Welchen Beitrag leistet die Literaturwissenschaft zur diskursiven Konstruktion und Deutung Europas? In ihrer Antrittsvorlesung zum Abschluss des Habilitationsverfahrens an der Philosophischen Fakultät reflektiert die Alumna des interdisziplinären Nachwuchskollegs „Europa“ das kognitive und performative Potenzial von Literatur: Sie kann im sozialen Raum reale Resonanzen erzeugen – etwa in Form von Denkwandel, Protest und Solidarität. Dort, wo die Sozialwissenschaften an die Grenzen quantitativer Erfassbarkeit stoßen, erschließt das Literarische die Leerstellen des Diskurses. Literatur artikuliert Schweigen, Verstummen und Unübersetzbarkeit als produktive Ausdrucksformen von Differenz – als jene Unverständlichkeit, die im Identischen fortbesteht. So verweist sie auf ein Universelles, das sich auf allgemeine Ideale und Prinzipien gründet und zugleich einen Raum jenseits von Dominanz- und Herrschaftsverhältnissen eröffnet.
Ausgehend von einer methodologischen Reflexion über die Untrennbarkeit von Theoriebildung und sozialer Praxis werden zeitgenössische Romane von Nobelpreisträger:innen wie J. M. Coetzee, Han Kang und Olga Tokarczuk herangezogen. An ihnen zeigt die Vorlesung, wie Literatur ein Modell des Verstehens entwirft, das nicht auf vollständiger Transparenz beharrt, sondern aporetische Kommunikationssituationen produktiv bearbeitet. In einer Ära, in der KI-Systeme auf unmittelbare Ergebnisse und sofortige Verfügbarkeit ausgerichtet sind, erscheinen Ambiguität und Kommunikationsstörungen oft als systemische Defekte. Demgegenüber fungiert die Weltliteratur als Veto gegen den Zwang zur sofortigen Artikulation. Angesichts einer überhitzten Rhetorik der globalen Öffentlichkeit erweist sich Literatur als ästhetisches Immunsystem der Demokratie: Sie ermöglicht es, fragile Verbindungslinien zu ziehen, im Unbekannten einen gemeinsamen Nenner zu finden und die Vorstellung vom europäischen Erbe durch die Anerkennung wechselseitiger Fremdheit zu erweitern. Die Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft liefert hierfür das Instrumentarium, um solche tief liegenden Schichten und performativen Kräfte freizulegen und für den wissenschaftlichen Diskurs fruchtbar zu machen.
