und Karl Rahner meinte in seinen Schriften zur
Theologie (Bd. 15, 393ff), dass Gehorsam und die Exekution eines Befehles
von oben keine Maxime der Kirchlichkeit ist. Die eingetrichterte
Gehorsamspflicht durch Hierarchen pervertiert den Menschen. Daher haben
wir auch von keinem Papst je das Bekenntnis zur freien Entfaltung der Persönlichkeit
gehört. So steht immer das Argument aus dem Kirchlichen Gesetzbuch über
dem der Bibel und folglich die hierarchische Macht und Gewalt über dem
Einzelnen. Dies alles trägt zur Missachtung der Würde und des Willens
des Mitmenschen bei. Der „Obere“ kann sich alles herausnehmen, der
Untergebene muss kuschen. Aus der Gewaltherrschaft entsteht so die Gewalt
gegen den Schwächeren, die sich nicht nur in einem Prügelbischof wie
Mixa zeigt, sondern sich auch sexuell auswirken kann. Gegen diese
Hierarchie – d.h. Heilige Herrschaft – die höchst unheilig ist, haben
sich z.B. Jeanne d’Arc (15. Jh.) und Hildegard von Bingen (12. Jh.)
gewehrt (als „Heilige“ verehrt, sollten sie freilich für das System
unschädlich gemacht werden). Jeanne d’Arc ist für ihre Hoffnung auf
bessere gesellschaftliche Verhältnisse von den Kirchenführern verbrannt
worden, Hildegard von Bingen starb unter dem Interdikt – jedes Sakrament
wurde ihr und ihrer Gemeinschaft vom Bischof verweigert – weil sie einen
aus der Kirche Ausgeschlossenen in „geweihter Erde“ begraben hatte.
Sie kirchlich zu loben, bedeutet, Sand in die Augen der Gläubigen zu
streuen, wie es Benedikt XVI. vorzüglich kann, indem er ihre Haltung als
vorbildlich bezeichnete. „Denken wir (doch) an Hildegard von Bingen, die
kraftvoll protestiert hat gegen Bischöfe und Papst“ (Fernsehinterview
13.08.2006). Tut dies heute
jemand, wird er gemaßregelt, suspendiert oder gar exkommuniziert. Ziviler
Ungehorsam ist gegen eine korrupte Hierarchie gefordert. Nur eine
Erziehung zum Ungehorsam und zugleich zu einer echten Dialogbereitschaft
auf gleicher Ebene, kann helfen, die im System angelegte Gewalt zu überwinden.
Eine Hierarchie, die sexuelle Gewalt vertuscht, ist systemisch zutiefst
korrupt. Nur wenn das System sich ändert und sich auf die Haltung Jesu
besinnt, ist auf eine Reduktion gleich welcher Gewalt zu hoffen. Wo immer
das Antlitz eines Menschen geschändet wird, ist ziviler Ungehorsam
geboten. Jede Diktatur ist für jeden Menschen schädlich. Sie drückt
sich z.B. im „Grundgesetz“ des Vatikans aus (2000, Art. 1): „Der
Papst besitzt als Oberhaupt des Vatikanstaates die Fülle der
gesetzgebenden, ausführenden und richterlichen Gewalt“. Am Selbstverständnis
des letzten absolutistischen Monarchen in der westlichen Welt hat sich
seit dem Mittelalter nichts geändert. Muss man einem Diktator wirklich
eine Rede im Bundestag „mit Freuden“ gestatten, der lehrt: „A nemine
licet judicare judicio“ (1. Vatikanisches Konzil, D 3063). Niemand darf
sich ein Urteil über die päpstliche Gewalt erlauben. Man muss sich bei
solchen Aussagen der ganzen Tragweite für das Verständnis der
„Conditio humana“ bewusst sein. In der Gehorsamsforderung ist jede
Diktatur gleich. Jede führt und verführt Menschen zu unmenschlichen
Handlungen. Diese sind systemimmanent. Ein anderes, humaneres System ist
gefordert, das nicht sich selbst, sondern dem Menschen, dem
„Gottesvolk“ dient. Die Würde der Institution ist niemals heilig, sie
steht nie über der Würde des konkreten Menschen und schon gar nicht über
der Würde des Opfers. Für jeden Christen kann nur gelten, dass allein
die Würde und Freiheit jedes Menschen unantastbar und heilig ist. „Zur
Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1). Die Grenze meiner Freiheit
kann nur die Freiheit des Anderen sein; sonst gibt es kein Gesetz. Es ist
das Gesetz der Nächsten- und Feindesliebe, das allein die ganze Substanz
der christlichen Botschaft ausmacht. Alle anderen Gesetze, Gebote und
Institutionen haben nur Sinn, wenn sie für den Menschen da sind und
solidarische Gemeinschaft fördern. Sonst leisten sie der Gewalt, Unterdrückung
und Ausbeutung aller Art (auch sexueller) Vorschub. Nur die Achtung vor
den „Mühseligen und Beladenen“ kann Schimmer der Hoffnung auf eine
menschlichere und damit christlichere Welt sein. Gehorsam verdirbt und
Gesetze, denen man untertan sein muss, können Menschen zerstören. Es ist
besser ein Gesetz zu brechen als ein Herz. Ich meine, es ist
deutlich geworden ist, dass institutionelle Strukturen, die über den
konkreten Menschen gestülpt werden und denen er zu dienen hat, ihn in
seiner verantworteten Freiheit zutiefst verletzen und die Liebe zum, von
Jesus Christus befreiten, Menschen schwer beschädigen. Jede auch noch so
fromme Ideologie setzt den einzelnen Menschen unwesentlich und ihren
Machtanspruch wesentlich. Genau dagegen steht Jesu exemplarisches Leben.
Eine Institution, die unbedingten Gehorsam fordert, dazu noch im Namen
Gottes, weil sie „von Gottes Gnaden“ existiert, ist die Wurzel der
Gewalt. Symptomatisch bringt sie Formen unkontrollierter Machtausübung
hervor, von denen eine der sexuelle Missbrauch Schutzbefohlener ist. Die
Kirche, die nicht bereut, dass sie ihre Machtinteressen als Institution über
das Leid der Opfer gestellt hat und nicht bereit ist, dem Ruf Jesu zu
folgen: Kehrt um, denn nur so ist der Bereich Gottes unter euch, wird
weiter vertuschen, verleugnen, verheimlichen usw. und alle Schuld auf den
Einzelnen abwälzen. Eine Veränderung des kirchlichen Selbstverständnisses
ist leider nicht zu erwarten, wie wir aus Hirtenbriefen, vatikanischen und
bischöflichen Äußerungen klar erkennen müssen. 3.
Gründe sexuellen Missbrauchs Nun noch einige
Bemerkungen zum Symptom des sexuellen Missbrauchs. Es ist die Eigenart
aller religiösen und staatlichen Diktaturen, dass sie auf die Regelung
des sexuellen Verhaltens ihrer Untertanen größten Wert legen und dieses
so weit wie möglich überwachen. Selbstverständlich ist eine
Gedankenkontrolle noch grausamer, wenn abweichende Meinungen zum
Ausschluss führen. Bereits Schiller hat in Don Carlos dagegen
protestiert: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“. Menschenopfer
gibt es nicht nur in der Form der Opferung eines Menschen für eine
Gottheit, sondern in der ganzen Kirchengeschichte, angefangen bei
Konstantin, fordert die Kirche Menschenopfer, sei es, wie uns allen
bekannt, in der Form der Inquisition, der Hexenverfolgung, der Kreuzzüge
usw., aber noch subtiler in der Ächtung, im Totschweigen, in der
Vernichtung der beruflichen und finanziellen Existenz. Dies reicht bis ins
Forum internum, indem Gewissensängste erzeugt werden und so das Denken
selbst pervertieren. Besonders ausgeprägt ist es im sexuellen Bereich.
Hier gilt dagegen: Tendere supra naturam, est cadere infra! Nun ist das
alles keine Erfindung der Katholischen Kirche, sondern Eigenart der
Religionen, dass Gott besonders mit der Sexualität in Verbindung gebracht
wird, um so einen unumstößlichen Zwang hervorzurufen. Als Beispiel kann
uns schon das Alte Testament dienen. Gott schließt mit Israel einen Bund.
Was verlangt er? Einen Teil des männlichen Gliedes: die Beschneidung. Von
nun an wacht Gott über den Gebrauch des Penis. Die Katholische Kirche übernimmt
dieses göttliche Interesse an der Sexualität und wird seine Hüterin. Es
war bei meiner Ausbildung zum Priester bezeichnend, dass der
Beichtunterricht fast ausschließlich den sexuellen Bereich betraf und wir
als Priester besonders auf diesem Gebiet verpflichtet seien, beim
„Beichtkind“ nachzuforschen. Das „Jagdrevier“ wurde so bestellt
und Gottes besondere Sorge galt dem Tun auch der Eheleute im
Schlafzimmer (es ist
verständlich, denn Gott muss jeweils bei der Zeugung eines Kindes die
entsprechende „Seele“ schaffen). Da ein wesentlicher Ansatzpunkt für
die Diktaturen die sexuelle Disziplinierung des Einzelnen ist, nimmt die
Herrschaft über ihn und die Sexualmoral den ersten Platz ein (anders als
bei Jesus, für den die Befreiung von der Unterdrückung aller Art an
erster Stelle steht). Lust ist verdächtig und Verhütung – auch im
Zusammenhang mit AIDS – ist schwer sündhaft, nur Prostituierten erlaubt
der Papst das Kondom, wobei ihr Sexualverhalten eine Todsünde ist.
Ehescheidung wird verboten und Wiederverheiratete dürfen die Sakramente
nicht empfangen. Hingegen beim Eidverbot durch Jesus, das im Zusammenhang
mit der (jüdischen) Ehescheidungspraxis angesprochen wird, ist die Kirche
jedoch nicht zimperlich, ganz im Gegenteil, mindestens fünf Mal wird
jeder Priester zum Schwören gezwungen. Selbstverständlich wird
Homosexualität usw. aufs Schärfste verurteilt. Ja selbst Sexualaufklärung
in der Schule verstößt – so Benedikt XVI. erst kürzlich – gegen die
Religionsfreiheit. Kann man eine solche „religiöse“ Welt noch
verstehen? Selbstverständlich muss jedem Menschen unbenommen sein, ob er
eine Ehe eingehen will oder nicht. Kann aber überhaupt ein Zwangszölibat
für Priester ein Zeugnis für die Moral einer Kirche sein? Ist es nicht
vielmehr ein Zeugnis der Lust- und Sexualfeindlichkeit? Will denn Gott
wirklich das Sexopfer? Gott und der Mitmensch treten so in Konkurrenz. Nur
der Verzicht auf volle menschliche Beziehung ermöglicht eine erhabene
Beziehung zu Gott. Was ist das für ein Gottes- und Menschenbild! Nur im
Mitmenschen begegnen wir Gott und nicht in einer gedachten Beziehung
meiner Seele zu ihm. Wenn die Vorstellung von der Menschwerdung Gottes
einen Sinn hat, dann doch diesen, dass durch Jesus Christus die wahre
menschliche Liebe absolute Bedeutung hat und d.h. die Gottesliebe
einschließt. Schon im 1. Johannesbrief wird darauf hingewiesen, dass wir
Gott, den wir nicht sehen, nicht lieben, wenn unsere Liebe nicht dem
sichtbaren Menschen gilt. Gerade wenn man einem Menschen sein „Herz“
schenkt, ihn absolut bejaht, wird Gottes Wirklichkeit erfahren. Nachdem alle Begründungen
des Zölibatsgesetzes fehlgeschlagen sind, wie: die Naherwartung oder die
Sündhaftigkeit jeder geschlechtlichen Betätigung (z.B. Hieronymus [4.
Jh.]: „omnis coitus inmundus“, auch in der Ehe) oder die kultische
Reinheit (vor der Hl. Messe kein Geschlechtsverkehr) oder die Ehelosigkeit
als „eschatologische Existenz“, da im „Himmel“ nicht geheiratet
wird (Lk 20,34ff), als ob Priester „Engel“ auf Erden wären, blieb
schließlich noch das Argument, das 1983 in den CIC Eingang gefunden hat:
Der ehelose Priester könne leichter „mit ungeteiltem Herzen, Christus
anhangen“ und so besser Gott und den Menschen dienen. Dabei wird
besonders die Frau abgewertet und zum Hindernis für das Wirken des
Priesters. Wirklich schädlich hingegen ist für jeden Priester und
Menschen Herrschsucht, Machtanspruch, eigene Überbewertung,
institutionalisierte Unterdrückung, Habgier und Missbrauch
Schutzbefohlener. Es wird überhaupt nicht gesehen, dass gerade echte
dialogische zwischenmenschliche Beziehung Gotteserfahrung erst ermöglicht.
Der Mensch ist kein geschlossenes Subjekt, das sich Untertanen suchen
sollte, um sie zu beherrschen, sondern ein Beziehungswesen. In der
Enzyklika „Deus caritas est“ sagt Benedikt XVI. selbst, dass Mann und
Frau zusammen das volle Menschsein bilden. Der zölibatäre Priester wird
zu einem halben Menschsein gezwungen. Unerfülltes Menschsein, ein
fragmentierter Mensch wird immer stärker pervertierten Gelüsten
ausgesetzt sein, als ein Mensch, der in Freiheit sein Menschsein, seinen
Lebensentwurf leben kann und darf. Die Traumatisierung
durch die kirchlichen Moralvorstellungen führt zur Abspaltung von Sex und
Sinnlichkeit. Die kirchliche Institution erhebt die „Heilige Familie“,
die makellose Jungfrau und den asexuellen Kleriker zum Ideal. Genau
dadurch wird die sexuelle Gewalt begünstigt (D. Funke). Die Spaltung in
einen asexuellen Priesterleib und einen niedrigeren sexuellen Körper
bilden den Hintergrund des sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Dieses
Priesterideal ist neben der Machterhaltung der Institution ein Grund,
warum die Trauer wegen der Befleckung des reinen Kleides der Katholischen
Kirche im Vordergrund steht und die Beschämung darüber weit größer ist
als die Sorge um das Leid und die Verletzungen der Opfer. Warum sich
Priester überhaupt dieser Idee unterwerfen, liegt oft darin, dass ihnen
eine hohe narzisstische Belohnung (Himmel) in Aussicht gestellt wird. Eine
noch nicht entwickelte Persönlichkeit kann daher von einem Leben ohne
sexuelle Beziehung angezogen werden. Nicht die Ehelosigkeit als solche ist
das entscheidende Problem, sondern eine monogeschlechtliche Hierarchie,
die Unterwerfungsbereitschaft fordert, die der Priester weitergibt und die
ihn zur Gewalt verführt, die sich auch sexuell zeigt, wo seine eigene
psychosexuelle Entwicklung tief gestört ist. Die eigene „Abtötung“
verleitet zur Verdinglichung des Körpers, die auf das Opfer projiziert
wird. So wird der Andere (Kind, Jugendlicher etc.) nicht als ein freier
Mensch erlebt, sondern als ein Teil des eigenen Selbst, der vergewaltigt
wird. Selbst in sich gespalten, beraubt er den Anderen seiner Ganzheit und
macht diesen sich selbst im Missbrauch gleich. Zugleich ist das Tabu
„Weib“ aufgestellt. Die Angst vor der Frau spiegelt sich darin wider,
dass sie in der Jungfrau Maria zärtlich, innig und kindlich verehrt wird,
jedoch erotisch-sexuell nicht begehrt werden darf. Daher wird keine
Partnerschaft auf gleicher Ebene gefördert, sondern die Unterwerfung
unter die asexuelle jungfräuliche Mutter. Durch dieses entgleiste Ideal
wird die Unterwerfungsbereitschaft gleichsam dogmatisiert. Die Einsicht,
dass sich in einer echten partnerschaftlichen Beziehung eine Wirklichkeit
zeigt, die das Göttliche berührt, könnte die Abspaltung verhindern und
damit den sexuellen Gewaltexzessen Einzelner das fördernde Klima
entziehen. 4.
Kirche Christi als Freiraum für Christen Würde die römische
Kirche sich auf die Frohe Botschaft Jesu beziehen, dann wäre klar, dass
nur die Pflege einer Beziehung auf Augenhöhe christlich sein kann.
Niemanden sollt ihr Meister, Lehrer und Heiliger Vater nennen, sondern ihr
alle seid Geschwister (Mt 23,7f). Keine Über- und Unterordnung, keine
Gewaltanwendung körperlicher oder psychischer Art ist mit dem Christentum
zu vereinbaren. Wenn Strukturen einer Glaubensgemeinschaft angebracht
sind, dann kann man die Pastoralbriefe heranziehen (auch wenn
patriarchalische Untertöne der damaligen Gesellschaft mitschwingen). Wenn
Vorsteher von der Gemeinde gewählt werden, dann sollten sie gütig,
verheiratet und gastfreundlich sein, aber nicht trunksüchtig, zänkisch
oder geldgierig. Die Kinder sollten gut erzogen sein, damit Außenstehende
sich nicht das Maul zerreißen (1Tim 3,1ff). Auch soll der Gewählte das Böse
mit Geduld ertragen (2Tim 2,24). Im 2. Jh. wussten offenbar die Christen,
dass nur ein Mensch, der beziehungsfähig ist und in einer ehelichen
Beziehung lebt, geeignet ist, Glaubensgemeinschaft zu koordinieren und
vernünftige Anleitungen zu geben. Von der biblischen Botschaft her ist es
nicht möglich, irgendetwas über die Beziehungsgemeinschaft
Gleichberechtigter zu stellen, die jedem seine Freiheit lässt und die
Freiheit des Anderen achtet. Ich sehe im Gehorsamsprinzip, das immer ein
Herr-Knecht-Verhältnis errichtet und daher Menschsein in der Wurzel
pervertiert, das unchristliche Leitmotiv, das immer Unterdrückung
hervorruft und inhuman ist. „Heiliger Vater befiehl, wir folgen dir“
– ist der tiefste Widerspruch zur Botschaft Jesu. Dem Machtstreben der Jünger
setzt Jesus den Verweis auf die damalige Gesellschaftsordnung entgegen,
die in Unterdrückungsmechanismen bestand. So soll es bei euch nicht sein!
Nicht Herrschaftsanspruch, sondern Solidarität! Sie überwindet das Böse
durch das Gute. Das Streben nach Macht und Ehre bringt Unheil, nur eine
Umkehr (Metanoia) kann helfen, dass der Bereich des Guten, Gottes Bereich
unter den Menschen wirklich wird. Die Wertschätzung eines jeden Menschen,
auch des schwächsten, muss unter Christen das rücksichtslose
Durchsetzungsvermögen durchkreuzen; dies gilt für Ausbeutung aller Art,
durch Arbeit, durch Gewinnmaximierung, durch sexuelle Abspaltung. Das
Markus-Evangelium erkannte bereits darin die Kirche am Scheideweg, die
sich zwischen Machtträumen von Herrschaftsansprüchen und solidarischem
Einstehen füreinander, also zwischen Unglaube und Glaube entscheiden
muss. Unser Positionsdenken ist total umzukehren. Darum spricht Jesus vom
Werden zu einem gering geachteten Kind. Ausgleich in der
Glaubensgemeinschaft zu schaffen ist nicht die Aufgabe irgendeines Würdenträgers,
sondern letzte Instanz ist die ganze Gemeinde. In ihr ist kein Platz für
eine Vertuschungsstrategie, für Vorverurteilungen, Geheimdossiers und
Demutserklärungen. Nächsten- und Feindesliebe ist die christliche
Grundhaltung. Diese Gleichheit vor Gott, der Liebe, ist keine unterdrückende
Gleichmacherei, sondern Schutz der Würde jeder einzelnen Person. Auch
Jesus ist nach dem Johannes-Evangelium kein Herrscher: Nicht Knechte nenne
ich euch, sondern Freunde. Christliche Gemeinschaft bricht die Herrschaft
des Menschen über den Menschen. Wie wir wissen, baut Paulus den Gedanken
einer Gemeinschaft Gleicher aus, indem er die Charismen – jeder ist ein
Charismatiker – als Grundstruktur der Kirche versteht. Eine
hierarchische Organisation ist ihm nicht nur fremd, sondern sie verfälscht
das Kirche-Christi-Sein. Augustinus greift den paulinischen Kirchenbegriff
auf: „Ecclesia est populus fidelis per universum orbem dispersus“
(Trid. Kat. X,II). Überall, wo zwei oder drei im Namen Christi versammelt
sind, ist Kirche Christi. Das Bild des Leibes Christi für die Kirche soll
verdeutlichen, dass jeder seine spezifische Funktion hat und daher seine
unauswechselbare Würde, die unantastbar ist. Eine kopflose Gemeinde geht
in die Irre, eine herzlose erstarrt in Lieblosigkeit, eine blutleere
vertrocknet und eine ohne Lunge erstickt. Jeder hat die gleiche
lebenserhaltende Bedeutung und daher diskriminieren Christen weder Juden
noch Heiden, weder Sklaven noch Freie, weder Mann noch Frau (Gal 3,26f).
In der paulinischen Gemeinde sind die Beziehungen von ihrer Struktur her
herrschaftsfrei. Die Struktur der römisch-katholischen Kirche ist dieser
diametral entgegengesetzt. Sie ist wie ein Wolf im Schafspelz. Sie
spiegelt den Willen Jesu Christi vor, der nur in einer Obrigkeitskirche
verwirklicht werden könne und hält so die Menschen unmündig. Dagegen
gilt: Wage deinen Glaubensverstand zu gebrauchen, er steht über jedem
Gehorsamsakt! Um den Missbrauch von Menschen – nicht nur sexuell – zu
reduzieren, kann nur ein Glaubensbewusstsein helfen, das in jedem Menschen
Gottes Ebenbild sieht, d.h., dass jeder liebenswert ist und in seiner
Freiheit geachtet wird. Als Hilfe dafür mag ein demokratisches System nützlich
sein. Jeder hat bei allen wichtigen Entscheidungen ein Mitspracherecht.
Die Gewaltenteilung ist ein unabdingbarer Bestandteil. Machtkontrolle ist
stets obligatorisch. Abwahl von allen institutionellen Posten muss möglich
sein. Papst, Bischöfe und Pfarrer sind nur auf Zeit zu bestellen (z.B. 5
Jahre) und haben vor den anderen Gläubigen Rechenschaft abzulegen. Jeder
muss seine eigene Lebensform wählen können, solange sie nicht
Mitchristen Schaden bereitet. Frau und Mann sind selbstverständlich
gleichberechtigt. Nichts darf an Glaubensregeln oder Gemeindeordnungen
verkündet werden, was der gegenseitigen Liebe abträglich ist, denn nur
der Glaube, der in der Liebe wirkt, ist Fundament der Kirche. Die
Zwei-Klassen-Gesellschaft der Kirche wäre beendet und die Monopolstellung
der Hierarchie erloschen. Kirche könnte so zum Vorbild für die Befreiung
von Herrschafts- und Machtmechanismen werden. In der Wurzel wäre der
Missbrauch von Menschen überwunden. Das heißt nicht, dass Missbrauch überhaupt
nicht mehr vorkommen kann, aber Vertuschung und Missachtung der Opfer wäre
a limine verbannt. Nur eine radikale Veränderung des kirchlichen
Selbstverständnisses kann Heilung bringen. Nur eine Kirchenverfassung,
die die Herrschaft des Menschen über den Menschen ausschließt, ist
christlich. Wenn die Kirche die Frohe Botschaft der Freiheit eines
Christenmenschen verkündet und diese Freiheit in die tätige Liebe
einbindet, dann könnte der alte Ruf der Nichtchristen wieder zu hören
sein: Seht, wie sie einander lieben! Für die jetzt bestehende Kirche gilt
jedoch die Klage Jesu, wie einst über Jerusalem: „Oh dass du es doch
erkannt hättest, was an diesem deinem Tag dir zum Frieden dient! Nun ist
es vor deinen Augen verborgen.“ (Lk 19,42). |
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© Gotthold Hasenhüttl
Vor dem Papstbesuch in Deutschland −
Der
Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch
erklärte: ganz Deutschland freue sich auf den Papstbesuch. Benedikt
XVI. ist, wie bekannt, der Souverän eines Staates. Im Grundgesetz des
Vatikans (Art. 1, von 2000) heißt es: „Der Papst besitzt als
Oberhaupt des Vatikanstaates die Fülle der gesetzgebenden, ausführenden
und richterlichen Gewalt“. Zudem hat bereits das 1. Vatikanische
Konzil (D 3063) erklärt – und dies gilt bis heute unangefochten – ,
„A nemine licet judicare judicio“, niemand, kein Mensch darf sich
ein Urteil über die päpstliche
Gewalt erlauben. Die Verweigerung der Gewaltenteilung und das Verbot
einer Kritik an seiner Führung bedeutet, dass der Papst der letzte
absolutistisch regierende Monarch in der freien westlichen Welt ist. Ist
es daher wirklich angebracht sich zu freuen, wenn ein Diktator im
freigewählten Bundestag zu einer Rede eingeladen wird? Selbstverständlich
muss in einer Demokratie die Redefreiheit gewahrt werden, aber eine
solche Einladung setzt doch
das Einverständnis mit seinem politischen wie religiösen Konzept
voraus. Wäre nicht ein Protest angebracht? Der Kabarettist M. Richling
sagte, dass er immer gerne die Papstreden
höre, denn so wisse er wie Menschen vor 500 Jahren gedacht haben. So
weit hergebracht ist dies nicht, denn Benedikt XVI. fördert die
mittelalterliche Teufelsaustreibung und meint, dass es auch in
Deutschland in jeder Diözese einen Priester als Exorzist geben müsse.
Unter Johannes Paul II. fanden ca. 30.000 Teufelsaustreibungen
statt. Als im Priesterjahr 2010 die sexuellen Missbrauchsfälle
zu einem öffentlichen Skandal wurden, erklärte Benedikt XVI., dass
dies ein Werk des Teufels sei, der das strahlende Bild der zölibatären
Priester verdunkeln wollte.
Er selbst hatte das Vertuschungssystem, das jetzt aufflog, nicht
nur in Gang gesetzt, sondern noch forciert, indem er als Präfekt der
Glaubenskongregation 2001 ( in der „Epistola de delictis
gravioribus“) erklärte,
dass alle Missbrauchsfälle unter (das „Secretum Pontificum“) die päpstliche
Geheimhaltung fallen. In den
„Normae de gravioribus delictis“ vom 21.5.2010, wie im Rundschreiben
der Glaubenskongregation vom 3.5.2011 wird nochmal eingeschärft, dass
jeder Bischof den Missbrauch durch einen Kleriker dem Apostolischen
Stuhl zu melden hat, „der darüber entscheidet, wie weiter vorzugehen
ist“. Ihm sind also die Hände gebunden. Eine allgemeine
staatliche Anzeigepflicht entfällt,
wenn auch eine Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen empfohlen wird
(„pro bono Ecclesiae“ ist vorzugehen). Die ganze Klage über den öffentlichen
Skandal besteht darin, dass die Täter der „Glaubwürdigkeit der
Kirche“ schwer geschadet haben. Die primäre Sorge gilt dem Ansehen
der bestehenden hierarchischen Institution und nicht den Opfern. Ein
Schuldbekenntnis des Papstes wegen der Vertuschungspraxis sucht man
vergebens, ebenso die Frage, ob nicht die Reformunwilligkeit, ja
Unfähigkeit der Hierarchie eine Mitschuld trägt. Das Vertrauen
in die Träger der hierarchischen Struktur der Kirche, ist daher radikal
gesunken. Der Vertrauenswert der Priester beträgt nur noch 39%, während
z.B. Ärzte 85% und Feuerwehrleute sogar 95% verbuchen können (freilich
die Politiker mit 7% der Vertrauenswürdigkeit stehen an letzter
Stelle). Wenn heute nur noch 13% der Katholiken Deutschlands
für das Zölibatsgesetz sind,
zeugt dies davon, wie groß die Kluft
zwischen Papst und Kirchenvolk
ist. Ein Rundfunkpfarrer (Michael Broch) meinte: „Wenn das so
weiter geht, fährt Papst Benedikt die Kirche an die Wand“. Er wurde
daraufhin sofort entlassen. Wie sehr rückwärtsgewandt Benedikt XVI.
denkt, zeigt sich auch darin, dass er das faschistoide „Opus Dei“ überall
fördert, ebenso wie die „Legionäre Christi“, die der Kinderschänder
M. Maciel, der Freund Johannes Paul II. gegründet und die sich als
Kampftruppe gegen die Befreiungstheologie erwiesen hat. Nun
kann aber der „gelehrte Autist“, wie
Küng den Papst nennt, auch sehr schöne Sätze, wie z.B. bei
seinen ersten Besuch in Deutschland beim Weltjugendtag 2005 in Köln,
formulieren: „Die Kirche ist keine Kirche der Gebote und Verbote,
sondern der Liebe“. Im gleichen Atemzug ließ er aber bei der Messe
ansagen, dass die evangelischen Christen die Eucharistie
nicht empfangen dürfen. Die Praxis widerspricht
der theoretischen Schönrede. Auf die Wünsche und Forderungen
der Christen geht er nicht
ein, jeden Dialog mit
Reformgruppen verweigert er und fordert stattdessen gehorsame
Unterwerfung . Als im April 2011 der australische Bischof William Morris
vorschlug, verheiratete Männer und Frauen zu weihen und Priester, die
geheiratet haben, wieder einzustellen, wurde er sofort durch Benedikt
XVI. seines Amtes enthoben. Bei seinem zweiten Besuch in Deutschland, in
seiner Regensburger Rede 2006, die wegen seiner Islamkritik viel
Beachtung gefunden hat, erklärte Papst Benedikt XVI. rigoros: „Das
subjektive Gewissen ist keine letzte ethische Instanz“, denn es muss
sich am Lehramt der Kirche orientieren, das die verlässliche Wahrheit
verkündet. Wenn Ratzinger
1990 behauptete, die Verurteilung Galileis sei gerecht und fair
gewesen, kann man nur den Kopf schütteln. An seiner intellektuellen
Redlichkeit lässt sich zweifeln, wenn er in Lateinamerika erklärte,
die Indios seien nicht mit Gewalt bekehrt worden, sondern hätten sich
nach Jesus Christus gesehnt. Aufs Schärfste verurteilt er den sog.
modernen Relativismus, denn nur das kirchliche Lehramt ist der Ort der
Wahrheit. Ein entscheidendes Beispiel ist sein Kompendium des
Katechismus der Katholischen Kirche von 2005, das als seine
Regierungserklärung anzusehen ist.
In diesem Kompendium ist die gesamte moderne Theologie
ausgeblendet und selbst das 2. Vatikanische Konzil wird nur erwähnt,
wenn es alte traditionelle Formeln verwendet. Mit der biblischen
Botschaft hat dies kaum etwas zu tun. So ist es nicht verwunderlich,
dass gerade unter Benedikt XVI. der Reformstau in der Kirche besonders
stark empfunden wird. Dagegen gilt das Wort Guiseppe Tomasi Lampedusa:
Wenn wir wollen, dass alles so bleibt wie es ist, müssen wir alles verändern!
Leben gibt es nur in Veränderung, verharren im Althergebrachten ist
Totenstarre. Ich meine, dass auf die Kirche das Bild eines vergifteten
Flusses passt, der dringend einer Kläranlage bedarf, damit die
Menschen, die daraus trinken, nicht verseucht werden.
Auf
drei großen Gebieten zeigt sich die Notwendigkeit einer Kläranlage: 1.
bei den Strukturen der Kirche; 2. bei der Morallehre;
und 3. bei der Theologie. 1.
Die Strukturen der Kirche Die
grundlegende Vergiftungserscheinung ist die heute bestehende Verfassung
der Kirche. Sie ist absolutistisch, monarchisch und lässt keine
Beteiligung der gläubigen Christen an den Entscheidungen zu. Für jede
Diktatur – auch heute noch – ist diese Grundhaltung wesentlich. Der
neutestamentlichen Glaubensgemeinschaft ist diese fremd. Sie war geprägt
von Geschwisterlichkeit und die Wahl für ein Amt vollzog die ganze
Gemeinde. Am Ende des 2. Jh.
begann sich eine Entwicklung anzubahnen, die
den staatlichen Strukturen entsprach. Der verzweifelte Protest
Tertullians (Anfang 3. Jh.) und vieler anderer hat nichts genützt, so
dass er zur Aussage veranlasst wurde: Numquam ecclesia reformabitur,
eine solche Kirche wird in Zukunft reformunfähig sein. Papst Leo der
Große (450 n. Chr.) war der erste, der sich als Pontifex Maximus und
Nachfolger kaiserlicher Gewalt verstand und erstmals den
Jurisdiktionsprimat einforderte. Aber
erst im 11. Jh. beanspruchte der Papst alle Rechte, so dass das römische
System geschaffen war. Innozenz III. (1198-1216) bezeichnete sich als
„Stellvertreter Christi“ und damit zugleich als Stellvertreter
Gottes auf Erden. Schließlich definierte Bonifaz VIII. in der
Bulle „Unam sanctam“ (1302; D 875) „dass es für jedes menschliche
Geschöpf unbedingt notwendig zum Heil ist, dem Römischen Papst
unterworfen zu sein“. Als Vorbild dienten nicht nur die vergöttlichten
römischen Kaiser, sondern alle absolutistisch regierenden Monarchen,
die ihren Herrschaftsanspruch nicht vom Volk, sondern von „Gottes
Gnaden“ herleiteten. Papst Leo XIII. (1901 in seiner Enzyklika
„Graves de communi“ ) erklärte, dass eine Volkssouveränität mit
den christlichen Grundsätzen nicht zu vereinbaren sei. Allein
sozial-caritative Tätigkeiten dürften demokratisch geregelt werden.
Noch schärfer distanzierte sich Pius X. von einer demokratischen
Staatsform. Erst 1945 in einer Ansprache an die Rota Romana gestand Pius
XII. unter dem Druck der Staaten diesen demokratische Strukturen zu.
Erstmals entfaltete er die grundlegende Verschiedenheit der Autoritätsstruktur
von Staat und Kirche. Galt bisher: Papst und Kaiser sind von „Gottes
Gnaden“, so heißt es jetzt: die staatliche Autorität steigt von
unten nach oben, ist also von „Volkes Gnaden“. Ganz anders verhalte
es sich jedoch bei der kirchlichen Autorität. Sie ist von Gott selbst
durch Jesus Christus begründet, also ausschließlich göttlich
legitimiert und steigt vom Papst über die Bischöfe und Priester zum gläubigen
Volk, den Laien, herab. Diese göttliche Autorität der Institution
Kirche betont Benedikt XVI. stets vehement von neuem. Die bestehende
Kirchenstruktur bezeichnete schon vor Jahren Karl Rahner hingegen als
eine „winterliche Kirche“, die sich einhüllt und abschottet. Wer
die kirchliche Hierarchie auf eine göttliche Autorität zurückführt,
leitet Zyankali in den Fluss Kirche ein. Für Benedikt XVI. sind
demokratische Tendenzen in der Kirche die Gefahr des sog.
„Relativismus“. Altbundeskanzler H. Schmidt meint dazu, Benedikt XVI.
ist „gefährlich dogmatisch“. In der Demokratie hingegen drückt
sich der Respekt vor dem konkreten Menschen aus. Ein absolutistisches
System schließt alles aus, was sich nicht seiner Herrschaft
bedingungslos unterwirft. Nicht umsonst fordert die Kath. Kirche bis
heute blinden Kadavergehorsam. Seit 1983 ist im Motu proprio „Ad
tuendam fidem“ durch Johannes Paul II. auf Betreiben Ratzingers,
festgelegt, dass jeder, der in der Kirche mit der „Glaubensverkündigung“
Beauftragte, schwören muss: „Mit festem Glauben glaube ich all das,
was … von der Kirche … zu glauben vorgelegt wird“ … „Außerdem
hänge ich mit religiösem Gehorsam des Willens und des Verstandes den
Lehren an, die der Papst oder das Kollegium der Bischöfe … darlegen,
auch wenn sie diese nicht als definitiv verkünden wollen“. Der
kirchlichen Autorität wird ein Freibrief ausgestellt: Was immer sie
sagen, ich unterwerfe mich total mit Wille und Verstand. Das geht noch
über die Aussage Ignatius von Loyola, nachdem er das Inquisitionsgefängnis
und die Gehirnwäsche am eigenen Leib erlebt hatte, hinaus: „Wir müssen,
um in allem das Rechte zu treffen, immer festhalten: ich glaube, dass
das Weiße, das ich sehe, schwarz ist, wenn die Hierarchische Kirche es
so definiert.“ (Exerzitien, 365). Dagegen sagt Hannah Arendt richtig:
„Niemand hat das Recht zu gehorchen“. Dass eine autoritäre Kirche für
Menschen gefährlich werden kann, sah selbst J. Ratzinger noch 1993 ein,
indem er das Problem der Papstkirche verdeutlicht: „Monokratie,
Alleinherrschaft einer Person ist immer gefährlich. Selbst wenn die
betreffende Person aus hoher sittlicher Verantwortung heraus handelt,
kann sie sich in Einseitigkeit verlieren und erstarren“ (Wesen und
Auftrag der Theologie, Freiburg i. Br., 75). Besser kann man kaum das
Papsttum kritisieren. Leider hört Benedikt XVI. nicht auf seine eigene
Warnung und praktiziert die Monokratie, die Alleinherrschaft, in
radikalster Form. Er vertritt eine Obrigkeitskirche, die einen
exklusiven Wahrheitsanspruch fordert und durch göttliche Autorität
sanktioniert ist. In ihrer Struktur bedarf sie daher keinerlei Reform.
Darin zeigt sich folgerichtig auch die Unfähigkeit zu einem sowohl
innerkirchlichen Dialog wie eine Gesprächsbereitschaft mit anderen
Kirchen, Religionen oder humanistisch-säkularen Gemeinschaften oder
Staaten. Der Dialog mit anderen christlichen Kirchen wurde empfindlich
gestört, nachdem im Jahr 2000 die Glaubenskongregation das Schreiben
„Dominus Jesus“
veröffentlicht hatte. Allen anderen christlichen Kirchen
(ausgenommen die Orthodoxen Kirchen)
wurde das Kirchesein abgesprochen. „Jesus … hat nicht eine
bloße Gemeinschaft von Gläubigen gestiftet“, sondern er hat die
hierarchische Struktur grundgelegt. Die Katholische Kirche ist die
einzige Kirche Christi, sonst gibt es nur „kirchliche Elemente“. Die
Hierarchie, d.h. die „Heilige Herrschaft“, wird als Wille Jesu
dargestellt und ist damit „von Gottes Gnaden“. 2007 hat Benedikt XVI.
die Aussagen nochmals verschärft („Antworten auf Fragen zu einigen
Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“). Da Luther selbst bis
heute exkommuniziert ist, ist es selbstverständlich, dass eine
Gemeinschaft, die sich auf ihn bezieht, niemals ein gleichberechtigter
Gesprächspartner sein kann. Daher gibt es keine Möglichkeit einer
Kirchengemeinschaft, sondern nur einen Rückkehrökumenismus. So
startete der Papst „Heimholungsversuche“. Die Exkommunikation der
Bischöfe der Pius-Bruderschaft wurde aufgehoben. Den konservativen
anglikanischen Geistlichen wurde angeboten, dass sie, wenn sie sich dem
Papst unterwerfen, ihre Ehe und ihr Priesteramt weiterführen dürfen.
Der Orthodoxen Kirche (die Exkommunikation hatte Paul VI. 1965
aufgehoben) sollte die Rückkehr dadurch ermöglicht werden, dass sie
nur die Konzilsbeschlüsse akzeptieren müsse, an denen ihre Kirche
teilgenommen hat. Immer aber unter der Voraussetzung, dass sie dem Papst
den Jurisdiktionsprimat nicht verweigern. Auch gegenüber anderen
Religionen zeigt sich kaum eine Offenheit. Zwar werden seit dem 2.
Vatikanischen Konzil diese nicht mehr in Bausch und Bogen verteufelt,
sondern die Kirche erklärt, dass sie alles anerkennt, was „wahr und
gut“ an ihnen ist. Was aber „wahr und gut“ ist, bestimmt natürlich
die Hierarchie der Katholischen Kirche. Auch dies ist ein klares Zeichen
der Verweigerung des Dialogs auf gleicher Ebene. Gleiches gilt auch für
die humanen Werte in der Gesellschaft, den Menschenrechten. Noch Pius
XII. verurteilte die Menschenrechte, die er als Irrweg der Französischen
Revolution ansah. Zum ersten Mal erkannte Papst Johannes XXIII. 1963 in
der Enzyklika „Pacem in terris“ die Menschenrechte an. Aber bis
heute weigert sich der Vatikan die Europäische Menschenrechtserklärung
(1950) wie -konvention (1953) zu unterzeichnen. Das Kirchenrecht müsste
von Grund auf geändert werden. In ihm gibt es keine Gewaltenteilung,
keine Grundrechte der Frauen, kein Anteil des Volkes an den
Entscheidungen usw. Die Kirche versteht sich auch
als vom Grundgesetz unabhängig.
Sie ist eine „Societas perfecta“ und d.h. gleichsam ein Staat
im Staat. Wenn nun die kirchliche Gesetzgebung nicht an das staatliche
Gesetz gebunden ist, warum nicht auch die „Scharia“, die der Islam
als göttliches Gesetz ansieht. So ist es überaus bedauerlich, dass die
Religionsgemeinschaften aus dem Mitbestimmungsgesetz ausgenommen werden
(§ 118 Abs. 1; 2BetrVG u.a.m.), weil sie sog. Tendenzunternehmen sind.
Das Selbstbestimmungsrecht der organisierten Kirchen gehöre zur freien
Religionsausübung (Art. 140 GG). Daher besitzen die Kirchen eine eigene
Betriebsverfassung. Die Konsequenzen sind überaus weitreichend. So hat
z.B. ein suspendierter Priester keine Gehaltsansprüche, anders bei pädophilen
Priestern, deren Unterhalt sicherzustellen ist (Rundschreiben 3.5.2011).
Nonnen wie Majella Lenzen, die Jahrzehnte der Kirche treu gedient hat,
sich jedoch wegen der AIDS-Gefahr in Afrika an einer Kondomverteilung
beteiligt hatte, wurde zur Hartz-VI-Empfängerin, da die kirchliche Behörde
in keine Rentenversicherung einzahlt. Und wenn ein Chorleiter (Bernhard
Schüth, Essen) entlassen wird, weil er ein zweites Mal geheiratet hat,
und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Entlassung als
rechtswidrig erklärte (Strasbourg 24.9.2010), so schert dieses Urteil
die Kirchenleitung nicht im Geringsten, weil sie ihr „Rechtssystem“
für übergeordnet hält. Wenn Religionsgemeinschaften in ihren Reihen
freies Spiel haben, ihren Mitgliedern keine Mitbestimmung zugestehen müssen,
Menschenrechte nach ihrem Gutdünken auslegen und diktatorisch vorgehen
können, dann ist die Gefahr für die Gesellschaft nicht zu unterschätzen.
Der Staat hat den Auftrag für Solidarität und Humanität zu sorgen. Er
muss diese auch von den Religionsgemeinschaften einfordern und auf die
Einhaltung der Menschenrechte bestehen, zumal er die Kirchen nicht nur
durch den Einzug der Kirchensteuern fördert, sondern auch noch Unsummen
von Steuergeldern (auch von Atheisten) zu ihrer Unterstützung
verwendet. Jede Religion ist dem § 1 des Grundgesetzes unterzuordnen:
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Keine Religion darf ein
Freiraum für Unmenschlichkeiten sein. Hat aber die Hierarchie die
„unmittelbare Gewalt“ von Gott, wie man im Schreiben der
Glaubenskongregation über die Kirche als communio (1992, III, 13)
liest, dann sind alle diese
Überlegungen Makulatur. Kehren wir nun zu unserem Bild zurück: Wie lässt
sich die Kirche zu einem lebendigen Fluss umgestalten, aus dem man
trinken kann, ohne selbst krank oder gar vergiftet zu werden? Das 2. Vatikanische
Konzil war ein Versuch, eine Kläranlage zu installieren. Der
entscheidende Grund des
Reformstaus in der Kirche ist nicht so sehr die persönliche Einstellung
eines Papstes oder die Machtträume von Hierarchen, sondern die Idee,
dass sich die Institution der Kirche
auf eine göttliche Autorität berufen kann, dass sie „von
Gottes Gnaden“ eingesetzt ist. Nun zeigte das 2. Vatikanische Konzil
vorsichtige Ansätze eines Paradigmenwechsels. Es hat die Göttlichkeit
der hierarchischen Kirchenstruktur in Frage gestellt und in der
Kirchenkonstitution (LG Kap. 8) erklärt, dass die Hierarchie in der
Kirche kein göttliches, sondern ein menschliches
Element ist. Ist es menschlich, dann ist es nicht unveränderlich
und der Kritik nicht mehr entzogen. Das meinte Johannes XXIII. mit dem
„aggiornamento“ der Kirche. Keine institutionelle Stellung,
kein Amt garantiert die Wahrheit. Selbst der Papst kann vom
Glauben abfallen. Institutionelle Elemente haben eine
sozial-strukturierende Ordnungsfunktion und gehören nicht zum Wesen der
Kirche. 1991 warnte J. Ratzinger treffend: „Kirchliche Institutionen …
drohen sich als wesentlich
auszugeben, und sie verstellen so den Blick zum wirklich Wesentlichen.
Darum müssen sie immer wieder wie überflüssig gewordene Gerüste
abgetragen werden …
damit … der lebendige Herr sichtbar werde“ (Zur Gemeinschaft
berufen, Freiburg, 133, 138). Wenn der Gipsverband zu lange am Bein
getragen wird, verkümmern die Muskeln und das Bein kann bis zur
Unbrauchbarkeit degenerieren. Institutionen, die sich als göttlich
ausgeben, verhindern jede Reform und damit das Leben der Kirche. Die
„Entgöttlichung“ der Hierarchie versuchte das 2. Vatikanische
Konzil zu initiieren, indem es betonte, dass unter allen Christen in der
Kirche eine „wahre Gleichheit“ (vera aequalitas LG 32) herrscht und
alle am „allgemeinen Priestertum“ (LG 10) Anteil haben. Den sog.
Laien ist nicht nur das Recht auf wohlgemeinte Ratschläge zuzubilligen,
sondern die Beteiligung an den Entscheidungen, also eine Mitbestimmung.
Damit griff das 2. Vatikanische Konzil Gedanken auf, die
durch Jahrhunderte in der Kirchengeschichte eingefordert wurden.
Immer wieder erinnerte man an das Matthäusevangelium: Niemanden sollt
ihr Meister, Lehrer oder Hl. Vater nennen, ihr alle nämlich seid
Geschwister. Im NT gibt es nicht nur keine Hierarchie in der Kirche,
sondern diese wird klar als eine angebliche göttliche Institution
abgelehnt. Überall wo Christen Kläranlagen errichten wollten, um die
Frohbotschaft Christi von den Entstellungen zu reinigen, wurden sie
ausgeschaltet. Ehe das 2. Vatikanische Konzil von der Kirche in
Betrieb genommen werden konnte, wurde es vom Tsunami des
Fundamentalismus, von der göttlichen Herrschaft des Vatikans zerstört.
Der
Reformstau bezieht sich aber nicht nur auf die innerkirchlichen
Strukturen, sondern auch auf die Ökumene, die anderen Kirchen. Auch
hier versuchte das 2. Vatikanische Konzil Klärarbeit zu leisten.
Es erklärte ausdrücklich, dass die Katholische Kirche nicht die
einzige „seligmachende“ Kirche ist, sondern dass die evangelischen
Christen nicht trotz, sondern wegen der Zugehörigkeit zur Evangelischen
Kirche ihr Heil finden können. Sie ist eine Heilsgemeinschaft. Darum
hat das Konzil (LG Kap. 8)
ausdrücklich die Identität zwischen Kirche Christi und der
Katholischen Kirche abgelehnt. Dadurch wurde der Konfessionalismus
relativiert; auch andere Kirchen mit anderen Strukturen
verwirklichen Gottes Willen. Der Heiligen Herrschaft (= Hierarchie)
wurde der Heiligenschein genommen, ja die Herrschaft des Menschen über
dem Menschen als unchristlich erkannt. Seit 1973 (dem Schreiben:
mysterium ecclesiae) wird jedoch immer wieder von Rom eingehämmert: Nur
die Römisch-Katholische Kirche, die vom Nachfolger des Petrus geleitet
wird, ist die einzig wahre Kirche Christi. Dadurch wird jeder echte
Dialog mit den anderen Kirchen unterbunden und der Reformstau wächst. 2.
Die Morallehre der katholischen Kirche Aus
dem göttlichen Anspruch der Hierarchie folgt, dass sie sich als Hüterin
der Moral versteht. Der Forderung Luthers, dass man dem Volk aufs Maul
schauen muss, wird nicht nachgekommen. Alle ethischen Anfragen, Probleme
und Nöte wurden durch kirchliche Lehrschreiben abgewiesen und mit alten
Leerformeln begründet. Das begann bereits 3 Jahre nach Ende des 2. Vatikanischen
Konzils, 1968. „Humanae vitae“ lehnte die Selbstbestimmung
der Ehepaare bezüglich der Kinderzahl ab. Johannes Paul II.
verschärfte 1980 (in „Dives in misericordia“) die Ablehnung
jeder Geburtenregelung, die nicht „natürlich“ geschieht und
stellte die Empfängnisverhütung sogar auf die Stufe der
Fruchtabtreibung als eine „Kultur des Todes“. Was „natürlich“
ist, schreibt der Vatikan fest. Das gilt ebenfalls für die IVF, die künstliche
Befruchtung. 1987 (im Schreiben „Über die Würde der
Fortpflanzung“) wurde sie grundsätzlich abgelehnt und Benedikt XVI.
schließt sie kategorisch aus. Daraus folgt, dass einer PID, einer Präimplantationsdiagnostik,
jede Basis entzogen ist. Eine Diskussion darüber kann gar nicht zulässig
sein, weil die Entstehung der
befruchteten Eizelle durch die IVF (extrauterin) schwer sündhaft ist.
Dazu kommt die Behauptung, dass jede solche Zelle bereits eine
unsterbliche Seele habe und daher eine menschliche Person sei. Gegen
diese rigorose Moralvorstellung hat
sich bereits Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert gewandt und eine
sukzessive Beseelung vertreten. Zuerst gäbe es nur eine vegetative
Seele, die von der sensitiven und schließlich von der intellektiven
abgelöst wird. Erst im 3. Stadium könne man von einer menschlichen
Person sprechen. Thomas von Aquin setzt die geistige, unsterbliche Seele
erst im 5. Monat an. Eine ernsthafte, unideologische
Diskussion über die PID ist innerkirchlich nicht möglich, weil
zwischen menschlichen Lebensbedingungen und menschlicher Person nicht
unterschieden wird. Auf das Verbot der Mitwirkung an der staatlichen
Schwangerschaftsberatung ist in diesem Zusammenhang noch hinzuweisen.
Die
Auszehrung der Katholischen Kirche und damit der Ortspfarreien, die zu
XXL-Seelsorgeeinheiten umgebaut werden, zeigt sich am sturen Festhalten
Roms am Zölibatsgesetz. Wenn 87% der deutschen Katholiken für die
Aufhebung dieses Zwangsgesetzes sind, wird klar, wie sehr sich der
Vatikan von den Wünschen des Gottesvolkes entfernt hat. Obwohl das
Verbot der Priesterehe, gegen heftigsten Widerstand der Kleriker, erst
im Jahr 1139 durchgesetzt wurde und sich auf kein göttliches Gebot
berufen kann, ist es das Zeichen einer Klerikerkirche, die auf diese
Weise den „wesentlichen Unterschied“ zum allgemeinen Priestertum
aller Glaubenden betont. Benedikt XVI. rückt von der Zölibatsideologie
nicht ab, obwohl er in der
Enzyklika „Deus caritas est“ 2005 schreibt, dass biblisch der
einzelne Mensch „gleichsam unvollständig“ ist, so dass „er nur im
Miteinander von Mann und Frau ‚ganz‘ wird“ (Nr. 11). Was heißt
dies anderes, als dass ein zölibatärer Priester unvollständig, er
gleichsam nur ein halber Mensch ist. Die priesterliche Halbheit wird
zementiert. Ist nicht Habsucht, Geldgier, Machtstreben und Unterdrückung
viel verderblicher für die Hierarchie, als der eigenen Natur zu folgen?
Ist nicht gerade in einer echten zwischenmenschlichen Beziehung
Gotteserfahrung möglich, wenn sie von Liebe bestimmt ist? Nachdem alle
möglichen Argumente für den Zölibat gescheitert waren (wie kultische
Reinheit, eschatologische Existenzweise usw.) und nach den
Pastoralbriefen in der Bibel jeder Bischof seine Frau haben soll
(allerdings nur eine), blieb dem CIC von 1983 nur noch die Behauptung
übrig, dass der ehelose Priester leichter „mit ungeteiltem
Herzen Christus anhangen“ könne. Also die Frau raubt das halbe
Priesterherz. Sie wird abgewertet und zum Hindernis für das Wirken des
Priesters. In Wahrheit steckt hinter diesem verkehrten Gottes- und
Menschenbild der Manipulationswille der Hierarchie. Männer, die keinen
Rückhalt in einer Partnerin haben, sind leichter mit der sog.
„Gehorsamspflicht“ zu unterwerfen. Jedes Amt in der Kirche wird der
Frau verweigert, (so 1976 „inter insignores“, 1988 „mulieris
dignitatem“, Katechismus von 1993 und schließlich 1994 im Schreiben
„Über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe“). Den Ausschluss
der Frau stilisierte J. Ratzinger 1995 zu einer unfehlbaren Lehre hoch.
Dies geht mit einer weltfremden Sexualfeindlichkeit der
monogeschlechtlichen Hierarchie einher, die nach einer Entgiftung
verlangt. Hier liegt auch der Grund, warum den geschiedenen
Wiederverheirateten die Zulassung zur Eucharistie verweigert wird. Nur
wenn sie vollkommen enthaltsam leben, dürfen sie die Kommunion
empfangen. Wir sehen wiederum ein weltfremdes Menschenbild am Werk, das
Geist und Körper trennt. Den Eheleuten wird eine Bürde
auferlegt, die, wie Jesus von den Pharisäern sagte, diese selbst
nicht anrühren. Und bei einer Audienz (Schweizer Fernsehen, 13.5.2011)
erläuterte Benedikt, dass eine sexuelle Beziehung zwischen Mann und
Frau nur der Fortpflanzung dienen
darf. Die „Sünde“ – die lustvolle Sexualität – hingegen
macht den Körper zum Instrument „der
Unterdrückung und des Verlangens, zu besitzen und auszunutzen“. Kürzlich
verstieg sich Benedikt XVI. sogar zur Behauptung, dass Sexualaufklärung
in der Schule gegen die Religionsfreiheit verstoße. Ein Umdenken auf
diesem Gebiet ist nicht zu erwarten. Zu der heterosexuellen Missachtung
der Frau kommt die Verurteilung jeder homosexuellen Beziehung. 1986
schließt Johannes Paul II. und neuerdings die Instruktio Benedikt XVI.
auch Männer vom Priesterberuf aus, die ihre homosexuelle NEIGUNG nicht
vor der Weihe überwunden haben. Gleichgeschlechtliche Liebe gilt als
eine der „schwersten Sünden“, obwohl bekannt ist, dass ca. 10% der
Menschen, genetisch bedingt, also natürlich, diese Neigung haben. Wenn
die Natur mit Gottes Willen in Verbindung gebracht werden kann, dann könnte
eine gleichgeschlechtliche dauerhafte Bindung in Liebe doch auch sein
Wille sein. Die Hierarchie aber weiß es besser! Wie
sie die Selbstbestimmung am Anfang des menschlichen Lebens ablehnt, so
auch ein selbstbestimmtes Leben angesichts des Todes. Für den Christen
ist selbstverständlich jedes menschlich-personale Leben lebenswert.
Keinem Mensch darf die Nächstenliebe, die auch den Feind einschließt,
versagt werden. Jede Sterbehilfe lehnt
Benedikt XVI. kategorisch ab. Sie sei ein schwerer Verstoß gegen die
Liebe zu Gott, zu sich selbst und zu den Nächsten. Eine Diskussion über
diese Frage wird prinzipiell ausgeschlossen. Denn: „Wir dürfen nicht
über das eigene Leben verfügen, weil Gott der Eigentümer des Lebens
ist“ (Katechismus der Katholischen Kirche 1983, Nr. 2280). Wenn Gott
wirklich der Eigentümer des Lebens ist, wie kann dann im selben
Katechismus (Nr. 2266) die Todesstrafe bejaht werden? Jesus verurteilt
sie aufs schärfste, nicht nur im Fall der Ehebrecherin, die auf Grund
eines Gottesgebotes gesteinigt werden sollte, sondern vielmehr grundsätzlich,
dass niemand glauben darf, Gott einen Gefallen zu tun, wenn er einen
Menschen tötet. Gerade in der heutigen Gesellschaft wäre es dringend
notwendig, dass der Botschaft Jesu in diesem Punkt entsprochen würde
und der Papst ein klares Wort gegen das staatliche Morden (sei es in den
USA, China, Saudi-Arabien usw.) sagt. Aber damit würde er die
Institution Kirche selbst verurteilen, die den konkreten Menschen immer
zur Ehre der Machtkirche geopfert hat. Kriege, Kreuzzüge, Staatsräson
waren immer wichtiger als der einzelne Mensch, den gerade Jesus in den
Mittelpunkt seiner Verkündigung gestellt hat. Wo war Gott wirklich
alleiniger Herr über Leben und Tod, wenn Ketzer verbrannt wurden? Dürfen
nur Kirche und Staat über mein Leben entscheiden? Sind der Krebs, der
Herzinfarkt, die Naturkatastrophen allein berechtigt, über mein Leben
und Sterben zu bestimmen und nicht ich selbst? Ist ein langsames
Siechtum Gottes Wille? Nicht das menschliche selbstbestimmte Leben ist
unter jedem Aspekt absolut zu setzen, wohl aber die Würde des
Einzelnen. Gerade der Christ weiß, dass die Liebe mehr ist als das
physische Leben und dass sie stärker als der Tod ist. Auch wenn das
Leben als „Geschenk Gottes“ gesehen wird, ist es nicht absolut
unverfügbar. „Gott“ hat unser Leben in unsere Hände gelegt, auch
wenn wir nicht willkürlich, sondern in Verantwortung darüber
entscheiden können. All das wird in der weltfremden kirchlichen Moral
vom Vatikan ausgeschlossen und der konkrete Mensch einem angeblich göttlichen
Gesetz geopfert. Für Jesus ist jedes Gesetz für den Menschen da und
niemals der Mensch für ein Gesetz. Weit weniger als über den Anfang
und das Ende des Lebens wird in der kirchlichen Ethik über Ausbeutung,
Unterdrückung und soziale Ausgrenzung von Menschen gesprochen. Nachdem
wir nun den Grund des Reformstaus in der Kirche durch ihren göttlichen
Anspruch gesehen haben und infolge dessen eine lebensfremde Moral, ist
noch der letzte entscheidende Punkt zu erörtern, die theologische
Reformverweigerung. 3.
Der Reformstau in der Theologie So
häufig sich viele über das diktatorische Machtgebaren Roms und über
die kirchliche Ethik aufregen, so wenig wird die Theologie selbst
beachtet. Fast niemand
kritisiert das Glaubensbekenntnis, das voller mythischer Vorstellungen
ist. Es scheint für das Lebenskonzept
bedeutungslos geworden zu sein. Kard. Kasper allerdings meinte kürzlich,
dass man endlich vom Gerede über eine Kirchenreform aufhören sollte,
wie es die Initiative „Kirche 2011“ vom März dieses Jahres fordert
(250 Theologieprofessoren und unzählige Gläubige haben
unterschrieben). Es gibt nach ihm keine Kirchenkrise,
sondern eine Gotteskrise. Kommt aber diese nicht gerade durch
eine absolutistische Kirche zustande, die das Selbstverständnis des
modernen Menschen nicht respektiert? Ist es eine Lösung, wenn Benedikt
XVI. im „Motu proprio“ (Okt. 2010), als Heilmittel
gegen die Gotteskrise das verbindliche Lehramt der Kirche, den
Katechismus der Katholischen Kirche und die Volksfrömmigkeit anpreist? Die
sog. modernen bzw. neuen Atheisten, wie z.B. der Biologe Richard Dawkins
(Autor des Buches: Der Gotteswahn),
Michael Schmidt-Salomon, (der Vorstandssprecher der Giordano
Bruno Stiftung ) u.a.m. haben leichtes Spiel gegen einen
fundamentalistischen Gottesglauben. Sie erklären: Es gibt kein göttliches
Wesen. Primär sind die christlichen evangelikalen Kreise und
Charismatiker angepeilt, die mit fundamentalistischem Bravour die Bibel
wörtlich auslegen und behaupten: Gott
sei ein intelligenter Designer (intelligent design), der ein Schöpfer
aller Arten in ihrer Vielfalt ist. Kreationismus statt Evolutionismus
sei die Wahrheit! Wahrscheinlich haben fast alle der halben
Milliarde bekennender Atheisten ähnliche Gottesvorstellungen. Zwar hat
die Kath. Kirche, nach langem Kampf gegen Darwin, seine
Evolutionstheorie als
dem Glauben nicht widersprechend anerkannt;
im Glauben aber ist festzuhalten, dass alle Menschen nur von
einem Menschenpaar abstammen und die Seele
jedes Menschen unmittelbar von Gott bei der Zeugung geschaffen
wird. Er ist auch der gerechte Richter, der das Gute belohnt und das Böse
bestraft. 2003 erklärte J. Ratzinger, dass ich nicht mehr katholisch
sei, weil ich „Gott nicht als eine in sich seiende Wirklichkeit“
anerkenne, sondern ihn als ein Beziehungsgeschehen verstehe. Wird Gott
nicht mehr als ein Wesen an sich begriffen, verlöre Europa „jedes Gefüge“
und jede Orientierung. Darum
muss der Gottesbezug in die europäische Verfassung. Schon in den 60iger
Jahren des vorigen Jahrhunderts hat die Gott-ist-tot-Theologie
gefordert, dass Kirche und Theologie neu von Gott sprechen lernen müssen,
damit sie der moderne Mensch versteht. Für R. Bultmann war die Rede vom
Schöpfergott eine mythische Redeweise, denn er wird zur kausalen Begründung
der physischen Welt herangezogen. Er wird zum Schöpfer des Urknalls.
Die Frage, was war vor dem Urknall ist aber genauso abwegig wie die
Frage, was ist nördlich vom Nordpol. Wohl aber kann ich Gott als meinen
Schöpfer verstehen, d.h. ich kann die Dankbarkeit für meine Existenz
damit ausdrücken. All diese Überlegungen existieren innerkirchlich
nicht. J. Ratzinger, wenn er von Gott als einem seienden Wesen spricht,
greift nicht einmal die guten Ansätze der mittelalterlichen
Theologie auf. Für Thomas von Aquin ist Gott das Sein selbst
(ipsum esse). Gottes ganzes Sein ist liebendes Beziehungssein (relatio
subsistens) sonst nichts. Das Neue Testament verkündet (anders als das
Alte Testament und der Koran), dass Gott Liebe ist. Zwar wird diese
Formel wiederholt gebraucht („Deus caritas est“, Benedikt XVI.),
aber gemeint wird, dass Gott ein Liebender sei. Und genau das ist
unchristlich, weil er als Liebender eben nicht nur Liebe ist, sondern
diese zu einer seiner Eigenschaften neben anderen (Zorn etc.) wird. Ubi
caritas et amor, Deus ibi est – wo Liebe herrscht und nur dort, ist
Gottes Wirklichkeit gegenwärtig. Gott ist nicht im Zusammenhang von
Ursache und Wirkung zu sehen. Dieser gilt für die Naturwissenschaft.
Gott ist keine Begründungshypothese. Weil jeder ernsthafte theologische
Neuansatz in der Kirche ausdrücklich
abgelehnt wird, hat der Atheismus leichtes Spiel und kann die
kirchliche Gottesvorstellung lächerlich machen. So wenig man Zeus heute
noch ernst nimmt, so wenig den die Institution Kirche begründenden
Gott. Dies
gilt ebenfalls für ein neues Verständnis der Gestalt Jesus von
Nazareth. Benedikt meint,
das tiefste Geheimnis der Verkündigung Jesu sei, dass er Gott ist
(a.a.O., S. 227). Wer dies nicht annimmt, ist vom christlichen Glauben
abgefallen. Wie wir bereits gesehen haben, ist das Wort „Gott“ in
seinem Gebrauch äußerst zweideutig. Die Rede von der Gottheit Christi
ist als metaphorische zu verstehen, wie etwa der Satz: Du bist mein
Goldschatz. Niemand meint, dieser Mensch bestünde aus Gold. Für viele
Menschen der Antike war es allerdings selbstverständlich, dass Götter
immer wieder in Menschengestalt auf Erden erscheinen, um zu heilen, um
auf die Probe zu stellen oder zu bestrafen. Heute kann man dies nur als
einen Mythos oder eben als eine Metapher verstehen. In Jesus Christus ,
der sich mit dem Mitmenschen identifiziert, ist Gotteserfahrung,
Erfahrung der Liebe, möglich. Die Kirche trägt dem nicht Rechnung und
so verliert auch die befreiende Botschaft Jesu an Wert. Dabei hat die
Christologie einen wesentlichen Beitrag zur abendländischen Geschichte
geleistet. In Chalkedon (451 n. Chr.) wurde erstmals überhaupt zwischen
Natur und Person unterschieden. So wurde in der Folgezeit der einzelne
Mensch nicht mehr allein als ein Fall der allgemeinen Menschheit
gesehen, sondern als konkrete einmalige Person. Für die Würde des
Menschen war dies eine Erkenntnis, die nicht hoch genug veranschlagt
werden kann. Die freie menschliche Person besitzt einen unendlichen Wert
und darf nicht zu irgendeinem Ziel missbraucht werden. Leider hat die
Kirche diesen theologischen Ansatz nicht ernstgenommen und den konkreten
Menschen in seiner Freiheit missachtet. Die Person Jesu Christi ist und
war dazu ein Gegenmodell. Eine
dritte wichtige theologische Frage, die die Religionen zu beantworten
suchen, ist die des Lebenssinnes. Auch
hier werden dem heutigen Menschen durch die offizielle Kirche nur
in mythischen Bildern Antworten geboten. Für die Gerechten, die sich an
die kirchlichen Gebote gehalten haben, steht die ewige Freude, die
Gottesschau bereit; für die, die sich nicht an Gottes Gebot orientiert
haben, steht nur die Hölle offen. Die Höllenangst war durch
Jahrhunderte ein Motiv, bestehende Machtstrukturen aufrecht erhalten zu
können. Der menschlichen Phantasie der Grausamkeit wird kein Einhalt
geboten. Noch krasser sind die Bilder im Koran. Der Ungläubige muss
„flüssiges Erz“ trinken und „Kleider aus Feuer“ (Koran, Sure
18,28; 22,20) in alle Ewigkeit tragen. Im Mittelalter (wie auch im
Koran) hat man sich sogar zu dem Gedanken verstiegen, dass das Glück
der Seligen darin bestehe, die Verworfenen leiden zu sehen. Das ist
Sadismus pur. Es ist der Rachegedanke, der Ausgleich für das Unrecht
forderte. Gilt für Gott nicht das Gebot der Feindesliebe, das er uns
aufgetragen hat? Gibt es etwas Furchtbareres als ein ewiges KZ, das alle
irdischen Qualen übersteigt? Solche Gedanken sind heute weitgehend
unglaubwürdig geworden. Auch hier ist eine Klärung der Frage nach der
Bestimmung des Menschen in der Katholischen Kirche nicht zu erkennen.
Sie ist aber entscheidend für Sinn oder Unsinn des Glaubens.
Der Hinweis, dass ein Leben,
das sich nur am Haben, am Besitz, Reichtum und Macht hält, nicht
glücken kann, weil die Dimension des Seins missachtet wird und damit
Vertrauen, Freundschaft und Liebe als sekundär erscheinen, hat Sinn.
Auch heute noch meine ich, könnte gelten, dass Liebe mehr bedeuten kann
und soll als das eigene Ich und das gegenständliche Leben. Die
erstarrte Dogmatik gibt nicht nur keine Antwort, ja sie fördert
durch die mythologische Redeweise die Meinung, dass mit dem Tod
alles vorbei sei. Fassen
wir zusammen:
Der Reformstau ist Gift für eine sinnvolle Lebensgestaltung . Der
christliche Glaube selbst wird unverständlich. Ich habe nur einige
Beispiele herausgegriffen, aber etwa der Begriff Gott ist für den
Glauben wesentlich. Wenn
Gott keine Bedeutung für mein alltägliches Leben hat, wozu dient er
dann noch? So gilt auch für Jesus Christus: Nur wenn er das
Vertrauen erweckt, dass Mitmenschlichkeit und Liebe mächtiger sind als
alle Gesetze, Werke, Hab und Gut, Unterdrückung und Machtausübung,
kann er Zeichen für ein besseres soziales und menschliches Klima sein.
Der Christ hofft, dass Liebe und Treue stärker sind als Hass und
Gleichgültigkeit. Dies gilt ebenso für die Frage, welchen Sinn mein
Leben hat. Ist die Antwort jenseitsfixiert, dann erhält mein Leben erst
einen Sinn in einer anderen Welt. Die kirchliche Lehre leistet einer
gegenständlichen jenseitigen Weltvorstellung Vorschub. Ohne Klärung
der Fragen nach dem Sinn des Lebens hat die kirchliche Lehre keine
Zukunft, da sie entweder zum Fundamentalismus oder zum Unglauben führt.
Nicht weniger tragisch ist das Verhalten der Kirche als Sittenwächterin.
Eine ungeheure Fixierung auf das geschlechtliche Verhalten ihrer
Mitglieder ist zu erkennen, die Körper und Geist trennt. Die soziale
Gerechtigkeit hingegen, ein menschenwürdiges Leben in Freiheit ohne
unterdrückerische Machtausübung spielt nur eine untergeordnete Rolle.
Will die Kirche glaubwürdig werden, muss sie
in ihrer Ethik den konkreten Menschen in den Mittelpunkt stellen
und seine persönlichen und sozialen Probleme wirklich ernst nehmen. Die
Reformunwilligkeit der Kirche in Lehre und Ethik hat ihren wesentlichen
Grund im Anspruch mit „göttlicher Autorität“ zu sprechen. Helfen
kann nur die Ablösung der hierarchisch-monarchischen und diktatorischen
Strukturen durch demokratische, z.B. Wahl des Papstes, der Bischöfe und
Priester, auf Zeit, durch die Gemeinschaft der Glaubenden. Paulus schon
lehrte, dass in Christus nicht der Unterschied zwischen Mann und Frau
etc. bestimmend ist, sondern alle das gleiche Recht auf Mitbestimmung
haben. Kein Amt ist „von
Gottes Gnaden“, jede Berufung in der Kirche ist ein Charisma, das
keine Wertabstufung duldet. Keine Herrschaft des Menschen über den
Menschen ist „gottgewollt“. Das demokratische Modell der Mitsprache
aller, ist die Kläranlage, die das Gift dem „Fluss des Lebens“
entzieht. Mit der Herrschaftsfreiheit in der Kirche ernst zu machen, würde
Vorbildfunktion für jede Gesellschaft haben. So könnte die Kirche die
frohe Botschaft Christi verkünden und tätige Liebe im Dasein füreinander
verwirklichen. Könnte dann nicht der alte Ruf der Nichtchristen wieder
zu hören sein: Seht, wie sie einander lieben? Für
die jetzt bestehende Römisch-Katholische Kirche gilt jedoch die
Klage Jesu, wie einst über Jerusalem: „O dass du es doch erkannt hättest,
was an diesem deinen Tag dir zum Frieden dient! Nun aber ist es vor
deinen Augen verborgen“ (Lk 19,42). |
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© Gotthold Hasenhüttl
Jesus von Nazareth – Wie sieht ihn Papst Benedikt XVI.?
Stellen wir uns vor: Helmut Kohl oder Oskar Lafontaine, Hans Küng oder Eugen Drewermann schreiben ein neues Buch. Im Vorwort erklären sie, dass man über ihr Buch diskutieren dürfe. Würden wir uns nicht an den Kopf greifen und fragen, was bilden sie sich eigentlich ein, haben sie alles Maß verloren, ist es nicht unglaublich, eine solche Erlaubnis zu erteilen? Bei Benedikt XVI. wird gerade diese als besonderer Akt der Demut verstanden und hochgelobt. Diese „gütige Geste“ des Papstes schließt zusätzlich ein, dass selbstverständlich jede Diskussion dann ausgeschlossen ist, wenn er etwas kraft seiner Amtsautorität lehrt. Liegt darin nicht eine Anmaßung? Zugleich ist zu bedenken, dass ein Monat vor Erscheinen seines Jesusbuches der Befreiungstheologie Jon Sobrino S.J. wegen seines Verständnisses von Jesus Christus (Christologie der Befreiung, Mainz 1998), das durchdrungen ist von der „Option für die Armen“ und keine Lehre der Kirche in Frage stellt, verurteilt wurde. Der Grund ist klar: Das Verständnis Jesus von Ratzinger ist das einzige, das Jesus von Nazareth ins richtige Licht des Glaubens rückt. Niemand kann daran zweifeln: sollte ein Theologe das Buch des Papstes kritisieren, kann er sicher sein, nie einen Lehrstuhl zu bekommen. Auch wird sich kaum ein Theologieprofessor wagen, Kritik zu üben, da er sich keine Schwierigkeiten einheimsen will. Sicher mancher denkt ähnlich wie der Papst, auch wenn er sich weniger „fromm“ ausdrückt. Da es für den Papst selbstverständlich ist, dass keine Dogmenkritik zuzulassen ist, kämpft er von Anfang bis zum Ende des Buches gegen die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung. „Bibelauslegung kann in der Tat zum Instrument des Antichrist werden“ (64). Er erklärt deutlich, dass die Bibelwissenschaft ein „Friedhof von einander sich widersprechenden Hypothesen“ sei (372). Um dies zu untermauern, verweist er auf W. Solowjow (nicht Solowjew wie im Jesusbuch!), der in seiner Erzählung vom Antichrist diesen die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen für seine bibelkritische Arbeit erhalten lässt. Der Papst verbindet damit deutlich einen Angriff auf die Theologische Fakultät dieser Universität; er selbst hat sie 1969 beinahe fluchtartig verlassen, weil ihm die ganze Atmosphäre zu „liberal“ war. Wohl aber gebraucht er selbst die bibelkritische Methode dort, wo sie seien Thesen nützt, so dass der Anschein erweckt wird, sie kann auch akzeptabel sein. Aber dies gilt nur dann, wenn sie durch den Glauben des Lehramtes „gereinigt“ wird. Das Wort „reinigen“ und „Reinigung“ ist ein Lieblingswort des Papstes (z.B. 216, 273 u.a.m.), wie wir es bereits aus einer Enzyklika „Deus Caritas Est“ (25.12.2005) kennen, in der dem Glauben zukommt, die Vernunft zu reinigen, ja „sie (= die katholische Kirche) will schlicht zur Reinigung der Vernunft beitragen“ (Nr. 28; vgl. Nr. 29 u.a.). Ist damit eine Gehirnwäsche gemeint? Wie etwa eine solche „Reinigung“ praktisch aussieht, können wir an der Haltung des Papstes zu den wiederverheirateten Geschiedenen ablesen, die als „schwere Sünder“ gelten und denen die Eucharistie (neben den nichtkatholischen Christen) verweigert wird. Wenn er dies auch nicht ausdrücklich in seinem Jesusbuch erklärt, so dürfen wir seinen Methoden folgen, dass nämlich ein Autor, so wie die Bibel, nur aus dem Gesamtwerk und nicht von einer Einzelaussage her interpretiert werden darf. So besteht auch kein Zweifel, dass die Bibel selbst nur im reinen Licht des Lehramtes, er nennt es „kanonische Exegese“ (18), die allein zur eigentlichen Theologie führt, zu deuten ist. Es fällt auf, wie intensiv der Papst im „Eigentlichkeitsjargon“ spricht, der den Absolutheitsanspruch ausdrückt, denn es gilt, gegen die „Diktatur des Relativismus“ anzukämpfen. Könnte es nicht sein, dass man gerade einer „Diktatur des Absolutismus bzw. Fundamentalismus“ verfällt? Auf jeden Fall gilt: wer Jesus von Nazareth verstehen will, muss die Lehre der Kirche von Nikaia (325 n. Chr.), in päpstlicher Interpretation, annehmen: Jesus von Nazareth ist Gott und die Evangelien sind zuverlässige historische Berichte, die selbstverständlich über diese hinausgehen und nur eines aufzeigen wollen: Jesus wollte uns in seiner Person Gott nahe bringen. Das tiefste Thema der Verkündigung Jesu ist sein eigenes Geheimnis, dass er Gott ist, dass er das Reich Gottes in Person ist (227). Das ist das einzig Entscheidende der Botschaft Jesu (vgl. 18, 20, 31 usw. 369 nochmals in der Weise einer Holzhammermethode eingebläut). Es versteht sich von selbst, wer dies nicht annimmt, ist vom wahren christlichen Glauben abgefallen. Die einzige entscheidende These, dass Jesus Gott ist, wird auf den 407 Seiten entfaltet. Wer so die Bibel liest, sei kein Fundamentalist (65), sondern ein gläubiger Christ. Damit ist bereits jede Diskussion im Keim erstickt und aller Zweifel an der historischen Wahrheit der Bibel wie am kirchlichen Lehramt beseitigt. Auf diesem Fundament, das jeder Bibelkritik entbehrt, das jeden Zweifel an der Lehre der Kirche ausschließt, wird in frommer Sprache das Jesusgeschehen erläutert, dabei spart er nicht mit der Kritik an der deutschen Einheitsübersetzung der Bibel, die er im Begriff ist, endgültig zu sabotieren (110 u.a.). Folgen wir nun im Einzelnen seinen theologischen Aussagen des Jesusbuches. Für den Papst steht fest, dass der Glaube sich unverzichtbar „auf wirklich historisches Geschehen bezieht“ (14). Der Jesus der Evangelien ist der historische Jesus (20, 38 u.a.). Neben der Voraussetzung, dass Jesus Gott ist, erzählt die Bibel alles so, wie es sich historisch zugetragen hat. Weil wir vier sehr unterschiedliche Evangelien haben, muss der Papst zugeben, dass die berichteten Fakten und Reden Jesu keine „Tonbandnachschrift“ (271) sind, dass jedoch der „Inhalt der Reden“ Jesu auch im Johannesevangelium „richtig wiedergegeben“ ist. Die Erinnerung der „geschichtlichen Wirklichkeit“ wird durch das Gedächtnis der Kirche „gereinigt und vertieft“ und so die „banalen Tatsachen“ durch die Führung des Hl. Geistes überschritten (273ff). Damit wird klar, dass die Historizität wie der theologische Gehalt der Bibel nur durch die katholische kirchliche Tradition und damit durch das Lehramt ausgelegt werden kann und darf. Es ist wohl nicht notwendig, auf die vielen Irrtümer hinzuweisen, die die katholische Kirche in der Bibelinterpretation begangen hat, angefangen von Galilei bis zu den heute noch praktizierten Teufelsaustreibungen, die der Papst auch für Deutschland wichtig hält. Mit der Behauptung der Identität von Evangelienberichten und historischen Tatsachen löscht er mit einem Federstrich die ganze wissenschaftliche Bibelauslegung der letzten Jahrhunderte seit der Aufklärung. Es gibt keinen Diskussionspunkt mit dem Papstbuch darin, dass Jesus Gott, die Kirche die Hüterin dieser Wahrheit und die Bibel das historische Zeugnis göttlichen Wirkens ist. Selbst die Kirchenväter, denen der Papst immer wieder seine Thesen in den Mund legt, erklärten, dass man in der Bibel höchstens von einer „superficies historica“, einer historischen Oberfläche, sprechen könne. Nicht auf objektive Feststellungen kommt es an, sondern auf die Beziehung, die man zu den Geschehnissen eingeht. Im Neuen Testament sind uns keine objektiven Fakten vermittelt, sondern Erfahrungen, die Menschen mit Jesus Christus gemacht haben. Diese Erfahrungen sind es, die uns geschichtlich zugänglich sind und die uns eine Dimension menschlichen Daseins vermitteln wollen, die uns aufatmen lässt, Befreiung schenkt und so offenbar macht, dass es möglich ist, in menschlicher Begegnung Gott zu erfahren. Der Papst hingegen lässt nur eine fundamentalistische Bibelexegese zu und verfällt einem Historismus, der Gnosis ist, die er aber selbst verurteilt. Auf historischen Fakten lässt sich kein Glaube aufbauen, wohl aber auf der Einsicht, dass geschilderte Erfahrungen eine Ebene eröffnen können, die uns Menschen aus der alltäglichen Vergegenständlichung herausreißen und eine Wirklichkeit vermittelt, die Gott zur Sprache bringt. So wie es grundsätzlich keine Bedeutung für den christlichen Glauben hat, ob Adam und Eva, Abraham oder Hiob gelebt haben, so gilt dies auch für den „neuen Adam“ und all den damit zusammenhängenden Vorstellungsbildern. Nicht „Gnosis“ also, auch nicht als angebliche „historische Tatsächlichkeiten“, sondern Glaube, der im Dialog mit den biblischen Erfahrungen steht und so volles Menschsein erschließen kann, soll verkündet werden. Für den Papst hat dies alles jedoch keine Bedeutung. Darum geht es ihm, nachdem er weiß, dass sich alles historisch zugetragen hat wie erzählt, nachzuweisen, dass Jesus Gott war und ist, denn nur ein „Gott“ kann handeln wie er. Während Moses nur den „Rücken“ Gottes gesehen hat, sieht Jesus „unmittelbar Gottes Angesicht“ (30). Seine Lehre hat er vom Vater und lebt „in innigster Einheit“ (31) mit ihm. Gott greift in Jesus in die Geschichte ein (64), er ist „der lebendige Gott“ (77). Facettenreich spricht der Papst davon, was Jesus alles ist. Er ist die Herrschaft Gottes (85), er ist in Person das Reich Gottes (89), seine ganze Verkündigung ist Christologie (92). Die Seligpreisungen sind „das Geheimnis Christi selbst“ (104). Jesus ist das Wort Gottes selbst, er ist die Tora, das Gottesgesetz in Person (143, 278). Das alttestamentliche Gesetz hebt er daher keineswegs auf, sondern er überschreitet es ins Universale (95). Jesus hat Gott zu allen Völkern gebracht (149). Das Gebet ist für Jesus zentral (166), da es seine Einheit mit dem Vater zum Ausdruck bringt. Jesus ist selbst „im tiefsten und eigentlichsten Sinn, der Himmel“ (184). Er ist kein Mythos (316), sondern persongewordenes Gesetz Gottes (312). Immer wieder wiederholt der Papst, dass Jesus Gott ist (297, 310, 369,383, 395 u.a.m.). Dies erweckt den Eindruck, dass er uns mit allen Mitteln einpeitschen will, dass wir endlich glauben sollen, dass Gott als Jesus Christus zu uns spricht. Die logische Folge aus dieser dogmatischen Aussage ist, dass Jesus von Nazareth nichts anderes wollte, als dass wir an Gott glauben, dass wir ihn als Gott bekennen. Wann geschieht dies authentisch? Wenn wir zur „neuen Familie Jesu“ (153, 337) gehören, d.h. zur Kirche. In ihr wird uns das „Kennen“ Jesu vermittelt. Selbstverständlich ist daher Mt 16,18 kein nachösterliches Wort (350); wer das behauptet, befindet sich auf dem „Holzweg“. Petrus bekennt vielmehr Jesus als Gott. So ist die Kirche der Ort, „wo das Reich Gottes kommt“ (120). Sie ist im Besitz des „rechten Bekenntnisses“ (346) und Petrus ist der Garant der Communio (343), der Gemeinschaft. Er hat diesen besonderen Auftrag. „Dieser Primat ist wirklich durch die ganze Breite der Überlieferung ... belegt“(344). Die Kirche ist so vom „Geist der Wahrheit“ (273) erfüllt und die „Erinnerung“ der Kirche überschreitet menschliches Verstehen und Wissen, denn sie ist geführt vom Hl. Geist, der „‚in die ganze Wahrheit’ führt“ (276). So ist Jesus Gott und der Papst vertritt ihn auf Erden. Man ist sprachlos über diese unter frommen Worten versteckte Unverfrorenheit, jede theologische Reflexion und Wissenschaft beiseite zu schieben und eine Ideologie als „historische“ Wahrheit zu erklären. Hier muss man es mit dem Kabarettisten M. Richling halten, der meint, dass er immer gern dem Papst zuhört, da er bei ihm erfährt, wie Menschen vor 500 Jahren gedacht haben. Ja manchmal sind es sogar 1500 Jahre. Denn zum ersten Mal in der Geschichte hat Papst Leo I. im 5. Jh. Seinen Herrschaftsanspruch mit Mt 16,16ff begründet. Vorher hat kein Bischof von Rom die Bibel in dieser Weise für seine Machtinteressen missbraucht. Jeder Exeget sieht in diesem Bibelwort eine nachösterliche Gemeindebildung, zumal nur Mt 16,18 und 18,17 das Wort „Kirche“ Jesus in den Mund legen. Kirche hat sich erst nach Ostern langsam, ohne bereits eine Religionsgemeinschaft zu sein, gebildet, die schließlich, entsprechend der damaligen politischen Strukturen, absolutistisch-monarchische Züge annahm. Glaubensgemeinschaft und Kirche Christi sind jedoch nicht einfach mit der katholischen Kircheninstitution identisch. Als Ganze kann sie, sagt hingegen der Papst, nicht von Jesus abfallen, wohl ist dies für eine „Teilkirche“ (301) möglich. Ob er dabei an die „Orthodoxe Kirche“ dachte, da er ja die evangelischen Kirchen überhaupt nicht als Kirchen anerkennt (vgl. „Dominus Jesus“) und sie als „aus der Reformation hervorgegangene Gemeinschaften“ (Sacramentum caritatis [13.2.2007] Nr. 15) bezeichnet? Der Papst projiziert seine Ansichten in das Neue Testament und liest sie dann aus diesem wieder heraus. So geschieht es auch mit der Gottheit Jesu. Jesus wird im Neuen Testament als Messias und Sohn bzw. Sohn Gottes bezeichnet, aber nie direkt als Gott im Sinne eines Seienden, eines Wesens, das Gott ist. Jesus selbst spricht ganz selten von Gott, was er verkündet, ist das Reich, der Bereich Gottes, der unter uns Menschen gegenwärtig werden soll und den Bereich des Bösen, „Dämonischen“, vertreibt. Es geht gerade nicht darum, zu erweisen, dass Jesus Gott ist, sondern, dass wir in seiner Nähe Gotteserfahrung machen, wenn wir einander lieben. Und wenn Jesus vom Vater spricht, soll kein göttliches Wesen zur Sprache kommen, sondern Gott soll für uns zu einer väterlichen, d.h. liebenden Beziehung werden, aus der wir leben können. So sollen wir auch Gottes Wirklichkeit als väterliche Wirklichkeit sehen. Das „Vater unser“ meint dies. Vater ist ein reiner Beziehungsbegriff und will gerade die Vorstellungen Gottes als einem Seienden überwinden. Der Papst hingegen sieht gerade darin „Gottlosigkeit“, wie ja auch die Pharisäer Jesus der Gotteslästerung bezichtigten. Wohl aber will uns das Neue Testament vermitteln, dass wir im Menschen Jesus Gotteserfahrung machen können. Mit Jesus als einem Gottwesen hat dies nichts zu tun. Thomas kann den Auferstandenen als „Mein Herr und mein Gott“ bezeichnen, – nicht nur um Kaiser Domitians Anspruch zu negieren – weil er als Glaubender in Jesus Christus Gotteserfahrung macht, letzten Sinn des Leben erkennt. Selbst bei den johanneischen „Ich bin“-Formeln, die der Papst zu Theophanien (403) erklärt – jedem Exegeten sträuben sich die Haare und keiner würde eine solche Behauptung bei einem Studenten des ersten Semesters durchgehen lassen – handelt es sich darum, die Gesetzesreligion in Schranken zu weisen und die neue Möglichkeit zu eröffnen, als befreiter Mensch in dieser Befreiungserfahrung letzten Sinn, d.h. ein göttliches Ereignis zu sehen. Mit einem „Eingreifen“ Gottes in die Geschichte oder einem Gottwesen, das auf Erden wandelt, hat das nichts zu tun. Auch ist Jesus nicht die „Erfüllung“ des Gesetzes, der Tora, sondern Befreier gegenüber aller Gesetzlichkeit, an der der Papst festhält. Dagegen schreibt Paulus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1). Neben dem Thema der „verlässlichen Historizität“ und dem Hauptanliegen, Jesus als Gott zu erweisen, ist der dritte große Fragenkomplex: Was ergibt sich für uns daraus? Wenn Jesus also nichts anderes wollte, als sich als Gott zu erweisen und d.h. uns Gott zu bringen, dann gilt es für uns ebenfalls, nur Gott in der Gestalt Jesu den Menschen zu verkünden. Alles Böse in der Welt kommt daher für den Papst aus der „Gottvergessenheit“ der Menschen. Gott muss als die allein bestimmende Wirklichkeit anerkannt werden. Weil das nicht geschieht, hat die Entwicklungshilfe des Westens die 3. Welt erst zur 3. Welt gemacht (62). Das Böse tritt hier im Mantel des Guten auf, nämlich „der Verbesserung der Welt“ (57). Das aber ist teuflische Versuchung. Der Gehorsam gegenüber Gott ist allein entscheidend (63). Eine „heile Welt“ ist „Betrug Satans“ (73). Jesus hat nicht Weltfrieden, nicht Wohlstand, nicht eine bessere Welt, sondern Gott gebracht. Die Bergpredigt ist kein Sozialprogramm (107, 146). Nur durch den Glauben (Gott-Jesus) kommt soziale Gerechtigkeit. Die Landverheißung Israels meint die Freiheit zur Anbetung Gottes, meint Gehorsam und den Anspruch Gottes auf die Erde (113). In der Predigt Jesu fehlt die „Sozialdimension“ (151). Nur die „Gotteswürde“ garantiert die „Menschenwürde“ (160). Alle Güte und menschliche Liebe ist bedingt und abgeleitet von der Gottesliebe. Daher müssen wir das Evangelium zu den Heiden bringen, denn nur so werden sie von der „Dämonenfrucht“ befreit und das Christentum wird die Stammesreligionen und natürlich auch alle anderen ablösen, wobei bewahrt wird, was gut an ihnen ist (210). Was aber „gut“ ist, bestimmt der Papst. Hier kommt wieder klar der Alleinvertretungsanspruch des Christentums in der Gestalt der katholischen Kirche zum Ausdruck (123). Für den Papst ist es grundlegend falsch, „dass jeder seine Religion leben solle“ (122). Ja, er verhöhnt die anderen Religionen, indem er all ihre „schlechten Seiten“ aufzählt. Nur der christliche Glaube „‚rationalisiert’ wirklich die Welt“ (211). Die „Vernunft Gottes“ (213) wird durch ihn wirksam. Wir Europäer haben nach Afrika eine Welt ohne Gott gebracht und daher den Kontinent ausgeplündert (238). Aber: Hat die Kirche nicht dabei fest mitgeholfen? Ist in einem Menschen, der nicht an den christlichen Gott, wie der Papst sich ihn vorstellt, glaubt, wirklich nur Böses? Selbst Thomas von Aquin meinte, dass ein Mensch dem Anderen Gutes tun kann, auch wenn er Atheist ist. Die im Jesusbuch ständig aufgezeigte Alternative: hier der Glaube – nur Gutes und dort der Unglaube – nur Schlechtes ist eine falsche Alternative, die freilich auf Augustinus zurückgeht, der alle Nichtchristen zur „massa damnata“ – zum verfluchten Mob erklärte. Mit Andersdenkenden, nicht Linientreuen auf diese Weise umzugehen, zeugt gerade nicht von besonderer Nächstenliebe. So bezeichnet auch der Papst alle Autonomiebestrebungen als „neuzeitliche Rebellion gegen Gott“ (244). Alles soziale Engagement wird heruntergebuttert, da Arme genauso habgierig sein können wie die Reichen. Den Nächsten sollen wir nur „um Gottes Willen“ lieben! Wo bleibt Mt 25, die Gerichtszene? Sicher sollen wir Almosen geben, meint der Papst, aber bitte keine Strukturreformen, denn so greifen wir in Gottes Pläne ein. Nur von Gott her kann der Mensch „die Erde sinnvoll gestalten“ (324). Daher des Papstes ganze Abneigung gegen die Befreiungstheologie, da sie nicht nur die Armut durch Almosen lindern will, sondern Strukturreformen fordert. Unsere Strukturen in Kirche und Staat sind ungerecht. Davon will der Papst nichts wissen und so wird auch seine Jesusgestalt für die Reichen und Mächtigen völlig harmlos. Dass Jesus gerade für die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen, für die Aussätzigen, Huren, Zöllner, Samariter, Frauen usw., kurz für alle Deklassierten eingetreten ist, darüber erfahren wir im Jesusbuch kein Wort. Keine Weltveränderung, sondern nur gut sei der Mensch! Daher finden wir nichts z.B. gegen die Todesstrafe, geschweige denn gegen Guantanamo und Ähnliches. Das Jesusbuch des Papstes entspricht seinem von ihm verfassten Kompendium: Katechismus der katholischen Kirche 2005, das er gleichsam als Regierungsprogramm vorgestellt hat. Wir finden uns in beiden Werken in der Neuscholastik des 19. Jh. wieder, in der kein Hauch von Bibelkritik, Sozialkritik und Religionskritik (bezogen auf die christliche Religion) zu finden ist. Weder der historische Jesus noch der lebendige Christus des Glaubens begegnet uns in diesem Jesusbuch, sondern allein Ratzingers Ideologie. Freilich einem unreflektierten Menschen, der einen „Halt“ für seinen Glauben sucht, mag die frömmelnde Sprache hilfreich sein und einen mythischen Gott in Menschengestalt erwecken. „...
und führe uns nicht in
Versuchung“!
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