Mittwoch, 29. Mai 2013

Studie „Bürgerkompetenz Rechnen“: Ergebnisse können Matheunterricht und Verbraucherschutz verbessern

 

Ob es darum geht, wie viel Farbe beim Streichen benötigt wird, Zeitungsgrafiken zu deuten oder Zinserträge zu vergleichen: Die Deutschen rechnen im Alltag zu schlecht. Zu diesem Ergebnis kommt die repräsentative Studie „Bürgerkompetenz Rechnen“, die die Stiftung Rechnen zusammen mit „Die Zeit“ und forsa umgesetzt hat. Gemeinsam mit Professor Ulrich Kortenkamp von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat der Saarbrücker Professor für Mathematik und ihre Didaktik Anselm Lambert die Test-Aufgaben erarbeitet. Bis Herbst 2013 wollen die Forscher alle Daten der Studie wissenschaftlich auswerten. „Die Zeit“ veröffentlicht die Fragen und eine erste Auswertung in ihrer heutigen Ausgabe (29. Mai). In einer Pressekonferenz stellten die Stiftung Rechnen und ihre Partner die Studie heute Vormittag in Berlin vor.

Der Mathematikunterricht hat wesentlichen Einfluss darauf, wie Menschen im Alltag zurechtkommen. Dieses zentrale Ergebnis der Studie über die Rechenfähigkeiten der Bundesbürger ist für den Mathematik-Didaktiker Anselm Lambert eine Bestätigung für die Bedeutung der Schule. „Die erste Auswertung belegt: Wer gute Noten in Mathe hatte, ist auch besser gewappnet, die täglichen Herausforderungen zu meistern. Das zeigt auch, wie wichtig guter Unterricht ist“, sagt Professor Lambert. „Wir wollen die Erkenntnisse der Studie gezielt nutzen, um herauszufinden, was Schule langfristig gesehen besser machen kann, wie wir den Mathematikunterricht weiterentwickeln können. Hierfür gibt die Befragung eindeutige Hinweise“, erklärt er.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Ulrich Kortenkamp von der Universität Halle-Wittenberg zeichnet der Professor der Universität des Saarlandes verantwortlich für die Testaufgaben der Bürgerbefragung. Lambert ist Experte im so genannten Aufgabendesign und beschäftigt sich seit Jahren wissenschaftlich mit diesem Thema. „Wir haben inhaltlich und didaktisch interessante Aufgaben zusammengestellt, die aber bewusst einfach gewählt sind und typische Alltagssituationen aufgreifen“, erklärt Lambert. So wurde etwa gefragt, wie viel 300 Gramm Rinderfilet kosten, wenn für 400 Gramm 32 Euro zu zahlen sind (was 87 Prozent der Befragten richtig beantworten konnten, aber auch jeder fünfte Bürger mit Hauptschulabschluss nicht), oder wie viele Übernachtungen gebucht werden müssen, wenn man vom 23. bis 28. Juli in Urlaub fährt (88 Prozent lagen richtig, d.h. umgekehrt: jeder achte Bürger falsch) oder wie viel es länger dauert, wenn man 240 km nur mit 100 km/h statt mit 120 km/h fährt (nur 28 Prozent).

1027 Teilnehmer im Alter von 18 bis 65 Jahren haben die 30 Aufgaben zu Ende gerechnet. Dabei war kein Zeitlimit gesetzt. Die Probanden gaben eine Vielzahl von Informationen zu ihrer Person an – darunter die letzte Mathenote, der Schulabschluss, Bundesland, Beruf, Anzahl Geschwister. Bis Herbst 2013 werden die Forscher weitere Schlüsse aus den Daten ziehen.

Ein Beispiel, das zur Verbesserung des Unterrichts herangezogen werden kann: Im Osten, wo die Rechenleistungen im Durchschnitt eher schlechter ausfallen als im Westen, konnten mehr Teilnehmer (37 Prozent) beantworten, was mit dem Volumen eines Würfels passiert, wenn dessen Kantenlänge verdoppelt wird (insgesamt sagten 33 Prozent richtig: Sie verachtfacht sich. West: 32 Prozent). „Das kann man darauf zurückführen, dass im Osten beim Unterricht mehr Wert auf Raumgeometrie gelegt wurde“, erläutert Lambert. Weiteres Beispiel: Bei längeren Aufgabentexten steigen zunehmend Teilnehmer aus, obwohl die Lösung einfach ist. „Dies ist ein Hinweis darauf, dass man sich im Mathematikunterricht intensiver mit der Informationsgewinnung aus Aufgabenstellungen befassen sollte“, sagt Lambert.

Gerade diese Erkenntnis ist noch auf anderem Gebiet interessant: dem Verbraucherschutz. Nur 43 Prozent konnten berechnen, wann sich ein teurerer, aber sparsamerer Kühlschrank rentiert hat. „Unsere Ergebnisse liefern Hinweise auch dafür, wie Informationen aufbereitet werden müssen, damit sie beim Verbraucher ankommen. Die Information muss sozusagen kondensiert, auf den Punkt gebracht werden“, sagt Lambert. So können Beispielrechnungen etwa die Verbrauchskosten eines Kühlschranks besser veranschaulichen, als es allein die Kenntnis des Stromverbrauchs und der Stromkosten vermag. Geht auf der Müslipackung demgegenüber die Angabe für Zucker in einer Informationsflut unter, steigt eine Vielzahl der Verbraucher von vornherein aus.

Weitere heraus stechende Ergebnisse der Befragung: „Im Schnitt konnten nur 31 Prozent der Teilnehmer eine typische Zeitungsgrafik richtig deuten. Im Osten lag der Schnitt sogar nur bei 21 Prozent, im Westen bei 33 Prozent“, sagt Lambert. Oder: Bei der Aufgabe ½ + ¼ rechneten nur 70 Prozent richtig. Selbst Teilnehmer mit Abitur bzw. Studium lösten sie zu nur 88 Prozent. Rechnende mit Geschwistern waren im Schnitt beim Bruchrechnen besser.  Und nur die Hälfte aller Bürger kann bestimmen, wie viel Farbe man braucht, um einen bestimmten Raum zu streichen.

Hintergrund:
Der Lehrstuhl für Mathematik und ihre Didaktik von Professor Lambert an der Saar-Uni wurde 2010 mit dem Landespreis Hochschullehre ausgezeichnet. Das CHE-Ranking 2012 bestätigte das besonders gute Angebot des Lehramtsstudiums Mathematik durch erste und Spitzen-Plätze. (ranking.zeit.de). Lambert und sein Lehrstuhl richten das bundesweit größte Fortbildungsangebot für Mathematik-Lehrerinnen und -Lehrer aus (Projekt Kosinus).

Kontakt: Prof. Dr. Anselm Lambert: www.math.uni-sb.de/lehramt/
Telefon +49-(0)681 302 6635/ - 6634; E-Mail: lambert(at)math.uni-sb.de

Weitere Pressemitteilungen zur Befragung „Bürgerkompetenz Rechnen“:
Pressemitteilung der Stiftung Rechnen: www.stiftungrechnen.de/presse
Pressemitteilung der Universität Halle-Wittenberg: www.uni-halle.de
Mitteilung „Die Zeit“: www.zeit.de/vorabmeldungen/neu-in-der-aktuellen-zeit

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