26 October 2026

"Illustration meets History: Das nachträgliche Bild und die Herausforderung der Leerstelle"

Vortrag von Sarah Gorf-Roloff (freischaffende Illustratorin) im Rahmen der Ringvorlesung der Europäischen Kulturstudien "Un/Sichtbarkeiten"

Die europäische Kulturgeschichte ist voller Leerstellen: Wo materielle Zeugnisse fehlen, Künstler:innen aus dem Kanon fallen, Wissensbestände vergessen oder zerstört und soziale Gruppen ausgeschlossen werden. Doch was nicht sichtbar ist, kann dennoch anwesend sein, denn jene systemischen Un/Sichtbarkeiten werden stets von institutionalisierten Kontrollmechanismen, ordnenden Überwachungsregimes oder (kultur-)politischen Institutionen hergestellt und reguliert. Umgekehrt sind es wiederum wissenschaftliche Aufarbeitungen, aktivistisches Engagement und ästhetische Interventionen, die solche dahinterstehenden Machtprozesse aufdecken und das ›Normierte‹ infrage stellen können. 

Eine kritische (Kultur- und Medien-)Geschichtsschreibung steht daher vor der Herausforderung, diese – materiellen und/oder epistemischen – Leerstellen nicht mehr nur als solche hervorzuheben, sondern sie über Re-Konstruktionen sinnstiftend zu ergänzen. Im so entstehenden künstlerischen, literarischen, filmischen oder musikalischen Gegenkanon können auch bislang marginalisierte Stimmen gehört und beispielsweise nicht-europäische oder queere Perspektiven sichtbar gemacht werden. Dabei wirkt die ästhetische Praxis mit ihren visuellen Strategien, narrativen Darstellungsformen und performativen Aktionen interdiskursiv in die Gesellschaft – und subversiv gegen ikonoklastische Verbote und ideologische Zensur. Aus diesem phänomenologischen Denken ergeben sich Fragen nach den Bedingungen von (körperlicher/leiblicher) Wahrnehmung, von Erfahrung und Erfahrbarkeit sowie von Sag- und Darstellbarkeit. So ist das Sichtbare wie das Unsichtbare (respektive das Un/Sichtbar-Gemachte) stets kulturell produziert, diskursiv sowohl in synchroner als auch in diachroner Dimension veränderbar und medial vermittelt – und damit ein idealer Vergleichspunkt für eine kritische interdisziplinäre Perspektivierung.

Die diesjährige Ringvorlesung der Europäischen Kulturstudien greift diese Überlegungen unter dem Titel „Un/Sichtbarkeit” auf. Ausgehend von dem Projekt „LückenFüllen.jpeg: Visual History und der Umgang mit dem Unzeigbaren” der Fachrichtungen Geschichte (Mia Berg) und Kunst- und Kulturwissenschaften (Jonas Nesselhauf) erweitert sie den Blickwinkel um weitere Disziplinen. Beiträge zu Visual History und Critical Heritage Studies sowie zu Sprache(n) und Bild(ern) runden gemeinsam mit Ansätzen aus der Linguistik, der Literaturwissenschaft und den Theologien sowie aus Musik- und Wissenschaftsgeschichte das Programm ab.

Die interessierte Öffentlichkeit ist herzlich willkommen! Eine Anmeldung ist dazu nicht erforderlich.

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