Forschung
Als “verkörperte Wesen” sind wir Menschen ohne Unterlass auf die Integrität unserer Sinne angewiesen. Um uns motorisch, kognitiv, emotional und sozial zielgerichtet durch den Lebensalltag navigieren zu können, bedarf es eines feinabgestimmten Zusammenspiels der Sinnesorgane. Für eine effektive Körperhaltungs- und Bewegungsregulation braucht es daher einen ununterbrochenen Informationszufluss aus den folgenden sensorischen Systemen:
- Visuelles System (Sehsinn, vermittelt durch die Augen, Augenmuskeln und Sehnerven)
- Auditorisches System (Hörsinn, vermittelt durch die Ohren, Gehörgänge und Hörnerven)
- Somatosensorisches System (“Spürsinn”, vermittelt durch die Hautoberfläche, Muskelspindeln, Sehnen etc. sowie mehrere Hirnnerven)
- Olfaktorisches System (Geruchssinn, vermittelt durch die Nase, Riechzellen und Riechnerven)
- Gustatorisches System (Geschmackssinn, vermittelt durch die Geschmacksnerven auf der Zungenoberfläche sowie mehrere Hirnnerven)
- Viszerosensibles System ("Bauchgefühl", vermittelt durch Nervenbahnen des Magen-Darm-Traktes und integraler Bestandteil des menschlichen Autonomen Nervensystems)
Das Wissen um den Körper und seine räumlichen Beziehungen zur Umgebung erwerben und verfeinern Menschen vom ersten Atemzug an. Durch wiederholte Erfahrungen etablieren sich mentale Konzepte vom Körper und seiner Bewegungen. Es entwickelt sich die Gewissheit darum, wie Körperteile oder Körpersegmente jeweils positioniert und bewegt werden müssen, um effektiv und schnellstmöglich ein Handlungsziel zu erreichen.
Zu den wichtigsten “körperkonzeptuellen” Fähigkeiten gehört das Vermögen, buchstäblich in jeder Lebenslage eine sichere Körperhaltung einzunehmen und zu wahren. Um beispielsweise spontan und ohne ins Straucheln zu geraten einem Hindernis auszuweichen, müssen wir aus dem Stand oder Sitz heraus die Körperposition rasch korrigieren, oder einen Bewegungsablauf abrupt unterbrechen und die Bewegungsrichtung ändern können. Diese körpermotorischen Handlungskompetenzen hängen unmittelbar mit unseren Fähigkeiten zusammen, Handlungsnotwendigkeiten situationsabhängig und auf lernbiographischen Erfahrungen basierend vorauszusagen.
Dieselben adaptiven Mechanismen lassen sich ähnlich auf soziale Interaktionen übertragen, wo sich zwei oder mehrere Individuen mit ihren verkörperten Erfahrungen und Konzepten von der Welt und anderen begegnen. Dadurch ist es dem Menschen nicht nur möglich, bei sich selbst, sondern auch bei anderen, Bewegungen jeglicher Art vorherzusagen. Neben körpermotorischen Bewegungen ist die Antizipation fremder “Handlungsbewegungen” für den sozialen Lebensalltag von gravierender Bedeutung. Hierin begründet sich die menschliche Kompetenz, auf andere zu reagieren, sich in deren Lagen hineinzuversetzen und mit ihnen zu interagieren (Soziale Kognitionen und Kompetenzen).
Diese Anpassungsbewegungen geschehen für gewöhnlich automatisiert, d.h. ohne unser großes Zutun oder langes Nachdenken. Nur so können Haltungen und Bewegungen innerhalb von Sekundenbruchteilen an die situative Gegebenheit adaptieren. Die Qualität dieser motorischen “Automatisierung” verdeutlicht, dass wir Menschen auch hinsichtlich unserer Körperbewegungen Gewohnheitstiere sind. Evolutionsbiologisch sind Handlungsgewohnheiten aufgrund ihrer Ökonomie durchaus sinnhaft, da auf diese Weise Ressourcen für kognitive und sozialinteraktive Herausforderungen bereitgehalten werden anstatt sie an motorische Programme zu verschwenden, die bereits hochgeübt sind.
Grundlage für die mentale Repräsentation des Körpers und Körper- und Bewegungskonzeptes ist daher die Integrität der
- Sinneswahrnehmungen sowie ihrer
- neuroanatomischen Verschaltungen (Verarbeitung im Gehirn)
Neurologische Erkrankungen wie etwa Schlaganfälle, Schädel-Hirn-Traumata oder Multiple Sklerose haben oftmals zur Folge, dass ein oder mehrere der entscheidenden Sinneskanäle entweder gänzlich ausfallen (z.B. bei einer Hemianopsie/ einer Halbseitenblindheit) oder in ihrer Arbeit stark beeinträchtigt werden. Typischerweise können daraus folgende Beschwerdebilder resultieren:
- Stand- und Gangunsicherheiten OHNE Halbseitenlähmung
- Schwindel (z.B. Schwankschwindel, Insuffizienzschwindel) OHNE Gleichgewichtsstörungen
- Fremdheitsgefühle gegenüber dem eigenen Körper
- Gefühle der Körperasymmetrie (die betroffene Körperhälfte wird als verändert oder nichtzugehörig wahrgenommen)
- u.v.m.
Den umschriebenen Symptomen liegen Veränderungen im Zufluss sensorischer Informationen zugrunde, was wiederum zu Störungen automatisierter körpermotorischer (und handlungsmotorischer) Abläufe führt. Die biographisch hinterlegten Parameter zur “Vermessung der Welt” verändern sich demnach durch eine hirnphysiologische Erkrankung resp. Verletzung und bedingen Irritationen der erlernten “Gewohnheiten”, was sich symptomatisch in den o.g. Beschwerdebildern niederschlägt. Analog können Fähigkeiten verloren gehen, beim Gegenüber kommunikationstragende Signalbewegungen wie Mimik, Gestik und Prosodie (Stimmbewegungen) zu erkennen. Das Interpretieren solcher non- und paraverbaler Zeichen bildet das Fundament sozialer Kognitionen des Menschen. Ein Verlust dieser Fähigkeiten stellt ein wesentliches Merkmal hirnorganisch bedingter Störungen Sozialer Kognitionen dar.
Wird in Bälde veröffentlicht.