Quantentechnologien
Quantentechnologien – eine Herausforderung für die Zukunft
Quantentechnologien dürften zu den prägenden Schlüsseltechnologien der Zukunft zählen. Sie nutzen Prinzipien der Quantenphysik, um Informationen zu verarbeiten, zu übertragen und die physische Welt mit einer Präzision zu messen, die mit klassischen Technologien nicht oder nur unter erheblich erschwerten Bedingungen erreichbar ist. Grundlage hierfür sind insbesondere quantenphysikalische Phänomene wie Superposition – also die Fähigkeit quantenmechanischer Systeme, mehrere Zustände zugleich einzunehmen – und Verschränkung, bei der Teilchen auch über räumliche Distanz hinweg miteinander verbunden bleiben. Diese Eigenschaften eröffnen neue Möglichkeiten des Rechnens, der Kommunikation und der Sensorik.
Die Quantentechnologien befindet sich noch in der Grundlagenforschung, ihre praktische Bedeutung zeichnet sich jedoch bereits heute in vielen Anwendungsfeldern ab. Sie zeigt sich beispielsweise bei Magnetresonanztomographen in der Medizin, bei Materialinnovationen im Energiesektor, bei Gravimetersensoren für Geophysik und Navigation, bei sicheren Kommunikationsinfrastrukturen sowie perspektivisch beim Quantum Computing, das komplexe Problemstellungen unter anderem in Logistik, Finanzwirtschaft, Chemie, Medizin und Energiesystemen adressieren kann. Quantum Communication kann besonders geschützte Formen der Informationsübertragung ermöglichen; Quantum Sensing verspricht hochpräzise Messungen für Gesundheit, Navigation, Geophysik, Klimabeobachtung, Verteidigung und kritische Infrastrukturen.
Für den europäischen Binnenmarkt sind Quantentechnologien angesichts ihrer vielfältigen Kapazitäten von strategischer Bedeutung. Sie weisen nicht nur ein erhebliches technisches und wirtschaftliches Potenzial auf, sondern können neue Märkte schaffen, industrielle Wettbewerbsfähigkeit stärken und Europas langfristige technologische Souveränität beeinflussen. Zugleich verfügen sie in mehreren Anwendungsfeldern über ein Dual-Use-Potenzial. Sie können daher nicht nur zivil, sondern auch für Verteidigung, Nachrichtendienste und nationale Sicherheit genutzt werden. Dies erklärt das wachsende strategische Interesse öffentlicher und privater Akteure.
Ihre strategische Relevanz folgt ferner daraus, dass Quantentechnologien bestehende Infrastrukturen verwundbar machen oder bereits vorhandene Verwundbarkeiten verschärfen können. Dies betrifft insbesondere kryptographisch geschützte Kommunikations-, Finanz- und Sicherheitsinfrastrukturen, soweit diese künftig durch leistungsfähige Quantencomputer herausgefordert werden. Hinzu treten können weitere Abhängigkeiten: Für die Entwicklung und Produktion als auch für die Skalierung quantentechnologischer Anwendungen werden kritische Rohstoffe, spezialisierte Vorprodukte und hochkomplexe Komponenten benötigt, die in Europa nicht ohne Weiteres verfügbar sind oder bislang nicht in ausreichendem Umfang hergestellt werden können. Daraus ergeben sich erhebliche – politische – Lieferkettenrisiken.
Die Europäische Union hat begonnen, diesen technologischen, sicherheitspolitischen und industriepolitischen Herausforderungen gezielt zu begegnen. Sie hat Quantentechnologien als kritischen Technologiebereich im Kontext der Europäischen Wirtschaftssicherheitsstrategie und der Empfehlung der Kommission zu kritischen Technologiebereichen eingeordnet; zudem werden sie im Zusammenhang mit der europäischen Verteidigungsbereitschaft adressiert. Die Kommission hat darüber hinaus die Quantum-Europa-Strategie veröffentlicht und einen Quantum Act angekündigt. Beide Maßnahmen zielen im Ergebnis darauf, das europäische quantentechnologische Ökosystem zu stärken, industrielle Skalierung zu ermöglichen und die technologische Souveränität sowie die Resilienz europäischer Wertschöpfungs- und Lieferketten zu erhöhen.
Vor dem Hintergrund dieser enormen Bedeutung der Quantentechnologie bin ich dankbar, als Seconded National Expert (SNE) an die Europäische Kommission abgeordnet zu sein, um an der Ausarbeitung eines Kommissionsvorschlags für den European Quantum Act mitzuwirken. Dadurch leistet mein Lehrstuhl einen entscheidenden juristisch-regulatorischen Beitrag zur Stärkung des europäischen Binnenmarkts und zur strategischen Positionierung Europas in einem technologisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch zentralen Zukunftsfeld.