Literarische Plausibilität
Forschungsprojekt: Wahrheit, Überzeugung und literarische Plausibilität in griechisch-römischen, antik-jüdischen und frühchristlichen Texten (Christian Lustig)
Wie erzählen antike Autor*innen Ereignisse, die die Grenzen alltäglicher Erfahrung überschreiten? Wie gelingt es ihnen, solche Darstellungen für ihr Publikum plausibel erscheinen zu lassen? Und in welchem Verhältnis stehen persönliche Überzeugung, literarische Gestaltung und Wahrheitsanspruch?
Diesen Fragen geht das Forschungsprojekt anhand griechisch-römischer, antik-jüdischer und frühchristlicher Texte nach. Im Mittelpunkt stehen Erzählungen vom Übergang zwischen menschlicher und transzendenter Wirklichkeit.
Der Impuls für dieses Thema kam von der Himmelfahrtserzählung im lukanischen Doppelwerk. In aktueller exegetischer Literatur vermutet man, „Lukas“ selbst habe diese Erzählung erfunden. Dahinter könnte der Versuch stehen, die abstrakten Vorstellungen von der Erhöhung Jesu durch historisierende Ausgestaltung greifbar zu machen. Das lässt einerseits fragen, welche Regeln für eine solche Ausgestaltung gelten mochten, und andererseits ob Lukas überzeugt war, die Wahrheit aufzuschreiben. Oder mit Knut Backhaus, Asphaleia, 87: „Damit stehen wir vor einem grundsätzlichen Problem: Wie weit reicht der Fiktionalitätsvertrag? Wodurch unterscheidet er sich von der Lizenz zum Lügen?“
Und diese Fragen führen ja weit über das Neue Testament hinaus. Denn etwa auch antike Philosophen, Dichter und Historiker schildern Jenseitsreisen, lassen Verstorbene sprechen oder entwerfen Bilder einer anderen Welt. Wo verläuft dabei die Grenze zwischen literarischer Konstruktion und Täuschung? Und hielt der Verfasser selbst für wahr, was er seinen Leser*innen vermittelte?
Das Projekt untersucht daher nicht nur die kulturellen Voraussetzungen narrativer Plausibilität, sondern auch die Frage nach dem Verhältnis von Wunsch, Glaube, Wissen und Wahrheit. Wie entsteht erzählerische Glaubwürdigkeit? Und was bedeutet es überhaupt, wenn antike Autor*innen etwas als wahr darstellen?
Ziel des Projekts ist ein besseres Verständnis antiker Vorstellungen von Wahrheit, Wirklichkeit und Transzendenz. Besonderes Interesse gilt dabei der Frage, wie Autor*innen und Leser*innen mit Aussagen über Bereiche umgingen, die sich einer unmittelbaren Überprüfung entziehen, und welche Strategien entwickelt wurden, um solche Aussagen dennoch als glaubwürdig erscheinen zu lassen. Antike Autor*innen zwischen Phantasie, Religion und Science-Fiction.
Bisherige Beiträge rund um dieses Thema:
Lustig, Christian, Der Tod als Weihe? Die reinste Apotheose! – Über das Konzept der Vergöttlichung in römischer Literatur und im Hebräerbrief, in: Christian Lustig / Martin Meiser / Martin Vahrenhorst (Hg.): Himmlische und irdische Heiligkeit. Studien zu biblischen und außerbiblischen Konzeptionen, FS Wolfgang Kraus, BZSup 15, Paderborn 2025, 337–378.
Lustig, Christian, Eine Ausnahme für Admet!? – Die dubiose Rolle Apolls als Retter in der Alkestis des Euripides, in: Wolfgang Kraus et al. (Hrsg.), Ambiguitäten im Gottesbild, Göttingen 2026 (im Erscheinen, Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht).
Lustig, Christian, „Krankheit, Tod und Auferweckung: Zur dramaturgischen Gestaltung von Joh 11 im Vergleich mit Euripides' Alkestis“ (im Erscheinen).
Lustig, Christian, „Machen wir uns was vor!“ (Seneca an Marcia) – Wunsch und Wahrheit in antiker Trostliteratur (in Vorbereitung).
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