Workshop September 2025

Das trinationale Doktorandenkolleg tagte im Herbst 2025 im nordluxemburgischen Clervaux. An diesem Ort wurde das Forschungsprojekt von Emilia Sánchez González (Université du Luxembourg) erlebbar gemacht: Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des C²DH beschäftigt sich in ihrem Dissertationsprojekt mit der Fotoausstellung The Family of Man. Diese wurde Anfang der 1950er-Jahre von dem aus Luxemburg stammenden Edward Steichen für das New Yorker Museum of Modern Art konzipiert. Von dort aus startete The Family of Man erstmals Mitte der 1950er-Jahre ihre Tour durch Europa. Später war die Wanderausstellung weltweit zu sehen. Seit den 1990er-Jahren ist The Family of Man dauerhaft im Schloss Clervaux zu bestaunen und wurde 2003 Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes. Die Ausstellung wird gelegentlich als „größte Fotoausstellung aller Zeiten“ bezeichnet: Zu sehen sind rund 500 Fotografien aus rund 70 Ländern zu Themen wie Geburt und Liebe, aber auch Tod und Krieg. Ziel der Schau ist es zu verdeutlichen, dass wir Alle Teil einer „Menschenfamilie“ sind.
Die Beschäftigung mit der weltbekannten Fotoausstellung bildete die thematische Klammer des Kollegtreffens: Emilia Sánchez González eröffnete am 25. September als erste Referentin den Workshop. Am darauffolgenden Tag endete das Kollegtreffen mit einem Besuch der Ausstellung. Sánchez González fokussierte die europäischen Wurzeln von The Family of Man, Steichens Rolle bei der Konzeption der Ausstellung und dessen Person sowie die Europa-Tournee der Ausstellung 1955. Dass die Pressestimmen in den verschiedenen Ländern durchaus unterschiedlich ausfielen, verdeutlichte die vorangegangene Quellenarbeit. Die Referentin stellte Presseartikel zur Ausstellung in Berlin und Belgrad zur Diskussion. Wohingegen die deutsche Berichterstattung besonders das Ost-Berliner Publikum und den amerikanischen Ursprung der Ausstellung betonten, wirkten die serbischen Artikel eher kritisch, wenngleich sie den Besucherandrang lobten. Kaum vorstellbar, aber die Ausstellung in der serbischen Hauptstadt zählte rund 240.000 Besucherinnen und Besucher. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass sich Sánchez González in ihrem Projekt keinesfalls auf die europäischen Ausstellungen begrenzt. Ziel ist es, mittels eines glokalen Ansatzes, die weltweit am wenigsten erforschten Ausstellungsstätten auszumachen, um Aussagen über die Vielfältigkeit der Rezeption und der Ausstellungsgegebenheiten treffen zu können. So rangierten die Ausstellungsstätten zwischen großen, modernen Hallen und eher improvisierten Ausstellungsräumlichkeiten, wodurch der Anspruch, dass die Ausstellung in jedem Ort der Welt gleich gestaltet ist, wohl nicht immer einzuhalten war.
Der abschließende Besuch der Ausstellung machte das zuvor wissenschaftlich Erschlossene auch emotional erfahrbar. Die Schau kommt mit wenig Text und ganz ohne technische Hilfsmittel aus; sie lebt (fast) rein von den Schwarz-Weiß-Fotografien. Am Ende der Ausstellung stehen unmissverständlich zwei Fotos als Mahnung und Aufruf: Auf das Foto der Explosion einer Wasserstoffbombe folgt eine Aufnahme einer Vollversammlung der Vereinten Nationen. Der international-friedensstiftende Anspruch der Ausstellung wurde bereits zeitgenössisch und in der Forschung kritisiert, dennoch schafft es The Family of Man auch rund 50 Jahre später das Publikum einzufangen und wirkt aufgrund aktueller Krisen ungewollt aktuell.
Neben diesen kulturhistorischen Fragestellungen fanden auch forschungspraktische Aspekte ihren Platz im Programm des Workshops: Dr. Claude Ewert und Dr. Tuğce Karatas (beide Université du Luxembourg) erläuterten, wie Historikerinnen und Historiker ihre gesammelten Quellen möglichst effizient und zugleich kreativ nutzen können. Sie führten in Aspekte des Forschungsdatenmanagements sowie in digitale Vermittlungsformate im Bereich der Public History ein. Dabei wurde gemeinsam diskutiert, wie Quellenmaterial strukturiert, kuratiert und für unterschiedliche Öffentlichkeiten aufbereitet werden kann. Ein wichtiges Tool stelle hierbei Omeka da. Die vor rund 20 Jahren in den USA entwickelte Open-Source-Plattform wurde speziell für den Public History Bereich konzipiert und ermöglicht es, relativ unkompliziert, Online-Ausstellungen zu generieren. Zu beachten sei hierbei außerdem die Multipluralität im Kontext der Public History, was wohl zugleich Vor- und Nachteil dieser darstellt. Anhand der Betrachtung einiger Online-Ausstellungen des C²DH stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Überlegungen zu möglichen eigenen Websites an: Welche Darstellungsformen sind gelungen? Was würde ich bei meiner Online-Ausstellung anders machen? Auch wenn wenige im Rahmen ihrer Dissertation tatsächlich eine Website gestalten werden, können solche Überlegungen helfen: Wie kann das Ergebnis der eigenen Forschung präsentiert werden, um auch von einem breiteren Publikum rezipiert zu werden? Welche meiner Quellen sind besonders zentral und warum? Wo – ob nun digital oder ganz klassisch in meiner Dissertationsschrift – kommen diese am besten zur Geltung? Welche narrativen Stränge sind von besonderem Interesse und wie kann ich diese anschaulich und nachvollziehbar präsentieren?
Zwei Sätze, die im anschließenden Coaching durch das Leitungsteam gefallen sind, blieben mir besonders in Erinnerung: „Am Ende sind wir alle Einzelkämpfer vor dem leeren Blattpapier.“ Und: „Eine Quelle ist kein Taschentuch, das man nur ein einziges Mal benutzen sollte.“
Der zweite Workshoptag startete mit dem Vortrag von Almuth Axtner (Université du Luxembourg), die in ihrem Dissertationsprojekt die Geschichte der Universität des Großherzogtums aufarbeitet. Die Universität Luxemburg wurde 2003 als erste Volluniversität des Landes gegründet. In der Quellenarbeit beschäftigte sich das Plenum mit Zeitungsartikeln aus der Luxemburger Autorenzeitschrift forum, die 2003 ebendieser ein Sonderheft widmete. Die Referentin gab spannende Einblicke in die Vorgeschichte der Universitätsgründung und klärte vor allem die Fragen, warum es bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Universität gab und was sich um die Jahrtausendwende änderte. Die Quellenarbeit und die anschließenden Ausführungen Axtners verdeutlichten, dass Anfang der 2000er-Jahre beispielweise die Abhängigkeit vom Ausland anders diskutiert und der Bologna-Prozess als positive Neuerung charakterisiert wurden. Daneben gelangte die Vorstellung, dass eine Universität als nützlich für die Gesellschaft anzusehen sei, häufiger aufs Tableau. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des C²DH wies darauf hin, dass verschiedene Positionen immer wieder auftauchten, aber oft wie zwei Seiten einer Medaille wirkten. Die Argumentation um das Für und Wider einer eigenen Universität wirke deshalb oft widersprüchlich. Insbesondere, wenn die Auslandsmobilität der Studierenden in die Diskussion einfloss, da diese in Luxemburg stets als zentrales Gut und wichtige Erfahrung für die jungen Erwachsenen angesehen wurde.
Einzelkämpfer hin oder her: Der Austausch mit Gleichgesinnten erleichtert spürbar den Marathon zur Promotion. Das hat nicht nur das Coaching durch das Leitungsteam, sondern der Workshop insgesamt erneut verdeutlicht. Umso mehr freue ich mich auf das kommende Kollegtreffen Ende März in Saarbrücken.
Die Broschüre zur Veranstaltung können Sie hier einsehen.
Das nächste Kollegtreffen ist vom 26. bis 27. März in Saarbrücken geplant.