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BEITRÄGE

 

Auf dieser Seite werden bereits publizierte und nicht publizierte Beiträge, die sich mit Theologie und Philosophie kritisch auseinandersetzen, in loser Form vorgestellt.  

 

 

 

 

 

 

SZ-Interview,  Der Hirtenbrief des Papstes und der Missbrauchskandal in der katholischen Kirche

 

Gotthold Hasenhüttl,  Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche ein Symptom?

 

Gotthold Hasenhüttl,  Vor dem Papstbesuch in Deutschland Fragen zum Reformstau in der römisch-katholischen Kirche

 

Gotthold Hasenhüttl,  Jesus von Nazareth – Wie sieht ihn Papst Benedikt XVI.?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Hirtenbrief des Papstes und der Missbrauchskandal in der katholischen Kirche 

 

(Interview, Saarbrücker Zeitung 22.3.2010)

Herr Professor Hasenhüttl, wie bewerten Sie den Hirtenbrief?

Hasenhüttl: Zuerst ist zu sagen, dass alles, was der Papst und die Bischöfe tun und sagen, nur unter dem Druck der Öffentlichkeit geschieht. Der Hirtenbrief ist enttäuschend, weil er auf die entscheidenden Probleme überhaupt nicht eingeht. Der grundlegende Tenor ist: Die Kirche hat Schaden erlitten, der Respekt vor den kirchlichen Autoritäten ist geschwunden. Dieser Tenor besagt, dass nicht die Würde des Menschen, sondern die der Institution unantastbar ist. Das ist die Umkehrung dessen, was Jesus gelehrt hat.

Was hätte Ihrer Meinung nach in dem Brief drinstehen sollen?

Hasenhüttl:  Ich hätte mir vorgestellt, dass man gesagt hätte: „Wir bereuen zutiefst, dass wir die Machtinteressen der Institution Kirche über das Leid der Opfer gestellt haben, und wir werden in Zukunft die Umkehr vollziehen." Das wäre ein Zeichen der Veränderung im kirchlichen Selbstverständnis. Aber genau das Gegenteil ist beim Hirtenbrief der Fall.

Hätte der Papst auf die Missbrauchsfälle in Deutschland eingehen sollen?

Hasenhüttl:  Das hätte er tun können, aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Es geht darum, dass er im Hirtenbrief die Taten relativiert, indem er sagt, die Missbrauchsfälle sind kein rein kirchliches Problem …

… hat er damit unrecht?

Hasenhüttl: Natürlich hat er nicht unrecht. Aber wenn die Kirche sich als Hüterin der Moral ausgibt, kann sie nicht so argumentieren. Wenn in Familien Missbrauch geschieht, ist das keine Rechtfertigung, dass es ihn auch in der Kirche gibt.

Ist der Zölibat Schuld?

Hasenhüttl: Schuld ist vor allem die Sexualfeindlichkeit der katholischen Kirche, die im Zölibatsgesetz gipfelt. Daher bietet dieses auch einen Zufluchtsraum für Menschen, die mit ihrer Sexualität nicht zurecht kommen.

Wie erklären Sie sich, dass die Missbrauchsfälle über Jahrzehnte hinweg im Dunklen geblieben sind?

Hasenhüttl: Das ist das Ergebnis einer systematischen Vertuschung. Als Joseph Ratzinger Präfekt der Glaubenskongregation war, hat er am 18. Mai 2001 ein Schreiben an alle Bischöfe erlassen, dass sie unter Kirchenstrafe keinen dieser Fälle veröffentlichen dürfen. Er hat sie zum „päpstlichen Geheimnis“ erklärt. Deshalb ist er der Hauptverantwortliche für die Vertuschung.

Wie kann die katholische Kirche das Geschehene wiedergutmachen? Oder ist das gar nicht möglich?

Hasenhüttl: Eine Wiedergutmachung in dem Sinn gibt es nicht. Aber man sollte alles tun, um den Opfern zu helfen. Nicht nur mit Geld, sondern mit Rat und Tat von kompetenten Leuten − und nicht von Hierarchen, die nur das Heil der Institution Kirche im Auge haben.

Der Papst empfiehlt zur  Wiedergutmachung „intensives Gebet".

Hasenhüttl: Ich habe nichts dagegen, dass man für die Opfer betet. Aber das zur Wiedergutmachung in den Vordergrund zu stellen, finde ich unglaublich und unfassbar. Das ist beinahe eine Verhöhnung der Opfer.  

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© Gotthold Hasenhüttl  

 

Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche ein Symptom?

 

1. Der Skandal 

Im Jahr der Priester, 2010, wurden die Missbrauchsfälle durch kirchliche Hierarchen in einem Ausmaß, auf Grund der Presseberichte, bekannt, die für viele schockierend waren. Klaus Mertes S.J., der Rektor des Berliner Canisiuskollegs trat an die Öffentlichkeit; er warf gleichsam einen Schneeball und die Lawine rollte zu Tal. Überall auf der Welt, nicht nur in Deutschland, vor allem auch in den USA und Irland, zeigte sich wie viele Fälle seit Jahren vertuscht, verheimlicht und oft auch geleugnet wurden.

Für Papst Benedikt XVI. war diese Offenlegung das Werk des Teufels, der das strahlende Bild der zölibatären Priester verdunkeln wollte. Schon lange davor hatte er vor dem Wirken des Teufels gewarnt und für jede Diözese gefordert, Exorzisten zu bestellen, um den Teufel wirksam zu bekämpfen. Trotzdem machte er den Eindruck, als sei er überrascht und erschüttert über die vielen bekanntgewordenen Fälle. In Wirklichkeit war das ganze Ausmaß des Missbrauchs längst dem Vatikan gemeldet worden. Um dies zu verheimlichen wurde ein Vertuschungssystem in Gang gesetzt, das im feierlichen Schreiben des Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger (1981-2005): „Epistula de delictis gravioribus“ vom 18.5.2001 seinen Höhepunkt erreichte. Alle Missbrauchsfälle wurden unter das „Secretum Pontificum“ gestellt. Sollte ein Bischof diese Schweigepflicht verletzen, wurden ihm schwere Kirchenstrafen angedroht. Jede Erklärung einer Schuld oder wenigsten Mitschuld von Seiten des Papstes blieb aus, ja zu Ostern 2010 verkündete der Kardinaldekan „urbi et orbi“ die päpstliche Unschuld und behauptete, dass alles nur eine Hetzkampagne gegen die Kirche sei.

Wie eine Verhöhnung der Missbrauchsopfer muss es wirken, wenn nun Johannes Paul II., der Freund des Kinderschänders Padre Marcial Maciel, am 1.5.2011 selig gesprochen werden soll. Johannes Paul II. deckte zeitlebens Maciel, den Gründer der „Legionäre Christi“, der nicht nur mit mindesten zwei  verschiedenen Frauen Kinder hatte, sondern auch Jugendliche schwer missbrauchte (nach dem Akt der Päderastie absolvierte er seine Opfer [absolutio complicis]; es gilt als eines der schwersten Vergehen des Priesters). Johannes Paul II. umarmte in Mexiko liebevoll Maciel, während er dem knieenden Ernesto Cardenal in Nicaragua mit dem Finger drohte, der für Gerechtigkeit eintrat. Die Gründe dieses Verhaltens lagen darin, dass Maciel und seine Kampforganisation mit aller Macht gegen die Kirche der Armen und die Befreiungstheologie agierte und außerdem finanziell die Reisen dieses Papstes unterstützte. Benedikt XVI. braucht diese Seligsprechung, um sein unseliges Wirken als Präfekt der Glaubenskongregation zu salvieren.

Während  Johannes Paul II. den klerikalen Missbrauch vertuschte (mir sind keine pädophilen Priester bekannt, die suspendiert wurden), hinterließ dieser Papst zusammen mit Ratzinger mehr als 160 gemaßregelte Bischöfe, Priester, Ordensleute und Professoren, denen er die Lehrerlaubnis entzog, die er suspendierte oder gar exkommunizierte, da sie wagten am System selbst Kritik zu üben und sich auf die Seite der Unterdrückten stellten und so den „unabgegoltenen Rest“ in der Kirche einklagten.

Nun machen die Leitlinien zum Umgang mit dem sexuellen Missbrauch (31.8.2010) und die Rahmenordnung zur Prävention (23.9.2010) der deutschen Bischofskonferenz auf den ersten Blick einen guten Eindruck, wie etwa der Hinweis, dass die beste Prävention gegen den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen die Erziehung zu eigenverantwortlichen, glaubens- und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten ist. Ist aber das kirchliche System überhaupt dazu geeignet, solche Persönlichkeiten zu entwickeln und ist nicht die absolute Gehorsamspflicht, die das katholische Kirchensystem den Personen abverlangt, das wahre Hindernis der Persönlichkeitsbildung?

Wenn in den Leitlinien von schwerem Schaden gesprochen wird, den die Täter der „Glaubwürdigkeit der Kirche“ zufügen, so ist darin primär die Sorge um das Ansehen der kirchlich-hierarchischen Institution zu erkennen. Die gleiche Klage liest man im päpstlichen Hirtenbrief an die Katholiken in Irland (19.3.2010), dass nämlich durch sexuellen Missbrauch von kirchlichen Würdenträgern der „Respekt vor der Kirche“ verlustig gegangen ist und die Institution Kirche „beschädigt“ wurde. Sie haben gegen „unsere geliebte Kirche“ gesündigt.

Zwei entscheidende Punkte sind in den Leitlinien zu finden, die der Vertuschungspraxis wie eh und je Vorschub leisten werden.

1. ist es das Verschweigen, die Nicht-Bekanntgabe des Missbrauchs, wenn es das „mutmaßliche Opfer“ „ausdrücklich wünscht“. Wie Wünsche von Minderjährigen durch Bestechung der Eltern manipuliert werden können, ist allgemein bekannt. Geld kann vieles bewirken! Noch immer ist mir der Fernsehauftritt eines nun erwachsenen Opfers vor Augen, dem die Diözese Magdeburg 25.000 Euro angeboten hatte, wenn er auf diese Öffentlichkeit verzichtet.

2. hat der Bischof einen Missbrauch durch einen Kleriker den Apostolischen Stuhl zu melden, „der darüber entscheidet, wie weiter vorzugehen ist“ (wie es der Art. 16 der neuen „Normae de gravioribus delictis“ vom 21.5.2010 wiederum vorschreibt). Damit ist eine allgemeine staatliche Anzeigepflicht eo ipso aufgehoben, wie auch Bischof Ackermann, der Missbrauchsbeauftragte, klar erklärte.

Wo bleibt da, die in den Dokumenten vielbeschworene „Kultur der Wertschätzung, des Respekts und der Achtsamkeit“ gegenüber Kindern und Jugendlichen, den (ehemaligen) Opfern? So wie die kirchlichen Äußerungen angelegt sind, wird man den Skandal aussitzen wollen und dann wieder zur Tagesordnung übergehen. Daran ändert auch die Hotline nichts, die für die Missbrauchsopfer eingerichtet wurde. Ich habe von vielen Opfern Rückmeldungen erhalten, die zutiefst schockiert waren, da ihnen erklärt wurde, sie müssten ihre Aussagen beweisen und überdies seien die Taten verjährt. Einer sagte mir, dass er sich nun zum zweiten Mal als Opfer fühle und tief verletzt wurde. Was nützen alle Papiere und Beteuerungen, wenn nicht den Opfern der sexuellen Gewalt in der Kirche schnell geholfen wird? In seinem Irland-Schreiben empfiehlt der Papst als Wiedergutmachung „intensives Gebet“. Ich habe nichts gegen ein Gebet, aber dies als Widergutmachung in den Vordergrund zu stellen, ist unglaublich, unfassbar, ja eine Frechheit. Eine echte Wiedergutmachung ist wohl kaum möglich, aber wirklich alles für die Opfer zu tun, was ihnen hilft, wäre die Pflicht. Man muss überdies erkennen, dass alles, was Papst und Bischöfe tun, nur unter dem Druck der Öffentlichkeit geschieht. Der Tenor aller Aussagen und Handlungen bleibt, dass die Würde der Institution unantastbar ist, aber nicht die des konkreten Menschen. Der Verweis darauf, dass es auch in anderen Institutionen „schwarze Schafe“ gibt, gilt aus zwei Gründen nicht. Es wird immer innerhalb und außerhalb der Kirche Missbrauchsfälle geben, aber das erklärt nicht, warum gerade katholische Kleriker in besonders großer Zahl solche verursachen. Und dann versteht sich gerade die Hierarchie der Kirche als Hüterin der Moral, der die Vertuschungspraxis gerade in dem sensiblen Bereich der Sexualität entgegensteht. Täter werden solange es geht geschützt und Opfer daher missachtet. Selbst ein Opfer-Fond, den österreichische Bischöfe eingerichtet haben, schieben die deutschen auf die lange Bank, bzw. auf den „runden Tisch“.

 

2. Die „Unschuld“ des Systems

Man kann sich zu Recht auch fragen, ob nicht manche Täter selbst Opfer eines Systems geworden sind, das als gut und gottgewollt gilt und in dem nur der einzelne Mensch schwach und sündig ist. So hat Kardinal Urs von Balthasar, der bekannte Theologe, in seiner männlichen Phantasie die Kirche als „casta meretrix“, als „keusche Hure“ bezeichnet. Das erste ist die Institution, das zweite der einzelne Sünder. Ist die Institution wirklich gut und heilig? So erklärte Papst Gregor XVI., 1832, in seiner Enzyklika „Mirari vos“ (Nr. 6, D 2730) – dessen Geist Benedikt XVI. weiterhin vertritt: „Es ist völlig absurd und in höchstem Maße eine Verleumdung zu sagen, die Kirche bedürfe einer … Erneuerung … als ob man glauben könne, die Kirche wäre Fehlern, Unwissenheit oder irgend einer anderen menschlichen Unvollkommenheit ausgesetzt“. Mit der Kirche ist natürlich die hierarchische Institution gemeint. In diesem Sinne zitierte bereits Pascal die Aussage Tertullians (2. Jh.) „numquam Ecclesia reformabitur“ – die Kirche als Institution wird sich nie wirklich reformieren und verändern (ist dann der Weg zu Dantes ‚Göttlicher Komödie‘ noch weit, wenn es heißt „Lasziate ogni speranza, voi ch‘ entrate“!). Solange mit der Aussage des 2. Vatikanischen Konzils (LG Kap. 8) nicht wirklich ernst gemacht wird und die hierarchische Institution sich als ein menschliches Element in der Kirche begreift, das verändert werden kann und muss, wird sich die Hierarchie als göttlich verstehen und jeden Veränderungswillen unterdrücken. Das bedeutet, dass sich die kirchliche Hierarchie als Institution über den konkreten Menschen stellt. Und genau dies ist der Frohen Botschaft Jesu Christi diametral entgegengesetzt. Ihm ging es immer nur um den konkreten Menschen, der unterdrückt, seelisch verletzt und körperlich krank ist. Nie hat er einen Menschen dem Gesetz untergeordnet. Dies zeigt er bei den Krankenheilungen am Sabbat – im damaligen Verständnis das höchste göttliche Gebot – den er außer Kraft setzt, wenn der konkrete Mensch ihm untergeordnet werden sollte. Dies zeigt sich ebenfalls bei den Mahlgemeinschaften, in denen er die Trennung zwischen Sünder und Gerechten aufhebt. Denken wir an die Sünderin beim Pharisäermahl oder sein Essen „mit Zöllnern und Sündern“ usw.! Nie wird ein Gesetz oder eine Institution über die Würde des einzelnen Menschen gestellt. Für Jesus ist diese in Wort und Tat unantastbar. Solange sich die Hierarchie nicht an der Botschaft Jesu orientiert, die niemanden ausschließt, die jeden konkreten Menschen mit seinen Sorgen ernst nimmt und in Freiheit setzt, wird sie sich niemals relativieren, sondern immer absolut setzen. Obwohl J. Ratzinger 1991 eine wichtige Warnung ausgesprochen hat: „Kirchliche Institutionen … drohen sich als wesentlich auszugeben und sie verstellen so den Blick zum wirklich Wesentlichen. Darum müssen sie immer wieder wie überflüssig gewordene Gerüste abgetragen werden … damit der lebendige Herr sichtbar werde“ (Zur Gemeinschaft berufen, Freiburg i. Br. 133, 138). Keine Anzeichen sind zu erkennen, dass dieser gute Gedanke in die Tat umgesetzt wird. Benedikt XVI. verhält sich genau gegenteilig. Die kirchliche Institution wird als Wahrheitsträgerin angesehen und der Einzelne hat sich nach ihr auszurichten und sich ihr zu unterwerfen. Daher sagte Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede 2006, dass das subjektive Gewissen kein ethischer Maßstab ist. Damit stellt er sich gegen die ganze kirchliche Tradition (besonders gegen Thomas von Aquin), die das Gewissen als letzte Entscheidungsinstanz sah, auch wenn Papst Gregor XVI. die Religions- und Gewissensfreiheit als „absurde Wahnidee“ (Delirium) bezeichnete (D 2730). Benedikt XVI. leistet ihm treue Gefolgschaft. Eine größere Missachtung des konkreten Menschen gibt es kaum. Daher ist es auch logisch, dass die römisch-katholische Kirche als letzte westliche Diktatur oder wenn Sie lieber wollen absolutistische Monarchie, die Menschenrechtserklärung (1950) und -konvention (1953) des Europarates nie unterzeichnet hat. Das Kirchliche Gesetzbuch (CIC) müsste radikal geändert werden. Darunter fällt nicht nur das Eheverbot für Priester, sondern ebenso die Entlassung von Kindergärtnerinnen, die ein zweites Mal heiraten, wie die Verweigerung der Gleichberechtigung von Mann und Frau usw.

Aus dieser absoluten Priorität der Institution der Katholischen Kirche als Wahrheitsinstanz gegenüber dem Einzelnen ergibt sich auch die Missachtung der anderen Kirchen. Eine echte Ökumene ist nicht möglich, sondern nur ein Rückkehrökumenismus. In „Dominus Jesus“ (2000) wird klar gesagt, dass die Katholische Kirche die einzige Kirche Christi ist, sonst gibt es nur „kirchliche Elemente“ (IV, 16f). Jesus selbst habe die hierarchische Struktur der Kirche grundgelegt, mit Unter- und Überordnung, also das hierarchische Gefälle von Befehl und Gehorsam. Aus diesem Grund ist auch ein echter Dialog mit anderen Religionen nicht möglich. Wenn zudem beteuert wird, dass die einzig wahre Kirche doch alles, was gut und wahr ist, in den anderen Religionen anerkenne, dann entscheidet eben die Hierarchie darüber, was in den Religionen „gut und wahr“ ist. So stellt sich die Absolutsetzung der Institution Kirche nicht nur über den Einzelnen, sondern auch über alle anderen religiösen Gemeinschaften. Es wundert daher nicht, wenn die katholische Gewaltherrschaft kein Geringerer als Adolf Hitler (der nie aus der Katholischen Kirche ausgeschlossen wurde) lobte: „Etwas Großartigeres“ als die „hierarchische Ordnung“ der Katholischen Kirche hat es „bisher auf der Welt noch nicht gegeben. Ich habe vieles unmittelbar auf die Ordnung meiner Partei übertragen“ (Christen gegen Christen, 76). Muss eine solche Aussage nicht zu denken geben? Bei allem guten Willen kann das Leben dort nicht glücken, wo Unfreiheit und Angst herrschen. Ein wesentlicher Grund für den Missbrauch anderer Menschen! Selbst missbraucht durch einen Machtapparat, wird die Unterdrückung an die schwächeren Glieder weitergeleitet. Die Katholische Kirche als diktatorisches System ist grundsätzlich nicht fähig, Jugendliche in Heimen und Schulen zur Eigenverantwortung zu erziehen. Das sagt natürlich nicht, dass es nicht auch gute „Erzieher“ in kirchlichen Einrichtungen geben kann. Das System aber schädigt alle. Das gilt auch für die Priesterseminare, die durch das ungesunde Zusammenleben von Männern allein eine problematische Polung der Sexualität und Machtgelüste begünstigt. Man muss sich stets vor Augen halten, dass dies alles zur größeren Ehre der Machtkirche geschieht, die der Souverän über die Gläubigen ist. Bezeichnend ist die Aussage des Ignatius von Loyola (Exerzitien, Nr. 365): „Wir müssen, um in allem das Rechte zu tun, immer festhalten: ich glaube, dass das Weiße, das ich sehe, schwarz ist, wenn die Hierarische Kirche es so definiert“. Es ist die blanke Form eines Kadavergehorsams. Er ist getragen von einer „Höllenangst“, die viele auch davor zurückschrecken lässt, aus der Kirche als Körperschaft des öffentlichen Rechts auszutreten. Wir brauchen doch, so das Argument, eine Institution, die zeigt, woran man sich halten kann. Ebenso spielt die Angst eine große Rolle, die Sterbesakramente nicht empfangen zu können und nicht kirchlich beerdigt zu werden. Treffend sagt dazu Reinhold Schneider: „Auf der Angst ruht die Macht, das Reich des Bösen … über die Angst hinaus vermag es seine Grenzen nicht auszudehnen“. Angst und Gehorsam zerstören die Freiheit und beschädigen daher den Menschen in seinem Wesen. Die „Last der Freiheit“ wird ersetzt durch den Gehorsam gegenüber einer „kirchlich-göttlichen Autorität“. So lässt Dostojewski den Großinquisitor in den Brüdern Karamasow sprechen: „Wir werden sie davon überzeugen, dass sie erst dann wahrhaftig frei sein werden, wenn sie zu unseren Gunsten ihrer Freiheit entsagen und uns gehorchen … und sie werden sich uns mit Lust und Freude unterwerfen“. Eine mächtige Institution, die sich in der Wahrheit wähnt, dazu mit Heilsverheißung, ist attraktiv. Die Freiheit wird in die Zwangsjacke der Angst gesteckt und beides scheint im Gehorsam überwunden. Die Demutsgeste der Unterwerfung fordern stets die Machthaber. Gehorsam verpflichtet sich den Potentaten und nicht dem Gewissen. Daher sagt zu Recht der Philosoph Montesquieu: Macht und Machtmissbrauch sind siamesische Zwillinge. Daher bedeutet der Gehorsam der Obrigkeit gegenüber strukturell blinder Gehorsam, der das Gewissen suspendiert. Die Evangelisten berichten, dass das Volk seinen religiösen Führern gehorchte und dies bedeutete für Jesus den Tod. Treffend betont die Philosophin Hannah Arendt: Keiner hat das Recht zu gehorchen. Und Karl Rahner meinte in seinen Schriften zur Theologie (Bd. 15, 393ff), dass Gehorsam und die Exekution eines Befehles von oben keine Maxime der Kirchlichkeit ist. Die eingetrichterte Gehorsamspflicht durch Hierarchen pervertiert den Menschen. Daher haben wir auch von keinem Papst je das Bekenntnis zur freien Entfaltung der Persönlichkeit gehört. So steht immer das Argument aus dem Kirchlichen Gesetzbuch über dem der Bibel und folglich die hierarchische Macht und Gewalt über dem Einzelnen. Dies alles trägt zur Missachtung der Würde und des Willens des Mitmenschen bei. Der „Obere“ kann sich alles herausnehmen, der Untergebene muss kuschen. Aus der Gewaltherrschaft entsteht so die Gewalt gegen den Schwächeren, die sich nicht nur in einem Prügelbischof wie Mixa zeigt, sondern sich auch sexuell auswirken kann. Gegen diese Hierarchie – d.h. Heilige Herrschaft – die höchst unheilig ist, haben sich z.B. Jeanne d’Arc (15. Jh.) und Hildegard von Bingen (12. Jh.) gewehrt (als „Heilige“ verehrt, sollten sie freilich für das System unschädlich gemacht werden). Jeanne d’Arc ist für ihre Hoffnung auf bessere gesellschaftliche Verhältnisse von den Kirchenführern verbrannt worden, Hildegard von Bingen starb unter dem Interdikt – jedes Sakrament wurde ihr und ihrer Gemeinschaft vom Bischof verweigert – weil sie einen aus der Kirche Ausgeschlossenen in „geweihter Erde“ begraben hatte. Sie kirchlich zu loben, bedeutet, Sand in die Augen der Gläubigen zu streuen, wie es Benedikt XVI. vorzüglich kann, indem er ihre Haltung als vorbildlich bezeichnete. „Denken wir (doch) an Hildegard von Bingen, die kraftvoll protestiert hat gegen Bischöfe und Papst“ (Fernsehinterview 13.08.2006).  Tut dies heute jemand, wird er gemaßregelt, suspendiert oder gar exkommuniziert. Ziviler Ungehorsam ist gegen eine korrupte Hierarchie gefordert. Nur eine Erziehung zum Ungehorsam und zugleich zu einer echten Dialogbereitschaft auf gleicher Ebene, kann helfen, die im System angelegte Gewalt zu überwinden. Eine Hierarchie, die sexuelle Gewalt vertuscht, ist systemisch zutiefst korrupt. Nur wenn das System sich ändert und sich auf die Haltung Jesu besinnt, ist auf eine Reduktion gleich welcher Gewalt zu hoffen. Wo immer das Antlitz eines Menschen geschändet wird, ist ziviler Ungehorsam geboten. Jede Diktatur ist für jeden Menschen schädlich. Sie drückt sich z.B. im „Grundgesetz“ des Vatikans aus (2000, Art. 1): „Der Papst besitzt als Oberhaupt des Vatikanstaates die Fülle der gesetzgebenden, ausführenden und richterlichen Gewalt“. Am Selbstverständnis des letzten absolutistischen Monarchen in der westlichen Welt hat sich seit dem Mittelalter nichts geändert. Muss man einem Diktator wirklich eine Rede im Bundestag „mit Freuden“ gestatten, der lehrt: „A nemine licet judicare judicio“ (1. Vatikanisches Konzil, D 3063). Niemand darf sich ein Urteil über die päpstliche Gewalt erlauben. Man muss sich bei solchen Aussagen der ganzen Tragweite für das Verständnis der „Conditio humana“ bewusst sein. In der Gehorsamsforderung ist jede Diktatur gleich. Jede führt und verführt Menschen zu unmenschlichen Handlungen. Diese sind systemimmanent. Ein anderes, humaneres System ist gefordert, das nicht sich selbst, sondern dem Menschen, dem „Gottesvolk“ dient. Die Würde der Institution ist niemals heilig, sie steht nie über der Würde des konkreten Menschen und schon gar nicht über der Würde des Opfers. Für jeden Christen kann nur gelten, dass allein die Würde und Freiheit jedes Menschen unantastbar und heilig ist. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1). Die Grenze meiner Freiheit kann nur die Freiheit des Anderen sein; sonst gibt es kein Gesetz. Es ist das Gesetz der Nächsten- und Feindesliebe, das allein die ganze Substanz der christlichen Botschaft ausmacht. Alle anderen Gesetze, Gebote und Institutionen haben nur Sinn, wenn sie für den Menschen da sind und solidarische Gemeinschaft fördern. Sonst leisten sie der Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung aller Art (auch sexueller) Vorschub. Nur die Achtung vor den „Mühseligen und Beladenen“ kann Schimmer der Hoffnung auf eine menschlichere und damit christlichere Welt sein. Gehorsam verdirbt und Gesetze, denen man untertan sein muss, können Menschen zerstören. Es ist besser ein Gesetz zu brechen als ein Herz.

Ich meine, es ist deutlich geworden ist, dass institutionelle Strukturen, die über den konkreten Menschen gestülpt werden und denen er zu dienen hat, ihn in seiner verantworteten Freiheit zutiefst verletzen und die Liebe zum, von Jesus Christus befreiten, Menschen schwer beschädigen. Jede auch noch so fromme Ideologie setzt den einzelnen Menschen unwesentlich und ihren Machtanspruch wesentlich. Genau dagegen steht Jesu exemplarisches Leben. Eine Institution, die unbedingten Gehorsam fordert, dazu noch im Namen Gottes, weil sie „von Gottes Gnaden“ existiert, ist die Wurzel der Gewalt. Symptomatisch bringt sie Formen unkontrollierter Machtausübung hervor, von denen eine der sexuelle Missbrauch Schutzbefohlener ist. Die Kirche, die nicht bereut, dass sie ihre Machtinteressen als Institution über das Leid der Opfer gestellt hat und nicht bereit ist, dem Ruf Jesu zu folgen: Kehrt um, denn nur so ist der Bereich Gottes unter euch, wird weiter vertuschen, verleugnen, verheimlichen usw. und alle Schuld auf den Einzelnen abwälzen. Eine Veränderung des kirchlichen Selbstverständnisses ist leider nicht zu erwarten, wie wir aus Hirtenbriefen, vatikanischen und bischöflichen Äußerungen klar erkennen müssen.

 

3. Gründe sexuellen Missbrauchs

Nun noch einige Bemerkungen zum Symptom des sexuellen Missbrauchs. Es ist die Eigenart aller religiösen und staatlichen Diktaturen, dass sie auf die Regelung des sexuellen Verhaltens ihrer Untertanen größten Wert legen und dieses so weit wie möglich überwachen. Selbstverständlich ist eine Gedankenkontrolle noch grausamer, wenn abweichende Meinungen zum Ausschluss führen. Bereits Schiller hat in Don Carlos dagegen protestiert: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“.

Menschenopfer gibt es nicht nur in der Form der Opferung eines Menschen für eine Gottheit, sondern in der ganzen Kirchengeschichte, angefangen bei Konstantin, fordert die Kirche Menschenopfer, sei es, wie uns allen bekannt, in der Form der Inquisition, der Hexenverfolgung, der Kreuzzüge usw., aber noch subtiler in der Ächtung, im Totschweigen, in der Vernichtung der beruflichen und finanziellen Existenz. Dies reicht bis ins Forum internum, indem Gewissensängste erzeugt werden und so das Denken selbst pervertieren. Besonders ausgeprägt ist es im sexuellen Bereich. Hier gilt dagegen: Tendere supra naturam, est cadere infra! Nun ist das alles keine Erfindung der Katholischen Kirche, sondern Eigenart der Religionen, dass Gott besonders mit der Sexualität in Verbindung gebracht wird, um so einen unumstößlichen Zwang hervorzurufen. Als Beispiel kann uns schon das Alte Testament dienen. Gott schließt mit Israel einen Bund. Was verlangt er? Einen Teil des männlichen Gliedes: die Beschneidung. Von nun an wacht Gott über den Gebrauch des Penis. Die Katholische Kirche übernimmt dieses göttliche Interesse an der Sexualität und wird seine Hüterin. Es war bei meiner Ausbildung zum Priester bezeichnend, dass der Beichtunterricht fast ausschließlich den sexuellen Bereich betraf und wir als Priester besonders auf diesem Gebiet verpflichtet seien, beim „Beichtkind“ nachzuforschen. Das „Jagdrevier“ wurde so bestellt und Gottes besondere Sorge galt dem Tun auch der Eheleute im  Schlafzimmer (es  ist verständlich, denn Gott muss jeweils bei der Zeugung eines Kindes die entsprechende „Seele“ schaffen). Da ein wesentlicher Ansatzpunkt für die Diktaturen die sexuelle Disziplinierung des Einzelnen ist, nimmt die Herrschaft über ihn und die Sexualmoral den ersten Platz ein (anders als bei Jesus, für den die Befreiung von der Unterdrückung aller Art an erster Stelle steht). Lust ist verdächtig und Verhütung – auch im Zusammenhang mit AIDS – ist schwer sündhaft, nur Prostituierten erlaubt der Papst das Kondom, wobei ihr Sexualverhalten eine Todsünde ist. Ehescheidung wird verboten und Wiederverheiratete dürfen die Sakramente nicht empfangen. Hingegen beim Eidverbot durch Jesus, das im Zusammenhang mit der (jüdischen) Ehescheidungspraxis angesprochen wird, ist die Kirche jedoch nicht zimperlich, ganz im Gegenteil, mindestens fünf Mal wird jeder Priester zum Schwören gezwungen. Selbstverständlich wird Homosexualität usw. aufs Schärfste verurteilt. Ja selbst Sexualaufklärung in der Schule verstößt – so Benedikt XVI. erst kürzlich – gegen die Religionsfreiheit. Kann man eine solche „religiöse“ Welt noch verstehen? Selbstverständlich muss jedem Menschen unbenommen sein, ob er eine Ehe eingehen will oder nicht. Kann aber überhaupt ein Zwangszölibat für Priester ein Zeugnis für die Moral einer Kirche sein? Ist es nicht vielmehr ein Zeugnis der Lust- und Sexualfeindlichkeit? Will denn Gott wirklich das Sexopfer? Gott und der Mitmensch treten so in Konkurrenz. Nur der Verzicht auf volle menschliche Beziehung ermöglicht eine erhabene Beziehung zu Gott. Was ist das für ein Gottes- und Menschenbild! Nur im Mitmenschen begegnen wir Gott und nicht in einer gedachten Beziehung meiner Seele zu ihm. Wenn die Vorstellung von der Menschwerdung Gottes einen Sinn hat, dann doch diesen, dass durch Jesus Christus die wahre menschliche Liebe absolute Bedeutung hat und d.h. die Gottesliebe einschließt. Schon im 1. Johannesbrief wird darauf hingewiesen, dass wir Gott, den wir nicht sehen, nicht lieben, wenn unsere Liebe nicht dem sichtbaren Menschen gilt. Gerade wenn man einem Menschen sein „Herz“ schenkt, ihn absolut bejaht, wird Gottes Wirklichkeit erfahren.

Nachdem alle Begründungen des Zölibatsgesetzes fehlgeschlagen sind, wie: die Naherwartung oder die Sündhaftigkeit jeder geschlechtlichen Betätigung (z.B. Hieronymus [4. Jh.]: „omnis coitus inmundus“, auch in der Ehe) oder die kultische Reinheit (vor der Hl. Messe kein Geschlechtsverkehr) oder die Ehelosigkeit als „eschatologische Existenz“, da im „Himmel“ nicht geheiratet wird (Lk 20,34ff), als ob Priester „Engel“ auf Erden wären, blieb schließlich noch das Argument, das 1983 in den CIC Eingang gefunden hat: Der ehelose Priester könne leichter „mit ungeteiltem Herzen, Christus anhangen“ und so besser Gott und den Menschen dienen. Dabei wird besonders die Frau abgewertet und zum Hindernis für das Wirken des Priesters. Wirklich schädlich hingegen ist für jeden Priester und Menschen Herrschsucht, Machtanspruch, eigene Überbewertung, institutionalisierte Unterdrückung, Habgier und Missbrauch Schutzbefohlener. Es wird überhaupt nicht gesehen, dass gerade echte dialogische zwischenmenschliche Beziehung Gotteserfahrung erst ermöglicht. Der Mensch ist kein geschlossenes Subjekt, das sich Untertanen suchen sollte, um sie zu beherrschen, sondern ein Beziehungswesen. In der Enzyklika „Deus caritas est“ sagt Benedikt XVI. selbst, dass Mann und Frau zusammen das volle Menschsein bilden. Der zölibatäre Priester wird zu einem halben Menschsein gezwungen. Unerfülltes Menschsein, ein fragmentierter Mensch wird immer stärker pervertierten Gelüsten ausgesetzt sein, als ein Mensch, der in Freiheit sein Menschsein, seinen Lebensentwurf leben kann und darf.

Die Traumatisierung durch die kirchlichen Moralvorstellungen führt zur Abspaltung von Sex und Sinnlichkeit. Die kirchliche Institution erhebt die „Heilige Familie“, die makellose Jungfrau und den asexuellen Kleriker zum Ideal. Genau dadurch wird die sexuelle Gewalt begünstigt (D. Funke). Die Spaltung in einen asexuellen Priesterleib und einen niedrigeren sexuellen Körper bilden den Hintergrund des sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Dieses Priesterideal ist neben der Machterhaltung der Institution ein Grund, warum die Trauer wegen der Befleckung des reinen Kleides der Katholischen Kirche im Vordergrund steht und die Beschämung darüber weit größer ist als die Sorge um das Leid und die Verletzungen der Opfer. Warum sich Priester überhaupt dieser Idee unterwerfen, liegt oft darin, dass ihnen eine hohe narzisstische Belohnung (Himmel) in Aussicht gestellt wird. Eine noch nicht entwickelte Persönlichkeit kann daher von einem Leben ohne sexuelle Beziehung angezogen werden. Nicht die Ehelosigkeit als solche ist das entscheidende Problem, sondern eine monogeschlechtliche Hierarchie, die Unterwerfungsbereitschaft fordert, die der Priester weitergibt und die ihn zur Gewalt verführt, die sich auch sexuell zeigt, wo seine eigene psychosexuelle Entwicklung tief gestört ist. Die eigene „Abtötung“ verleitet zur Verdinglichung des Körpers, die auf das Opfer projiziert wird. So wird der Andere (Kind, Jugendlicher etc.) nicht als ein freier Mensch erlebt, sondern als ein Teil des eigenen Selbst, der vergewaltigt wird. Selbst in sich gespalten, beraubt er den Anderen seiner Ganzheit und macht diesen sich selbst im Missbrauch gleich. Zugleich ist das Tabu „Weib“ aufgestellt. Die Angst vor der Frau spiegelt sich darin wider, dass sie in der Jungfrau Maria zärtlich, innig und kindlich verehrt wird, jedoch erotisch-sexuell nicht begehrt werden darf. Daher wird keine Partnerschaft auf gleicher Ebene gefördert, sondern die Unterwerfung unter die asexuelle jungfräuliche Mutter. Durch dieses entgleiste Ideal wird die Unterwerfungsbereitschaft gleichsam dogmatisiert. Die Einsicht, dass sich in einer echten partnerschaftlichen Beziehung eine Wirklichkeit zeigt, die das Göttliche berührt, könnte die Abspaltung verhindern und damit den sexuellen Gewaltexzessen Einzelner das fördernde Klima entziehen.

 

4. Kirche Christi als Freiraum für Christen

Würde die römische Kirche sich auf die Frohe Botschaft Jesu beziehen, dann wäre klar, dass nur die Pflege einer Beziehung auf Augenhöhe christlich sein kann. Niemanden sollt ihr Meister, Lehrer und Heiliger Vater nennen, sondern ihr alle seid Geschwister (Mt 23,7f). Keine Über- und Unterordnung, keine Gewaltanwendung körperlicher oder psychischer Art ist mit dem Christentum zu vereinbaren. Wenn Strukturen einer Glaubensgemeinschaft angebracht sind, dann kann man die Pastoralbriefe heranziehen (auch wenn patriarchalische Untertöne der damaligen Gesellschaft mitschwingen). Wenn Vorsteher von der Gemeinde gewählt werden, dann sollten sie gütig, verheiratet und gastfreundlich sein, aber nicht trunksüchtig, zänkisch oder geldgierig. Die Kinder sollten gut erzogen sein, damit Außenstehende sich nicht das Maul zerreißen (1Tim 3,1ff). Auch soll der Gewählte das Böse mit Geduld ertragen (2Tim 2,24). Im 2. Jh. wussten offenbar die Christen, dass nur ein Mensch, der beziehungsfähig ist und in einer ehelichen Beziehung lebt, geeignet ist, Glaubensgemeinschaft zu koordinieren und vernünftige Anleitungen zu geben. Von der biblischen Botschaft her ist es nicht möglich, irgendetwas über die Beziehungsgemeinschaft Gleichberechtigter zu stellen, die jedem seine Freiheit lässt und die Freiheit des Anderen achtet. Ich sehe im Gehorsamsprinzip, das immer ein Herr-Knecht-Verhältnis errichtet und daher Menschsein in der Wurzel pervertiert, das unchristliche Leitmotiv, das immer Unterdrückung hervorruft und inhuman ist. „Heiliger Vater befiehl, wir folgen dir“ – ist der tiefste Widerspruch zur Botschaft Jesu. Dem Machtstreben der Jünger setzt Jesus den Verweis auf die damalige Gesellschaftsordnung entgegen, die in Unterdrückungsmechanismen bestand. So soll es bei euch nicht sein! Nicht Herrschaftsanspruch, sondern Solidarität! Sie überwindet das Böse durch das Gute. Das Streben nach Macht und Ehre bringt Unheil, nur eine Umkehr (Metanoia) kann helfen, dass der Bereich des Guten, Gottes Bereich unter den Menschen wirklich wird. Die Wertschätzung eines jeden Menschen, auch des schwächsten, muss unter Christen das rücksichtslose Durchsetzungsvermögen durchkreuzen; dies gilt für Ausbeutung aller Art, durch Arbeit, durch Gewinnmaximierung, durch sexuelle Abspaltung. Das Markus-Evangelium erkannte bereits darin die Kirche am Scheideweg, die sich zwischen Machtträumen von Herrschaftsansprüchen und solidarischem Einstehen füreinander, also zwischen Unglaube und Glaube entscheiden muss. Unser Positionsdenken ist total umzukehren. Darum spricht Jesus vom Werden zu einem gering geachteten Kind. Ausgleich in der Glaubensgemeinschaft zu schaffen ist nicht die Aufgabe irgendeines Würdenträgers, sondern letzte Instanz ist die ganze Gemeinde. In ihr ist kein Platz für eine Vertuschungsstrategie, für Vorverurteilungen, Geheimdossiers und Demutserklärungen. Nächsten- und Feindesliebe ist die christliche Grundhaltung. Diese Gleichheit vor Gott, der Liebe, ist keine unterdrückende Gleichmacherei, sondern Schutz der Würde jeder einzelnen Person. Auch Jesus ist nach dem Johannes-Evangelium kein Herrscher: Nicht Knechte nenne ich euch, sondern Freunde. Christliche Gemeinschaft bricht die Herrschaft des Menschen über den Menschen. Wie wir wissen, baut Paulus den Gedanken einer Gemeinschaft Gleicher aus, indem er die Charismen – jeder ist ein Charismatiker – als Grundstruktur der Kirche versteht. Eine hierarchische Organisation ist ihm nicht nur fremd, sondern sie verfälscht das Kirche-Christi-Sein. Augustinus greift den paulinischen Kirchenbegriff auf: „Ecclesia est populus fidelis per universum orbem dispersus“ (Trid. Kat. X,II). Überall, wo zwei oder drei im Namen Christi versammelt sind, ist Kirche Christi. Das Bild des Leibes Christi für die Kirche soll verdeutlichen, dass jeder seine spezifische Funktion hat und daher seine unauswechselbare Würde, die unantastbar ist. Eine kopflose Gemeinde geht in die Irre, eine herzlose erstarrt in Lieblosigkeit, eine blutleere vertrocknet und eine ohne Lunge erstickt. Jeder hat die gleiche lebenserhaltende Bedeutung und daher diskriminieren Christen weder Juden noch Heiden, weder Sklaven noch Freie, weder Mann noch Frau (Gal 3,26f). In der paulinischen Gemeinde sind die Beziehungen von ihrer Struktur her herrschaftsfrei. Die Struktur der römisch-katholischen Kirche ist dieser diametral entgegengesetzt. Sie ist wie ein Wolf im Schafspelz. Sie spiegelt den Willen Jesu Christi vor, der nur in einer Obrigkeitskirche verwirklicht werden könne und hält so die Menschen unmündig. Dagegen gilt: Wage deinen Glaubensverstand zu gebrauchen, er steht über jedem Gehorsamsakt! Um den Missbrauch von Menschen – nicht nur sexuell – zu reduzieren, kann nur ein Glaubensbewusstsein helfen, das in jedem Menschen Gottes Ebenbild sieht, d.h., dass jeder liebenswert ist und in seiner Freiheit geachtet wird. Als Hilfe dafür mag ein demokratisches System nützlich sein. Jeder hat bei allen wichtigen Entscheidungen ein Mitspracherecht. Die Gewaltenteilung ist ein unabdingbarer Bestandteil. Machtkontrolle ist stets obligatorisch. Abwahl von allen institutionellen Posten muss möglich sein. Papst, Bischöfe und Pfarrer sind nur auf Zeit zu bestellen (z.B. 5 Jahre) und haben vor den anderen Gläubigen Rechenschaft abzulegen. Jeder muss seine eigene Lebensform wählen können, solange sie nicht Mitchristen Schaden bereitet. Frau und Mann sind selbstverständlich gleichberechtigt. Nichts darf an Glaubensregeln oder Gemeindeordnungen verkündet werden, was der gegenseitigen Liebe abträglich ist, denn nur der Glaube, der in der Liebe wirkt, ist Fundament der Kirche. Die Zwei-Klassen-Gesellschaft der Kirche wäre beendet und die Monopolstellung der Hierarchie erloschen. Kirche könnte so zum Vorbild für die Befreiung von Herrschafts- und Machtmechanismen werden. In der Wurzel wäre der Missbrauch von Menschen überwunden. Das heißt nicht, dass Missbrauch überhaupt nicht mehr vorkommen kann, aber Vertuschung und Missachtung der Opfer wäre a limine verbannt. Nur eine radikale Veränderung des kirchlichen Selbstverständnisses kann Heilung bringen. Nur eine Kirchenverfassung, die die Herrschaft des Menschen über den Menschen ausschließt, ist christlich. Wenn die Kirche die Frohe Botschaft der Freiheit eines Christenmenschen verkündet und diese Freiheit in die tätige Liebe einbindet, dann könnte der alte Ruf der Nichtchristen wieder zu hören sein: Seht, wie sie einander lieben! Für die jetzt bestehende Kirche gilt jedoch die Klage Jesu, wie einst über Jerusalem: „Oh dass du es doch erkannt hättest, was an diesem deinem Tag dir zum Frieden dient! Nun ist es vor deinen Augen verborgen.“ (Lk 19,42).  

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© Gotthold Hasenhüttl  

 

Vor dem Papstbesuch in Deutschland Fragen zum Reformstau in der römisch-katholischen Kirche

 

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch erklärte: ganz Deutschland freue sich auf den Papstbesuch. Benedikt XVI. ist, wie bekannt, der Souverän eines Staates. Im Grundgesetz des Vatikans (Art. 1, von 2000) heißt es: „Der Papst besitzt als Oberhaupt des Vatikanstaates die Fülle der gesetzgebenden, ausführenden und richterlichen Gewalt“. Zudem hat bereits das 1. Vatikanische Konzil (D 3063) erklärt – und dies gilt bis heute unangefochten – , „A nemine licet judicare judicio“, niemand, kein Mensch darf sich ein Urteil über die  päpstliche Gewalt erlauben. Die Verweigerung der Gewaltenteilung und das Verbot einer Kritik an seiner Führung bedeutet, dass der Papst der letzte absolutistisch regierende Monarch in der freien westlichen Welt ist. Ist es daher wirklich angebracht sich zu freuen, wenn ein Diktator im freigewählten Bundestag zu einer Rede eingeladen wird? Selbstverständlich muss in einer Demokratie die Redefreiheit gewahrt werden, aber eine solche Einladung  setzt doch das Einverständnis mit seinem politischen wie religiösen Konzept voraus. Wäre nicht ein Protest angebracht? Der Kabarettist M. Richling sagte, dass er immer gerne die  Papstreden höre, denn so wisse er wie Menschen vor 500 Jahren gedacht haben. So weit hergebracht ist dies nicht, denn Benedikt XVI. fördert die mittelalterliche Teufelsaustreibung und meint, dass es auch in Deutschland in jeder Diözese einen Priester als Exorzist geben müsse. Unter Johannes Paul II. fanden ca. 30.000 Teufelsaustreibungen  statt. Als im Priesterjahr 2010 die sexuellen Missbrauchsfälle zu einem öffentlichen Skandal wurden, erklärte Benedikt XVI., dass dies ein Werk des Teufels sei, der das strahlende Bild der zölibatären Priester  verdunkeln wollte.  Er selbst hatte das Vertuschungssystem, das jetzt aufflog, nicht nur in Gang gesetzt, sondern noch forciert, indem er als Präfekt der Glaubenskongregation 2001 ( in der „Epistola de delictis gravioribus“)  erklärte, dass alle Missbrauchsfälle unter (das „Secretum Pontificum“) die päpstliche Geheimhaltung  fallen. In den „Normae de gravioribus delictis“ vom 21.5.2010, wie im Rundschreiben der Glaubenskongregation vom 3.5.2011 wird nochmal eingeschärft, dass jeder Bischof den Missbrauch durch einen Kleriker dem Apostolischen Stuhl zu melden hat, „der darüber entscheidet, wie weiter vorzugehen ist“. Ihm sind also die Hände gebunden. Eine allgemeine  staatliche Anzeigepflicht  entfällt, wenn auch eine Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen empfohlen wird („pro bono Ecclesiae“ ist vorzugehen). Die ganze Klage über den öffentlichen Skandal besteht darin, dass die Täter der „Glaubwürdigkeit der Kirche“ schwer geschadet haben. Die primäre Sorge gilt dem Ansehen der bestehenden hierarchischen Institution und nicht den Opfern. Ein Schuldbekenntnis des Papstes wegen der Vertuschungspraxis sucht man vergebens, ebenso die Frage, ob nicht die Reformunwilligkeit, ja  Unfähigkeit der Hierarchie eine Mitschuld trägt. Das Vertrauen in die Träger der hierarchischen Struktur der Kirche, ist daher radikal gesunken. Der Vertrauenswert der Priester beträgt nur noch 39%, während z.B. Ärzte 85% und Feuerwehrleute sogar 95% verbuchen können (freilich die Politiker mit 7% der Vertrauenswürdigkeit stehen an letzter Stelle). Wenn heute nur noch 13% der Katholiken Deutschlands  für das Zölibatsgesetz  sind, zeugt dies davon, wie groß die Kluft  zwischen Papst und Kirchenvolk  ist. Ein Rundfunkpfarrer (Michael Broch) meinte: „Wenn das so weiter geht, fährt Papst Benedikt die Kirche an die Wand“. Er wurde daraufhin sofort entlassen. Wie sehr rückwärtsgewandt Benedikt XVI. denkt, zeigt sich auch darin, dass er das faschistoide „Opus Dei“ überall fördert, ebenso wie die „Legionäre Christi“, die der Kinderschänder M. Maciel, der Freund Johannes Paul II. gegründet und die sich als Kampftruppe gegen die Befreiungstheologie erwiesen hat.

 Nun  kann aber der „gelehrte Autist“, wie  Küng den Papst nennt, auch sehr schöne Sätze, wie z.B. bei seinen ersten Besuch in Deutschland beim Weltjugendtag 2005 in Köln, formulieren: „Die Kirche ist keine Kirche der Gebote und Verbote, sondern der Liebe“. Im gleichen Atemzug ließ er aber bei der Messe ansagen, dass die evangelischen Christen die Eucharistie  nicht empfangen dürfen. Die Praxis widerspricht  der theoretischen Schönrede. Auf die Wünsche und Forderungen der Christen geht er  nicht ein,  jeden Dialog mit Reformgruppen verweigert er und fordert stattdessen gehorsame Unterwerfung . Als im April 2011 der australische Bischof William Morris vorschlug, verheiratete Männer und Frauen zu weihen und Priester, die geheiratet haben, wieder einzustellen, wurde er sofort durch Benedikt XVI. seines Amtes enthoben. Bei seinem zweiten Besuch in Deutschland, in seiner Regensburger Rede 2006, die wegen seiner Islamkritik viel Beachtung gefunden hat, erklärte Papst Benedikt XVI. rigoros: „Das subjektive Gewissen ist keine letzte ethische Instanz“, denn es muss sich am Lehramt der Kirche orientieren, das die verlässliche Wahrheit verkündet. Wenn  Ratzinger  1990 behauptete, die Verurteilung Galileis sei gerecht und fair gewesen, kann man nur den Kopf schütteln. An seiner intellektuellen Redlichkeit lässt sich zweifeln, wenn er in Lateinamerika erklärte, die Indios seien nicht mit Gewalt bekehrt worden, sondern hätten sich nach Jesus Christus gesehnt. Aufs Schärfste verurteilt er den sog. modernen Relativismus, denn nur das kirchliche Lehramt ist der Ort der Wahrheit. Ein entscheidendes Beispiel ist sein Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche von 2005, das als seine Regierungserklärung anzusehen ist.  In diesem Kompendium ist die gesamte moderne Theologie ausgeblendet und selbst das 2. Vatikanische Konzil wird nur erwähnt, wenn es alte traditionelle Formeln verwendet. Mit der biblischen Botschaft hat dies kaum etwas zu tun. So ist es nicht verwunderlich, dass gerade unter Benedikt XVI. der Reformstau in der Kirche besonders stark empfunden wird. Dagegen gilt das Wort Guiseppe Tomasi Lampedusa: Wenn wir wollen, dass alles so bleibt wie es ist, müssen wir alles verändern! Leben gibt es nur in Veränderung, verharren im Althergebrachten ist Totenstarre. Ich meine, dass auf die Kirche das Bild eines vergifteten Flusses passt, der dringend einer Kläranlage bedarf, damit die Menschen, die daraus trinken, nicht verseucht werden. 

Auf drei großen Gebieten zeigt sich die Notwendigkeit einer Kläranlage: 1. bei den Strukturen der Kirche; 2. bei der Morallehre;  und 3. bei der Theologie.

 

1.  Die Strukturen der Kirche

Die grundlegende Vergiftungserscheinung ist die heute bestehende Verfassung der Kirche. Sie ist absolutistisch, monarchisch und lässt keine Beteiligung der gläubigen Christen an den Entscheidungen zu. Für jede Diktatur – auch heute noch – ist diese Grundhaltung wesentlich. Der neutestamentlichen Glaubensgemeinschaft ist diese fremd. Sie war geprägt von Geschwisterlichkeit und die Wahl für ein Amt vollzog die ganze Gemeinde.  Am Ende des 2. Jh. begann sich eine Entwicklung anzubahnen, die  den staatlichen Strukturen entsprach. Der verzweifelte Protest Tertullians (Anfang 3. Jh.) und vieler anderer hat nichts genützt, so dass er zur Aussage veranlasst wurde: Numquam ecclesia reformabitur, eine solche Kirche wird in Zukunft reformunfähig sein. Papst Leo der Große (450 n. Chr.) war der erste, der sich als Pontifex Maximus und Nachfolger kaiserlicher Gewalt verstand und erstmals den Jurisdiktionsprimat einforderte. Aber  erst im 11. Jh. beanspruchte der Papst alle Rechte, so dass das römische System geschaffen war. Innozenz III. (1198-1216) bezeichnete sich als „Stellvertreter Christi“ und damit zugleich als Stellvertreter Gottes auf Erden. Schließlich definierte Bonifaz VIII. in der Bulle „Unam sanctam“ (1302; D 875) „dass es für jedes menschliche Geschöpf unbedingt notwendig zum Heil ist, dem Römischen Papst unterworfen zu sein“. Als Vorbild dienten nicht nur die vergöttlichten römischen Kaiser, sondern alle absolutistisch regierenden Monarchen, die ihren Herrschaftsanspruch nicht vom Volk, sondern von „Gottes Gnaden“ herleiteten. Papst Leo XIII. (1901 in seiner Enzyklika „Graves de communi“ ) erklärte, dass eine Volkssouveränität mit den christlichen Grundsätzen nicht zu vereinbaren sei. Allein sozial-caritative Tätigkeiten dürften demokratisch geregelt werden. Noch schärfer distanzierte sich Pius X. von einer demokratischen Staatsform. Erst 1945 in einer Ansprache an die Rota Romana gestand Pius XII. unter dem Druck der Staaten diesen demokratische Strukturen zu. Erstmals entfaltete er die grundlegende Verschiedenheit der Autoritätsstruktur von Staat und Kirche. Galt bisher: Papst und Kaiser sind von „Gottes Gnaden“, so heißt es jetzt: die staatliche Autorität steigt von unten nach oben, ist also von „Volkes Gnaden“. Ganz anders verhalte es sich jedoch bei der kirchlichen Autorität. Sie ist von Gott selbst durch Jesus Christus begründet, also ausschließlich göttlich legitimiert und steigt vom Papst über die Bischöfe und Priester zum gläubigen Volk, den Laien, herab. Diese göttliche Autorität der Institution Kirche betont Benedikt XVI. stets vehement von neuem. Die bestehende Kirchenstruktur bezeichnete schon vor Jahren Karl Rahner hingegen als eine „winterliche Kirche“, die sich einhüllt und abschottet. Wer die kirchliche Hierarchie auf eine göttliche Autorität zurückführt, leitet Zyankali in den Fluss Kirche ein. Für Benedikt XVI. sind demokratische Tendenzen in der Kirche die Gefahr des sog. „Relativismus“. Altbundeskanzler H. Schmidt meint dazu, Benedikt XVI. ist „gefährlich dogmatisch“. In der Demokratie hingegen drückt sich der Respekt vor dem konkreten Menschen aus. Ein absolutistisches System schließt alles aus, was sich nicht seiner Herrschaft bedingungslos unterwirft. Nicht umsonst fordert die Kath. Kirche bis heute blinden Kadavergehorsam. Seit 1983 ist im Motu proprio „Ad tuendam fidem“ durch Johannes Paul II. auf Betreiben Ratzingers, festgelegt, dass jeder, der in der Kirche mit der „Glaubensverkündigung“ Beauftragte, schwören muss: „Mit festem Glauben glaube ich all das, was … von der Kirche … zu glauben vorgelegt wird“ … „Außerdem hänge ich mit religiösem Gehorsam des Willens und des Verstandes den Lehren an, die der Papst oder das Kollegium der Bischöfe … darlegen, auch wenn sie diese nicht als definitiv verkünden wollen“. Der kirchlichen Autorität wird ein Freibrief ausgestellt: Was immer sie sagen, ich unterwerfe mich total mit Wille und Verstand. Das geht noch über die Aussage Ignatius von Loyola, nachdem er das Inquisitionsgefängnis und die Gehirnwäsche am eigenen Leib erlebt hatte, hinaus: „Wir müssen, um in allem das Rechte zu treffen, immer festhalten: ich glaube, dass das Weiße, das ich sehe, schwarz ist, wenn die Hierarchische Kirche es so definiert.“ (Exerzitien, 365). Dagegen sagt Hannah Arendt richtig: „Niemand hat das Recht zu gehorchen“. Dass eine autoritäre Kirche für Menschen gefährlich werden kann, sah selbst J. Ratzinger noch 1993 ein, indem er das Problem der Papstkirche verdeutlicht: „Monokratie, Alleinherrschaft einer Person ist immer gefährlich. Selbst wenn die betreffende Person aus hoher sittlicher Verantwortung heraus handelt, kann sie sich in Einseitigkeit verlieren und erstarren“ (Wesen und Auftrag der Theologie, Freiburg i. Br., 75). Besser kann man kaum das Papsttum kritisieren. Leider hört Benedikt XVI. nicht auf seine eigene Warnung und praktiziert die Monokratie, die Alleinherrschaft, in radikalster Form. Er vertritt eine Obrigkeitskirche, die einen exklusiven Wahrheitsanspruch fordert und durch göttliche Autorität sanktioniert ist. In ihrer Struktur bedarf sie daher keinerlei Reform. Darin zeigt sich folgerichtig auch die Unfähigkeit zu einem sowohl innerkirchlichen Dialog wie eine Gesprächsbereitschaft mit anderen Kirchen, Religionen oder humanistisch-säkularen Gemeinschaften oder Staaten. Der Dialog mit anderen christlichen Kirchen wurde empfindlich gestört, nachdem im Jahr 2000 die Glaubenskongregation das Schreiben „Dominus  Jesus“  veröffentlicht hatte. Allen anderen christlichen Kirchen (ausgenommen die Orthodoxen Kirchen)  wurde das Kirchesein abgesprochen. „Jesus … hat nicht eine bloße Gemeinschaft von Gläubigen gestiftet“, sondern er hat die hierarchische Struktur grundgelegt. Die Katholische Kirche ist die einzige Kirche Christi, sonst gibt es nur „kirchliche Elemente“. Die Hierarchie, d.h. die „Heilige Herrschaft“, wird als Wille Jesu dargestellt und ist damit „von Gottes Gnaden“. 2007 hat Benedikt XVI. die Aussagen nochmals verschärft („Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“). Da Luther selbst bis heute exkommuniziert ist, ist es selbstverständlich, dass eine Gemeinschaft, die sich auf ihn bezieht, niemals ein gleichberechtigter Gesprächspartner sein kann. Daher gibt es keine Möglichkeit einer Kirchengemeinschaft, sondern nur einen Rückkehrökumenismus. So startete der Papst „Heimholungsversuche“. Die Exkommunikation der Bischöfe der Pius-Bruderschaft wurde aufgehoben. Den konservativen anglikanischen Geistlichen wurde angeboten, dass sie, wenn sie sich dem Papst unterwerfen, ihre Ehe und ihr Priesteramt weiterführen dürfen. Der Orthodoxen Kirche (die Exkommunikation hatte Paul VI. 1965 aufgehoben) sollte die Rückkehr dadurch ermöglicht werden, dass sie nur die Konzilsbeschlüsse akzeptieren müsse, an denen ihre Kirche teilgenommen hat. Immer aber unter der Voraussetzung, dass sie dem Papst den Jurisdiktionsprimat nicht verweigern. Auch gegenüber anderen Religionen zeigt sich kaum eine Offenheit. Zwar werden seit dem 2. Vatikanischen Konzil diese nicht mehr in Bausch und Bogen verteufelt, sondern die Kirche erklärt, dass sie alles anerkennt, was „wahr und gut“ an ihnen ist. Was aber „wahr und gut“ ist, bestimmt natürlich die Hierarchie der Katholischen Kirche. Auch dies ist ein klares Zeichen der Verweigerung des Dialogs auf gleicher Ebene. Gleiches gilt auch für die humanen Werte in der Gesellschaft, den Menschenrechten. Noch Pius XII. verurteilte die Menschenrechte, die er als Irrweg der Französischen Revolution ansah. Zum ersten Mal erkannte Papst Johannes XXIII. 1963 in der Enzyklika „Pacem in terris“ die Menschenrechte an. Aber bis heute weigert sich der Vatikan die Europäische Menschenrechtserklärung (1950) wie -konvention (1953) zu unterzeichnen. Das Kirchenrecht müsste von Grund auf geändert werden. In ihm gibt es keine Gewaltenteilung, keine Grundrechte der Frauen, kein Anteil des Volkes an den Entscheidungen usw. Die Kirche versteht sich auch  als vom Grundgesetz  unabhängig.  Sie ist eine „Societas perfecta“ und d.h. gleichsam ein Staat im Staat. Wenn nun die kirchliche Gesetzgebung nicht an das staatliche Gesetz gebunden ist, warum nicht auch die „Scharia“, die der Islam als göttliches Gesetz ansieht. So ist es überaus bedauerlich, dass die Religionsgemeinschaften aus dem Mitbestimmungsgesetz ausgenommen werden (§ 118 Abs. 1; 2BetrVG u.a.m.), weil sie sog. Tendenzunternehmen sind. Das Selbstbestimmungsrecht der organisierten Kirchen gehöre zur freien Religionsausübung (Art. 140 GG). Daher besitzen die Kirchen eine eigene Betriebsverfassung. Die Konsequenzen sind überaus weitreichend. So hat z.B. ein suspendierter Priester keine Gehaltsansprüche, anders bei pädophilen Priestern, deren Unterhalt sicherzustellen ist (Rundschreiben 3.5.2011). Nonnen wie Majella Lenzen, die Jahrzehnte der Kirche treu gedient hat, sich jedoch wegen der AIDS-Gefahr in Afrika an einer Kondomverteilung beteiligt hatte, wurde zur Hartz-VI-Empfängerin, da die kirchliche Behörde in keine Rentenversicherung einzahlt. Und wenn ein Chorleiter (Bernhard Schüth, Essen) entlassen wird, weil er ein zweites Mal geheiratet hat, und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Entlassung als rechtswidrig erklärte (Strasbourg 24.9.2010), so schert dieses Urteil die Kirchenleitung nicht im Geringsten, weil sie ihr „Rechtssystem“ für übergeordnet hält. Wenn Religionsgemeinschaften in ihren Reihen freies Spiel haben, ihren Mitgliedern keine Mitbestimmung zugestehen müssen, Menschenrechte nach ihrem Gutdünken auslegen und diktatorisch vorgehen können, dann ist die Gefahr für die Gesellschaft nicht zu unterschätzen. Der Staat hat den Auftrag für Solidarität und Humanität zu sorgen. Er muss diese auch von den Religionsgemeinschaften einfordern und auf die Einhaltung der Menschenrechte bestehen, zumal er die Kirchen nicht nur durch den Einzug der Kirchensteuern fördert, sondern auch noch Unsummen von Steuergeldern (auch von Atheisten) zu ihrer Unterstützung verwendet. Jede Religion ist dem § 1 des Grundgesetzes unterzuordnen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Keine Religion darf ein Freiraum für Unmenschlichkeiten sein. Hat aber die Hierarchie die „unmittelbare Gewalt“ von Gott, wie man im Schreiben der Glaubenskongregation über die Kirche als communio (1992, III, 13) liest, dann sind alle  diese Überlegungen Makulatur. Kehren wir nun zu unserem Bild zurück: Wie lässt sich die Kirche zu einem lebendigen Fluss umgestalten, aus dem man trinken kann, ohne selbst krank oder gar vergiftet zu werden? Das 2. Vatikanische Konzil war ein Versuch, eine Kläranlage zu installieren. Der entscheidende  Grund des Reformstaus in der Kirche ist nicht so sehr die persönliche Einstellung eines Papstes oder die Machtträume von Hierarchen, sondern die Idee, dass sich die Institution der Kirche  auf eine göttliche Autorität berufen kann, dass sie „von Gottes Gnaden“ eingesetzt ist. Nun zeigte das 2. Vatikanische Konzil vorsichtige Ansätze eines Paradigmenwechsels. Es hat die Göttlichkeit der hierarchischen Kirchenstruktur in Frage gestellt und in der Kirchenkonstitution (LG Kap. 8) erklärt, dass die Hierarchie in der Kirche kein göttliches, sondern ein menschliches  Element ist. Ist es menschlich, dann ist es nicht unveränderlich und der Kritik nicht mehr entzogen. Das meinte Johannes XXIII. mit dem „aggiornamento“ der Kirche. Keine institutionelle Stellung,  kein Amt garantiert die Wahrheit. Selbst der Papst kann vom Glauben abfallen. Institutionelle Elemente haben eine sozial-strukturierende Ordnungsfunktion und gehören nicht zum Wesen der Kirche. 1991 warnte J. Ratzinger treffend: „Kirchliche Institutionen drohen sich als wesentlich auszugeben, und sie verstellen so den Blick zum wirklich Wesentlichen. Darum müssen sie immer wieder wie überflüssig gewordene Gerüste abgetragen werden damit … der lebendige Herr sichtbar werde“ (Zur Gemeinschaft berufen, Freiburg, 133, 138). Wenn der Gipsverband zu lange am Bein getragen wird, verkümmern die Muskeln und das Bein kann bis zur Unbrauchbarkeit degenerieren. Institutionen, die sich als göttlich ausgeben, verhindern jede Reform und damit das Leben der Kirche. Die „Entgöttlichung“ der Hierarchie versuchte das 2. Vatikanische Konzil zu initiieren, indem es betonte, dass unter allen Christen in der Kirche eine „wahre Gleichheit“ (vera aequalitas LG 32) herrscht und alle am „allgemeinen Priestertum“ (LG 10) Anteil haben. Den sog. Laien ist nicht nur das Recht auf wohlgemeinte Ratschläge zuzubilligen, sondern die Beteiligung an den Entscheidungen, also eine Mitbestimmung. Damit griff das 2. Vatikanische Konzil Gedanken auf, die  durch Jahrhunderte in der Kirchengeschichte eingefordert wurden. Immer wieder erinnerte man an das Matthäusevangelium: Niemanden sollt ihr Meister, Lehrer oder Hl. Vater nennen, ihr alle nämlich seid Geschwister. Im NT gibt es nicht nur keine Hierarchie in der Kirche, sondern diese wird klar als eine angebliche göttliche Institution abgelehnt. Überall wo Christen Kläranlagen errichten wollten, um die Frohbotschaft Christi von den Entstellungen zu reinigen, wurden sie ausgeschaltet. Ehe das 2. Vatikanische Konzil von der Kirche in Betrieb genommen werden konnte, wurde es vom Tsunami des Fundamentalismus, von der göttlichen Herrschaft des Vatikans zerstört.

Der Reformstau bezieht sich aber nicht nur auf die innerkirchlichen Strukturen, sondern auch auf die Ökumene, die anderen Kirchen. Auch hier versuchte das 2. Vatikanische Konzil Klärarbeit zu leisten. Es erklärte ausdrücklich, dass die Katholische Kirche nicht die einzige „seligmachende“ Kirche ist, sondern dass die evangelischen Christen nicht trotz, sondern wegen der Zugehörigkeit zur Evangelischen Kirche ihr Heil finden können. Sie ist eine Heilsgemeinschaft. Darum hat das Konzil  (LG Kap. 8) ausdrücklich die Identität zwischen Kirche Christi und der Katholischen Kirche abgelehnt. Dadurch wurde der Konfessionalismus  relativiert; auch andere Kirchen mit anderen Strukturen verwirklichen Gottes Willen. Der Heiligen Herrschaft (= Hierarchie) wurde der Heiligenschein genommen, ja die Herrschaft des Menschen über dem Menschen als unchristlich erkannt. Seit 1973 (dem Schreiben: mysterium ecclesiae) wird jedoch immer wieder von Rom eingehämmert: Nur die Römisch-Katholische Kirche, die vom Nachfolger des Petrus geleitet wird, ist die einzig wahre Kirche Christi. Dadurch wird jeder echte Dialog mit den anderen Kirchen unterbunden und der Reformstau wächst.

 

2. Die Morallehre der katholischen Kirche

Aus dem göttlichen Anspruch der Hierarchie folgt, dass sie sich als Hüterin der Moral versteht. Der Forderung Luthers, dass man dem Volk aufs Maul schauen muss, wird nicht nachgekommen. Alle ethischen Anfragen, Probleme und Nöte wurden durch kirchliche Lehrschreiben abgewiesen und mit alten Leerformeln begründet. Das begann bereits 3 Jahre nach Ende des 2. Vatikanischen Konzils, 1968. „Humanae vitae“ lehnte die Selbstbestimmung  der Ehepaare bezüglich der Kinderzahl ab. Johannes Paul II. verschärfte 1980 (in „Dives in misericordia“) die Ablehnung  jeder Geburtenregelung, die nicht „natürlich“ geschieht und stellte die Empfängnisverhütung sogar auf die Stufe der Fruchtabtreibung als eine „Kultur des Todes“. Was „natürlich“ ist, schreibt der Vatikan fest. Das gilt ebenfalls für die IVF, die künstliche Befruchtung. 1987 (im Schreiben „Über die Würde der Fortpflanzung“) wurde sie grundsätzlich abgelehnt und Benedikt XVI. schließt sie kategorisch aus. Daraus folgt, dass einer PID, einer Präimplantationsdiagnostik, jede Basis entzogen ist. Eine Diskussion darüber kann gar nicht zulässig sein, weil die Entstehung  der befruchteten Eizelle durch die IVF (extrauterin) schwer sündhaft ist. Dazu kommt die Behauptung, dass jede solche Zelle bereits eine unsterbliche Seele habe und daher eine menschliche Person sei. Gegen diese rigorose Moralvorstellung  hat  sich bereits Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert gewandt und eine sukzessive Beseelung vertreten. Zuerst gäbe es nur eine vegetative Seele, die von der sensitiven und schließlich von der intellektiven abgelöst wird. Erst im 3. Stadium könne man von einer menschlichen Person sprechen. Thomas von Aquin setzt die geistige, unsterbliche Seele erst im 5. Monat an. Eine ernsthafte, unideologische  Diskussion über die PID ist innerkirchlich nicht möglich, weil zwischen menschlichen Lebensbedingungen und menschlicher Person nicht unterschieden wird. Auf das Verbot der Mitwirkung an der staatlichen Schwangerschaftsberatung ist in diesem Zusammenhang noch hinzuweisen. 

Die Auszehrung der Katholischen Kirche und damit der Ortspfarreien, die zu XXL-Seelsorgeeinheiten umgebaut werden, zeigt sich am sturen Festhalten Roms am Zölibatsgesetz. Wenn 87% der deutschen Katholiken für die Aufhebung dieses Zwangsgesetzes sind, wird klar, wie sehr sich der Vatikan von den Wünschen des Gottesvolkes entfernt hat. Obwohl das Verbot der Priesterehe, gegen heftigsten Widerstand der Kleriker, erst im Jahr 1139 durchgesetzt wurde und sich auf kein göttliches Gebot berufen kann, ist es das Zeichen einer Klerikerkirche, die auf diese Weise den „wesentlichen Unterschied“ zum allgemeinen Priestertum aller Glaubenden betont. Benedikt XVI. rückt von der Zölibatsideologie nicht ab, obwohl er  in der Enzyklika „Deus caritas est“ 2005 schreibt, dass biblisch der einzelne Mensch „gleichsam unvollständig“ ist, so dass „er nur im Miteinander von Mann und Frau ‚ganz‘ wird“ (Nr. 11). Was heißt dies anderes, als dass ein zölibatärer Priester unvollständig, er gleichsam nur ein halber Mensch ist. Die priesterliche Halbheit wird zementiert. Ist nicht Habsucht, Geldgier, Machtstreben und Unterdrückung viel verderblicher für die Hierarchie, als der eigenen Natur zu folgen? Ist nicht gerade in einer echten zwischenmenschlichen Beziehung Gotteserfahrung möglich, wenn sie von Liebe bestimmt ist? Nachdem alle möglichen Argumente für den Zölibat gescheitert waren (wie kultische Reinheit, eschatologische Existenzweise usw.) und nach den Pastoralbriefen in der Bibel jeder Bischof seine Frau haben soll (allerdings nur eine), blieb dem CIC von 1983 nur noch die Behauptung  übrig, dass der ehelose Priester leichter „mit ungeteiltem Herzen Christus anhangen“ könne. Also die Frau raubt das halbe Priesterherz. Sie wird abgewertet und zum Hindernis für das Wirken des Priesters. In Wahrheit steckt hinter diesem verkehrten Gottes- und Menschenbild der Manipulationswille der Hierarchie. Männer, die keinen Rückhalt in einer Partnerin haben, sind leichter mit der sog. „Gehorsamspflicht“ zu unterwerfen. Jedes Amt in der Kirche wird der Frau verweigert, (so 1976 „inter insignores“, 1988 „mulieris dignitatem“, Katechismus von 1993 und schließlich 1994 im Schreiben „Über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe“). Den Ausschluss der Frau stilisierte J. Ratzinger 1995 zu einer unfehlbaren Lehre hoch. Dies geht mit einer weltfremden Sexualfeindlichkeit der monogeschlechtlichen Hierarchie einher, die nach einer Entgiftung verlangt. Hier liegt auch der Grund, warum den geschiedenen Wiederverheirateten die Zulassung zur Eucharistie verweigert wird. Nur wenn sie vollkommen enthaltsam leben, dürfen sie die Kommunion empfangen. Wir sehen wiederum ein weltfremdes Menschenbild am Werk, das Geist und Körper trennt. Den Eheleuten wird eine Bürde  auferlegt, die, wie Jesus von den Pharisäern sagte, diese selbst nicht anrühren. Und bei einer Audienz (Schweizer Fernsehen, 13.5.2011) erläuterte Benedikt, dass eine sexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau nur der Fortpflanzung  dienen darf. Die „Sünde“ – die lustvolle Sexualität – hingegen macht den Körper zum Instrument  „der Unterdrückung und des Verlangens, zu besitzen und auszunutzen“. Kürzlich verstieg sich Benedikt XVI. sogar zur Behauptung, dass Sexualaufklärung in der Schule gegen die Religionsfreiheit verstoße. Ein Umdenken auf diesem Gebiet ist nicht zu erwarten. Zu der heterosexuellen Missachtung der Frau kommt die Verurteilung jeder homosexuellen Beziehung. 1986 schließt Johannes Paul II. und neuerdings die Instruktio Benedikt XVI. auch Männer vom Priesterberuf aus, die ihre homosexuelle NEIGUNG nicht vor der Weihe überwunden haben. Gleichgeschlechtliche Liebe gilt als eine der „schwersten Sünden“, obwohl bekannt ist, dass ca. 10% der Menschen, genetisch bedingt, also natürlich, diese Neigung haben. Wenn die Natur mit Gottes Willen in Verbindung gebracht werden kann, dann könnte eine gleichgeschlechtliche dauerhafte Bindung in Liebe doch auch sein Wille sein. Die Hierarchie aber weiß es besser!

 Wie sie die Selbstbestimmung am Anfang des menschlichen Lebens ablehnt, so auch ein selbstbestimmtes Leben angesichts des Todes. Für den Christen ist selbstverständlich jedes menschlich-personale Leben lebenswert. Keinem Mensch darf die Nächstenliebe, die auch den Feind einschließt, versagt werden. Jede Sterbehilfe  lehnt Benedikt XVI. kategorisch ab. Sie sei ein schwerer Verstoß gegen die Liebe zu Gott, zu sich selbst und zu den Nächsten. Eine Diskussion über diese Frage wird prinzipiell ausgeschlossen. Denn: „Wir dürfen nicht über das eigene Leben verfügen, weil Gott der Eigentümer des Lebens ist“ (Katechismus der Katholischen Kirche 1983, Nr. 2280). Wenn Gott wirklich der Eigentümer des Lebens ist, wie kann dann im selben Katechismus (Nr. 2266) die Todesstrafe bejaht werden? Jesus verurteilt sie aufs schärfste, nicht nur im Fall der Ehebrecherin, die auf Grund eines Gottesgebotes gesteinigt werden sollte, sondern vielmehr grundsätzlich, dass niemand glauben darf, Gott einen Gefallen zu tun, wenn er einen Menschen tötet. Gerade in der heutigen Gesellschaft wäre es dringend notwendig, dass der Botschaft Jesu in diesem Punkt entsprochen würde und der Papst ein klares Wort gegen das staatliche Morden (sei es in den USA, China, Saudi-Arabien usw.) sagt. Aber damit würde er die Institution Kirche selbst verurteilen, die den konkreten Menschen immer zur Ehre der Machtkirche geopfert hat. Kriege, Kreuzzüge, Staatsräson waren immer wichtiger als der einzelne Mensch, den gerade Jesus in den Mittelpunkt seiner Verkündigung gestellt hat. Wo war Gott wirklich alleiniger Herr über Leben und Tod, wenn Ketzer verbrannt wurden? Dürfen nur Kirche und Staat über mein Leben entscheiden? Sind der Krebs, der Herzinfarkt, die Naturkatastrophen allein berechtigt, über mein Leben und Sterben zu bestimmen und nicht ich selbst? Ist ein langsames Siechtum Gottes Wille? Nicht das menschliche selbstbestimmte Leben ist unter jedem Aspekt absolut zu setzen, wohl aber die Würde des Einzelnen. Gerade der Christ weiß, dass die Liebe mehr ist als das physische Leben und dass sie stärker als der Tod ist. Auch wenn das Leben als „Geschenk Gottes“ gesehen wird, ist es nicht absolut unverfügbar. „Gott“ hat unser Leben in unsere Hände gelegt, auch wenn wir nicht willkürlich, sondern in Verantwortung darüber entscheiden können. All das wird in der weltfremden kirchlichen Moral vom Vatikan ausgeschlossen und der konkrete Mensch einem angeblich göttlichen Gesetz geopfert. Für Jesus ist jedes Gesetz für den Menschen da und niemals der Mensch für ein Gesetz. Weit weniger als über den Anfang und das Ende des Lebens wird in der kirchlichen Ethik über Ausbeutung, Unterdrückung und soziale Ausgrenzung von Menschen gesprochen.

Nachdem wir nun den Grund des Reformstaus in der Kirche durch ihren göttlichen Anspruch gesehen haben und infolge dessen eine lebensfremde Moral, ist noch der letzte entscheidende Punkt zu erörtern, die theologische Reformverweigerung.

 

3. Der Reformstau in der Theologie

So häufig sich viele über das diktatorische Machtgebaren Roms und über die kirchliche Ethik aufregen, so wenig wird die Theologie selbst beachtet.  Fast niemand kritisiert das Glaubensbekenntnis, das voller mythischer Vorstellungen ist. Es scheint für das Lebenskonzept  bedeutungslos geworden zu sein. Kard. Kasper allerdings meinte kürzlich, dass man endlich vom Gerede über eine Kirchenreform aufhören sollte, wie es die Initiative „Kirche 2011“ vom März dieses Jahres fordert (250 Theologieprofessoren und unzählige Gläubige haben unterschrieben). Es gibt nach ihm keine Kirchenkrise,  sondern eine Gotteskrise. Kommt aber diese nicht gerade durch eine absolutistische Kirche zustande, die das Selbstverständnis des modernen Menschen nicht respektiert? Ist es eine Lösung, wenn Benedikt XVI. im „Motu proprio“ (Okt. 2010), als Heilmittel  gegen die Gotteskrise das verbindliche Lehramt der Kirche, den Katechismus der Katholischen Kirche und die Volksfrömmigkeit anpreist?

Die sog. modernen bzw. neuen Atheisten, wie z.B. der Biologe Richard Dawkins (Autor des Buches: Der Gotteswahn),  Michael Schmidt-Salomon, (der Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung ) u.a.m. haben leichtes Spiel gegen einen fundamentalistischen Gottesglauben. Sie erklären: Es gibt kein göttliches Wesen. Primär sind die christlichen evangelikalen Kreise und Charismatiker angepeilt, die mit fundamentalistischem Bravour die Bibel wörtlich auslegen und behaupten:  Gott sei ein intelligenter Designer (intelligent design), der ein Schöpfer aller Arten in ihrer Vielfalt ist. Kreationismus statt Evolutionismus  sei die Wahrheit! Wahrscheinlich haben fast alle der halben Milliarde bekennender Atheisten ähnliche Gottesvorstellungen. Zwar hat die Kath. Kirche, nach langem Kampf gegen Darwin, seine Evolutionstheorie  als  dem Glauben nicht widersprechend anerkannt;  im Glauben aber ist festzuhalten, dass alle Menschen nur von einem Menschenpaar abstammen und die Seele  jedes Menschen unmittelbar von Gott bei der Zeugung geschaffen wird. Er ist auch der gerechte Richter, der das Gute belohnt und das Böse bestraft. 2003 erklärte J. Ratzinger, dass ich nicht mehr katholisch sei, weil ich „Gott nicht als eine in sich seiende Wirklichkeit“ anerkenne, sondern ihn als ein Beziehungsgeschehen verstehe. Wird Gott nicht mehr als ein Wesen an sich begriffen, verlöre Europa „jedes Gefüge“ und jede Orientierung.  Darum muss der Gottesbezug in die europäische Verfassung. Schon in den 60iger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat die Gott-ist-tot-Theologie gefordert, dass Kirche und Theologie neu von Gott sprechen lernen müssen, damit sie der moderne Mensch versteht. Für R. Bultmann war die Rede vom Schöpfergott eine mythische Redeweise, denn er wird zur kausalen Begründung der physischen Welt herangezogen. Er wird zum Schöpfer des Urknalls. Die Frage, was war vor dem Urknall ist aber genauso abwegig wie die Frage, was ist nördlich vom Nordpol. Wohl aber kann ich Gott als meinen Schöpfer verstehen, d.h. ich kann die Dankbarkeit für meine Existenz damit ausdrücken. All diese Überlegungen existieren innerkirchlich nicht. J. Ratzinger, wenn er von Gott als einem seienden Wesen spricht, greift nicht einmal die guten Ansätze der mittelalterlichen  Theologie auf. Für Thomas von Aquin ist Gott das Sein selbst (ipsum esse). Gottes ganzes Sein ist liebendes Beziehungssein (relatio subsistens) sonst nichts. Das Neue Testament verkündet (anders als das Alte Testament und der Koran), dass Gott Liebe ist. Zwar wird diese Formel wiederholt gebraucht („Deus caritas est“, Benedikt XVI.), aber gemeint wird, dass Gott ein Liebender sei. Und genau das ist unchristlich, weil er als Liebender eben nicht nur Liebe ist, sondern diese zu einer seiner Eigenschaften neben anderen (Zorn etc.) wird. Ubi caritas et amor, Deus ibi est – wo Liebe herrscht und nur dort, ist Gottes Wirklichkeit gegenwärtig. Gott ist nicht im Zusammenhang von Ursache und Wirkung zu sehen. Dieser gilt für die Naturwissenschaft. Gott ist keine Begründungshypothese. Weil jeder ernsthafte theologische Neuansatz in der Kirche ausdrücklich  abgelehnt wird, hat der Atheismus leichtes Spiel und kann die kirchliche Gottesvorstellung lächerlich machen. So wenig man Zeus heute noch ernst nimmt, so wenig den die Institution Kirche begründenden Gott.

Dies gilt ebenfalls für ein neues Verständnis der Gestalt Jesus von Nazareth. Benedikt  meint, das tiefste Geheimnis der Verkündigung Jesu sei, dass er Gott ist (a.a.O., S. 227). Wer dies nicht annimmt, ist vom christlichen Glauben abgefallen. Wie wir bereits gesehen haben, ist das Wort „Gott“ in seinem Gebrauch äußerst zweideutig. Die Rede von der Gottheit Christi ist als metaphorische zu verstehen, wie etwa der Satz: Du bist mein Goldschatz. Niemand meint, dieser Mensch bestünde aus Gold. Für viele Menschen der Antike war es allerdings selbstverständlich, dass Götter immer wieder in Menschengestalt auf Erden erscheinen, um zu heilen, um auf die Probe zu stellen oder zu bestrafen. Heute kann man dies nur als einen Mythos oder eben als eine Metapher verstehen. In Jesus Christus , der sich mit dem Mitmenschen identifiziert, ist Gotteserfahrung, Erfahrung der Liebe, möglich. Die Kirche trägt dem nicht Rechnung und so verliert auch die befreiende Botschaft Jesu an Wert. Dabei hat die Christologie einen wesentlichen Beitrag zur abendländischen Geschichte geleistet. In Chalkedon (451 n. Chr.) wurde erstmals überhaupt zwischen Natur und Person unterschieden. So wurde in der Folgezeit der einzelne Mensch nicht mehr allein als ein Fall der allgemeinen Menschheit gesehen, sondern als konkrete einmalige Person. Für die Würde des Menschen war dies eine Erkenntnis, die nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Die freie menschliche Person besitzt einen unendlichen Wert und darf nicht zu irgendeinem Ziel missbraucht werden. Leider hat die Kirche diesen theologischen Ansatz nicht ernstgenommen und den konkreten Menschen in seiner Freiheit missachtet. Die Person Jesu Christi ist und war dazu ein Gegenmodell.

Eine dritte wichtige theologische Frage, die die Religionen zu beantworten suchen, ist die des Lebenssinnes. Auch  hier werden dem heutigen Menschen durch die offizielle Kirche nur in mythischen Bildern Antworten geboten. Für die Gerechten, die sich an die kirchlichen Gebote gehalten haben, steht die ewige Freude, die Gottesschau bereit; für die, die sich nicht an Gottes Gebot orientiert haben, steht nur die Hölle offen. Die Höllenangst war durch Jahrhunderte ein Motiv, bestehende Machtstrukturen aufrecht erhalten zu können. Der menschlichen Phantasie der Grausamkeit wird kein Einhalt geboten. Noch krasser sind die Bilder im Koran. Der Ungläubige muss „flüssiges Erz“ trinken und „Kleider aus Feuer“ (Koran, Sure 18,28; 22,20) in alle Ewigkeit tragen. Im Mittelalter (wie auch im Koran) hat man sich sogar zu dem Gedanken verstiegen, dass das Glück der Seligen darin bestehe, die Verworfenen leiden zu sehen. Das ist Sadismus pur. Es ist der Rachegedanke, der Ausgleich für das Unrecht forderte. Gilt für Gott nicht das Gebot der Feindesliebe, das er uns aufgetragen hat? Gibt es etwas Furchtbareres als ein ewiges KZ, das alle irdischen Qualen übersteigt? Solche Gedanken sind heute weitgehend unglaubwürdig geworden. Auch hier ist eine Klärung der Frage nach der Bestimmung des Menschen in der Katholischen Kirche nicht zu erkennen. Sie ist aber entscheidend für Sinn oder Unsinn des Glaubens.  Der Hinweis, dass ein Leben,  das sich nur am Haben, am Besitz, Reichtum und Macht hält, nicht glücken kann, weil die Dimension des Seins missachtet wird und damit Vertrauen, Freundschaft und Liebe als sekundär erscheinen, hat Sinn. Auch heute noch meine ich, könnte gelten, dass Liebe mehr bedeuten kann und soll als das eigene Ich und das gegenständliche Leben. Die erstarrte Dogmatik gibt nicht nur keine Antwort, ja sie fördert  durch die mythologische Redeweise die Meinung, dass mit dem Tod alles vorbei sei.

 

Fassen wir zusammen: Der Reformstau ist Gift für eine sinnvolle Lebensgestaltung . Der christliche Glaube selbst wird unverständlich. Ich habe nur einige Beispiele herausgegriffen, aber etwa der Begriff Gott ist für den Glauben wesentlich.  Wenn Gott keine Bedeutung für mein alltägliches Leben hat, wozu dient er  dann noch? So gilt auch für Jesus Christus: Nur wenn er das Vertrauen erweckt, dass Mitmenschlichkeit und Liebe mächtiger sind als alle Gesetze, Werke, Hab und Gut, Unterdrückung und Machtausübung, kann er Zeichen für ein besseres soziales und menschliches Klima sein. Der Christ hofft, dass Liebe und Treue stärker sind als Hass und Gleichgültigkeit. Dies gilt ebenso für die Frage, welchen Sinn mein Leben hat. Ist die Antwort jenseitsfixiert, dann erhält mein Leben erst einen Sinn in einer anderen Welt. Die kirchliche Lehre leistet einer gegenständlichen jenseitigen Weltvorstellung Vorschub. Ohne Klärung der Fragen nach dem Sinn des Lebens hat die kirchliche Lehre keine Zukunft, da sie entweder zum Fundamentalismus oder zum Unglauben führt. Nicht weniger tragisch ist das Verhalten der Kirche als Sittenwächterin. Eine ungeheure Fixierung auf das geschlechtliche Verhalten ihrer Mitglieder ist zu erkennen, die Körper und Geist trennt. Die soziale Gerechtigkeit hingegen, ein menschenwürdiges Leben in Freiheit ohne unterdrückerische Machtausübung spielt nur eine untergeordnete Rolle. Will die Kirche glaubwürdig werden, muss sie  in ihrer Ethik den konkreten Menschen in den Mittelpunkt stellen und seine persönlichen und sozialen Probleme wirklich ernst nehmen.

Die Reformunwilligkeit der Kirche in Lehre und Ethik hat ihren wesentlichen Grund im Anspruch mit „göttlicher Autorität“ zu sprechen. Helfen kann nur die Ablösung der hierarchisch-monarchischen und diktatorischen Strukturen durch demokratische, z.B. Wahl des Papstes, der Bischöfe und Priester, auf Zeit, durch die Gemeinschaft der Glaubenden. Paulus schon lehrte, dass in Christus nicht der Unterschied zwischen Mann und Frau etc. bestimmend ist, sondern alle das gleiche Recht auf Mitbestimmung haben. Kein Amt ist  „von Gottes Gnaden“, jede Berufung in der Kirche ist ein Charisma, das keine Wertabstufung duldet. Keine Herrschaft des Menschen über den Menschen ist „gottgewollt“. Das demokratische Modell der Mitsprache aller, ist die Kläranlage, die das Gift dem „Fluss des Lebens“ entzieht. Mit der Herrschaftsfreiheit in der Kirche ernst zu machen, würde Vorbildfunktion für jede Gesellschaft haben. So könnte die Kirche die frohe Botschaft Christi verkünden und tätige Liebe im Dasein füreinander verwirklichen. Könnte dann nicht der alte Ruf der Nichtchristen wieder zu hören sein: Seht, wie sie einander lieben? Für  die jetzt bestehende Römisch-Katholische Kirche gilt jedoch die Klage Jesu, wie einst über Jerusalem: „O dass du es doch erkannt hättest, was an diesem deinen Tag dir zum Frieden dient! Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen“ (Lk 19,42).

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© Gotthold Hasenhüttl  

 

 

Jesus von Nazareth Wie sieht ihn Papst Benedikt XVI.?

 

Stellen wir uns vor: Helmut Kohl oder Oskar Lafontaine, Hans Küng oder Eugen Drewermann schreiben ein neues Buch. Im Vorwort erklären sie, dass man über ihr Buch diskutieren dürfe. Würden wir uns nicht an den Kopf greifen und fragen, was bilden sie sich eigentlich ein, haben sie alles Maß verloren, ist es nicht unglaublich, eine solche Erlaubnis zu erteilen? Bei Benedikt XVI. wird gerade diese als besonderer Akt der Demut verstanden und hochgelobt. Diese „gütige Geste“ des Papstes schließt zusätzlich ein, dass selbstverständlich jede Diskussion dann ausgeschlossen ist, wenn er etwas kraft seiner Amtsautorität lehrt. Liegt darin nicht eine Anmaßung? Zugleich ist zu bedenken, dass ein Monat vor Erscheinen seines Jesusbuches der Befreiungstheologie Jon Sobrino S.J. wegen seines Verständnisses von Jesus Christus (Christologie der Befreiung, Mainz 1998), das durchdrungen ist von der „Option für die Armen“ und keine Lehre der Kirche in Frage stellt, verurteilt wurde. Der Grund ist klar: Das Verständnis Jesus von Ratzinger ist das einzige, das Jesus von Nazareth ins richtige Licht des Glaubens rückt. Niemand kann daran zweifeln: sollte ein Theologe das Buch des Papstes kritisieren, kann er sicher sein, nie einen Lehrstuhl zu bekommen. Auch wird sich kaum ein Theologieprofessor wagen, Kritik zu üben, da er sich keine Schwierigkeiten einheimsen will. Sicher mancher denkt ähnlich wie der Papst, auch wenn er sich weniger „fromm“ ausdrückt.

Da es für den Papst selbstverständlich ist, dass keine Dogmenkritik zuzulassen ist, kämpft er von Anfang bis zum Ende des Buches gegen die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung. „Bibelauslegung kann in der Tat zum Instrument des Antichrist werden“ (64). Er erklärt deutlich, dass die Bibelwissenschaft ein „Friedhof von einander sich widersprechenden Hypothesen“ sei (372). Um dies zu untermauern, verweist er auf W. Solowjow (nicht Solowjew wie im Jesusbuch!), der in seiner Erzählung vom Antichrist diesen die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen für seine bibelkritische Arbeit erhalten lässt. Der Papst verbindet damit deutlich einen Angriff auf die Theologische Fakultät dieser Universität; er selbst hat sie 1969 beinahe fluchtartig verlassen, weil ihm die ganze Atmosphäre zu „liberal“ war. Wohl aber gebraucht er selbst die bibelkritische Methode dort, wo sie seien Thesen nützt, so dass der Anschein erweckt wird, sie kann auch akzeptabel sein. Aber dies gilt nur dann, wenn sie durch den Glauben des Lehramtes „gereinigt“ wird. Das Wort „reinigen“ und „Reinigung“ ist ein Lieblingswort des Papstes (z.B. 216, 273 u.a.m.), wie wir es bereits aus einer Enzyklika „Deus Caritas Est“ (25.12.2005) kennen, in der dem Glauben zukommt, die Vernunft zu reinigen, ja „sie (= die katholische Kirche) will schlicht zur Reinigung der Vernunft beitragen“ (Nr. 28; vgl. Nr. 29 u.a.). Ist damit eine Gehirnwäsche gemeint? Wie etwa eine solche „Reinigung“ praktisch aussieht, können wir an der Haltung des Papstes zu den wiederverheirateten Geschiedenen ablesen, die als „schwere Sünder“ gelten und denen die Eucharistie (neben den nichtkatholischen Christen) verweigert wird. Wenn er dies auch nicht ausdrücklich in seinem Jesusbuch erklärt, so dürfen wir seinen Methoden folgen, dass nämlich ein Autor, so wie die Bibel, nur aus dem Gesamtwerk und nicht von einer Einzelaussage her interpretiert werden darf. So besteht auch kein Zweifel, dass die Bibel selbst nur im reinen Licht des Lehramtes, er nennt es „kanonische Exegese“ (18), die allein zur eigentlichen Theologie führt, zu deuten ist. Es fällt auf, wie intensiv der Papst im „Eigentlichkeitsjargon“ spricht, der den Absolutheitsanspruch ausdrückt, denn es gilt, gegen die „Diktatur des Relativismus“ anzukämpfen. Könnte es nicht sein, dass man gerade einer „Diktatur des Absolutismus bzw. Fundamentalismus“ verfällt? Auf jeden Fall gilt: wer Jesus von Nazareth verstehen will, muss die Lehre der Kirche von Nikaia (325 n. Chr.), in päpstlicher Interpretation, annehmen: Jesus von Nazareth ist Gott und die Evangelien sind zuverlässige historische Berichte, die selbstverständlich über diese hinausgehen und nur eines aufzeigen wollen: Jesus wollte uns in seiner Person Gott nahe bringen. Das tiefste Thema der Verkündigung Jesu ist sein eigenes Geheimnis, dass er Gott ist, dass er das Reich Gottes in Person ist (227). Das ist das einzig Entscheidende der Botschaft Jesu (vgl. 18, 20, 31 usw. 369 nochmals in der Weise einer Holzhammermethode eingebläut). Es versteht sich von selbst, wer dies nicht annimmt, ist vom wahren christlichen Glauben abgefallen. Die einzige entscheidende These, dass Jesus Gott ist, wird auf den 407 Seiten entfaltet. Wer so die Bibel liest, sei kein Fundamentalist (65), sondern ein gläubiger Christ. Damit ist bereits jede Diskussion im Keim erstickt und aller Zweifel an der historischen Wahrheit der Bibel wie am kirchlichen Lehramt beseitigt. Auf diesem Fundament, das jeder Bibelkritik entbehrt, das jeden Zweifel an der Lehre der Kirche ausschließt, wird in frommer Sprache das Jesusgeschehen erläutert, dabei spart er nicht mit der Kritik an der deutschen Einheitsübersetzung der Bibel, die er im Begriff ist, endgültig zu sabotieren (110 u.a.).

Folgen wir nun im Einzelnen seinen theologischen Aussagen des Jesusbuches. 

Für den Papst steht fest, dass der Glaube sich unverzichtbar „auf wirklich historisches Geschehen bezieht“ (14). Der Jesus der Evangelien ist der historische Jesus (20, 38 u.a.). Neben der Voraussetzung, dass Jesus Gott ist, erzählt die Bibel alles so, wie es sich historisch zugetragen hat. Weil wir vier sehr unterschiedliche Evangelien haben, muss der Papst zugeben, dass die berichteten Fakten und Reden Jesu keine „Tonbandnachschrift“ (271) sind, dass jedoch der „Inhalt der Reden“ Jesu auch im Johannesevangelium „richtig wiedergegeben“ ist. Die Erinnerung der „geschichtlichen Wirklichkeit“ wird durch das Gedächtnis der Kirche „gereinigt und vertieft“ und so die „banalen Tatsachen“ durch die Führung des Hl. Geistes überschritten (273ff).

Damit wird klar, dass die Historizität wie der theologische Gehalt der Bibel nur durch die katholische kirchliche Tradition und damit durch das Lehramt ausgelegt werden kann und darf. Es ist wohl nicht notwendig, auf die vielen Irrtümer hinzuweisen, die die katholische Kirche in der Bibelinterpretation begangen hat, angefangen von Galilei bis zu den heute noch praktizierten Teufelsaustreibungen, die der Papst auch für Deutschland wichtig hält. Mit der Behauptung der Identität von Evangelienberichten und historischen Tatsachen löscht er mit einem Federstrich die ganze wissenschaftliche Bibelauslegung der letzten Jahrhunderte seit der Aufklärung. Es gibt keinen Diskussionspunkt mit dem Papstbuch darin, dass Jesus Gott, die Kirche die Hüterin dieser Wahrheit und die Bibel das historische Zeugnis göttlichen Wirkens ist. Selbst die Kirchenväter, denen der Papst immer wieder seine Thesen in den Mund legt, erklärten, dass man in der Bibel höchstens von einer „superficies historica“, einer historischen Oberfläche, sprechen könne. Nicht auf objektive Feststellungen kommt es an, sondern auf die Beziehung, die man zu den Geschehnissen eingeht. Im Neuen Testament sind uns keine objektiven Fakten vermittelt, sondern Erfahrungen, die Menschen mit Jesus Christus gemacht haben. Diese Erfahrungen sind es, die uns geschichtlich zugänglich sind und die uns eine Dimension menschlichen Daseins vermitteln wollen, die uns aufatmen lässt, Befreiung schenkt und so offenbar macht, dass es möglich ist, in menschlicher Begegnung Gott zu erfahren. Der Papst hingegen lässt nur eine fundamentalistische Bibelexegese zu und verfällt einem Historismus, der Gnosis ist, die er aber selbst verurteilt. Auf historischen Fakten lässt sich kein Glaube aufbauen, wohl aber auf der Einsicht, dass geschilderte Erfahrungen eine Ebene eröffnen können, die uns Menschen aus der alltäglichen Vergegenständlichung herausreißen und eine Wirklichkeit vermittelt, die Gott zur Sprache bringt. So wie es grundsätzlich keine Bedeutung für den christlichen Glauben hat, ob Adam und Eva, Abraham oder Hiob gelebt haben, so gilt dies auch für den „neuen Adam“  und all den damit zusammenhängenden Vorstellungsbildern. Nicht „Gnosis“ also, auch nicht als angebliche „historische Tatsächlichkeiten“, sondern Glaube, der im Dialog mit den biblischen Erfahrungen steht und so volles Menschsein erschließen kann, soll verkündet werden. Für den Papst hat dies alles jedoch keine Bedeutung. Darum geht es ihm, nachdem er weiß, dass sich alles historisch zugetragen hat wie erzählt, nachzuweisen, dass Jesus Gott war und ist, denn nur ein „Gott“ kann handeln wie er. Während Moses nur den „Rücken“ Gottes gesehen hat, sieht Jesus „unmittelbar Gottes Angesicht“ (30). Seine Lehre hat er vom Vater und lebt „in innigster Einheit“ (31) mit ihm. Gott greift in Jesus in die Geschichte ein (64), er ist „der lebendige Gott“ (77). Facettenreich spricht der Papst davon, was Jesus alles ist. Er ist die Herrschaft Gottes (85), er ist in Person das Reich Gottes (89), seine ganze Verkündigung ist Christologie (92). Die Seligpreisungen sind „das Geheimnis Christi selbst“ (104). Jesus ist das Wort Gottes selbst, er ist die Tora, das Gottesgesetz in Person (143, 278). Das alttestamentliche Gesetz hebt er daher keineswegs auf, sondern er überschreitet es ins Universale (95). Jesus hat Gott zu allen Völkern gebracht (149). Das Gebet ist für Jesus zentral (166), da es seine Einheit mit dem Vater zum Ausdruck bringt. Jesus ist selbst „im tiefsten und eigentlichsten Sinn, der Himmel“ (184). Er ist kein Mythos (316), sondern persongewordenes Gesetz Gottes (312). Immer wieder wiederholt der Papst, dass Jesus Gott ist (297, 310, 369,383, 395 u.a.m.). Dies erweckt den Eindruck, dass er uns mit allen Mitteln einpeitschen will, dass wir endlich glauben sollen, dass Gott als Jesus Christus zu uns spricht. Die logische Folge aus dieser dogmatischen Aussage ist, dass Jesus von Nazareth nichts anderes wollte, als dass wir an Gott glauben, dass wir ihn als Gott bekennen. Wann geschieht dies authentisch? Wenn wir zur „neuen Familie Jesu“ (153, 337) gehören, d.h. zur Kirche. In ihr wird uns das „Kennen“ Jesu vermittelt. Selbstverständlich ist daher Mt 16,18 kein nachösterliches Wort (350); wer das behauptet, befindet sich auf dem „Holzweg“. Petrus bekennt vielmehr Jesus als Gott. So ist die Kirche der Ort, „wo das Reich Gottes kommt“ (120). Sie ist im Besitz des „rechten Bekenntnisses“ (346) und Petrus ist der Garant der Communio (343), der Gemeinschaft. Er hat diesen besonderen Auftrag. „Dieser Primat ist wirklich durch die ganze Breite der Überlieferung ... belegt“(344). Die Kirche ist so vom „Geist der Wahrheit“ (273) erfüllt und die „Erinnerung“ der Kirche überschreitet menschliches Verstehen und Wissen, denn sie ist geführt vom Hl. Geist, der „‚in die ganze Wahrheit’ führt“ (276). So ist Jesus Gott und der Papst vertritt ihn auf Erden. Man ist sprachlos über diese unter frommen Worten versteckte Unverfrorenheit, jede theologische Reflexion und Wissenschaft beiseite zu schieben und eine Ideologie als „historische“ Wahrheit zu erklären. Hier muss man es mit dem Kabarettisten M. Richling halten, der meint, dass er immer gern dem Papst zuhört, da er bei ihm erfährt, wie Menschen vor 500 Jahren gedacht haben. Ja manchmal sind es sogar 1500 Jahre. Denn zum ersten Mal in der Geschichte hat Papst Leo I. im 5. Jh. Seinen Herrschaftsanspruch mit Mt 16,16ff begründet. Vorher hat kein Bischof von Rom die Bibel in dieser Weise für seine Machtinteressen missbraucht. Jeder Exeget sieht in diesem Bibelwort eine nachösterliche Gemeindebildung, zumal nur Mt 16,18 und 18,17 das Wort „Kirche“ Jesus in den Mund legen. Kirche hat sich erst nach Ostern langsam, ohne bereits eine Religionsgemeinschaft zu sein, gebildet, die schließlich, entsprechend der damaligen politischen Strukturen, absolutistisch-monarchische Züge annahm. Glaubensgemeinschaft und Kirche Christi sind jedoch nicht einfach mit der katholischen Kircheninstitution identisch. Als Ganze kann sie, sagt hingegen der Papst, nicht von Jesus abfallen, wohl ist dies für eine „Teilkirche“ (301) möglich. Ob er dabei an die „Orthodoxe Kirche“ dachte, da er ja die evangelischen Kirchen überhaupt nicht als Kirchen anerkennt (vgl. „Dominus Jesus“) und sie als „aus der Reformation hervorgegangene Gemeinschaften“ (Sacramentum caritatis [13.2.2007] Nr. 15) bezeichnet? Der Papst projiziert seine Ansichten in das Neue Testament und liest sie dann aus diesem wieder heraus. So geschieht es auch mit der Gottheit Jesu. Jesus wird im Neuen Testament als Messias und Sohn bzw. Sohn Gottes bezeichnet, aber nie direkt als Gott im Sinne eines Seienden, eines Wesens, das Gott ist. Jesus selbst spricht ganz selten von Gott, was er verkündet, ist das Reich, der Bereich Gottes, der unter uns Menschen gegenwärtig werden soll und den Bereich des Bösen, „Dämonischen“, vertreibt. Es geht gerade nicht darum, zu erweisen, dass Jesus Gott ist, sondern, dass wir in seiner Nähe Gotteserfahrung machen, wenn wir einander lieben. Und wenn Jesus vom Vater spricht, soll kein göttliches Wesen zur Sprache kommen, sondern Gott soll für uns zu einer väterlichen, d.h. liebenden Beziehung werden, aus der wir leben können. So sollen wir auch Gottes Wirklichkeit als väterliche Wirklichkeit sehen. Das „Vater unser“ meint dies. Vater ist ein reiner Beziehungsbegriff und will gerade die Vorstellungen Gottes als einem Seienden überwinden. Der Papst hingegen sieht gerade darin „Gottlosigkeit“, wie ja auch die Pharisäer Jesus der Gotteslästerung bezichtigten. Wohl aber will uns das Neue Testament vermitteln, dass wir im Menschen Jesus Gotteserfahrung machen können. Mit Jesus als einem Gottwesen hat dies nichts zu tun. Thomas kann den Auferstandenen als „Mein Herr und mein Gott“ bezeichnen, – nicht nur um Kaiser Domitians Anspruch zu negieren – weil er als Glaubender in Jesus Christus Gotteserfahrung macht, letzten Sinn des Leben erkennt. Selbst bei den johanneischen „Ich bin“-Formeln, die der Papst zu Theophanien (403) erklärt – jedem Exegeten sträuben sich die Haare und keiner würde eine solche Behauptung bei einem Studenten des ersten Semesters durchgehen lassen – handelt es sich darum, die Gesetzesreligion in Schranken zu weisen und die neue Möglichkeit zu eröffnen, als befreiter Mensch in dieser Befreiungserfahrung letzten Sinn, d.h. ein göttliches Ereignis zu sehen. Mit einem „Eingreifen“ Gottes in die Geschichte oder einem Gottwesen, das auf Erden wandelt, hat das nichts zu tun. Auch ist Jesus nicht die „Erfüllung“ des Gesetzes, der Tora, sondern Befreier gegenüber aller Gesetzlichkeit, an der der Papst festhält. Dagegen schreibt Paulus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1). Neben dem Thema der „verlässlichen Historizität“ und dem Hauptanliegen, Jesus als Gott zu erweisen, ist der dritte große Fragenkomplex: Was ergibt sich für uns daraus? Wenn Jesus also nichts anderes wollte, als sich als Gott zu erweisen und d.h. uns Gott zu bringen, dann gilt es für uns ebenfalls, nur Gott in der Gestalt Jesu den Menschen zu verkünden. Alles Böse in der Welt kommt daher für den Papst aus der „Gottvergessenheit“ der Menschen. Gott muss als die allein bestimmende Wirklichkeit anerkannt werden. Weil das nicht geschieht, hat die Entwicklungshilfe des Westens die 3. Welt erst zur 3. Welt gemacht (62). Das Böse tritt hier im Mantel des Guten auf, nämlich „der Verbesserung der Welt“ (57). Das aber ist teuflische Versuchung. Der Gehorsam gegenüber Gott ist allein entscheidend (63). Eine „heile Welt“ ist „Betrug Satans“ (73). Jesus hat nicht Weltfrieden, nicht Wohlstand, nicht eine bessere Welt, sondern Gott gebracht. Die Bergpredigt ist kein Sozialprogramm (107, 146). Nur durch den Glauben (Gott-Jesus) kommt soziale Gerechtigkeit. Die Landverheißung Israels meint die Freiheit zur Anbetung Gottes, meint Gehorsam und den Anspruch Gottes auf die Erde (113). In der Predigt Jesu fehlt die „Sozialdimension“ (151). Nur die „Gotteswürde“ garantiert die „Menschenwürde“ (160). Alle Güte und menschliche Liebe ist bedingt und abgeleitet von der Gottesliebe. Daher müssen wir das Evangelium zu den Heiden bringen, denn nur so werden sie von der „Dämonenfrucht“ befreit und das Christentum wird die Stammesreligionen und natürlich auch alle anderen ablösen, wobei bewahrt wird, was gut an ihnen ist (210). Was aber „gut“ ist, bestimmt der Papst. Hier kommt wieder klar der Alleinvertretungsanspruch des Christentums in der Gestalt der katholischen Kirche zum Ausdruck (123). Für den Papst ist es grundlegend falsch, „dass jeder seine Religion leben solle“ (122). Ja, er verhöhnt die anderen Religionen, indem er all ihre „schlechten Seiten“ aufzählt. Nur der christliche Glaube „‚rationalisiert’ wirklich die Welt“ (211). Die „Vernunft Gottes“ (213) wird durch ihn wirksam. Wir Europäer haben nach Afrika eine Welt ohne Gott gebracht und daher den Kontinent ausgeplündert (238). Aber: Hat die Kirche nicht dabei fest mitgeholfen? Ist in einem Menschen, der nicht an den christlichen Gott, wie der Papst sich ihn vorstellt, glaubt, wirklich nur Böses? Selbst Thomas von Aquin meinte, dass ein Mensch dem Anderen Gutes tun kann, auch wenn er Atheist ist. Die im Jesusbuch ständig aufgezeigte Alternative: hier der Glaube – nur Gutes und dort der Unglaube – nur Schlechtes ist eine falsche Alternative, die freilich auf Augustinus zurückgeht, der alle Nichtchristen zur „massa damnata“ – zum verfluchten Mob erklärte. Mit Andersdenkenden, nicht Linientreuen auf diese Weise umzugehen, zeugt gerade nicht von besonderer Nächstenliebe. So bezeichnet auch der Papst alle Autonomiebestrebungen als „neuzeitliche Rebellion gegen Gott“ (244). Alles soziale Engagement wird heruntergebuttert, da Arme genauso habgierig sein können wie die Reichen. Den Nächsten sollen wir nur „um Gottes Willen“ lieben! Wo bleibt Mt 25, die Gerichtszene? Sicher sollen wir Almosen geben, meint der Papst, aber bitte keine Strukturreformen, denn so greifen wir in Gottes Pläne ein. Nur von Gott her kann der Mensch „die Erde sinnvoll gestalten“ (324). Daher des Papstes ganze Abneigung gegen die Befreiungstheologie, da sie nicht nur die Armut durch Almosen lindern will, sondern Strukturreformen fordert. Unsere Strukturen in Kirche und Staat sind ungerecht. Davon will der Papst nichts wissen und so wird auch seine Jesusgestalt für die Reichen und Mächtigen völlig harmlos. Dass Jesus gerade für die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen, für die Aussätzigen, Huren, Zöllner, Samariter, Frauen usw., kurz für alle Deklassierten eingetreten ist, darüber erfahren wir im Jesusbuch kein Wort. Keine Weltveränderung, sondern nur gut sei der Mensch! Daher finden wir nichts z.B. gegen die Todesstrafe, geschweige denn gegen Guantanamo und Ähnliches. Das Jesusbuch des Papstes entspricht seinem von ihm verfassten Kompendium: Katechismus der katholischen Kirche 2005, das er gleichsam als Regierungsprogramm vorgestellt hat. Wir finden uns in beiden Werken in der Neuscholastik des 19. Jh. wieder, in der kein Hauch von Bibelkritik, Sozialkritik und Religionskritik (bezogen auf die christliche Religion) zu finden ist. Weder der historische Jesus noch der lebendige Christus des Glaubens begegnet uns in diesem Jesusbuch, sondern allein Ratzingers Ideologie. Freilich einem unreflektierten Menschen, der einen „Halt“ für seinen Glauben sucht, mag die frömmelnde Sprache hilfreich sein und einen mythischen Gott in Menschengestalt erwecken.

... und führe uns nicht in Versuchung“!

 

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